Situationsplan von dem Wilmersdorfer Oberfeld Auf Grund des Busse'schen Planes vom Oberfeld angefertigt im Central-Bureau des Rittergutsbesitzers J. A. W. Carstenn in Lichterfelde durch J. Otzen, Königl. Baumeister Vervollständigt Berlin am 25. Juli

Johannes Otzen (1834-1911)

 

Vorbemerkung

 

Johannes Otzen hat für Friedenau kein einziges Haus entworfen. Wir führen ihn dennoch unter den Friedenauer Baumeistern auf, da er zumindest mit dem von ihm 1874 angefertigten Situationsplan die Grundlagen für die Bebauung von Friedenau mit geschaffen hat.

 

Zur 750-Jahr-Feier brachte Berlin 1987 alles auf den Markt. Ausgegraben wurde auch der Königliche Baumeister Johannes Otzen (1834-1911), der urplötzlich schon zu Lebzeiten hervorragende Leistungen mit engem Bezug zur Stadt erbracht hatte. Acht Jahrzehnte nach seinem Tod wurde sogar sein Grab auf dem Friedhof Wannsee an der Lindenstraße zur Ehrengrabstätte des Landes Berlin erhoben. Kaum war jedoch die Laufzeit von 20 Jahren herum, ließen SPD und LINKE über eine Checkliste die Würdigkeit überprüfen.

 

Das wohl bis heute angewandte Punkteverfahren sieht vor: Andenken an Person, die in der breiteren Öffentlichkeit deutlich präsent (120 Punkte), Schwerpunkt der Verdienste mit engem Berlin-Bezug (90 Punkte), Andenken in der Fachöffentlichkeit präsent (30 Punkte), Wirken und Werke in der breiten Öffentlichkeit deutlich präsent (30 Punkte), Persönlichkeit von stadthistorischem Interesse? (30 Punkte) sowie Persönlichkeit von historischem Interesse? (30 Punkte). Zudem gibt es noch eine gutachterliche Stellungnahme, die laut Senatskanzlei vom 23. September 2016 dem Grundsatz der Vertraulichkeit unterliegt und daher der interessierten Öffentlichkeit nicht zur Verfügung gestellt werden kann.

 

Da Johannes Otzen die erforderliche Punktezahl nicht erreicht hat, hob der Senat 2009 die Ehrengrabstätte auf. Zu begreifen ist das nicht, weil das kunsthistorisch höchst bemerkenswerte Grab ohne öffentliche Hilfe nicht überleben wird und weil Otzen obendrein für Friedenau einen Masterplan geschaffen hat, dessen Grundstruktur sich bis heute bewährt.

 

 

 

 

 

 

Die Geschichte begann mit dem Hamburger Kaufmann Johann Anton Wilhelm Carstenn (1822-1896), der 1865 die bei Berlin gelegenen Güter Lichterfelde, Giesensdorf, Wilmersdorf und Friedenau für die Anlage von Landhauskolonien erworben hatte. Gelegen kam ihm, dass der 35-jährige schleswigsche Baubeamte Johannes Otzen für seinen Entwurf der Johanneskirche in Altona gefeiert worden war. Carstenn bewegte Otzen, der Verwaltung den Rücken zu kehren und machte ihn 1869 zum Generalbevollmächtigten seines Lichterfelder Central-Bureaus. Dort schuf Johannes Otzen 1871 die Entwürfe für die von Carstenn am Ufer der Spree gegründete Vergnügungsstätte Charlottenburger Flora (1871), die städtebauliche Gesamtanlage der Villenkolonie Lichterfelde (1873) und den Bebauungsplan für Friedenau (1874), offiziell Situationsplan von dem Wilmersdorfer Oberfeld genannt und in der Architekturgeschichte als sogenannte Carstenn-Figur verewigt.

