Brief von Max Nagel an Bürgermeister Feurig vom 11.01.1889. Archiv Turnerschaft Berlin

Der Architekt Max Nagel

 

Für den Architekturhistoriker Dr. Peter Lemburg „war Max Nagel die treibende Kraft der Vorortbebauungen von Friedenau und Groß-Lichterfelde. Er hatte das 2. Staatsexamen absolviert, war Mitglied im Architektenverein und ein zünftiger Architekt und kein Unternehmer-Maurermeister wie viele andere. Auf ihn gehen die meisten Regel-Grundrisse/Fassaden der Landhäuser zurück“.

 

Vom Architekten Max Nagel sind in Friedenau, Lichterfelde, Schöneberg, Steglitz und Charlottenburg rund zwei Dutzend Häuser erhalten. Sie entstanden zwischen 1882 und 1889 und stehen unter Denkmalschutz. Erstaunlich ist dennoch, dass zu diesem Baumeister keinerlei Angaben über seinen Lebensweg zu finden sind. Dies ist ein erster und hoffentlich nur vorläufiger Versuch der Annäherung.

 

Max Nagel kommt 1883 nach Friedenau und zieht in die Saarstraße Nr. 11. Eigentümer des Hauses ist Direktor Simon (Berlin). Nr. 10 gehört dem Gärtnereibesitzer Ludwig Rudolf Metz aus Steglitz. In der Nachbarschaft residierte Rechnungsrat Wilhelm Fröauf (Nr. 4) und Kanzleirat Louis Blankenberg (Nr. 4), die sich im Pensionsalter noch als Friedenauer Kommunalpolitiker betätigen. Zwei Jahre später ist Nagel 1885 Eigentümer des aus der Erstbebauung von Friedenau stammenden Landhauses Friedrich-Wilhelm-Platz Nr. 2. Am 10. März 1885 wählt die General-Versammlung der für Schöneberg, Friedenau, Dt.-Wilmersdorf, Schmargendorf und Gut Dahlem errichteten Ortskrankenkasse neben Steinmetzmeister, Schmiedegeselle, Fleischergeselle, Steinsetzer und einem Arbeiter den Architekten Max Nagel in den Vorstand. Obendrein kann das „Teltower Kreisblatt“ am 24. September 1885 verkünden, dass bei der Gemeindevertreterwahl „Herr Architekt Max Nagel mit 78 von 85 gewählt wurde“.

 

Im August 1885 startet die in der Berliner Behrenstraße 34 residierende „Direction der Terrain-Gesellschaft Groß-Lichterfelde“ eine Kampagne für den Erwerb von „Bauterrains unter günstigen Zahlungsbedingungen zum Verkauf für Baulustige“, und wirbt explizit mit Herrn Architekt M. Nagel aus Friedenau, seiner „großen Praxis und die vielen Erfahrungen, welche demselben durch seine Bauten in der Umgegend von Berlin, ganz besonders in Friedenau, zur Seite stehen, die für die Tüchtigkeit der Ausführung, die praktische Anlage, die geschmackvolle äußere Erscheinung bürgen“.

 

 

 

1891 verkauft Nagel das Anwesen Friedrich-Wilhelm-Platz Nr. 2 an den Ratszimmermeister Hesse (Berlin). 1893 ist der Architekt Otto Hoffmann (1853-1930) Eigentümer der Grundstücke Friedrich-Wilhelm-Platz Nr. 2-3 und Nr. 8-9. Wenig später werden Nr. 1-15 als Baustellen aufgeführt. In den Jahren danach entstehen dort die Kirche „Zum Guten Hirten“ (Architekt Carl Doflein), die drei- bis viergeschossigen Mietshäuser Nr. 9, Nr. 13 und Nr. 14 – eine Bebauung, die bis heute erhalten ist. Laut Adressbuch wohnt Max Nagel 1893 in der „Nürnberger Straße 66 III“. Danach verliert sich seine Spur.

