Das Herrenhaus Wiepersdorf mit Fahnenstangen im April 1992. Quelle Kulturfonds der DDR

Jürgen Stich und Wiepersdorf

 

Es war der 21. September 1991. Der Historiker Gerd Heinrich (1931-2012), Professor für Historische Landeskunde an der Freien Universität Berlin, hatte seine Studenten zum Thema „Adelskultur und Adelsherrschaft in der Mark Brandenburg“ zu einer Exkursion gebeten: Kleinmachnow, Blankensee, Kloster Zinna, Wiepersdorf, Baruth. Mit dabei Peter Hahn, der nach dem Mauerfall für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ über den Osten Deutschlands berichtete. Am 12. Dezember 1991 erschien sein Bericht unter dem Titel „Doppelfleisch mit einfacher Sättigungsbeilage – ein Seminar und eine Rundreise“.

Monate später wurde Peter Hahn von der „Stiftung Kulturfonds“ zum Gründungsdirektor von „Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf“ berufen. Ein Haus für Stipendiaten sollte entstehen, Museum, Bibliothek und Archiv sollten aufgebaut und tagtäglich sollten Besucherscharen informiert werden. Jürgen Stich, damals gerade am Anfang seiner Magisterarbeit „Die Herrschaft Wiepersdorf im 20. Jahrhundert“ wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter des Künstlerhauses..

 

 

Doppelfleisch mit einfacher Sättigungsbeilage. FAZ vom 12.12.1991

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Museumsführer Jürgen Stich. Märkische Allgemeine Zeitung, 1992

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Hans Joachim Schädlich am 3. Januar 1993 in Wiepersdorf

Eröffnung der neuen Bibliothek

 

Eine Bibliothek, die diesen Namen verdient hätte, gab es im Frühjahr 1992 in der ehemaligen „Arbeits- und Erholungsstätte“ nicht. Vorhanden waren einige Werke von Autoren, die in der Vergangenheit hier häufig preiswerten Urlaub machen konnten. Auf Bitten des Künstlerhauses spendeten Verlage Bücher, mit denen der Grundstock für eine Bibliothek gelegt werden konnte.

 

Am 3. Januar 1993 konnte Jürgen Stich in die neue Bibliothek im Obergeschoss des ehemaligen Inspektorhauses einladen. Zur Eröffnung sprach Hans Joachim Schädlich. Wenige Tage zuvor hatte er am 18. Dezember 1992 in Köln den Heinrich-Böll-Preis erhalten.

 

 

 

 

 

Hans Joachim Schädlich kehrte den „den Slogan vom ‚Schriftsteller und Bürger‘ um: „Ich rede einfach als Bürger, der den Schriftstellerberuf ausübt. Der Schriftstellerberuf verschafft mir die Gelegenheit, als Bürger Gehör zu finden ... Ein überwiegender Teil der ostdeutschen oder DDR-Intellektuellen war allzusehr geneigt, die wirkliche Unwirklichkeit zu lieben. Wolf Lepenies, dem ich wörtlich folge, hat es so gesagt: ‚Die Intellektuellen in der DDR haben, mit Ausnahmen, das staatssozialistische Regime nicht bekämpft: sie haben es geflohen oder, in beflissener Kollaboration oder mürrischer Anpassung, seine Subventionen erduldet. Und wenn sie in den Jahrzehnten, die die DDR existierte, etwas lernten, so war es die Kunst, beherrscht zu werden … Nein, diese Intellektuellen - von Stephan Hermlin bis Heiner Müller - waren keine Dissidenten, und wir Westdeutschen, die wir nicht in Versuchung geführt wurden, sollten ihnen Feigheit nicht vorwerfen. Aber wenn sich, bis hin zu den Funktionären …, Gruppierungen der Intelligenz, die sich gestern noch ihrer Nähe zur Nomenklatura rühmten; auf einmal geschlossen als innere Emigranten und als Mitglieder der DDR-Resistance zu erkennen geben, muss ihnen kühl entgegnet werden: ,Mit euch war Staat zu machen!‘

