Der weiße Klotz links neben der Schule deutet den Neubau auf dem ehemaligen Edeka-Markt an. Quelle OFB Projektentwicklung Berlin

 

Das Jahr 2020

 

Die EDEKA-Zentrale in Hamburg als Eigentümer des Grundstücks Handjerystraße 98-99 hat lange genug gepokert: Zuerst mit der BÖAG, dessen Vorstand Lars Böge den Flachbau in der Handjerystraße Nr. 98-99 als Entrée für sein Wohnprojekt auf dem Bahndamm nicht repräsentativ fand, nun abschließend mit der OFB Projektentwicklung GmbH Berlin. Görse & Meichsner waren im Besitz eines sehr langen Mietvertrages - aber nur Pächter. Ihr EDEKA-Markt musste am 16. Mai 2020 schließen. Der Flachbau wird abgerissen. Es kommt ein sechsstöckiger Neubau mit Tiefgarage, Supermarkt und Wohnungen. Obwohl Baufachleute aus dem Schöneberger Rathaus eingestehen, dass die Bebauung dort sehr dicht ist, wird jetzt an der Handjerystraße noch ein weiterer Klotz hochgezogen.

 

Nicht herauszufinden war bisher, wer Eigentümer des Grundstücks ist. Wer baut? Wer finanziert? In Betracht kommen EDEKA Hamburg, OFB Projektentwicklung, HELABA Immobiliengruppe, Ten Brinke Group. Nicht vorstellbar ist allerdings, dass die städtische Wohnungsbaugesellschaft Howoge  involviert ist. Geblieben ist die Werbung, die den Leuten weismachen will, dass die Bauten im schönen Stadtteil Friedenau liegen, ein grünes, nahezu autofreies Quartier zum Wohnen und Arbeiten mit großzügigen Grünanlagen und Spielplätzen sowie einer exzellenten Verkehrsanbindung. Kurzum – ein entspannt urbaner Lebensraum.

 

Nichts davon stimmt, und das vermuten inzwischen auch Interessenten, die sich für die weiteren Bauten einfach nicht finden lassen. Das Areal liegt nicht im schönen Stadtteil Friedenau, sondern auf einem Bahndamm mit Gleisen für den Innenstadtring, S-Bahn nebst Abstellanlage und dem Autobahnstadtring. Lärm rund um die Uhr. Kohlenstoffdioxid gratis. Wer will da sein Geld anlegen? Wer will da schon wohnen?

 

Wohnen, wenn davon überhaupt die Rede sein kann, ist nur möglich, weil zwischen Handjery- und Hauptstraße hautnah an Gleisen und Autobahn auf 600 Meter Länge Bauten entstehen, die erst einmal nichts anderes als ein Schallschutzriegel sind. Küche und Bad nach Norden, wohnen nach Süden mit Blick auf das 10 Meter entfernte Nachbarhaus. Für den entstehenden Riegel werden schon Bilder beschworen: Koloss von Prora der Organisation Kraft durch Freude von 1939, oder zeitnaher 1972, die 350 Meter lange und acht Stockwerke hohe Papageiensiedlung am Cherusker Weg direkt an der A 66 bei Frankfurt-Höchst – vor fünfzig Jahren als städtebauliche Sensation gefeiert, heute laut FAZ als Ghetto verrufen. Freiwillig kommt kaum jemand hierher. Viele Bewohner sind resigniert und wollen nur noch weg.

 

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Es steht nicht gut um das Projekt. Drei Viertel des Areals sind nur Sandwüste. Auf knapp einem Viertel wird seit April 2019 gebaut – mit einem politischen Trick, damit überhaupt etwas vorangeht. Dort entstehen auf 6000 Quadratmetern zwei Häuser mit 238 sozial geförderten 1-, 2-, 3- und 4-Zimmer-Wohnungen nebst Kita, die nach Vollendung von der HOWOGE schlüsselfertig übernommen werden. Das geht diesmal hoffentlich korrekt zu, denn nicht vergessen ist, dass das kommunale Wohnungsunternehmen schon einmal wegen Verletzung von Wohnrechtgesetz, unrechtmäßige Vergabe und fehlende europaweite Ausschreibung für Großaufträge aktenkundig geworden ist.

 

238 von geplanten 1500 Wohnungen sind ein mageres Ergebnis. Von den angekündigten Gewerbeflächen ist gar nichts mehr zu hören. LIDL kommt schon mal nicht. Das Unternehmen baut derzeit in der Hauptstraße Nr. 65 das Erdgeschoss des Bürocenter Innsbrucker Platz für einen neuen Supermarkt aus. ALDI dürfte auf dem weitaus attraktiveren (ausbaufähigen) Grundstück in der Wexstraße Nr. 16-18 bleiben. Für eine angedachte Herberge ist bei der derzeitigen Überkapazität an Hotelbetten keine Rendite zu erwarten.

 

Friedenaus SPD-Chefin Dilek Kalayci hatte vor einem Jahr von einem „Highlight-Projekt“ gesprochen. Davon kann nicht die Rede sein. Bisher baut die Ten Brinke Group auf einer Fläche von 6000 Quadratmetern an der Hnadjerystraße 238 sozial geförderte Wohneinheiten und eine Kita. Nach Fertigstellung wird die Howoge die 1-, 2- und 3-Zimmer-Wohnungen sowie einige 4-Raum-Wohnungen schlüsselfertig übernehmen. Die Arbeiten an den frei finanzierten 1150 Wohnungen sollen im zweiten Halbjahr 2020 beginnen. Ein Jahr später als geplant. Schönebergs Bezirksbaustadtrat Jörn Oltmann (GRÜNE) hofft, dass es nun endlich vorangeht: Ich lege großen Wert darauf, dass jetzt gebaut wird, denn wir brauchen dringend Wohnungen am Markt. Unklar ist, welche Auswirkungen die Verzögerung auf die späteren Mietpreise haben könnte. Man solle deshalb auch darüber nachdenken, Wohnungen dem Land Berlin zum Kauf anzubieten, so Oltmann. Bezahlbaren Wohnraum könnten fast nur städtische Wohnungsbaugenossenschaften garantieren. Die Pleite war vorprogrammiert. Warnungen wurden in den Wind geschlagen.