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Sommergeschichte I

Wir waren in Italien

 

Natürlich präsentierte sich die ligurische Küste so elegant wie sonst auch, selbstredend luden Portofino, Rapallo, Santa Margherita, Chiavari, Sestri Levante und Moneglia zum Verweilen ein. Doch wir waren traurig, weil die Deutschen die Italiener ein zweites Mal verschmäht haben in diesem Jahr der Enttäuschungen. Wir waren in Italien und alleingelassen von unseren Landsleuten – wie die Italiener auch. Aus Europa waren nur wenige Touristen gekommen.

 

Was hat Covid angerichtet? Als die erste Welle der Pandemie Italien hart getroffen hatte, lauteten die deutschen Antworten Grenzen zu und Abschottung. Von Hilfe für das Sehnsuchtsland jenseits der Alpen keine Spur. Das war für die Italiener die erste Enttäuschung.

 

Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn? Als Italien sich für Gäste wieder öffnete, wagen sich wenige über den Brenner – allerdings nur nach Südtirol. Schon in Brixen verließen die Deutschen die Autostrada del Brennero ins sichere Pustertal. Die restlichen deutschen Kfz-Schilder verschwanden an den Ausfahrten zum Gardasee. Weiter kamen die Deutschen nicht. Schon gar nicht über Verona, Parma und den Apennin an die italienische Riviera.

 

Was waren das für Zeiten, als eine Reise nach Italien ein Muss der kultivierten europäischen Gesellschaft war. Mehr noch – als sich die Vertreter der einst verfeindeten Kriegsnationen 1922 zur Konferenz von Genua trafen, um das zertrümmerte Europa wieder zusammenzukitten. Für die deutsche Delegation von Außenminister Walter Rathenau waren dabei die Treffen mit den Sowjets im Grandhotel Imperial an der ligurischen Küste wichtiger. Hier gab es zwar keine Fortschritte in der Reparationsfrage, aber immerhin verschaffte der bilaterale Vertrag von Rapallo vom 16. April 1922 Deutschland außenpolitisch mehr Handlungsfreiheit. Der Salon, in dem Deutsche und Russen schließlich die Vereinbarung unterzeichneten, ist auch für Nicht-Gäste der mondänen Unterkunft in diesen Corona-Zeiten zu besichtigen.

 

Wer sich in diesem Sommer zudem auf die atemberaubende Küstenstraße nach Portofino getraut hätte, hätte dort über ein weiteres Kapitel deutsch-italienischer Geschichte erfahren können. Hoch oben auf dem Sattel von Portofino hatte Freiherr Alfons Mumm von Schwarzenstein neben der Kirche 1910 das Castello San Giorgio als Wohnsitz erworben. Der Ex-Diplomat und Spross der Wein- und Champagner-Dynastie G. H. Mumm Johannisberg und Reims empfing dort am 6. Mai 1914 wenige Wochen vor dem Ersten Weltkrieg nicht nur Kaiser Wilhelm II. nebst Gattin Auguste Viktoria, sondern nach dem Fiasko am 16. April 1922 Minister und Diplomaten, die in Genua und Rapallo am Verhandlungstisch saßen.

 

Wenige Wochen danach notierte er: Der schönen Worte wurden viele gewechselt, aber Europa vermisst noch die Tat, von der es den Wiederaufbau erhoffte. Nur allein Rathenau hat gehandelt, dabei aber die Töpfe zerschlagen, in denen das Essen für Deutschland gekocht werden sollte. Indessen wollen wir nicht unterschätzen, dass nach langen Jahren der Feindseligkeiten zum ersten Male wieder ein friedlicher Meinungsaustausch auf dem Boden der Gleichberechtigung zwischen uns und zu unseren bisherigen Gegnern angebahnt worden ist. Insofern aber haben die in Genua und Rapallo vertretenen Mächte endlich die Notwendigkeit erkannt, Deutschland im allgemeinen europäischen Interesse vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Und deshalb wollen wir die Hoffnung nicht aufgeben, dass die Konferenz sich in der Folge doch als ein Meilenstein auf dem Weg zum wahren Frieden erweisen möge, und schließen uns daher gerne dem Schlusswort Rathenaus an, der unter stürmischer Zustimmung aller – außer den französischen – Delegierten ausgerufen hat: Ich rufe Frieden, Frieden, Frieden.“ Am 24. Juni 1922 wurde Walther Rathenau im Berliner Grunewald ermordet.