 

Unter Fregestraße Nr. 57 finden Sie weitere Informationen zu Max Nagel mit bisher unveröffentlichen Briefen, Bauzeichnungen und Dokumenten, die uns die Turnerschaft Berlin freundlicherweise für diese Website zur Verfügung gestellt hat.

 

Max Nagel und seine Bauten:

 

18821882

Niedstraße Nr. 13 (Landhaus)

Niedstraße Nr. 17 (Landhaus)

Schmargendorfer Straße Nr. 15 (Landhaus)

Schmargendorfer Straße Nr. 25A (Landhaus)

 

1883

Grunewaldstraße Nr. 19 (Steglitz, Einfamilienhaus)

Grunewaldstraße Nr. 20 (Steglitz, Villa, 1907 umgebaut)

 

1884

Friedrich-Wilhelm-Platz Nr. 12 (Landhaus)

Nußbaumallee Nr. 25 (Westend, Wohnhaus, Entwurf gemeinsam mit Otto Hoffmann)

 

1885

Landhäuser Handjerystraße Nr. 18 (Landhaus)

Sponholzstraße Nr. 33 (Landhaus)

Niedstraße Nr. 18 (Landhaus

Handjerystraße Nr. 87/88 (Landhaus)

Potsdamer Straße Nr. 39 (Lichterfelde, Wohnhaus)

 

1886

Handjerystraße Nr. 21 (Landhaus)

Perelsplatz Nr. 12 (Landhaus)

Hedwigstraße Nr. 18/19 (Wohn- und Geschäftshaus)

 

1887

Handjerystraße Nr. 47 (Landhaus)

Sophienstraße Nr. 2 (Lichterfelde, Wohnhaus)

Viktoriastraße Nr. 4 (Lichterfelde, Wohnhaus)

 

1888/89

1888/89 Niedstraße Nr. 39 (Wohnhaus)

1889/90 Fregestraße Nr. 57 (Villa)

Fregestraße Nr. 58 (Landhaus)

Niedstraße Nr. 24 (Landhaus)

 

 

 

Landhausbauten in der Umgegend von Berlin

Centralblatt der Bauverwaltung, 12. Juli 1884

Max Nagel

 

Die „Gründerzeit“ hat mehr als irgendwo anders in der Umgebung der Reichshauptstadt ihre Spuren zurückgelassen. Eine fieberhafte und plötzliche Steigerung in der Entwicklung der Vorstädte Berlins ging mit dem Überfluss an Geldmitteln Hand in Hand. Die in der Hauptstadt hervortretende Wohnungsnot, verursacht durch einen überraschend starken Zuzug von Menschen, welche in dem Mittelpunkte des neuen Deutschen Reiches ihr Glück suchten, gab den hauptsächlichsten Anlass zu dieser Erscheinung. Das Ackerland verwandelte sich über Nacht in Baugrund, in meilenweitem Umkreise entstanden gepflasterte Straßenzüge, mit Baumreihen bepflanzt, im Geiste der Gründer schon besetzt mit ländlichen Wohngebäuden und zahlreich bevölkert! Großartige Bebauungspläne und genaue Bebauungsvorschriften wurden ausgearbeitet, und der auf die Grundstücke gelegte Bauzwang begann alsbald und überall zu wirken. Doch früher, als man hatte denken können, kam das Ende der Gründungen; das Geld hörte auf zuzufließen, und eine Ansiedelung nach der anderen geriet in Verfall. Die Villenvorstädte wurden dem Berliner zum Spott und der Pflug ging über die Stätte, wo Bauten und Gärten sich hatten ausbreiten sollen.

