Ganz weit weg

 

 

Paraty - Die Dichter-Mutter mochte es heiß. FAZ 12.12.2002.

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Chiwa, 1995. Foto H&S

Chiwa - Die Märchenstadt zwischen denzwe Wüsten. FAZ 28.12.1995

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Terraço Itália in São Paulo. Foto H&S 2002

Zum Nachtisch die Aussicht

Die Terraço Itália in São Paulo

 

How nice, jubelte die Queen auf der Terraço Itália, it is majestic. Der überraschende Gefühlsausbruch ist mehr als dreißig Jahre her. Königin Elisabeth war in Brasilien und São Paulo wartete mit seinen Hochhäusern auf. Dabei waren damals nur zwanzig dieser Einhunderter in den Boden gesetzt.

 

Nach diesem Besuch ging es mit dem Bauen erst richtig los. In den zehn Jahren bis 1979 kamen 16 dazu, bis 1989 noch einmal 56 und bis 1999 sogar 87. Ende dieses Jahres könnte São Paulo die Dame mit 323 Wolkenkratzern entzücken. Kämen die Windsors erst 2003 oder 2004, dann könnte man auch das Edificio Caetano mit 233 Metern und 63 Etagen und das Edifício Xaxim mit 259 Metern und 70 Etagen präsentieren.

 

 

 

 

São Paulo zu lieben, fällt schwer, zu begreifen, erst recht, zu überblicken, vielleicht. Vorausgesetzt es regnet einmal nicht, läßt man sich wie einst die Königin zum Edificio Itália in die Avenida Ipiranga Nr. 344 fahren, nimmt einen der 12 Basisfahrstühle bis zur 30. Etage, wechselt hinüber in den Toplift und betritt Sekunden später in der 41. Etage die Lounge der Terraço Itália. Dort steht von Mittag bis Mitternacht ein junger Mann, der fortwährend damit zu tun hat, potentielle Kunden ins Restaurant und Visiteure wieder in den Fahrstuhl nach unten zu bitten.

 

Die Terraço Itália ist ein Restaurant mit Terrasse, nicht umgekehrt. Das hat seinen Preis: Antipasti von 16 bis 20, Primi Piatti von 26 bis 33, Carni e Pesce von 37 bis 48, Dolci e frutta 9 bis 11 Real. Die Pächterfamilie ist bereits 1948 mit dem Schiff in Santos angekommen, was zur Folge hat, daß einige Regeln der italienischen Küche inzwischen vergessen wurden. Alles ist hier ein bißchen wie die Karte, Portugiesisch, Spanisch, Italienisch, Englisch. Brasilianisch natürlich auch. Kommen wir deswegen hierher?

 

Ob nice, majestic oder ah und oh, es hat schon was, wenn man vom Dach des Edificio Itália auf die Stadt herabsieht. Es scheint, als stehe man auf dem höchsten Pfahl in einem unübersehbaren Feld von Pfählen. Mal sind sie dick, mal schlank, hoch, niedrig, meist eckig, mitunter aber auch rund, wie das alte Hilton Hotel direkt unter uns. Die Seiten dieser Pfähle sind verglast, verspiegelt, verrastert, verputzt. Besonderes, markantes, auffälliges ist selten. Balkone und Terrassen mit kunstvollem Grün ändern daran nichts. Vom Eiffelturm oder der Reichstagskuppel kann man konkrete Punkte ausmachen. Nicht in São Paulo. Alles ist Masse, allerdings eine überwältigende.

 

Tief unten wuseln nur Menschen durch die Straßen. Autos, Busse, Taxis stehen. Das soll die Stunde für Überfälle und Entführungen sein. Was unten nicht mehr geht oder zu unsicher ist, funktioniert in der Luft. Um uns herum, auf 168 Meter Höhe, ein enormer Betrieb. Helikopter scheinen Vögel und Taxis ersetzt zu haben, fliegen über die Häuser hinweg, landen hier und da auf Dächern, auf denen Landeplätze mit gläsernen Abfertigungsräumen installiert sind.

 

São Paulo ist nicht irgend eine Stadt. 1950 waren es drei, Mitte der achtziger Jahre zehn, heute könnten hier tatsächlich neunzehn Millionen Menschen leben. Keiner zählt sie, weil die Zahl morgen nicht mehr stimmen würde. Auf diesem Hochplateau sind 1747 Quadratkilometer überbaut. Eine gigantische Stadt, die sich auch und vor allem über eine imposante Hochhauskulisse definiert.

 

Angefangen hat das alles in den fünfziger Jahren. Fast gleichzeitig und in unmittelbarer Nachbarschaft starteten Oscar Niemeyer und Adolf Franz Heep an der Avenida Ipiranga ihre Hochhausprojekte: Niemeyer mit dem Edifício Copan in Nr. 200, Heep mit dem Edifício Itália in Nr. 344. Dem erfolgsgewohnten Architekten stand für sein 140 Meter hohes, s-förmig geschwungenes Haus viel Baufläche zur Verfügung. Als es 1957 übergeben wurde, gab es mitten im Centro von São Paulo auf 40 Etagen 800 Appartements mehr.

 

Was Niemeyer in aller Breite plante, konnte Heep nur in der Höhe tun. Sein Edifício mußte für ein schmales Eckgrundstück konzipiert werden. Er entschied sich für einen ovalen Grundriß und setzte auf diesen einen schlanken, himmelstrebenden Wolkenkratzer. Da steht er seit 1956, ein schnittiger Ozeandampfer, mit italienischem Theater im Untergeschoß, Einkaufspassagen, Büros auf 40 Etagen und eben jener grandiosen Idee der Terraço Itália.

 

Beide Architekten setzten an der Ecke der Avenidas Ipiranga und São Luís die Wahrzeichen von São Paulo. Dennoch: der Mythos Niemeyer lebt, der Schöpfer von Edifício und Terraço Itália, so scheint es, gerät in Vergessenheit. Skyscrapers, die umfangreichste Internetplattform über Wolkenkratzer, hilft nach: Adolf Franz Heep wurde 1902 in der Tschechoslowakei geboren und studierte an der Kunstschule in Frankfurt am Main bei Adolf Meyer Architektur. 1929 ging er nach Paris und arbeitete für Le Corbusier. 1948 übersiedelte er nach Brasilien, gründete 1950 in São Paulo sein Architekturbüro und baute von 1952 bis 1956 das Edificio Itália.

 

Vier Jahre nur war der Bau mit seinen 168 Metern der höchste Wolkenkratzer von Südamerika. Dann stand der Palacia Zarzur Kogan: 189 Meter hoch. Dem Heepschen Edifício hat das nichts genommen. Es kommt eben doch auf den Überblick an, und den hat man in São Paulo am besten auf der Terraço Itália.

 

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