 

Der Architekturhistoriker Peter Lemburg gesteht in der im Jahr 2000 erschienenen Friedenauer Denkmaltopographie ein, dass trotz zahlreicher Schriften zum Wirken von Carstenn im Berliner Umfeld eine umfassende Darstellung seiner Arbeitsweise noch aussteht. Besonders die Autorenschaft ist bislang nicht überzeugend belegt worden. Die Kooperation mit Johannes Otzen hat zu gewagten Interpretationen der städtebaulichen Figur Friedenaus geführt. Das Straßensystem ist ausgesprochen einprägsam und einfach, mit klaren übereinstimmenden Abmessungen, die das ‚reißbrettartige‘ der Planung nach nahezu allen Richtungen unterstreichen.

 

Der hufeisenförmig umlaufende Straßenzug mit Stubenrauch- und Handjerystraße sowie der Nord-Süd-Achse Bundesallee bildet die Friedenauer Carstenn-Figur. Von dem im Zentrum liegenden Friedrich-Wilhelm-Platz befinden sich im Abstand von jeweils 800 Metern vier Plätze: (einst Berliner Platz, später Maybachplatz, heute Perelsplatz, Wilmersdorfer Platz (heute Renée-Sintenis-Platz), Schmargendorfer Platz (heute Schillerplatz) und der ehemalige Hamburger Platz (heute teilweise Friedhof Stubenrauchstraße). Innerhalb dieser bis heute bestehenden Grundstruktur entstanden ab 1906 auf dem Gelände des ehemaligen Sportparks Friedenau das Wagner-Viertel mit dem Wagner Platz (heute Cosima-Platz) sowie die Bauten nördlich und südlich der Mainauer Straße. Auch mit der Anlage des Südwestkorsos durch die Berlinische Boden-Gesellschaft in den Jahren 1906 bis 1908 wurde der von Carstenn und Otzen entwickelte Bebauungsplan für Friedenau respektiert.

 

1874 schied Johannes Otzen aus dem Central-Bureau aus. Über die Gründe kann nur spekuliert werden. Es könnte damit zusammengehängt haben, dass Carstenn – anders als in Lichterfelde – das Friedenauer Terrain an den Volkswirtschaftler David Born (1817-1879) veräußerte, der nun über seinen Landerwerb- und Bauverein auf Aktien die eigentliche Bebauung vorantrieb.

 

Zeitgenossen beschreiben Johannes Otzen als einen echten Holsteiner, äußerlich wie innerlich, blond, hochgewachsen, schlank, zäh, durchhaltend und voll verschwiegenen Sinnens – einen auf eigenen Wegen Wandelnden, eine Herrennatur, beherrscht vom Willen zur Macht. Anpassung wollte und kannte er nicht.

 

Der am 8. Oktober 1839 in Sieseby (Schleswig) geborene Sohn eines Dorfschullehrers ging bereits als 16-Jähriger eigene Wege. Gegen seinen Willen vom Vater zum Kaufmann bestimmt, entzog er sich nach kurzer Zeit diesem Berufe und erlangte zunächst die Erlaubnis, Zimmermann zu werden (1855–1857). 1858 war er Zimmergeselle in Eckernförde. Es folgten Baugewerkschule in Nienburg (1858-1859) und Polytechnikum in Hannover (1859-1862). Im Jahre 1863 wurde er Mitarbeiter im Atelier des Konsistorialbaumeisters der Hannoverschen Landeskirche Conrad Wilhelm Hase (1818-1902). Für diesen führte er den Bau der Stiftskirche St. Georg-Marien in Ilfeld am Harz aus – sein erstes eigenes Werk. Nachdem Schleswig und Holstein 1867 zu Preußen kamen, wurde Otzen als Beamter in die preußische Bauverwaltung aufgenommen.

 

Es konnte nicht verwundern, dass Otzen seine Tätigkeit bei Carstenn nur als Etappe betrachtete. 1874 machte er sich als Baumeister selbstständig und unterhielt ein Büro in der Turmstraße am Tiergarten. 1875 firmierte er unter dieser Adresse als Vertreter der Baugesellschaft am Kleinen Tiergarten, aus der 1876 die Firma Johannes Otzen & Genossen wurde. Von den ersten Bauvorhaben der Baugesellschaft blieb nach dem Zweiten Weltkrieg lediglich das Mietshaus Birkenstraße Nr. 17/Havelberger Straße Nr. 31 erhalten. Für den zwischen 1874 und 1875 entstandenen Bau zeichnete Johannes Otzen als Teilhaber der Baugesellschaft verantwortlich, obwohl er in den Bauakten nicht als Planverfasser auftaucht. Darauf deuten seine drei auf der Berliner Bauausstellung 1874 vorgestellten Wohnhäuser, die stilistische Übereinstimmungen aufweisen. Die Fassadengestaltung mit Ziegelsichtmauerwerk und sparsam eingesetzten farbigen Ornamenten ist charakteristisch für Johannes Otzen.

