Feuilletons

 

Fiesole - In Boccaccios Garten

Bornholm - Mit der Kraft des Herzens

Kapstadt - Wellenschlag aus Glasfaser und Beton

Schmerwitz - Dann haben wir Bürgerkrieg

Caputh - Willkommen bei den Einsteins

Borkheide - Das Ende der Interflug

Teltow - Wir sind uns ohne Abneigung begegnet

Verlorenwasser - Mittelpunkt der DDR

 

Weiteres in Vorbereitung

 

Fiesole, Villa Palmieri. Foto H&S

Fiesole - In Boccaccios Garten

Hinter verschlossenen Toren – prachtvolle Villen und Parks an den Hängen von Fiesole

Märkische Allgemeine Zeitung, 19.5.2002

 

Eine Reise zu den Villen der Toskana ist eine Reise zu den Resten einer großen Kultur. Kunsthistoriker warnen vor allzu großen Erwartungen an das Land, „wo die Zitronen blühn“, und machen dadurch den beschwerlichen Weg nicht leichter. Zugegeben: Wenn man am Brenner die Alpen überquert, die Po-Ebene geschafft und sich mit tausend anderen Fahrzeugen zwischen Bologna und Florenz festgefahren hat, ist man der Verzweiflung nahe. Auf der Höhe des Städtchens Borgo San Lorenzo ist Gelegenheit, das älteste Autobahnstück Italiens zu verlassen und in die Hügelwelt der Toskana einzutauchen. Kultivierte Natur, von Zypressenalleen strukturierte Landschaft, akkurat angeordnete Weinreben auf den sanften Anhöhen beruhigen das Auge. Mittendrin stehen die Bauernhöfe und Kastelle wie von einem imaginären Schachspieler nach geheimer Ordnung auf dem welligen Brett verteilt.

 

 

 

Der Humanist Benedetto Varchi ermittelte im Jahr 1530 für diese Gegend schier unglaubliche Zahlen: „Im Umkreis von 20 Meilen um die Stadt Florenz gibt es 32 000 Besitzungen von Florentiner Bürgern, 800 davon sind ummauerte Paläste.“ Eine Ahnung dieser Fülle hat man erst, wenn man der Nationalstraße 302 folgt und Fiesole erreicht. Die Stadt, deren römische Reste freigelegt und in einem „Museo Archeologico“ zu besichtigen sind, sitzt auf einem Sattel. „Wenn man von Fiesole hinunterschaut, dann sieht man Florenz zwischen die Hügel gebettet daliegen: ein einziges großes Kunstdenkmal“, jubelte der italienische Schriftsteller Guido Piovene. Zur anderen Seite der Apennin. Heute sieht man zusätzlich ein ausuferndes Häusermeer, auf dem Brunelleschis geniale Domkuppel schwimmt und noch immer den Triumph der Florentiner Renaissance verkündet.

 

Ringsum sind die Abhänge von Villen übersät, die, so sah es der Florentiner Aldo Palazzeschi 1934, „an den schönsten Punkten gebaut in alle Richtungen zeigen, aus allen Epochen und jeder Stilrichtung stammen und nie die Harmonie stören“. Nichts hat sich seitdem verändert, auch nicht die Parks und Gärten, „die dank einer gewissen Strenge und Raffinesse eine Illusion von ganz natürlicher Wirklichkeit vermitteln“.

 

Wenn Vittorio Dall’Ò am frühen Morgen die Loggia der Villa San Michele betritt, hat er diese ganze Pracht vor Augen. Ob er sie wahrnimmt, ist zu bezweifeln, denn sein Blick richtet sich auf die Tische, die in einer Linie an der Balustrade des offenen Bogengangs stehen. Kein Löffelchen, keine Serviette und auch nicht der Aschenbecher für die Zigarette danach fehlen. Der „Chef de Service“ kann zufrieden sein. „Sobald es die Temperaturen zulassen, bieten wir das Frühstück in der Loggia an – Sie wissen schon, der Blick.“ Das Hotel Villa San Michele in Fiesole, in den Hang hineingesetzt, wirkt wie das Urbild des großzügigen Landhauses. Doch die Villa ist gar keine Villa. Nähert man sich dem Haupteingang von Westen, beeindruckt die klassische Fassademit Portikus, aufgesetztem Geschoss und angedeutetem Giebel. Tritt man ein, lassen Mittelschiff, Apsis, Altar und Chor keinen Zweifel daran, dass man sich in einer Kirche befindet. Das Gotteshaus war Teil eines Klosters, das die Florentiner Familie Davanzati im 15. Jahrhundert dem Franziskanerorden stiftete. Nach der Säkularisierung des Klosters im Jahr 1817 wurde das Anwesen unter wechselnden Besitzern zur Villa. Seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts werden hier Gäste beherbergt. 1982 stieg die Orient-Express-Hotelgruppe ein und ließ die Villa San Michele im Einklang mit den strengen Auflagen der italienischen Denkmalschutzbehörde restaurieren. Die Klosterbibliothek ist heute die Michelangelo-Suite, weitere Zimmer entstanden in der Orangerie. Man speist im „Chiostro“, einem Restaurant im überdachten Kreuzgang. Gesellschaften werden im ehemaligen Speisesaal der Mönche, dem „Cenacolo“, bewirtet, mit Blick auf ein jüngst freigelegtes Fresko, das Jesus und seine Jünger beim letzten Abendmahl zeigt. Vittorio Dall’Ò, der kenntnisreich kulinarische Genüsse zusammenstellt, erfüllt die ausgefallensten Wünsche. Nur einmal winkt er ab: „Nein, nein. Signora Benelli wird Sie nichtempfangen.“

 

Der Weg zur Signora führt hinüber auf den Hügel von San Domenico in die Via Giovanni Boccaccio. Der Dichter des „Decamerone“ hat die Blütezeit der toskanischen Villenkultur erlebt. Der Aufstieg von Florenz im 12. Jahrhundert schuf die Voraussetzungen. Städtische Geschlechter hatten die Macht des Feudaladels gebrochen, der „contado“, das Umland, geriet in ihre Hände, sie legten prächtige Gutshäuser, Gärten und Parks an. Während der großen Pest von 1348 zogen sich viele Florentiner in ihre Landvillen zurück. So auch sieben Damen, die sich zum Amüsement „drei anmutige“ junge Herren zu Begleitern wählten. Der Ort, den Boccaccio zum Ausgangspunkt seiner hundert Geschichten machte, ist die Villa Palmieri, heute Wohnsitz von Signora Luigia Benelli.

 

„Signora Benelli empfängt Sie nicht“, hatte Vittorio gesagt – und doch öffnet sich das eiserne Tor. Die Zypressenallee gibt den Blick auf eine imposante Vierflügelanlage frei. Ein Angestellter ist zur Stelle, die indische Herkunft ist ihm ins Gesicht geschrieben. Er lädt ein zum Rundgang durch den Park. Um es vorweg zu sagen: Ein 24 Hektar großes Paradies tut sich auf. Die kurzgeschorenen Rasenflächen dehnen sich weit, an den Rändern schirmt ein dichter Wald das Anwesen von der Außenwelt ab. Die verschlungenen Wege, gesäumt von Hecken aus Buchs, führen an lauschigen Baumgruppen vorbei, da und dort laden Bänke zum Verweilen ein, das Auge verfängt sich an steinernen Skulpturen, gestutzten Büschen und zierlichen Brunnen. Von der breit ausladenden Terrasse des Hauses führen geschwungene Treppen in den italienischen Garten, der mit seinen streng geometrisch angelegten Beeten, Zitronenbäumchen, Hecken und dem wassergefüllten Rondell in der Mitte auf die Entstehung der Villa zu Zeiten des „Decamerone“ verweist. Palmiero Palmieri gab dem Anwesen Ende des 17. Jahrhunderts die barocke Form, ein englischer Earl hat den Park zweihundert Jahre später im Geschmack seiner Heimat noch einmal umgestaltet.