 

Alfons von Mumm starb am 10. Juli 1924. Portofinos Ehrenbürger wurde hinter der Kirche zum Heiligen Georg im protestantischen Teil des Dorffriedhofs begraben. Die Baronessa aber, Jeannie von Mumm, wurde zur Legende. Im April 1945 hielt sie den deutschen Wehrmachtskommandanten Ernst Reimers persönlich davon ab, das im Fischerdorf bereits überall deponierte Dynamit zur Explosion zu bringen und bewahrte den Ort damit vor der Zerstörung durch die abziehenden Deutschen. 1953 wurde sie im Grab ihres Mannes beigesetzt. Ehrenbürgerschaft und Gedenktafel erinnern bis heute an diese mutige Tat: ALLA BARONESSA VON MUMM; PERVASA DAL PROFUMO DEL MARE E DALLE CAREZZE DEL VENTO, CHE FERMO LA BARBARIE CON GESTO CORAGGIOSO, I CITTADINI DI POROFINO POSERO A MEMORIA:

 

Italien, Deutschland, Europa – auf der Küstenstraße nach Cinque Terre gibt es an vielen Ecken Anknüpfungspunkte – aber in diesem Jahr bleiben die Deutschen weg. Wer beobachtet, wie vorbildlich Hotels, Gaststätten und Läden die Corona-Regeln umsetzen, wie pflichtschuldig Masken in Chiavari selbst unter den Arkaden der Via Martini della Liberazione oder auf dem täglichen Markt der Piazza Mazzini getragen werden, kann die furchtgetriebene Zurückhaltung der Ausländer nicht verstehen – ja, muss sie verurteilen, weil sie weiteren menschlichen und wirtschaftlichen Schaden im Land anrichtet.

 

Dabei würde die schöpferische Kraft, die der Däne Hans-Christian Andersen 1833/34 in Sestri Levante tankte, auch manchem Nordländer heute guttun. Andersens Kleine Meerjungfrau mag nicht direkt aus der Baia di Silencia gestiegen sein, aber die Idee stammt aus dem kleinen ligurischen Ort, den der Dichter so liebte, der ihn schließlich auch zum Improvisator inspirierte, einem Roman großer Gefühle und Träume, in dem Andersen seinen Helden Antonio ausrufen lässt: Wollte ich die Welt schildern, so musste ich stärker in ihr leben.

 

Wir taten es, akzeptierten, dass Extra Vergine di Oliva, Aceta Balsamico und Parmigiano in Plastikbeuteln und Pane in Papiertüten serviert wurden, genossen bei DA SERGIO in Sestri Levante wie immer Cozze, Vongole und Acciughe in zuverlässiger Frische, stürzten uns am kleinen freien Sandstrand Rená in Riva Trigoso in die Wellen, registrierten, dass nebenan auf der Werft FINCANTIERI eine Fregatte für die italienische Küstenwache im Entstehen war, Modell Multipurpose Offshore Patrol Vessel, die schon bald auch für die Deutschen im Mittelmeer die europäische Außengrenze schützen würde. Dermaßen beruhigt entschlossen wir uns am frühen Abend zur Fahrt durch den für Autos freigegebenen ehemaligen Eisenbahntunnel nach Mognelia, um hoch über dem Ort und inmitten von Olivenhainen im L’ULIVETO ligurische Hausmannskost zu genießen: Ravioli di spinaci in salsa di ricotta e noci als Vorspeise und Arrosto di Vitello als Hauptgericht. O bella Italia. Schön wars. Den Deutschen ist etwas entgangen.