 

Anders gestalteten sich die Verhältnisse erst nach Verlauf mehrerer Jahre, nachdem die großen Land- und Baugesellschaften meist ihr Ende gefunden und viele kleinere Besitzer ihr Vermögen verloren hatten. Die in die Höhe geschraubten Grundstückpreise fielen und gesundere Verhältnisse kehrten zurück. Hiermit tritt eine neue Zeit für die vielgeschmähten Vorstadtgründungen ein. Der gesunde Gedanke, dem Häusermeere der Hauptstadt zu entfliehen und in ländlicher Umgebung sich ein eigenes Heim zu schaffen, gewann auf erneuter Grundlage wieder Anhänger, und ein langsameres, aber stetig fortschreitendes Wachsthum der Villenorte begann. Zu jener Zeit (Herbst 1881) bildete sich unter dem Vorsitze des Herrn J. Schulze eine Vereinigung mit dem Zwecke, ihren Mitgliedern die Beschaffung billiger Wohnhäuser zu ermöglichen. Die Sache war so gedacht, dass ein Bauunternehmer für den nach kurzer Zeit schon aus etwa 100 Mitgliedern bestehenden Verein die Bodenflächen erwerben und sie mit Häusern besiedeln sollte. Diese Häuser sollten von den Vereinsmitgliedern mittels geringer Anzahlung und durch allmähliche Abzahlung erworben werden können. Bald ergab sich aber, dass auf dieser Grundlage ein Einzel-Unternehmer nicht gefunden werden konnte, und erst nach vielen vergeblichen Versuchen gelang es dem Unterzeichneten, eine Verbindung von Unternehmern zu bilden, welche den Forderungen des Vereins, wenn auch nicht in der ursprünglichen Form, so doch in allen wesentlichen Punkten gerecht geworden ist. Diese Verbindung bestand aus den Herren Architekt O. Hoffmann, damals Vertreter der Verblendziegelei Siegersdorfer Werke, in Gemeinschaft mit dem Besitzer der genannten Ziegelei, Regierungs-Baumeister F. Hoffmann, dem Zimmermeister F. W. Hesse und dem Maurermeister M. Ziegra. Der Verfasser übernahm die gesamte künstlerische und geschäftliche Leitung des Unternehmens, jedoch mit der Maßgabe, dass die Gesellschaft zur Sicherstellung der von ihr geleisteten Arbeiten und Lieferungen mit den Bauherrn behufs Abschluss der Verträge selbst in Verbindung trat. Hinsichtlich des künstlerischen Teils der Aufgabe hat der Unterzeichnete dem Regierungs-Bauführer Herrn Ludwig Dihm (1849-1928) die hervorragendste Unterstützung zu danken.

 

Die Aufmerksamkeit des Vereins hatte sich naturgemäß auf die besonders günstig gelegenen Vororte südlich und westlich von der Hauptstadt gerichtet. Es sind dies Westend, Wilmersdorf, Friedenau, Steglitz, Südende und Lichterfelde. Nach Prüfung aller einschlagenden Verhältnisse aber, namentlich der Wegeverbindungen, hat die ausgedehnteste Bautätigkeit in Friedenau Platz gegriffen, danach in Steglitz und endlich in Lichterfelde. Es darf nicht Wunder nehmen, dass die Wahl besonders oft auf Friedenau gefallen ist, da die Verbindung mit Berlin (täglich einige 70 Züge mit einer Fahrzeit von 9 bis 10 Minuten) hier die bequemste ist. Dazu kommt die Lage an zwei verschiedenen Bahnen, der Potsdamer und der Ring- und Stadtbahn.

 

Friedenau, im Herbste 1871 gegründet, hat eine Einwohnerzahl von ungefähr 3000 bis 4000 Seelen, wenn man den zum Amtsbezirk Schöneberg gehörigen Teil des Ortes mitzählt. Die zum Verkaufe gelangenden Grundstücke haben eine Größe von etwa 70 Qradratruten und liegen an schattigen, gepflasterten Straßen. Der ältere Teil der Anlage zeichnet sich durch schöne, bereits hochangewachsene Gärten aus, und es ist bei der Güte des Bodens zu hoffen, dass auch die neueren Teile bereits in kurzer Zeit den älteren nicht mehr nachstehen werden. Die meisten der schon früher vorhandenen Häuser sind einzelnstehend erbaut und werden von je nur einer Familie bewohnt. Diese Anlage ist auch bei den neu erbauten festgehalten worden, und nur in den seltensten Fällen sind zwei Nachbarhäuser aneinander gebaut oder werden die Häuser von mehr als einer Familie bewohnt.