 

Vom Hof aus führt eine Treppe in das erste Stockwerk des Hauses. Signora Benelli empfängt doch– im großen Saal. Die 86 Jahre alte Dame trägt ein schlichtes blaues Kostüm. Zwei Freundinnen stehen an ihrer Seite. Die Begrüßung ist herzlich. „Was darf ich Ihnen zu trinken anbieten?“ Auf dem Weg zum Salon durchquert man mehrere Räume, an deren Wänden große Gemälde den Blick gefangen nehmen. Dunkle Möbel und unzählige silberne Kannen, Teller und Döschen sind über die Zimmer verteilt. Wie ist es für Privatleute möglich, die Villa und den riesigen Park in diesem Zustand zu erhalten? Signora Benelli gibt die Antwort: „Mein Mann war ein tüchtiger Arbeiter.“ Dank gebühre der ganzen Familie und den zwölf Angestellten, die Haus und Garten pflegen. Vom Staat hätten die Villenbesitzer nichts zu erwarten. „Vielleicht wird es mit Berlusconi besser, er hat Sinn für Kultur.“ Und nach einer Pause fügt Signora Benelli mit feiner Rücksicht auf die Gäste hinzu: „Obwohl ich weiß, dass er im Ausland nicht sehr angesehen ist.“

 

Was tatsächlich mit den Villen geschieht, die vom „Ministerio per i beni culturali e ambientali“ verwaltet werden, müsste vor allem den Medici die Zornesröte ins Gesicht treiben. Die ländlichen Paläste der toskanischen Großherzöge fielen im 19. Jahrhundert zum großen Teil dem italienischen Staat zu. Sei es die Villa La Petraia in Florenz oder die Villa Medicea di Poggio a Caiano an der Straße nach Pistoia – für zwei Euro Eintritt werden mühevoll erhaltene Prachtsäle gezeigt, vollends fehlt das Geld, um die einst kunstvoll angelegten italienischen Gärten zu pflegen.

 

Der Niedergang der Florentiner Villenkultur, der mit dem Verlust politischer Macht einherging, hätte viele private Landhäuser getroffen, wenn es nicht um 1900 zu einer Invasion ausländischer Käufer gekommen wäre. An der Spitze standen einmal mehr die Engländer, die ihre Villen meist in viktorianische „Castles“ und die barocken Parks in nordische Landschaftsgärten umgemodelt haben. Zum Teil wurden solche romantischen Verirrungen wieder zurückgebaut. Ein herausragendes Beispiel ist die Villa Gamberaia in Settignano bei Florenz. Ihr Park mit Wasserparterre, Grottengärten, Rasenbahn und Orangeriegarten gehört zu den schönsten barocken Anlagen Italiens. Doch während die Villa Gamberaia an manchen Tagen für Besucher offensteht – in der „Limonaia“ kann man sich sogar einmieten – bleibt der Reiz der meisten anderen Villen an den Hängen von Fiesole hinter meterhohen Gartenmauern verborgen. Dahinter wird das Erbe jener Zeit von den heutigen Besitzern unter großen Mühen bewahrt.

 

Auch das von Arnold Böcklin. „So habe ich endlich eine Heimat, nachdem ich lange genug herumgetrieben worden bin als heimatloser Vagabund“, schrieb der Maler im April 1895 an seine Schwester. Der schwer kranke Künstler wollte auf den belebenden Geist dieser Gegend nicht mehr verzichten. Er erwarb für Sohn Carlo die Villa Bencistà, er selbst bezog die Villa Bellagio auf dem Nachbargrundstück. Carlos Haus wird heute als Pension geführt. Die Familie Simoni, die das Anwesen 1925 übernahm, hält die Erinnerung an die Vorgänger wach. Das Haus mit Leseecken, Bibliothek und baumbeschatteter Terrasse strahlt Gemütlichkeit aus. Am Haus des Vaters öffnet eine junge Frau das Tor. Große Pflanzentöpfe stehen auf der Erde, an den Wänden ranken Rosensträucher, ein Brunnen plätschert. Zum Hang hin wird der Hof von einem länglichen Gebäude mit Turm begrenzt. Es ist das von Sohn Carlo gebaute Atelier. Dort malte Arnold Böcklin seine letzten Bilder. Die Spuren, die er hier hinterlassen hat, werden von der deutschen Familie Gericke sorgsam gehütet – die Supraporten im Haus, die Malereien in pompejanischer Art in der Loggia und auch die mit einer Frauenbüste bestückte Marmorsäule, die Kunstfreunde in Böcklins Bild „Heiliger Hain“ wiedererkennen wollen. Gutmöglich, dass die heitere Villenlandschaft in dem ansonsten düsteren Gemälde „Melancholia“ des Meisters letzter Gruß an das Haus in Fiesole war. Am Tag nach Böcklins Tod schrieb die „Neue Züricher Zeitung“ am 16. Januar 1901: „Der große Einsame auf der lichtumflossenen lieblichen Höhe ob Florenz, wo sich die schaffende Kunst seit den Tagen der Renaissance immer am wohlsten zu Hause fühlte, ist ein stiller stummer Mann geworden.“

 

Wenn er noch lebte, könnte er vielleicht die Klaviermusik hören, die am Abend von der Loggia der Villa San Michele ins Tal fließt. Vittorio Dall’Ò, umsichtig und feinfühlig wie immer, serviert zum Abschied einen letzten Muffato. „Damit Sie die Villen der Toskana nicht vergessen.“

 

Der Hof von Hans Henny Jahnn. Foto H&S

Bornholm - Mit der Kraft des Herbstes

Entdeckungen auf Bornholm: Mozart, Andersen Nexö und Hans Henny Jahnn

Märkische Allgemeine Zeitung, 14.9.2002

 

Bornholm setzt auf Kultur. Der Sommer ist vorbei, die Strände der dänischen Ostseeinsel leeren sich. Doch die Überfahrt lohnt immer noch: Unter dem Motto „Außerhalb der Saison” wird zur Kulturwoche 2002 eingeladen. Höhepunkt ist eine Aufführung von Mozarts „Cosi fan tutte” mit jungen Talenten aus den Anrainerstaaten der Ostsee Mitte September im Theater der Inselhauptstadt Rønne.

 

Direktor Lars Holmsted will deutsche Besucher locken. „Bei Mozart gibt es keine Verständigungsprobleme.” Die Mundartstücke, die es ansonsten im ältesten dänischen Theaterbau gibt, 1823 errichtet, sind für Touristen nur schwer verdaulich. Das Haus wurde gerade restauriert. „Wir müssen spielen, spielen, spielen”, sagt Holmsted. „Sonst enden wir als Museum.”

 

 

 

Die Sorge ist begründet. Vieles lebt von der Erinnerung. Da sind die Deutschen, die mit dem Fährschiff „Rügen” der Reederei „Scandlines” von Sassnitz aus die Insel in dreieinhalb Stunden erreichen. Sie schwärmen von den Klippen im Norden und dem Sandstrand im Süden — treue Gäste seit Jahrzehnten. Wie die Hotels, Pensionen und Ferienhäuser sind sie in die Jahre gekommen. Und da sind die Bornholmer selbst, denen die Jungen davonziehen, weil sie keine Perspektive sehen.

 

Auch das hat Tradition. Mit Gesangbuch und Reisetasche verließ 1894 der 25 Jahre alte Martin Andersen seine Heimatstadt Nexö. Kopenhagen, Spanien und Deutschland waren Stationen. Dort spielte die politische Musik, doch Bornholm ließ den Sohn armer Eltern nicht los. Fortan nannte er sich Andersen Nexö. Zum Schriftsteller und Streiter für die Rechte der Arbeiter geworden, schöpfte er aus den Erfahrungen der eigenen Jugend als Stallknecht und Schäfer.

 

Vor seinem Elternhaus in Nexö wird von Montag bis Samstag exakt um 10 Uhr die dänische Fahne gehisst. Hut, Brille und Hausschuhe liegen in einer Vitrine, auf dem Tisch steht die Reiseschreibmaschine „Erika”. Die Galerie mit den angegilbten Fotos ist in ein Hofgebäude verbannt: Martin Andersen Nexö mit Wilhelm Pieck, mit Walter Ulbricht, mit Bertolt Brecht, dazu der Deutsche Nationalpreis 1. Klasse für Kunst und Literatur von 1951. Zwei Jahre später war Nexö Ehrenbürger Dresdens, 1954 starb er in einer Villa in Radebeul. Fast hätten die Bornholmer den großen Sohn vergessen. Erst als sein Roman „Pelle der Eroberer” von Bille August verfilmt und 1988 mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, erwachte die Erinnerung: Pelles Aufstand gegen verkrustete Machtstrukturen spielte auf einem jener Bauernhöfe, die bis heute die innere Insellandschaft prägen.