 

***

 

Sommergeschichte II

Zwei Italiener in Berlin

 

Ihre Biografien warten mit einigen Parallelen auf. Ferruccio Busoni und Valentino Casal waren Italiener. Beide kamen etwa zur gleichen Zeit nach Berlin. Casal 1891. Zwei Jahre später heiratete er die in Tilsit geborene Ida Eva Alexandra Sucht (1872-1948). Aus der Casalschen Ehe gingen die Kinder Leonora (1893), Eugenie (1896) und Peter (1900) hervor. Busoni kam 1894 mit seiner aus Schweden stammenden Ehefrau Gerda Sjöstrand (1862–1956) und Sohn Benvenuto (1892) an. 1900 kam Sohn Rafaello hinzu. Busonis Tätigkeiten als Pianist, Dirigent und Lehrer ermöglichten ihm einen hohen Lebensstandard. Abgesichert durch ein erhebliches Geldvermögen zog er 1910 mit Familie in die hochherrschaftliche Mietwohnung am Viktoria-Luise-Platz Nr. 11 – ausgestattet mit Musiksalon, zwei Flügeln, Bibliothek mit 5000 Büchern und einem persönlichen Aufzug in den 5. Stock.

 

Valentino Casal erwarb im Januar 1899 in Friedenau das Grundstück zwischen Wilhelmstraße Nr. 7 (Görresstraße) und Bachestraße Nr. 10. Die Gemeindevertretung genehmigte das Baugesuch zur Errichtung von Wohn- und Werkstattgebäuden. Bis 1901 entstanden dort im Auftrag von Kaiser Wilhelm II. elf von 32 marmornen Monumenten für die Siegesallee im Tiergarten. Denkmale für Goethe, Moltke, Wagner, repräsentative Grabmale für die Friedenauer Albert Hirt und Wilhelm Prowe auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße folgten. Er konnte sich einen bemerkenswerten Besitz erarbeiten, besaß ein Grundstück mit Gebäuden ohne Schulden im Wert von 125.000 Mark, zuzüglich 55.000 Mark stabile Vermögenswerte, die durch Gold abgesichert waren. Ich hatte ein gut ausgestattetes Atelier mit einem reichhaltigen Lager an Marmor in einem Gesamtwert von 45.000 Mark. Ich hatte keine Schulden. Im März 1910 reiste er mit seiner Frau nach Florenz, wollte mit der Familie in dem schönen Land leben, in dem ich geboren wurde. Ich hatte die Absicht, eine Villa in Fiesole zu kaufen, aber meine Frau stimmte nicht zu. Ein Haus auf dem Lido di Venezia lehnte sie ebenso ab. In Venedig wären meine Verwandten, gute geehrte Menschen, aber kompliziert. Sie fürchtete sich vor der Isolation. 1912 und 1913 versuchte er es über die Töchter. Wir besuchten alle größeren Städte, sahen viele Kunstwerke und genossen die Schönheit der Natur. Frau und Kinder aber wollten in Berlin bleiben.

 

Es kam der 28. Juni 1914. In Sarajevo wurden Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie ermordet. Am 28. Juli 1914 erfolgte die Kriegserklärung von Österreich-Ungarn an Serbien. Italien als Mitglied des Dreibundes mit Deutschland und Österreich-Ungarn verbündet, erklärte zunächst seine Neutralität und verhandelte in geheimen Treffen mit der Entente. Nachdem Italien mit dem Londoner Vertrag vom 26. April 1915 territoriale Zugeständnisse hinsichtlich Tirol, Trentino und Triest erreicht hatte, erfolgte am 23. Mai 1915 die Kriegserklärung an Österreich-Ungarn. Innerhalb weniger Tage wurde aus einem Lokalkrieg ein Kontinentalkrieg – da Österreich-Ungarn, Deutsches Kaiserreich, Osmanisches Reich, Bulgarien, dort Italien, Frankreich, Großbritannien, Russland, Serbien, Belgien, Rumänien – der Erste Weltkrieg.