 

Die ‚Nähe zur Nomenklatura‘ reichte weit — bis in die Germanistik. Vertreter der DDR-Germanistik liehen dem Staatssicherheitsdienst als ‚Sachverständigen-IM‘ ihre Dienste. In den Akten, die der Staatssicherheitsdienst über mich geführt hat, fand ich ein sogenanntes literarisches Gutachten aus dem Sommer 1977 - damals lebte ich noch in der DDR -, das von der Hand eines solchen Komplizen-Wissenschaftlers und Schreibtischtäters stammt. Das Fazit dieses Gutachtens bestand einfach darin, mich der Untersuchungsabteilung des Ministeriums für Staatssicherheit und der politischen Strafjustiz der DDR knapp zu empfehlen. Ich verdanke es auch der Solidarität von Schriftstellern aus der Bundesrepublik, vor allem Günter Grass, dass es nicht zu einem politischen Strafprozess gegen mich kam und dass ich die DDR drei Monate nach der Handreichung des germanistischen Sachverständigen-IM verlassen konnte.

 

***

 

1997 veröffentlichte Hans Joachim Schädlich im Wallstein-Verlag den Text „Schloßspuk“:

 

Weil es den Mauer-Staat nicht mehr gab und nicht seine Herren und seine Partei, war das Schloss frei geworden. Es sollte aber den Künsten dienen. Den Künsten dient es ehestens, wenn es freien Künstlern dient, die Wohn- und Arbeitsräume vorfinden und ein Geld für die Zeit des Aufenthaltes. Wer, da nicht mehr eine einzige Partei, sollte die Künstler auswählen, die aus allen Himmelsrichtungen herbeizuholen waren? Das sollte ein Kollegium von Preisrichtern aus zwei Himmelsrichtungen tun, und diesem Kollegium gehörte ich anfangs an. Die Preisrichter trafen sich im Schloss, redeten lange, aßen, tranken, redeten lange und legten sich für eine Nacht nieder nach der Wahl von Künstlern, die sich für einige Zeit sorgenfrei im Schloss aufhalten können sollten.

 

In der Nacht träumte mir, es sitze ein Fürsprech des verblichenen Mauer-Staates, seiner Herren und seiner Partei auf der nächtlichen Terrasse. Es war mir, als trinke der Mann eine Flasche Wein und stoße von Zeit zu Zeit Verwünschungen aus. Er verfluchte den neuen Chef des Schlosses und drohte, dieser möge nur herauskommen, dann werde er dem schon die Fresse polieren. Im Traum erblickte ich am nächsten Morgen auf der Terrasse aber wirklich den Mann, der mir des Nachts erschienen war. Er hing im Stuhl und schlief. Alsbald erhob er sich, legte sich bäuchlings auf die Parkwiese und schnarchte. Ich meinte, er träume von den Tagen, da er im Schloss Umgang mit anderen Nutznießern des hingeschwundenen Staates gepflegt und sodann in einem Schlossbett genächtigt hatte. Als der Mann von der Anstrengung seiner Flüche genesen war, wanderte er im Schlosspark umher. Ich wollte meiner Traumfigur leibhaftig begegnen und ging zu ihm hin. Er sagte mir: „Das ist unser Schloss!“ und zählte die Leute her, die seine Genossen und Träger herrscherlich geschätzter Namen gewesen waren. Er aber hatte sich aus dem westlichen Landesteil auf den Weg zum Schloss gemacht, damals und diesmal.

 

In Wirklichkeit hatte ich diesen Spuk nicht in der Nacht nach einer Zusammenkunft des Preisrichterkollegiums geträumt. Ich hatte ihn erlebt in der Nacht nach dem Fest, das gefeiert wurde, weil das Schloss frei geworden war.

 

Die Herrschaft Wiepersdorf im 20. Jahrhundert. Von Jürgen Stich, 1997

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