 

Zwischen Rutsker und Olsker im Norden zweigt ein Stichweg ab. Ein einsames Windrad markiert ihn. Er führt vorbei an Feldern, Wiesen und Seen. Am Ende des Weges liegt der Hof Bondegård. „Die bornholmischen Höfe haben einen burgenartigen Grundriß bewahrt. Vier Gebäudeflügel umschließen den Wirtschaftshof.” So der Schriftsteller Hans Henny Jahnn, der das Anwesen im April 1934 erwarb. „Zwischen dem Damals und dem Jetzt liegt der Zusammenbruch meiner bürgerlichen Existenz.”

 

Damals, das war der vergebliche Kampf des 1894 in Stellingen bei Hamburg Geborenen um literarische Anerkennung. Sein erster Roman „Perrudja”, 1929 von Klaus Mann enthusiastisch begrüßt, von Walter Benjamin als „Heimatkunst der analen Zone” verunglimpft, brachte ihm nicht den erhofften Durchbruch. 1931 starb der Freund und Geliebte Gottlieb Harms. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten erhielt Jahnn in seinem Brotberuf als Orgelbauer keine Aufträge mehr. Er kam erst bei dänischen Freunden unter, dann lieh ihm der Züricher Germanist Walter Muschg das Geld für den Kauf des Bauernhofs, den er mit Ehefrau und Tochter bezog. Hier, so schrieb Jahnn, liege er des Nachts manche Stunde wach, horche auf das Geschrei und Gepolter, auf die Stimmen der Finsternis. „Das Donnern des Wassers höre ich nicht. Aber ich weiß, wenige Kilometer hinaus gischt die Brandung und zahnt sich an den Millionen Zacken der Felsen.” Mit dem Aufsatz „Die Insel Bornholm”, der 1941 in der Zeitschrift „Atlantis” erschien, umwarb Jahnn die deutschen Leser mit nordischer Idylle. Er wollte wieder Fuß fassen. „Jedes andere Schicksal ist mir lieber als das eines wirklichen Emigranten.” An der Rückkehr nach Deutschland hindere ihn nur, dass er dort zum Verhungern verurteilt sei. Ein Bekenntnis für oder wider den Nationalsozialismus sucht man bei ihm vergeblich.

 

Politisch und menschlich war Jahnn isoliert. Einblicke in seine Lebenssituation gibt das „Bornholmer Tagebuch”, das er zwischen 1934 und 1945 führte: „Eine schreckliche Periode von fünf Jahren liegt hinter mir. Fünf Jahre Sorgen, Entbehrungen, Demütigungen, Krankheit, dahinschwindende Arbeitskraft, keinen Erfolg, in einem feindlichen Land, in das man nicht hineinwachsen kann, weil der Haß stärker ist als der gute Wille.” Die Arbeit als Landwirt band alle Kräfte. Zwei Stuten, drei Wallache, drei Stiere, zwei Dutzend Kühe, zwanzig Fettschweine, vier Schafe und mehr als 100 Hühner bevölkerten den Hof. Äcker waren zu bestellen und abzuernten. Doch die finanziellen Engpässe blieben. Für sein menschliches Desaster sorgte Jahnn selbst. 1934 war er der ungarischen Fotografin Judit Kárász begegnet. Ein Jahr später holte er sie nach Bondegård. Die Situation wurde unerträglich. Jahnn habe den Hof in eine „Hölle” verwandelt, so eine Bekannte. Sein alternativer Lebensentwurf war gescheitert. Still ist es heute auf Bondegård. An der Stirnseite des Wohnhauses steht ein Birnbaum, ein Küchengarten schließt sich an. Nach Westen fällt die Wiese sanft gegen eine Senke ab, durch die sich ein Bach schlängelt. Lillian Hjorth Westh wirft einen prüfenden Blick in die Runde. „Hier hat sich seit Jahnns Zeiten nichts verändert.” Nur die Landwirtschaft haben die heutigen Besitzer aufgegeben.

 

Lillian und ihre Schwester Dorete haben den Hof geerbt. Der Vater hatte ihn 1940 von Jahnn gepachtet, der in das benachbarte Waldhäuschen Granly umgezogen war. Als die Beschlagnahme ausländischer Vermögenswerte durch den dänischen Staat bevorstand, verkaufte Jahnn. Bondegård wird heute an Feriengäste vermietet. Keine Tafel, keine Bilder verweisen hier auf den Schriftsteller Hans Henny Jahnn. Ist gar nichts geblieben? Lillian geht voraus in das große Zimmer. Sie zeigt auf ein dunkelbraunes Möbelstück: „Jahnns Schreibtisch”. Auf Bondegård und Granly entstand die Romantrilogie „Fluss ohne Ufer”, ein monumentales Fragment, vergleichbar mit Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften”. Er habe, schrieb Jahnn 1946 lakonisch, in „Fluss ohne Ufer” diesem „Land im Ostmeer” seinen Dank abgestattet — „und damit, scheint mir, sind wir quitt”. 1950 kehrte Jahnn nach Hamburg zurück. In den folgenden Jahren erhob er als Pazifist seine Stimme gegen das Wettrüsten im Kalten Krieg und trat für Toleranz gegenüber Außenseitern und „asozialen Elementen” ein. Diese Haltung ist bereits in der letzten Bornholmer Tagebucheintragung vom August 1945 dokumentiert: „Ein homosexueller Mann folgt seinem Trieb genauso wie ein Don Juan. Wer hat das Recht, sie zu bezichtigen?” Als er 1959 stirbt, hält sein Schriftstellerkollege Hans Erich Nossack die Grabrede: „Sei unbesorgt, viele junge Menschen berufen sich bereits auf Dich als ihr Vorbild. Sie verstehen Deine Empörung und fühlen auch Deinen Kummer über die Vergeblichkeit allen Geschehens.” Mit dem bezeichnenden Untertitel „Das maßlose Leben des Hans Henny Jahnn” unternimmt Jan Bürger jetzt den Versuch, Jahnn wieder ins Bewusstsein zu heben. Sein Buch „Der gestrandete Wal” erscheint im Frühjahr 2003 im Aufbau Verlag.

 

Bornholm tut sich schwer mit dem sperrigen Chronisten. Einzig im 1993 eröffneten Kunstmuseum an den Helligdomsklippen bei Gudhjem gibt es einen Hinweis. Im Ausstellungskatalog „Judit Kárász. Fotografien 1930 bis 1945” sind einige Aufnahmen enthalten, die Jahnns Geliebte in Bondegård und Granly machte. Direktor Lars Kærulf Møller will Einwohner und Touristen aus der Reserve locken. Der weiße Museumsbau aus Ziegeln, Granit, Sandstein, Holz und Zink wurde einfühlsam vor die steil abfallende Küste gestellt. Auf drei Ebenen werden Gemälde und Skulpturen gezeigt, die in Beziehung zur Insel stehen. Bei Sonderausstellungen arbeitet er u. a. mit der Kunsthalle Kiel zusammen. „Vor allem junge Menschen möchte ich davon überzeugen, dass die Insel mehr bietet als Sandstrände, Felsen, Campingplätze und Fahrradwege.”

 

Wer aber von bildender Kunst und Oper doch nichts wissen will, der sollte sich von Hans Henny Jahnn anregen lassen: „Die größte landschaftliche Kraft entfaltet die Insel im Herbst. Nicht nur, daß die Horizonte Stürme entfesseln, das wärmere Bett der Ostsee kocht den Dampf gewaltiger Nebel. Ein wochenlanges wechselvolles Schauspiel. Durch die wogenden Schatten des Dunstes werden Entfernung und Perspektive verwischt. Eine neue Art Raum entsteht. Eine Welt der Begrenzung, etwas Heimatliches.”

 

Kapstadt Green Point Stadion vom Signal Hill, 2009. Foto H&S

Kapstadt - Wellenschlag aus Glasfaser und Beton

Das Green Point Stadion findet seinen Platz zwischen Tafelberg und Atlantik

Märkische Allgemeine Zeitung, 3.3.2009

 

In diesen Tagen wird das Dachskelett über die Arena gespannt. Architekten, Statiker, Bauleiter und Arbeiter werden das Prozedere andächtig verfolgen. Hydraulikpumpen sollen 72 armdicke Stahlkabel in die Höhe hieven, die an einem 1600 Tonnen schweren Kompressionsring befestigt sind und innen von einem Stahlseil zusammengehalten werden. Wenn alles gut geht, wird einwellenförmiges Speichenrad das Fußballstadion nach oben hinabschließen.