 

Ferruccio Busoni und Valentino Casal wurden Personae non gratae. Hinzu kam die Aufforderung des Kaiserlichen Auswärtigen Amtes an die deutschen Kreditinstitute und Bankiers, wonach diese jeden italienischen Untertan als feindlichen Ausländer zu erachten hätten und jede Zahlung, die ihm etwa geschuldet sein sollte, hinanhalten sollten. Noch rechtzeitig reiste Casal am 7. Mai 1915 mit Sohn Peter nach Zürich. Vor Verlassen Berlins übergab ich meiner Frau 3000 Mark und eine Vollmacht (procura generale) für die Deutsche Bank, so dass sie unsere Interessen vertreten konnte. Im Juli 1915 hatte er ein schönes Haus am Zürichsee gefunden. Seine Frau aber wollte mit den Kindern in Friedenau bleiben. Casal gab nach und schickte den Sohn nach Berlin zurück.

 

Von Angst und Unsicherheit geplagt, auch um Zeit zu finden, seine delikate Lage zu überdenken als Mensch zwischen zwei Nationen, die sich nunmehr feindlich gegenüberstanden, entschloss sich Busoni bei Ausbruch des Krieges zu einer seit geraumer Zeit ins Auge gefassten Tournee in die Vereinigten Staaten. Doch schon im Sommer 1915 kehrte er nach Europa zurück. Er entschied sich, die Schweiz um politisches Asyl anzusuchen. Anfang Oktober 1915 bezieht er in Zürich eine Wohnung, übernimmt die Leitung des Tonhalle-Orchesters und kann mit Arlecchino und Turandot am 11. Mai 1917 seine ersten Opern- und Bühnenprojekte zur Uraufführung bringen.

 

Für Casal war es schwieriger. Da die Familie nicht in die Schweiz wollte, stellte ich im August 1916 den Antrag auf Wiedereinreise nach Deutschland. Er wurde abgelehnt. Ich sei unerwünscht. 1917 beantragte er in der Schweiz die Einbürgerung. Da meine Familie jedoch noch immer in Deutschland wohnhaft war, könnte mein Antrag nur angenommen werden, wenn ich mit meiner Familie in der Schweiz wohnhaft wäre. Als die Familie dann später Zuflucht bei mir in der Schweiz finden wollte, war es zu spät. Die Schweiz wollte keinem Ausländer die schweizerische Nationalität gewähren. Unmittelbar nach dem Waffenstillstand von Compiègne am 11. November 1918 fuhr ich nach Berlin zu meiner Familie. Das Anwesen Wilhelmstraße Nr. 7 (Görresstraße) war inzwischen beschlagnahmt. Laut Adressbuch ist von 1918 bis 1921 die Gemeinde Friedenau als Eigentümerin und als Mieter Obergärtner Piekowski und für das Atelier Bildhauer Heinrich Mißfeldt eingetragen. Casal zog 1919 vorerst mit Ehefrau Ida Eva, den Töchtern Leonora und Eugenie sowie Sohn Peter nach Lichterfelde in die Hortensienstraße Nr. 12. Mit Übernahme des Anwesens durch die Grundstücksverwaltung Schöneberg wurden am 22. März 1922 die auf die Bachestraße ragenden Bauten der Ateliers entfernt. 1923 ging das gesamte Grundstück an das Bezirksamt XI (Schöneberg) der Stadt Berlin. Am 18. Juni 1934 erklärte sich das Bezirksamt Schöneberg mit dem Abriss sämtlicher Gebäude auf dem Grundstück Wilhelmstraße Nr. 7/Bachestraße Nr. 10 und der Schaffung einer Parkanlage einverstanden. Die Abrissarbeiten wurden 1935 ausgeführt. Es entstand der heutige Spielplatz zwischen Görres- und Bachestraße.