 

Es kam ursprünglich vor allem darauf an, billige Bauten herzustellen, und man hat daher, ohne der technischen Tüchtigkeit zu schaden, überall die einfachste Ausführung zu Grunde gelegt. Als Bedürfnis wurden für das kleinste Haus 5 Wohn- und Schlafräume nebst den erforderlichen Wirtschaftsräumen, wie Küche und Speisekammer, Waschküche und Keller sowie Bodenraum festgestellt. Die bei den älteren Häusern beliebte Anordnung, den Abtritt in ein besonderes Stallgebäude zu verlegen, ist nicht beibehalten, sondern es ist stets ein Abtrittsraum im Hause selbst geschaffen worden. Be­deutende Schwierigkeiten bereitete die Verlegung der Schlafzimmer in ein besonderes oberes Stockwerk, da hier die Berliner Gewohnheit, alle Räume in einem einzigen Stockwerk vereint zu haben, in Frage kam. Die Küche in das Kellergeschoss zu verlegen, wie es bei größeren Villenbauten so häufig geschieht, scheiterte an dem  Widerspruch fast sämtlicher Hausfrauen. Es kann nicht geleugnet worden, dass derjenigen Hausfrau, welche sich persönlich viel um die Küche bekümmern muss, eine bedeutende Zunahme an Arbeit erwächst, wenn die Küche im Keller, die Wohnräume im Erdgeschoss und die Schlafräume im I. Stock liegen. Die geringste Bausumme für ein Wohnhaus ohne Grund und Boden und ohne alle Nebenanlagen, wie Umwehrung des Grundstücks, Brunnen usw., hat sich auf rd. 10500 Mark ergeben, und es sind derartige Häuser in größerer Anzahl erbaut worden.

 

Bei den geradezu trostlosen Erfahrungen, welche in den früheren Jahren in diesen Villenorten mit dem Putzbau gemacht worden sind, ist die Ausführung sämtlicher Bauten in Ziegelrohbau erfolgt. Alle dem Wetter ausgesetzten Teile der Gebäude sind aus gutem und echtem Material hergestellt. Stuck ist gar nicht zur Verwendung gelangt. Diese Art der Ausführung hat sich auch eines so großen Beifalls zu erfreuen, dass diejenigen Bauherren, welche Putzbauten zu haben wünschen, schon sehr selten geworden sind. Die Dächer sind fast sämtlich mit Siegersdorfer Falzziegeln gedeckt, die sich als vorzügliches Deckmaterial bewährt haben. Erst in neuester Zeit wurden einige Villen in Schieferdeckung nach deutscher Art ausgeführt.

 

Auf die Sicherung der Häuser gegen Erdfeuchtigkeit ist das größte Gewicht gelegt worden, da bei dem meist vorhandenen fetten Lehmboden die Gefahr der Schwammbildung nahe lag. Asphaltisolierschicht, Goudronanstrich und Luftisolierschicht sind daher in jedem Hause zur Ausführung gebracht. Der fast immer gestellten Anforderung nach Wasserleitung ist dadurch Genüge geschehen, dass in den Küchen der Wohnungen besondere Pumpen angebracht sind, sodass das Wasserholen vom Hofe überflüssig wird.

 

Ich gebe vorstehend die Darstellung von zwei Häusern, von welchen das eine in Steglitz für den geheimen expedierenden Sekretär Herrn Ritter, das andere in Friedenau für Herrn Maler J. Günther zur Ausführung gelangt ist. Beide sind charakteristisch für die von uns gewählte Form bei Anwendung überstellender Dächer oder bei Hochführung massiver Giebel. Das erstere ist gleichzeitig ein ziemlich getreues Abbild der von uns erbauten billigsten Häuser. Die Grundrissanordnung ist bei beiden Häusern dem von uns entworfenen Normalgrundriss entsprechend. M. Nagel.

 

 

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