 

Für den deutschen Architekten Robert Hormes und sein Team ist die spektakuläre Aktion ein wichtiger Schritt zur Fertigstellung der Fußball-WM-Arena in Kapstadt. „Wir liegen im Zeitplan“, versichert Hormes.

 

 

Im Dezember wird das neue Green Point Stadion mit rund 68000 Sitzplätzen an die Fifa übergeben. Drei Fußball-Tempel hat das Hamburger Architektur-Büro von Gerkan, Marg und Partner (gmp) für Südafrika entworfen, neben Kapstadt auch die Stadien in Durban und Port Elizabeth. Mit der Sanierung und Überdachung des Berliner Olympiastadions hat sich das Büro in Deutschland einen Namen gemacht, am Entwurf des Flughafens in Schönefeld waren von Gerkan und Marg maßgeblich beteiligt. Das Kapstädter Stadion stellte die Architekten indes vor neuartige Herausforderungen. Keiner weiß das besser als der 35-jährige Robert Hormes. Der junge Zwei-Meter-Mann ist neben Volkwin Marg und Hubert Nienhoff einer der drei geistigen Väter des Bauwerks, seit zwei Jahren betreut er für gmp die Arbeiten vor Ort. „Von Anfang an war klar, dass wir hier nicht eine beliebige Kiste hinstellen können. Die exponierte Lage der neuen Arena am Fuße von Tafelberg und Lions Hill mit der Atlantikküste im Rücken hat einen dominanten Bau von vornherein ausgeschlossen.“

 

In Südafrika rangiert der Fußball auf der sportlichen Beliebtheitsskala hinter Rugby und Kricket nur an dritter Stelle. Entsprechend skeptisch waren die Einwohner, ob ihr Land ein geeigneter Austragungsort für die Fußball-WM 2010 sein könnte. Auch in Kapstadt war die Stimmung gedämpft. Nach ihrem Amtsantritt im März 2006 ließ die deutschstämmige Bürgermeisterin Helen Zille den Stadionbau stoppen, weil die Kosten den vorgegebenen Rahmen zu sprengen drohten. Inzwischen gehört die Großnichte des Berliner „Milieuzeichners“ Heinrich Zille, der in Brandenburg auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof seine letzte Ruhestätte gefunden hat, zu den Befürwortern der WM. Erst unlängst bezeichnete Zille die Investition von 320 Millionen Euro für die Fußball-Arena als „sinnvoll“. Mit dem Rückhalt der Stadtverwaltung ging es nach dem Spatenstich am 26. März 2007 mit dem Stadionbau zügig voran. Als Standort war zunächst der Platz des alten Rugbystadions am nördlichen Rand des 85 Hektar großen Sport- und Freizeitgeländes „Green Point Common“ favorisiert worden. Damit wäre die Sichtachse von der Stadt hinaus aufs Meer aber versperrt worden. „Wir haben die Arena näher an die Küste gerückt, dort wirkt sie kleiner, als sie in Wirklichkeit ist“, erklärt Hormes. Rund 60000 Quadratmeter eines Golfplatzes mussten geopfert werden.

 

„Idealerweise“, so Hormes, „buddelt man die Stadionschüssel in die Erde hinein. Das spart Kosten und vereinfacht den Unterbau.“ In Kapstadt war das unmöglich, weil das Tafelberg-Massiv bis zur Küste reicht. Nach zwei bis vier Metern Erdreich kam der blanke Fels. Die Architekten konstruierten deshalb eine höher gelegene Plattform rund um das Stadion, auf die die Besucher über drei breite Rampen gelangen werden. „Wenn sie dann ins Stadion hineinkommen, sehen sie das Spielfeld tief unten liegen. Das Gefühl, in einer Arena zu sein, stellt sich ein.“ Wenn Volkwin Marg aus Hamburg anreist und seinen „Mann vor Ort“ besucht, dann schreiten die beiden Architekten mit gelben Bauarbeiterhelmen auf dem Kopf gemeinsam die bereits fertiggestellten Ränge ab. Der 75-jährige Altmeister achtet auf jedes Detail. „Leicht, filigran, fast durchsichtig“, so will Marg den Entwurf verstanden wissen. Die wellenförmige Silhouette korrespondiert mit dem Meer, die schräg gestellten Stützpfeiler geben dem Bau eine ungewöhnliche Dynamik.

 

Doch nicht nur die äußere Form des Stadions ist ganz auf Kapstadt und seine singuläre Lage zwischen Gebirge und Meer zugeschnitten. „Es hört sich kurios an, aber wir bauen hier keine FußballArena, sondern ein Rugbystadion“, erklärt Hormes. Um die Nutzung der Anlage für die Zeit nach der WM zu gewährleisten, bestand die Stadt als Auftraggeberin darauf, das Spielfeld für den Nationalsport auszulegen. Die Naturrasenfläche wird deshalb 70 statt üblicherweise 68 Meter breit sein, hinter den Toren dehnt sie sich jeweils 22 Meter aus, so dass das Feld die für Rugby vorgeschriebene Länge von 144 Metern erreicht.

 

Doch ob Fußball oder Rugby – der Clou des neuen Green Point Stadions ist seine „Haut“. So bezeichnen Marg und Hormes die aus Glasfasern gewebte Membran, die um die Arena herumgelegt wird. Wenn das Flutlicht das Stadion innen beleuchtet, wird die Membran durchsichtig, das Bauwerk löst sich gleichsam auf. Am Tage bestimmt der Einfallswinkel der Sonne, in welchem Farbton sich die Fassade präsentiert. Weil es zur WM in Südafrika Winter sein wird und bewölkter Himmel dominiert, ist an den meisten Tagen mit einem hellen Grau zu rechnen. Den Fußball-Fans, die am 11. Juni 2010 zum ersten Spiel ins Green Point Stadion strömen werden, wird es darauf nicht ankommen. Sie erwarten Spannung und Extraklasse-Fußball auf dem Rasen. Was den Kapstädtern von der WM bleibt, ist der Wellenschlag aus Glasfaser und Beton, den drei deutsche Architekten in ihr Stadtbild neu hineinkomponiert haben.

 

Das Herrenhaus von Schmerwitz, 2009. Foto H&S

Dann haben wir Bürgerkrieg

Die Kampfgruppenschule in Schmerwitz

Märkische Allgemeine, 21./22. November 2009

 

Zwanzig Jahre nach der Wende ist die „Zentrale Schule für Kampfgruppen“ in Schmerwitz nur noch eine ferne Erinnerung. Das neobarocke Herrenhaus aus dem Jahr 1873 präsentiert sich in einem ruinösen Zustand. Nicht viel besser ist es um die in den sozialistischen Jahren drumherum gesetzten Plattenbauten bestellt. Putz bröckelt von der Fassade. Unkraut wuchert aus dem Mauerwerk. Schwamm zieht herauf. Fenster und Türen sind, wenn nicht eingeschlagen, notdürftig verbrettert. Windschief lehnen sich die Gerüste an die Außenwand, täuschen Bauarbeiten nur vor.

 

Horst Grade, der letzte Leiter der Schule und nun deren Abwickler, besucht seine alte Wirkungsstätte nur noch selten. „In der zweiten Etage des Schlosses war mein Arbeitszimmer.“ Gegenüber in den Plattenbauten waren Lehrkabinette, Hörsaal, Aula, Turnhalle und Schlafräume. Ein filigraner eiserner Pavillon im Schlossgarten mag noch aus der Zeit stammen, als die Familie Brandt von Lindau das Anwesen belebte.