 

In Zürich sehnte sich Ferruccio Busoni nach Berlin zurück. Berichtet wird, dass Stefan Zweig den Komponisten im Bahnhofsrestaurant traf. Er hatte sich mit zwei Flaschen Wein betäubt. Dann kommt der befreiende Ruf. Er soll die Leitung der Meisterklasse an der Preußischen Akademie der Künste übernehmen. Im September 1921 kehrt er zurück. Fünf Studenten nimmt er an – darunter Edgar Varèse (1883-1965) und Kurt Weill (1900-1950). Er zieht wieder in die Wohnung am Viktoria-Luise-Platz. Montags und donnerstags empfängt er seine Schüler – eigentlich für eine bis anderthalb Stunden Unterricht, die aber erst am Abend beendet werden. Danach verabschiedet er sie, steigt in den Fahrstuhl, lässt sich die fünf Stockwerke hinunter tragen, hinein in die Gastwirtschaft des Hauses.

 

Busoni, der sein Geld den deutschen Banken anvertraut hatte, verlor durch die Inflation fast sein gesamtes Vermögen. Obendrein hatte seine Gesundheit unter dem reichlichen Genuss von Wein und Zigarren gelitten. Jakob Wassermann (1873-1934), der ihm im Dezember 1922 zum letzten Mal begegnete, erinnerte sich an einen Greis mit zerwühltem Gesicht und schneeweißem Haar. Für Busonis Assistenten, den Pianisten Gottfried Galston (1879-1950), ward dem Meister der Töne und dem herrlichen Geist großer Harmonien kein friedliches Sterben beschert. Immer in all diesen schweren, schweren zwei Jahren gab es hässlichen Kampf um ihn, mit ihm, er gegen alles, alles um ihn, in Streit und Keilerei. Eifersucht, Missgunst und Gereiztheit zerrissen die Luft bis zur allerletzten Stunde. Kurt Weill merkte an: Das war ein heidnisches Sterben. Busoni stirbt am 27. Juli 1924 im Alter von 58 Jahren. Einen Tag später nahm Bildhauer Kurt Kroner (1885-1929) die Gesichtsmaske. Sein Ehrengrab auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße wurde von Georg Kolbe (1877-1947) gestaltet.

 

Casals Familie war inzwischen von Berlin nach Heidelberg gezogen. Die Tochter war am Stadttheater Heidelberg als Sängerin engagiert, er arbeitete ab März 1923 als Porzellanmodellierer bei der „Königlich privilegierte Porzellanfabrik“ im oberfränkischen Tettau. Was ich dort verdiente, teilte ich zur Hälfte mit meinem Sohn Peter, der in Darmstadt studierte. Im Januar 1926 wurde ich zum Professor für Bildhauerei an der Art School von Padua ernannt – weit weg von meiner Familie. Am 22. Dezember 1927 entschied ich mich, für immer nach Heidelberg zurückzukehren.

 

Casal, der in Berlin enteignet wurde, dessen Konten von Treuhändern verwaltet und der Regierung von Rom übertragen wurden, musste, um gegen Deutschland auf Schadensersatz zu klagen, nach dem Vertrag von Versailles seine Rechte beim deutsch-italienischen Schiedsgerichtshof in Rom geltend machen. Im Dezember 1925 kam das Verfahren zum Abschluss. In Folge der Inflation reduzierten sich die Ansprüche: Ich erhielt italienische Lira als Gegenleistung für meinen Goldwert. Ich musste es hinnehmen, denn die miserable Rate wurde durch den berüchtigten Versailler Vertrag festgelegt.“ Nachdem das Reichsausgleichsamt die Entschädigung überwiesen hatte, kaufte das Ehepaar 1929 die Villa in der Heidelberger Scheffelstraße Nr. 1. Ehefrau Ida Eva gründete dort ein Töchterpensionat. Er legte sich in der Oberen Neckarstraße Nr. 29 ein Atelier zu. Dort entstanden Statuen und Reliefs in Gips, Terracotta, Marmor, Bronze. In Heidelberg sind sie beide gestorben, Ida-Eva Casal am 24. August 1948, Valentino Casal am 8. Juni 1951. Er war davon überzeugt, dass er mit seiner eigenen Kunst auch einen Namen hinterlassen haben würde, wenn es nicht 1914 den schrecklichen Weltkrieg gegeben hätte.

 

Ende der deutsch-italienischen Geschichte.

