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Cranachstraße

Leo Jogiches, 1908
Rosa Luxemburg, 1906
Kostja Zetkin, 1908

Die Lieben der Rosa Luxemburg

Da war ja im April des Jahres 1908 ganz schön was los in der Cranachstraße Nr. 58, „als L. plötzlich in die Wohnung im zweiten Stock und in mein Zimmer stürzte und rief, er hätte erfahren, dass ich mit K fahren wolle, daraus werde aber nichts, oder ich bleibe auf der Stelle tot. Ich wurde, wie immer, eisig ruhig dabei, blieb auf meinem Platz und antwortete kein Wort. Das machte ihn noch rabiater, und er stürzte zu Dir, wobei er von mir die Adresse verlangte - ich antwortete natürlich nichts - und sich von Gertrud beide Schlüssel geben ließ. Wie ich das sah, ging ich zu K. und blieb dort über Nacht. Wie ich mich fühlte, kann ich Dir nicht beschreiben, die Nacht war fürchterlich.

Am anderen Morgen ging ich mit den Buben in die Wohnung, um nach Briefen zu sehen, traf ihn auf der Straße, schaute mich natürlich nicht um und ging rauf. Oben lagen meine Briefe geöffnet, und wie ich runter ging, war er wieder vor dem Hause und ging neben mir her. Er war bei Dir, Frau Großmann hätte ihm „alle Informationen“ gegeben, offenbar über Besuche, „der Vogel sei herausgeflogen“, aber er werde ihn schon erreichen; ferner dürfe ich keinen Schritt aus Berlin tun, ich solle es versprechen, sonst schlägt er mich sofort tot. Und er griff schon in die Tasche. Ich blieb ruhig und eisig, wandte nicht einmal den Kopf um, darauf ging er. Ich war aber innerlich von den Misshandlungen so furchtbar aufgeregt und so unglücklich, daß ich wieder zu K mußte und nicht nach Hause durfte (das Haus wurde mir zum Greuel, seit er die Schlüssel nahm).Ich fühlte mich so einsam, ratlos, ausweglos wie noch nie. Vor allem konnte ich absolut keinen Entschluß fassen: Soll ich fahren oder nicht. Ich dachte mir, Du würdest unbedingt dafür sein, daß ich fahre, und ich raffte noch schnell abends meine paar Sachen, kam um elf Uhr wieder zu K’s und am anderen Morgen fuhr ich. Du darfst jedenfalls nicht daran denken, hierher zu kommen, denn L. wird ja einen Ausbruch der Raserei haben, wenn er erfährt, ich sei doch fortgefahren, und dann schmeißt er alles hin und kommt her, um sich zu rächen. Schreibe mir bald, mein Süßer, süßer Schatz. Deine Niunia. Sei ruhig und heiter, Bubi, ich freute mich die ganze Zeit, daß ich Dich fern von Berlin, fern von dieser grausamen Aufregung und fern von Gefahr wußte. Diudiu, süßer.

 

Dieser Brief vom 14. April 1908 an Kostja Zetkin beschreibt das ganze Dilemma, in das sich Rosa Luxemburg gebracht hatte. Da war Leo Jogiches (L.), einst der „berühmte Revolutionär“ aus Litauen, den sie während ihres Studiums 1890 in Zürich kennen und lieben gelernt hatte. Sie betrachtete sich als seine Frau, wollte ein Kind, eine Familie. Er sah die Beziehung „etwas anders“, empfand ihre variationsreichen Kosenamen eher einengend und klammernd. Sie litt: „Du hast mich dahin gebracht, dass ich mich geniere, Dir Persönliches zu schreiben, von meinen Gefühlen und Eindrücken. Es scheint mir, dass es etwas Schlechtes ist, wenn man nicht von der Sache schreibt.“ Politisch blieben Leo und Rosa „ein Gespann“. Menschlich wurde die Distanz größer. Sie wollte sich verändern, wollte nach Deutschland. Um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten, heiratete sie am 19. April 1898 den 24-jährigen Gustav Lübeck. Drei Wochen später war sie in Berlin – gegen den Willen von Leo Jogiches.