 

Nach dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 schuf die aufgeschreckte Partei- und Staatsführung „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“, eine Art paramilitärische Bürgerkriegsarmee neben NVA und Volkspolizei, dem Ministerium des Innern unterstellt. Für die Kommandeure mussten Ausbildungsstätten eingerichtet werden. Das ziemlich abseits gelegene Schmerwitzer Herrenhaus bot sich an, da dort seit 1949 eine Sonderschule des ZK der SED existierte. „Am 16. Mai 1957 startete der Lehrbetrieb. Schulleiter, Stellvertreter sowie die Chefs von Fach- und Arbeitsgruppen waren Offiziere der Volkspolizei. Inklusive der Zivilangestellten stieg der Stellenplan bis 1965 auf 225 Mitarbeiter an. Wir haben ausschließlich Bataillonskommandeure, deren Stellvertreter und Kommandeure der Hundertschaften geschult“, erzählt Horst Grade. Taktik, Truppenführung, Methodik der Gefechtsausbildung und Grundlagenstudium des Marxismus-Leninismus gehörten dazu. „Die unteren Chargen und die Geschützführer wurden ab 1974 an der Kampfgruppenschule in Gera ausgebildet.“ Rund 200 000 „ehrenamtliche Kämpfer“, meist Mitglieder der SED, Funktionäre, Staatsangestellte, Arbeiter, wurden betreut.

 

Als Horst Grade am 1. November 1976 seinen Dienst in der Kampfgruppenschule antrat, stand die Ausbildungsstätte in voller Blüte. „Die älteren Klinkerbauten gab es schon. Die Plattenbauten standen kurz vor der Fertigstellung.“ Die Schule musste erweitert werden, weil nun auch Volksmilizen-Kommandeure aus der Volksrepublik Kongo in Schmerwitz ausgebildet wurden. Die ausländischen Studenten, darunter auch Syrer und Somalier, erhielten ein eigenes Gästehaus.

 

Als Absolvent der Offiziershochschule „Artur Becker“ in Dresden und Mitglied der SED brachte Grade die Vorraussetzungen für eine Karriere mit. Nach einem Jahr wurde er Fachgebietsleiter Taktik, später Stellvertreter des Schulleiters. Er entwickelte Ausbildungspläne und kümmerte sich um den Bereich „Forschung und Entwicklung“. Seine Berufung zum Schulleiter im Rang eines Obersts der Volkspolizei am 1. Februar 1988 empfindet Horst Grade im Rückblick als ein Zeichen, dass die Signale innerhalb der SED auf Veränderung standen. Innenminister Friedrich Dickel führte ihn in das Amt ein. Als seinen Förderer vermutet Grade den damaligen Abteilungsleiter für Sicherheitsfragen im ZK der SED, Wolfgang Herger, der wiederum dem Politbüromitglied Egon Krenz direkt unterstellt war. „Die haben jüngere Leute um sich versammelt, auf die sie sich im Fall des Falles verlassen konnten.“ Grade glaubt, und will es auch bei mehreren Gelegenheiten von Parteifunktionären gehört haben, dass der Sturz Erich Honeckers bereits 1988 vorbereitet wurde.

 

Anfang 1989 erschien eine neue „Ausbildungsanleitung“ für Kommandeure und Kampfgruppen. Nun sollte das „Sperren und Räumen von Straßen und Plätzen“ geübt werden. Gleichzeitig war in Äußerungen der Partei- und Staatsführung immer häufiger von der „Bekämpfung subversiver Banden“ und der „Auflösung zusammengerotteter Gruppen“ die Rede. In der Folge des Strategiewechsels traten zahlreiche Mitglieder aus den Kampfgruppen aus. Sie wollten, wie es in einem internen Bericht der Staatssicherheit heißt, „nicht mit dem Knüppel gegen eigene Kollegen vorgehen“. Im Mai 1989 zog das Ministerium des Innern die Anleitung wieder zurück, bestand aber darauf, dass zumindest die Kommandeure in Schmerwitz das Rüstzeug für den Kampf gegen den „inneren Feind“ erhalten sollten.

 

Doch auch an der Zentralen Kampfgruppenschule ging die gesellschaftliche Entwicklung nicht spurlos vorbei. Horst Grade war damals einige Zeit im Kongo. „Der Blick von außen auf die DDR hat mich nachdenklich gemacht.“ Im Sommer 1989 lud er zu einem „Tag der offenen Tür“ ein. Das war eine kleine Sensation. „Die Menschen kamen in Scharen auf das Gelände, die Stimmung war entspannt.“ Am 4. November stellte er sich im Belziger „Fläminggarten“ den Fragen der Bürger. „Ich war kein Anti-Sozialist“, sagt er heute. „Aber ich hatte mir das Denken nicht abgewöhnt. Als ich sah, dass das Volk mehrheitlich nicht mehr mitmachen wollte, war die Sache für mich klar.“ Dennoch kam es in Schmerwitz noch einmal zu einer Kraftprobe zwischen Hardlinern und Reformwilligen. „Es gab bei einigen Parteifunktionären die Überlegung, die Situation in der DDR durch einen Ausnahmezustand zu bereinigen. Die konnten nicht über ihren Schatten springen.“ Horst Grade beharrt auf diesem Punkt, wenn es um die entscheidenden Tage des Jahres 1989 geht. „Es wird vielfach behauptet, dass das nicht so gewesen wäre, aber ich bleibe dabei, dass es bis zu einem gewissen Zeitpunkt so laufen sollte.“

 

Eine dramatische Zuspitzung brachte die Nacht des Mauerfalls. „Es stand auf Messers Schneide“, erinnert sich Grade. Wenige Stunden nach der Grenzöffnung traf ein Mitarbeiter des ZK der SED in Schmerwitz ein. Er fragte an, ob die Kampfgruppen bereit seien, zum Schutz des Staates zu den Waffen zu greifen. Am Morgen des 10. November rief Grade alle Mitarbeiter der Kampfgruppenschule zusammen. „Ich habe klar gemacht, dass es unter meiner Führung keine Beteiligung an einem gewaltsamen Vorgehen geben wird.“ Ähnliche Reaktionen gab es zur gleichen Zeit auch bei Verantwortlichen in der NVA und den Grenztruppen. Zwar gingen noch in der Nacht Befehle zur erhöhten Gefechtsbereitschaft heraus, in den meisten Fällen wurden sie aber ignoriert oder nur halbherzig befolgt. Für sein Verhalten musste sich Grade noch am selben Tag im ZK-Gebäude am Werderschen Markt in Berlin rechtfertigen. „Mir wurden Protestschreiben von älteren Kampfgruppen-Kommandeuren vorgelegt, die mir Defätismus vorwarfen.“ Der Schmerwitzer Schulleiter blieb standhaft. „Ich habe denen erklärt, wenn wir den Ausnahmezustand machen, dann brechen Armee, Polizei und Kampfgruppen auseinander. Dann haben wir Bürgerkrieg.“

 

Grade kehrte nach Schmerwitz zurück und harrte der Dinge. Am 14. Dezember 1989 verfügte der Ministerrat der DDR die Auflösung der Kampfgruppenschule. Horst Grade wurde mit der Abwicklung beauftragt. Unerwarteter Besuch traf ein. Nachfahren des letzten Schlossherrn Carl-Eduard Brandt von Lindau standen vor dem Tor. Die Wachleute verweigerten den Zutritt. Grade musste entscheiden. „Ein älterer Herr im Rollstuhl wollte unbedingt noch einmal sein Kinderzimmer im Schloss sehen. Ich habe mit der Familie dann einen Rundgang gemacht.“ Wenig später stellten die Erben einen Rückübertragungsantrag. Er wurde abgelehnt, weil das Anwesen bereits vor 1949 nach sowjetischem Besatzungsrecht enteignet worden war. Der Einigungsvertrag sah in solchen Fällen lediglich eine Entschädigung vor. Vorerst blieb das Gelände mit allen Gebäuden im Besitz der SED. Später hat die Treuhand die Liegenschaft verkauft. Mehr ist in Schmerwitz bisher nicht geschehen.

 

Horst Grade, damals noch keine 50 Jahre alt, machte sich nach der Schließung erfolgreich auf einen neuen Weg. Das Schmerwitzer Herrenhaus ist allerdings von allen guten Geistern verlassen worden.