 

Tankred Dorst. Foto Rosemarie Clausen

Tankred Dorst ist tot

 

„Wenn er noch a wenig geward häd … höchstens amol ohm an seim Fenster hast na gseng, wennst vorbei ganga bist. Ausm Haus isser des gansa letzda Jahr nimmer.“

(Aus „Dorothea Merz“, Beerdigungstag).

 

Seine deutsche Trilogie folgt der eigenen Lebensspur. Seine Theaterstücke „Auf dem Chimborazo“ (1975), „Die Villa“ (1980) und „Heinrich oder die Schmerzen der Phantasie“ (1985), aber auch der fragmentarische Roman „Dorothea Merz“ (1976) erzählen Familiengeschichte. Tankred Dorst war einer der meistgespielten Autoren des deutschen Gegenwartstheaters. Nun ist er am 1. Juni 2017 mit 91 Jahren in Berlin gestorben.

 

Geboren wurde er am 19. Dezember 1925 im heutigen Sonneberger Ortsteil Oberlind. Großvater Georg hatte dort 1860 eine Fabrik gegründet, die Maschinen zur Fertigung von keramischen Kleinteilen für die damals blühende Welthauptstadt des Spielzeugs fertigte. Als Oberschüler wurde er 1943 zum Reichsarbeitsdienst und zur Wehrmacht einberufen. Das Kriegsende erlebte er in Gefangenenlagern in England und den USA. Als er 1947 entlassen wurde, gehörten Oberlind und Sonneberg zur sowjetischen Besatzungszone. Die Familie war nach Oberbayern geflohen, die Fabrik enteignet worden und nannte sich nun VEB Thuringia Sonneberg.

 

Tankred Dorst holte das Abitur nach und studierte ab 1950 in München Germanistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften. Mit seinen „deutschen“ Stücken und Texten hat er dem nordöstlichen Teil des alten Frankenreiches ein literarisches Denkmal gesetzt. Was er in den siebziger Jahren an realistischen Bildern aus der damaligen deutschen Gegenwart fixierte, ist inzwischen Geschichte. Die ist allerdings mit einer bezwingenden Kenntnis der Menschen und ihres Denkens erzählt.

 

Seine Stücke charakterisieren das Land und seine Bewohner treffend und pointiert, bis hin zu ihrem eigenwilligen Sprachgemisch aus ein bisschen Südthüringisch und viel Nordfränkisch. Dafür habe ich, ein geborener Sonneberger, den Sonneberger Tankred Dorst immer bewundert. Ich werde ihn vermissen. Geblieben sind seine Texte und seine Schauplätze. Da ist Sonneberg, was er „Grünitz“ nennt, das ist der „Chimborazo“, mit dem er den fünfhundertfünfzehn Meter hohen Mupperg meint und der schon im Fränkischen liegt, und da ist die elterliche „Villa“ in der Lutherstraße, die wiederum zum Thüringischen gehört.

 

Als Tankred Dorst 1990 mit dem „Georg-Büchner-Preis“ ausgezeichnet wurde, sagte der kongeniale Theaterkritiker Georg Hensel in seiner Laudatio: „In unseren Dezennien hat kein anderer deutscher Stückeschreiber so viele Tonarten, eine solche Orgelbreite: sentimental, treuherzig, tolpatschig, gefühlvoll, humorvoll, ironisch, sarkastisch, zynisch-ordinär, hundsgemein - und immer taghell.“

 

Eine Jugend in Sonneberg

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Vom Türschild. Aus Zentralblatt der Bauverwaltung, 18.1.1918

Vom Türschild

Gefunden im: Zentralblatt der Bauverwaltung, Nr. 6, 12. Januar 1918, Seite 25 und 26

 

Tür- und Fensterbeschläge müssen jetzt für Kriegszwecke abgegeben werden, soweit sie nur Metallwert besitzen. Es ist zu erwarten, daß hier jedes Kunstwerk sorgsam zurückgestellt wird, weil der Metallverlust unbedeutend ist. Trotzdem bleibt die Gefahr, daß bei dem Massenaufgebot manches schöne Stück verschwindet, und dieser Gedanke hat die Veranlassung gegeben, Proben alter Türschlösser im Bilde zu sammeln und ihnen hierdurch zu weiterer Lebensdauer und Verbreitung zu verhelfen. Dabei ergab sich die Wahrnehmung, daß der Gebrauchsname Schlüsselschild durch die Bezeichnung Türschild ersetzt werden sollte, weil das Schild der Art der Tür angepaßt ist, wie sich im folgenden mehrfach zeigen wird.