Leo Jogiches „gab nach“ und kam im August 1900 nach Berlin. Aus der Liebesbeziehung war eine Lebensgemeinschaft geworden, verbunden durch die gemeinsame politische Überzeugung. In knapp zwei Jahren hatte sich Rosa Luxemburg in Berlin eine neue Heimat geschaffen. Mit Gertrud Zlottko hatte sie eine Haushälterin, mit Karl und Luise Kautsky (K‘s.), die mit den Söhnen Karl, Felix und Benedikt das Haus in der Niedstraße 14 bewohnten, war sie befreundet – und dann war auch Kostja Zetkin, der während seiner Berlin-Aufenthalte in der Wohnung von Frau Großmann in der Peschkestraße 14 „untergebracht“ wurde. – Doch der Reihe nach:

 

Berlin, 16. Mai 1898. An Leo Jogiches

Mein Liebstes, Einziges! Heute um 6 ½ morgens bin ich angekommen ... Ich bin heute den ganzen Tag nach einem Zimmer herumgelaufen. Es ist äußerst schwierig, billigere Zimmer sind in Charlottenburg zu haben, dort ist auch die Luft besser, aber es liegt außerhalb von Berlin und ist ein ziemlich proletarisches Viertel. In der Stadt hingegen ist die Luft fatal und die Zimmer teuer. Alles in allem habe ich überhaupt noch kein einziges nach meinem Geschmack gesehen, morgen werden wir weitersuchen. Ich habe schon einen Plan von Berlin gekauft. - Ich bin einfach unmenschlich erschöpft und hasse Berlin und die Deutschen schon so, daß ich sie umbringen könnte. Überhaupt braucht man anscheinend zum Leben hier eine Reserve an Gesundheit und Kräften, ganz anders als die, welche ich mitgebracht habe ... Ich küsse Dich, mein Teuerster, Einziger. Morgen schreibe ich Dir vielleicht mehr. Deine R.

 

Berlin, 17. Mai 1898. An Leo Jogiches

Mein Teuerstes, Dziodzio! … Du hast keine Ahnung, was das heißt, in Berlin eine Wohnung zu suchen. Obwohl ich „nur“ in drei Stadtteilen suche — in Charlottenburg, im Westen und im Nordwesten, in den anderen ist das Wohnen im Sommer unerträglich —, aber das sind derartige Entfernungen, daß für ein paar Straßen Stunden draufgehen, um so mehr als man Haus für Haus die Stockwerke hochrennen muß (nach dem Anschlag an der Haustür), zumeist vergeblich. Die Zimmer sind allgemein überall schrecklich teuer, selbst hier in Charlottenburg kostet das billigste Zimmer, das überhaupt für mich passen würde, 28 Mark. Von einem getrennten Schlafraum ist natürlich nicht einmal zu träumen; eine einzige Stelle, wo wir überhaupt auf ein Zimmer mit Schlafzimmer stießen - allerdings großartig möbliert —, aber für 80 ... Ml! Einstweilen habe ich ein Zimmer zu 1M täglich, ich richte mich so ein, daß ich auf dem Schlafdiwan schlafe und außerdem ein Sofa habe, anders geht es absolut nicht …

 

Erste Wohnung: Cuxhavener Str. Nr. 2, Gartenhaus I, Tiergarten (Berlin-Hansaviertel)

 

Berlin, 20. Mai 1898. An Leo Jogiches

Teuerster Ciuciu! … Eine Wohnung habe ich heute endlich gemietet, nachdem ich im Minimum fünfundsiebzig Zimmer in verschiedenen Stadtteilen besichtigt habe, wodurch ich diese Viertel von Berlin (West, Nordwest und Charlottenburg) schon wie meine fünf Finger kenne. Ich habe ein Zimmer in der Cuxhavener Str. Nr. 2, Gartenhaus I, direkt am Tiergarten (Berlin-Hansaviertel) genommen, im aristokratischsten Teil, wie Du siehst ... Das Zimmer entspricht so ziemlich allen Ansprüchen: 1. Stock, elegant möbliert, mit einem Pianino, sonnig, mit einem kleinen Balkon, grün bewachsen, mit Schreibtisch, Schaukelstuhl, einem Spiegel über die ganze Länge der Wand, der Balkon und das Fenster gehen in den Garten, und ringsum sieht man nur Grünes, die Frau ist sympathisch und redlich, aber ... aber ich habe fast Angst, es zu schreiben — 33 Mark! … Das Viertel ist entzückend, still, es gibt dort keine Straßenbahn, ringsum üppiges Grün, und die Luft ist ausgezeichnet.