 

Willkommen bei den Einsteins

Zur Wiedereröffnung des Sommerhauses in Caputh

Märkische Allgemeine Zeitung, 19.5.2005

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Die IL 18 der Interflug in Borkheide, 1909. Foto H&S

Das Ende der Interflug

Ein Platz in den Annalen der Luftfahrtgeschichte: Borkheide

Aus dem Buch „Mittelmärkischer Bilderbogen“, 2009

 

Bei idealen Wetterbedingungen bestiegen Flugkapitän Peter Schulze, Copilot Günter Erhard, Navigator Wilfried Noack und Bordingenieur Hubert Hoffer am Vormittag des 16. November 1989 auf dem Flughafen Schönefeld eine lljuschin 18 der Interflug. Außer der vierköpfigen Besatzung war niemand an Bord.Um das Gewicht der Maschine so gering wie möglich zu halten, waren sämtliche Passagiersitze ausgebaut und die Treibstoff menge auf ein Minimum reduziert worden. Für den Start hatte der Tower die 3100 Meter lange Startbahn „two five left" freigegeben. Das Flugzeug hob um 10.55 Uhr ab.

 

 

 

 

 

20 Jahre nach dem Start erinnert sich Peter Schulze: „Ausgemacht war eine Flughöhe von 400 Metern, wir sind dann aber gut 100 Meter tiefer geblieben." Die Maschine musste auf Sicht geflogen werden. Anhaltspunkte am Boden waren nötig. „Da war der riesige Schornstein in Ludwigsfelde, dann der Berliner Außenring, das ehemalige Autobahndreieck Drewitz. Am Dreieck Potsdam orientierten wir uns in Richtung Südwesten an der A 9. Nach einer Flugzeit von 13 Minuten kam Borkheide in Sicht", das Ziel der kurzen Reise. Am Flugfeld der Waldgemeinde hatten sich Hunderte Schaulustige eingefunden, darunter auch Mitarbeiter der Interflug. „Wir wollten den Leuten natürlich etwas bieten und haben deshalb zwei Runden über Borkheide gedreht", erzählt Peter Schulze. Der spitze Kirchturm von Niemegk war die Orientierung für den Wendepunkt.

 

Gegen 11.30 Uhr bereitete Schulze die Landung vor. Der Plan bestand darin, den tonnenschweren Riesenvogel auf einer Wiese am Rand des Dorfes herunterzubringen. Die Piste war 800 Meter lang. Links und rechts standen Bäume, im Süden wurde das Flugfeld von einer Eisenbahnlinie begrenzt. „Wir hatten mit der Reichsbahn abgesprochen, dass zur Zeit der Landung kein Zug durchfahren sollte. Gegen die Abmachung stand einer genau auf diesem Streckenabschnitt. Ich habe den gar nicht gesehen, weil ich voll auf den Anflug konzentriert war." Erst später auf den Filmaufnahmen erkannte Peter Schulze die potenzielle Gefahr. Um 11.41 Uhr setzte die IL 18 auf. Beim Ausrollen wurde die Besatzung ordentlich durchgeschüttelt. Nach 500 Metern stand die Maschine. „Die jüngeren Kollegen im Cockpit bekamen feuchte Hände und sahen hinterher ganz schön blass aus."

 

Im Rückblick ist Peter Schulze froh, dass es ihm in den wirren Wendezeiten gelungen ist, die IL 18 nach Borkheide zu überführen und damit auch ein Stück Erinnerung an die DDR-Fluglinie zu erhalten. „Die Idee dazu ist in einer Runde von Kapitänen der Interflug schon Anfang 1989 entstanden." Damals wurden die ersten Maschinen der IL 18-Flotte ausrangiert. Als Passagierflugzeuge hatten sie ausgedient, der Turboprop-Antrieb war zu laut und entsprach nicht mehr den Anforderungen des modernen Luftverkehrs. Peter Schulze, damals Staffelchef der IL 18, trieb den Plan voran, ein Flugzeug als Ausstellungsstück nach Borkheide zu setzen. Das Dorf bot sich an, weil es dort eine Verbindung zum deutschen Flugpionier Hans Grade gab, der in Borkheide Anfang des 20. Jahrhunderts eine Flugzeugfabrik betrieben hatte.

 

Bei der Besichtigung der Grasbahn wurde schnell klar, dass bei einer normalen Landung die IL 18 w über die Piste hinausschießen würde. „Also habe ich mich hingesetzt und gerechnet." Schulze ha1 Borkheide dann gebeten, das Gras nicht zu mähen, sondern bei einer Höhe von 30 Zentimetern belassen. Er versprach sich davon eine stärkere Bremswirkung. Mit einer ausgeräumten Maschine unternahm er in Schönefeld drei Trainingsflüge und schaffte es, den Bremsweg auf 480 Meter drücken. „Das war auf einer Betonpiste, aber jetzt war ich sicher, dass ich auf Gras maximal 600 Meter benötigen werde."

 

Zugute kam ihm seine mehr als 30-jährige Flugerfahrung bei der Interflug. Die IL 18 hatte er bereits den 1980er Jahren unter schwierigsten Bedingungen landen müssen. Bei einer Hilfsaktion in Äthiopien stand in der Hafenstadt Assab nur eine Sandpiste zur Verfügung. Sie war zuvor mit Salzwasser überspült worden, damit sich nach dem Austrocknen eine belastbare Kruste bildet. Dennoch bedeutete die Landung eine enorme Herausforderung.

 

Der Flug nach Borkheide rief viele Skeptiker auf den Plan. „Die Leute von der Hauptverwaltung Luftfahrt der DDR waren überhaupt nicht begeistert." Doch die Spitze der Interflug stärkte Schulze den Rücken. Einzig sein Wunsch, einen Kameramann mit ins Cockpit nehmen zu dürfen, wurde ihm abgeschlagen. Das Risiko sei zu groß.

 

Im September 1989 sollte es losgehen. Doch das Wetter spielte nicht mit. Dauerregen hatte die Wiese in Borkheide unter Wasser gesetzt. Die Aktion wurde abgeblasen. Das Warten auf bessere Verhältnisse wurde jäh unterbrochen. Am 9. November fiel die Mauer. Die DDR kam ins Rutschen. Die Zukunft der Interflug war ungewiss. „Die Grenzöffnung hat unser Vorhaben in keiner Weise beeinflusst", versichert Peter Schulze heute. Der Flugbetrieb in Schönefeld sei normal weitergelaufen. Allerdings herrschte auf Straßen und Parkplätzen rund um den Flughafen das blanke Chaos. „Aus der ganzen Region kamen die Menschen mit ihren Autos nach Berlin, um sich ihr Begrüßungsgeld abzuholen." Der Weg zur Arbeit wurde für den Flugkapitän zur Geduldsprobe.

 

Sieben Tage nach der Maueröffnung flog Peter Schulze die IL 18 schließlich doch noch nach Borkheide. Als sich die lljuschin der Waldlichtung näherte, hielten die Zuschauer den Atem an. Nach der geglückten Landung wurden er und die Besatzung für ihr „Meisterstück der Flugkunst" gefeiert. Schulze hatte Maschine noch mit eigener Motorkraft neben ein Wohnhaus am Ende der Piste manövrieren können Techniker der Interflug ließen den restlichen Treibstoff ab. Die ausgebauten Passagiersitze wurden Lkw von Schönefeld herantransportiert und wieder eingebaut.

 

Die Hans-Grade-Gesellschaft Borkheide hat dort ein Museum eingerichtet. Besucher gelangen über eine Treppe in die Maschine. Sie umfängt auch noch 20 Jahre nach dem Mauerfall der typische Geruch, den Reinigungsmittel der DDR verströmen. Das Flugzeug ist wieder original eingerichtet. Ein Blick ins Cockpit lohnt sich. Der Film über die Landung der IL 18 gehört zum Museumsprogramm. Zahlreiche Dokumente erinnern an den Flugpionier Hans Grade, der in der Waldkolonie Bork, die später in Borkheide umbenannt wurde, einst eine Flugzeugfabrik gründete. Grade startete am 17. August 1909, also vor 100 Jahren, auf dem „Marsfeld" in Bork zu seinem ersten Motorflug. 1912 gelang ihm die erste Postbeförderung mit einem Grade-Flugzeug nach Brück. Borkheide hat sich damit fest in Annalen der Luftfahrtgeschichte eingeschrieben.