 

In Abb. 1 ist eine einfache Gebrauchsform gegeben. Unten der Hauptteil a mit dem Schlüsselloch, darüber der Rundteil o, der Sitz des beweglichen Drückers, durch eine Kehle vom Schilde getrennt als selbständiger Bestandteil; darüber die Bekrönung c. Diese einfache Grundform kommt häufig unverändert vor. An Stelle der Bekrönung tritt zuweilen die Endigung nach Abb 3 u. 4. Bei reicherer Ausführung sind beide beliebt, aber in der Bildung verschieden (Abb. 9 u. f ). Dem Rundteil entspricht am klarsten der olivenförmige Drehknopf, dessen Bewegung er anzudeuten scheint (Abb. 3 u. 8); er ist wohl meist der ursprüngliche Griff gewesen und bei Abgang durch den Hebelgriff ersetzt worden. Bei inneren Türen in alten Häusern findet er sich noch häufiger, während bei den schweren Haustüren die Stange ihn verdrängt hat. Gerade den einfachen Schilden gibt das Rundteil oder Halbrund ein bedeutsames Gepräge, besonders wenn es zugleich die obere Endigung bildet. In Abb. 11 ist es sogar verdoppelt an einem großen Torschild ...

 

 

 

 

Dauerausstellung in der Zitadelle Spandau

Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler

 

Das dürfte für Friedenau interessant sein: Am 29. April 2016 wird in der Spandauer Zitadelle die Dauerausstellung „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“ eröffnet. Darunter das, was zwischen 1898 und 1901 auf den Grundstücken Wilhelmstraße Nr. 7 (heute Görresstraße) und Bachestraße Nr. 10 im Bildhauerhof von Valentino Casal an Denkmälern für die Siegesallee im Tiergarten entstanden ist.

Für Robert Musil waren diese schon 1927 so unvergesslich, weil „eine Postenkette aus Marmor sonst nirgends in der Kriegsgeschichte vorkommt“. Max Frisch, der im November 1947 wieder nach Berlin kam, beschrieb in seinem Tagebuch das Ende: „Mittagsrast im Tiergarten. Eine baumlose Steppe mit den bekannten Kurfürsten, umgeben von Schrebergärten. Einzelne Figuren sind armlos, andere mit versplittertem Gesicht. Einer ist offenbar vom Luftdruck gedreht worden und schreitet nun herrisch daneben. Außer einem Hund, der mein Picknick riecht, bin ich allein. Im Hintergrund ragt das Denkmal der Roten Armee, das in der Nacht beleuchtet ist.“

 

Kurz danach wurden die verbliebenen Rest abgebrochen, vergraben, wieder ausgegraben und schließlich irgendwo untergestellt. Elf von 32 wahrlich monumentalen Marmorgruppen mit den Skulpturen von Gestalten der preußischen Geschichte wurden seinerzeit in den Ateliers auf dem Gelände des heutigen Spielplatzes Görresstraße nach den Entwürfen namhafter Bildhauer von Valentino Casal in weißen Marmor aus Carrara verewigt.

 

Diese politischen Denkmäler bzw. das, was über die Zeit gerettet wurde, werden nun mit der Dauerausstellung wieder ans Licht der Öffentlichkeit gerückt. Der Anblick wird nicht immer erfreulich sein, da sie nicht rekonstruiert, sondern nur im vorgefundenen Zustand konserviert wurden. Auf den hinterlassenen Spuren aber wird deutsche Geschichte sichtbar – über Denkmäler, die das Berliner Stadtbild vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart geprägt haben. Sie setzen ein Zeichen der Erinnerung.