 

Der Backstein wurde sein Markenzeichen. Allerdings blieben seine Profanbauten wie das Mietshaus in Moabit oder das Kaufmannshaus in Flensburg Einzelfälle. Ein Blick auf seine Werkliste bestätigt. Otzen ist der Baumeister des protestantischen Kirchenbaus: Zwischen 1873 und 1898 entstanden St.-Johannis-Kirche Altona, Bergkirche Wiesbaden, Christuskirche Eimsbüttel, St.-Gertrud-Kirche Uhlenhorst, Jakobikirche Kiel, St.-Petri-Kirche Altona, Friedenskirche Eilbek, Heilandskirche Plagwitz, Pauluskirche Dessau, Apostelkirche Ludwigshafen, Kirche Waldau Bernburg, Friedenskirche St. Pauli, Evangelisch-reformierte Kirche in der Freiheit Wetter, Lutherkirche Apolda, Ringkirche Wiesbaden, Friedhofskirche Elberfeld, Evangelische Hauptkirche Rheydt.

 

Berlin wurde mit drei Gotteshäusern bedacht. Den Zweiten Weltkrieg haben sie nicht unbeschadet überstanden. Die Reste der Georgen-Kirche in Mitte (1894-1898) wurden 1949 abgerissen. Die Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg (1885-1888) wurde in den 1950er Jahren in vereinfachter Form wieder aufgebaut und nach dem Umbau von 1995 inzwischen für kirchliche und weltliche Veranstaltungen genutzt. Die Luther-Kirche in Schöneberg (1891-1894), in der Nacht vom 22. auf den 23. November 1943 bei Luftangriffen der Alliierten von Brandbomben getroffen, wurde mit einem modernen Innenraum wieder hergerichtet, ab 2002 an die American Church in Berlin vermietet und ab 2007 in deren Eigentum übergegangen.

 

Von Otzens Kirchenkampf im wilhelminischen Zeitalter, seine ständige Weiterentwicklung des Grundrisses im Zusammenhang mit den verschiedensten kirchlichen Anschauungen zur Stellung von Altar, Kanzel und Orgel, ist zumindest in Berlin nicht mehr viel geblieben.

 

Johannes Otzen starb am 8. Juni 1911 in seiner Villa am Wannsee an Arterien-Verkalkung. Am 30. September 1927 benannte der Bezirk Schöneberg die Straße 48 in Otzenstraße um. Bestattet wurde er auf dem Friedhof Wannsee. Die trapezförmige Anlage einschließlich der Bauten entstand 1887-88 nach seinem Entwurf. Dazu gehört das vom Bildhauer Curt Stoeving (1863-1939) gestaltete Wandgrab der Familie Otzen in der Abteilung AT 22. In das Zentrum dieser prächtigen, neugotischen Kalksteinarchitektur setzte Stoeving einen hohen Giebel mit gotischen Ornamenten, der zu beiden Seiten von Engeln flankiert ist. An einem der seitlichen Pfeiler ist ein Reliefbildnis von Johannes Otzen zu sehen. Für dieses filigrane Grab fühlt sich Berlin nicht mehr verantwortlich.

 

Georgen-Kirche in Berlin-Mitte (1894-1898)

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Nachruf Johannes Otzen, Centralblatt 1911

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Nachruf Johannes Otzen, Bauwelt 1911

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Auf der Webseite des Architekturmuseums der TU Berlin existiert eine umfangreiche Sammlung der Werke von Johannes Otzen. Mit einem Klick auf den nachfolgenden Button gelangen Sie direkt zu diesem LINK.