 

20 Jahre nach dem Mauerfall symbolisiert die IL 18 für Peter Schulze aber auch das Ende der Interflug. Wenige Monate nach der Überführung der Maschine war die DDR-Fluglinie liquidiert worden. „Mit einigen Kollegen habe ich dann die IL-18 Air Cargo als Nachfolgegesellschaft gegründet.“ Am 1. November 1991 nannte sich die Gesellschaft in „Berline“ um. Anfangs lief es gut. Schulze flog Touristen nach Griechenland und Autoteile von Portugal nach Stuttgart. Wenige Jahre später war dennoch Schluss, weil die großen Airlines den kleinen Konkurrenten vom Markt haben wollten. Der Konkurs der Gesellschaft erfolgte am 28. Oktober 1994. Einige Monate später transportierte Schulze noch Geschäftsreisende mit Kleinflugzeugen durch die Gegend. Dann, nach 39 Jahren Fliegerei. Legte er den Steuerknüppel endgültig aus der Hand.

 

Mittelpunkt der DDR, 2009. Foto H&S

Merkwürdiges aus Verlorenwasser

Der verschobene Mittelpunkt

Aus „mittelmärkischer Bilderbogen“ 2009

 

Auf dem Weg von Dahlen nach Weitzgrund stößt der Wanderer kurz hinter den Siedlungen Hohenspringe und Egelinde auf das Ortsschild Verlorenwasser. Mitten im „Hohen Fläming", der hier nicht mehr ganz so hoch aber richtig urig ist, sind eine Handvoll Häuser, eine Brücke, ein Bach und eine Gastwirtschaft, wo Erbseneintopf aus der Feldküche ein Muss ist. Mehr ist da nicht. Und doch scheint der Ort einen ganz besonderen Reiz auszuüben.

 

Was fasziniert Schriftsteller, Dokumentarfilmer und Komponisten an Verlorenwasser? Verlorenwasser, verlorenes Wasser, Wasser, das verloren gegangen ist, steht ganz offensichtlich als Metapher für das Verschwinden und Auftauchen von Geschichte und Geschichten.

 

 

 

Das beginnt mit dem Wasser des Baches Verlorenwasser, das aus der Quelle hervortritt, ein Weilchen sichtbar bleibt, dann im Waldboden verschwindet und wieder auftaucht - daher der Name Verlorenwasser. Vom Auftritt und vom Abtritt berichtet der Schriftsteller Martin Ahrends in seiner Erzählung „Verlorenwasser". Seine Heldin, die ehrgeizige Anna Eisner, heiratet (unwissentlich) den Sohn eines hochhrangigen MfS-Mannes. In Verlorenwasser genießt sie das Leben auf der großzügigen Datsche und Privilegien. Als sie herausfindet, dass Schwiegervater und Ehemann für die „Firma" arbeiten, lässt sie sich scheiden, und erlebt nun die Kehrseite mit Drohungen, Beschuldigungen und Willkür.

 

In der Trilogie „Verlorenwasser" wagt der Regisseur Peter Roloff den Schritt von einer bruchstückhaften Dokumentation über eine vergessene Region hin „zur fiktiven Geschichte über einen russischen Handelsreisenden des 19. Jahrhunderts, der letztendlich die eigene Frau mit seinem fingierten Tod in Verlorenwasser betrügt". In der Komposition „Verlorenwasser. Der Ort. Das Opfer." von Helmut Oehring wird das Wasser musikalisches Symbol: Es tritt hervor, verschwindet, taucht wieder auf, schwillt an, plätschert, schaukelt dahin, friert, schmilzt, trübt ein und klart auch wieder auf. Gesagtes, Gezeichnetes, Gehörtes, Gesehenes und Geschehenes haftet an diesem Ort. Die spezifische Geschichte von Verlorenwasser, die Empfindlichkeit, die Verletzlichkeit, die Vergänglichkeit, existiert allein bereits im Namen. So erzählen Künstler verschiedene Geschichten und zugleich ein und dieselbe Geschichte. Eine Merkwürdigkeit kommt hinzu. In unmittelbarer Nähe war der geografische Mittelpunkt der DDR, der 1974 in der Fernsehreihe „Außenseiter - Spitzenreiter" von Geophysikern der TU Dresden mit den Koordinaten 52° 12' nördlicher Breite und 12° 31' östlicher Länge errechnet wurde.

 

Um aber den seltsamen Entdeckungen in der Verlorenwasserwelt noch eine oben auf zu setzen, muss davon erzählt werden, dass dieser Mittelpunkt zwei Jahre nach dem Fernsehauftritt um einige hundert Meter verschoben wurde. Dies geschah nicht auf Grund eines Vermessungsfehlers, sondern einzig und allein deshalb, weil die ganze Gegend zu einem Truppenübungsplatz umgewandelt wurde.

 

Helga Kästner, die bewanderte Chronistin des Flämings, war nach dem Ende der DDR auf dem verlassenen Gelände. Sie entdeckte eine Geisterstadt: Gemauerte Wachbuden, Straßen mit Peitschenleuchten, Autoabstellplätze mit Batterieladegeräten, Reparaturrampen für schwere Fahrzeuge, Häuser, Baracken, Kanalisation. Nach ihren neuesten Erkenntnissen soll diese Gegend bereits von den Nazis als militärischer Übungsplatz auserkoren worden sein.

 

Zufall oder nicht - das Ministerium des Innern der DDR stationierte dort 1976 Einheiten der Bereitschaftspolizei. Nicht weit davon entstanden Unterkünfte, die Alte Försterei in Weitzgrund wurde kurzerhand konfisziert, um Fahrzeuge und anderes Gerät unterzubringen. Innenminister Friedrich Dickel ließ sich im nahen Klein Briesen ein Gästehaus im Jägerstil errichten. Auch das Ministerium für Staatssicherheit entdeckte die Abgeschiedenheit. Aus dem Herrenhaus zu Struvenberg wurde die Spezialschule „Maria" für die Ausbildung von Eingreiftruppen im „Feindgebiet". Für Anwohner und Gäste wurde es eng. Reisebusse durften die „Gaststätte Hirschtränke" in Verlorenwasser ab 1984 nicht mehr anfahren. Wer von den Wegen abkam, machte sich strafbar. „Betreten verboten!" stand überall. Lachend wirft die Wirtin Eva Schulze ein: „Immerhin haben wir keine Passierscheine gebraucht."

 

Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, dass auf dem Gelände der Bereitschaftspolizei in Verlorenwasser in der Endphase der DDR Regimegegner und Demonstranten interniert werden sollten. Helga Kästner kann sich das nur damit erklären, dass noch im Jahr 1989 neue Unterkünfte gebaut und Fundamente für Zeltlager gegossen wurden. Gut 1500 Menschen hätte man dort wohl unterbringen können. Auch die Straßenkampfkulisse mit einem herbeigeschafften Straßenbahnwagen nährte den Verdacht, dass die gewaltsame Auflösung von Demonstrationen gezielt trainiert wurde. Für Eva Schulze „haben die hier den Potsdamer Platz der Nationen nachgebaut". Eine solche Übung soll tatsächlich zum letzten Mal im Herbst 1989 stattgefunden haben. „Aber konkrete Nachweise für den Plan der Internierung von Regimegegnern gibt es nicht."

 

Bereitschaftspolizei und Stasi sind nicht mehr. Die Dickelsche Immobilie empfahl sich kurzzeitig unter dem Namen „Juliushof" als Wohlfühlhotel. Aus der Försterei Weitzgrund wurde ein Pferdehof. Was dem Militärareal in Verlorenwasser verwertbar war, wird heute genutzt: Ein Tierheim für ausgesetzte Hunde, eine Tischlerei. Mehr ist da nicht. Geblieben ist zwischen den Kiefern eine Anlage, die irgendwie schaudernd macht. Waldesrauschen, Vogelgezwitscher und Hundebellen können das Unbehagen nicht übertönen. Dennoch: Die geheimnisvolle Verlorenwasserwelt im urigen Hohen Fläming hat ihren Frieden mit sich und den Menschen gemacht.

 

Der Mittelpunkt der DDR ist noch immer verschoben.

 

1990: Grenze Paul-Gerhard-Straße

Wir sind uns ohne Abneigung begegnet

Die Grenzübergangsstelle Teltow

Aus „Mittelmärkischer Bilderbogen“, 2009

 

Als hätte dieser 10. November nicht schon genug Aufregung gebracht. Nun noch dieser Anruf aus dem Rat des Bezirkes Potsdam. Um vier Uhr nachmittags meldete sich das Ratsmitglied Wolfgang Kirchner. Das Gespräch hat Manfred Graulich auch nach 20 Jahren nicht vergessen.