 

Der eigentliche circa 300 Seiten umfassende Katalog erscheint erst im September 2016. Es sei deshalb darauf hingewiesen, dass die Ausstellung folgende Friedenauer Arbeiten präsentiert: Markgraf Otto I. (Max Unger, 1898), Markgraf Otto II. (Joseph Uphues, 1898), Markgraf Albrecht II. (Johannes Boese, 1898), Markgraf Johann I. und Markgraf Otto III. (Max Baumbach, 1900), Kurfürst Friedrich I. (Ludwig Manzel, 1900), Kurfürst Joachim I. (Johannes Götz, 1900),König Friedrich I. (Gustav Eberlein, 1900) und Kaiser Wilhelm I. (Reinhold Begas, 1901).

 

Abschied von Air Berlin, Tegel am 27.10.2017. rbb

Abschied von Air Berlin

28.10.2017

 

Viele Jahre wohnte er gegenüber im II. Stock der Eckwohnung Stierstraße Nr. 9. Viele Jahre nahmen wir dort an seinen Festivitäten teil, die er allzu gerne abhielt. Immer möglichst viele Leute, dabei Vater, Mutter, Ehefrau Veronika und Piloten und Stewardessen von Air Berlin. War er unterwegs, dann war es in der Stierstraße still, kaum war er da, dann hörten wir seine Stimme und sein Lachen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Als am 5. September 2006 der erste Spatenstich für den Flughafen Berlin Brandenburg „Willy Brandt“ erfolgte, bekannt wurde, dass der Flugbetrieb im Oktober 2011 starten und Air Berlin dort Basis und Drehkreuz installieren würde, dachte er lange über das Für und Wider eines Wohnsitzwechsels nach. Schließlich erwarb er ein Häuschen in Altglienicke – wenige Minuten von der Arbeitsstelle entfernt – dachte er. Von Friedenau kam er dann lange nicht los.

 

Dirk Sommerfeld wurde 1964 in Steglitz geboren. Er machte den Pilotenschein, war danach 5 Jahre bei „Germania“ und wechselte dann zu „Air Berlin“. Dort flog er die „Mittelstrecke“, was Flugziele bis zu 3000 km und eine Flugdauer von 3,5 h bedeutete, zuerst mit der von ihm geliebten Boeing, später mit dem Airbus. Am 27. Oktober 2017 war er 17 Jahre bei „Air Berlin“. Ein wortgewaltiger Mann, in den Betriebsrat gewählt und vom fliegenden Personal geschätzt.

 

Einige Male sind wir mit ihm geflogen, nach Palma de Mallorca, wo wir mit der Crew zwei Tage verbringen konnten, perfekt organisiert von Kapitän Sommerfeld, oder den Flug nach Madeira. An den „Aeroporto de Santa Catarina“ von Funchal und seine allzu kurze Start- und Landebahn erinnerten wir uns, als am 7. August 2017 „wegen heftiger Winde“ 56 Verbindungen annulliert werden mussten. Auf dem Weg von Tegel über die Luftkontrollstationen Maastrich, Brest, Madrid, Lissabon und Funchal erklärte er uns im Cockpit die Schwierigkeiten für den extrem schwierigen Anflug auf Madeira: „Für Funchal müssen Piloten speziell ausgebildet sein, da die Landebahn am Fuß einer Steilküste liegt. Eingeschlossen vom Meer auf der einen und mächtigen Felsen auf der anderen Seite ist die Landung nicht einfach, obwohl die Landebahn von 1781 Metern auf 2777 Meter verlängert wurde – auf Betonpfeilern im Meer. Starke Scherwinde erschweren die Landung jedoch noch immer. Die Piloten müssen minutenlang direkt auf die Berge zusteuern, um im letzten Moment das Steuer herumreißen und das Flugzeug zu landen.

 

Dirk Sommerfeld liebte schwierige Flughäfen. Bergamo, Lugano und Corfu, Hügel rechts, Hügel links, ringsum Wasser, gehören dazu. Er gehört jedenfalls zu jenen Piloten, die sich um eine Zukunft im Cockpit nicht sorgen müssen.