 

Kirchner: „Ich wollte dir nur sagen, bei dir in der Philipp-Müller-Allee wird eine Grenzübergangsstelle gebaut." Graulich: „Sag das noch mal!“ Kirchner: „Du musst morgen dorthin gehen, da ist die Besprechung, wie das alles abzulaufen hat." Graulich: „Das geht nicht. Morgen ist Kreisdelegiertenkonferenz der SED. Da muss ich hin." Kirchner: „Dann schick deinen Stadtbaudirektor!"

 

 

Seit 1978 amtierte der studierte Bauingenieur Manfred Graulich als Bürgermeister in Teltow. Mauer und Todesstreifen waren in der unmittelbar an West-Berlin grenzenden Stadt stets präsent gewesen. Jährlich hatte es „Grenzbegehungen" gegeben, an denen auch Graulich teilnahm. „Es wurden Festlegungen getroffen, was verändert werden muss."

 

Die Grenze verlief ab Höhe der Katzbachstraße bis zum Beginn von Lichterfelde in der Mitte des Teltowkanals. Nach Seehof war die Welt zuende. Die Grenzanlagen schnürten die Philipp-Müller-Allee (heute Lichterfelder Allee) zum Lichterfelder Ostpreußendamm ab. Graulich erinnert sich, dass es in den achtziger Jahren Pläne gab, am Evangelischen Diakonissenhaus die Mauer auf sechs Meter Höhe aufzustocken, um die „Einsicht" in den Grenzbereich zu erschweren.

 

Für ihn persönlich sei die Lektüre des Buches „Neues Denken für Europa und die Welt" von Michail Gorbatschow ein Wendepunkt gewesen. „Als dann in Ungarn die Grenze aufging, war mir klar, dass etwas in Bewegung gerät.“ In der Stadt blieb es zunächst ruhig. Mit mehr als 2000 Mitgliedern hatte die SED Teltow fest im Griff. Erst am 4. November 1989 gab es eine Kundgebung, auf der sich der Bürgermeister bohrenden Fragen stellen musste.

 

Für den Abend des 9. November war erneut eine Bürgerversammlung angesetzt. Es ging um das neue Wohngebiet am Ruhlsdorfer Platz. Bewohner klagten darüber, dass sie nur mit Gummistiefeln zu ihren Häusern gelangen könnten. Die Plattenbauten waren schnell hochgezogen worden, mit der Gestaltung der Außenanlagen haperte es. Graulich kam gegen elf Uhr nach Hause. Am nächsten Morgen erfuhr er aus dem Radio, dass viele seiner ostdeutschen Landsleute die Nacht am Kurfürstendamm verbracht hatten. Zur angeordneten Besprechung in der Philipp-Müller-Allee erschien überraschend auch Gerd Lohß, Kommandeur des Grenzregiments 42. Er war aufgebracht. Dass in seinem Verantwortungsbereich eine Grenzübergangsstelle errichtet werden sollte, hatte er aus der Zeitung erfahren. „Weder mein Stab noch meine Vorgesetzten wussten davon. Also fuhr ich vor Ort. Komischerweise traf ich dort schon Leute der Passkontrolleinheiten und des Zolls, die Pläne über die Art der Abfertigungsanlagen und der Kontrolle machten. Das alles war für mich damals wie in einem schlechten Krimi."

 

Lohß hatte unruhige Tage hinter sich. In der Nacht des Mauerfalls war er von seinen Vorgesetzten mit dem Befehl „Erhöhte Gefechtsbereitschaft" konfrontiert worden. Zu diesem Zeitpunkt wusste er aber bereits, dass sich an „seinen" Grenzübergangsstellen in Mahlow und Rudower Chaussee zahlreiche Menschen angesammelt hatten. Die Lage war explosiv. Lohß wies die Grenzsoldaten an, keine Gewalt anzuwenden, „auch nicht bei dem Versuch von Leuten, die die Grenze überschreiten wollen“.

 

Mauer und Todesstreifen hatten ihren Schrecken verloren. Die neuen Reisegesetze der DDR, die wenig später in Kraft traten, erlaubten ungehinderten Grenzverkehr, wenn auch noch ein paar Formalitäten zu beachten waren. Allerdings gab es angesichts des zu erwarteten Ansturms kaum Übergangsstellen. In Teltow sollte ein „Ventil" geschaffen werden.

 

Noch im Frühjahr 1989 hatte Lohß „aus eigenem Entschluss“ in seinem Abschnitt Mauer und Zaun neu herrichten lassen. Nun sollte alles wieder abgerissen werden. Den Kommandeur beschlich ein eigenartiges Gefühl. „Erst hatte man jahrelang niemanden durchzulassen und plötzlich, buchstäblich über Nacht, war alles dafür zu tun, damit jedermann nach West-Berlin kam.“ Ein Zurück gab es nicht mehr. Das ahnten auch die am 11. November an der Teltower Mauer versammelten Herren. Sie einigten sich schließlich auf das weitere Vorgehen. Die Bauarbeiten für den Grenzübergang begannen sofort. Nach den Erinnerungen von Gerd Lohß wurden aus den DEFA-Studios in Potsdam-Babelsberg Scheinwerfer herangeschafft, damit nachts weitergearbeitet werden konnte. Grenzsoldaten, Handwerker, Elektriker, Straßenbauer und viele freiwillige Helfer bauten die Mauerteile auf Straßenbreite ab. Auch der Absperrzaun, das sogenannte vordere Sperrelement, hatte ausgedient. Die Grenze war nur noch mit einem Flatterband markiert. Das Straßenstück zwischen Teltow und Lichterfelde war völlig zugewachsen. Erde und Sträucher wurden mit Hacken und Schaufeln entfernt, bis der alte Belag von 1961 wieder zum Vorschein kam.

 

Auf beiden Seiten der demontierten Grenze hatten sich Schaulustige angesammelt. Graulich, der die ganze Zeit am Ort des Geschehens war, machte jenseits des Absperrbandes einen West-Berliner Polizisten aus. An den Grenzern vorbei ging er auf den verdutzten Beamten zu. „Entschuldigen Sie. Ich bin der Bürgermeister der Stadt Teltow. Sagen Sie doch bitte dem Bezirksbürgermeister von Steglitz Bescheid, dass wir uns am 14. November um acht Uhr hier treffen.“ Auf einem Tieflader wurde gegen Mitternacht das Abfertigungsgebäude an die Übergangsstelle gebracht, ein Container, der bislang als Umkleidekabine für die Fußballmannschaft der Grenztruppen in Groß Glienicke diente. Grenzkommandeur Lohß stellte das Postenhäuschen aus seinen Beständen zur Verfügung. Elektro- und Telefonanschluss wurden verlegt. In den frühen Morgenstunden des 14. November erhielt das freigelegte Straßenstück einen neuen Asphaltbelag. Letzte Markierungsarbeiten liefen. Die verblichene Grenzlinie auf der Straße aus den fünfziger Jahren wurde mit weißer Farbe aufgefrischt.

 

Als Manfred Graulich nach wenigen Stunden Schlaf gegen halb acht Uhr eintraf, hatten sich bereits Ratsmitglieder der Stadt Teltow und Major Bernd Enge, Kommandant der neu geschaffenen Grenzübergangsstelle, dort versammelt. Der Bürgermeister setzte sich an die Spitze der Gruppe. Um Punkt acht Uhr überschritt die Teltower Delegation die Grenze. Auf der anderen Seite wartete bereits der Steglitzer Bezirksbürgermeister Klaus-Dieter Friedrich. Nun gab es kein Halten mehr. Hunderte Menschen, die am Übergang ausgeharrt hatten, strömten aufeinander zu. Die Freude war unbeschreiblich. Im Laufe des Jahres wurde der Kontrollaufwand an der Grenzübergangsstelle mehr und mehr zurückgefahren. Zum Schluss, so erinnert sich Graulich, saß nur noch ein einziger Grenzer auf einem Stuhl an der Straße. Die Trabbis rauschten an ihm vorbei. Eines Tages war er verschwunden. Es gab keine Grenze mehr.

 

Zwanzig Jahre später erinnert sich Graulich an die erste Begegnung mit seinem Steglitzer Amtskollegen: „Wir waren sehr gespannt aufeinander. Und obwohl wir aus unterschiedlichen Systemen stammten, sind wir uns ohne Abneigung begegnet.“

 

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