Rosa Luxemburg als Rednerin, um 1899

Rosa Luxemburg trat in die SPD ein, machte Wahlkampf und war sicher, dass sie „in einem halben Jahr zu den besten Parteirednern gehören werde. Die Stimme, die Zwanglosigkeit, die Sprache, alles kommt mir zugute, und das Wichtigste, dass ich die Tribüne so ruhig betrete, als würde ich mindestens zwanzig Jahre lang auftreten, ich fühle auch nicht das geringste Lampenfieber.“ Sie hatte Erfolg. Bewundert wurde ihr Intellekt, ihre Ausstrahlung, auch das neu zugelegte elegante Outfit. Sie gewann Selbstvertrauen. Im Sommer 1899 war sie auf der Suche nach einer neuen Bleibe.

Berlin, 16. August 1899. Aan Leo Jogiches

Heute bin ich den ganzen Tag nach einer Wohnung gerannt und habe schon eine gefunden: Friedenau, Hauffstr.41. Morgen ziehe ich dort ein. Du wirst Dich wundern, daß ich in der Nähe von Karl Kautsky eingezogen bin, aber ich hatte keine andere Wahl … Das Zimmer ist prächtig, zwei Fenster, elegant, hell, heiter, mit künstlerischem Geschmack, erster Stock, direkter Eingang von der Treppe und Mittagessen im Hause. Die Luft in Friedenau ist sehr gut, vor den Fenstern Bäume, Wälder und Felder nahe gelegen, Ruhe, ein ausgesprochenes Villenquartier. Aus K. K. mache ich mir nichts, denn ich werde ihn besuchen wie bisher, dreimal im Jahr, und auf der Straße begegnen wir uns selten, denn er sitzt immer zu Hause, und ich renne auch nicht viel umher. Im übrigen, was geht er mich an? – Wenige Tage später: Aus der Wohnung ist wieder nichts geworden — sie wollen keine Frauen. Ich gehe, eine andere suchen.

 

Zweite Wohnung: Wielandstraße 23, Schöneberg, Postbezirk Friedenau. Eigentümer des Hauses war der Hutfabrikant Robert Steinberg, der sich 1921/23 vom Architekten Erich Mendelsohn in Luckenwalde die geniale „Färberhalle“ in Form eines Hutes bauen ließ.

 

Friedenau, 24. Oktober 1899. An Leo Jogiches

Dziodzius, geliebter! Heute habe ich endlich eine Wohnung in der Wielandstr. 23 gemietet, dort ist ein zweites Tor um die Ecke. Salon mit Plüschmöbeln und einem großen Balkon, im II. Stock, ein Prachteingang, ich habe es gleich mit „Pension“ für 80 M genommen ... Ich bekomme morgens Kaffee, Mittagessen und Abendbrot um 8 Uhr. Sicherlich werde ich um 4 Uhr etwas zusetzen müssen, aber ich werde wenigstens regelmäßig essen ... Gestern habe ich nach Hause und an Papa über uns geschrieben. Ich habe ihm geschrieben, daß wir im Frühjahr vielleicht heiraten werden. Wir haben über diese Seite der Angelegenheit überhaupt noch nicht miteinander gesprochen, aber das kann man nicht übergehen: Wir müssen etwas in der Art einer Hochzeit machen und Deinen Bruder und meinen Vater einladen. Ich kann das dem Vater nicht abschlagen, das ist die einzige Freude, die er noch im Leben erwartet. Schreibe! Herzliche Küsse! Deine R.

 

Friedenau, 1. November 1899. An Leo Jogiches

Dziodziuchna, liebe! In der neuen Wohnung fühle ich mich sehr wohl ... Daß ich mit Pension genommen habe, freut mich sehr. Dadurch bin ich gezwungen, um 7 ½ (um 8 Uhr gibt es Kaffee!) aufzustehen, danach bin ich den ganzen Tag ordentlich angezogen, denn ich muß mit anderen bei Tisch essen, schließlich esse ich regelmäßig und habe keinen Schmutz im Zimmer. Die Leute sind sehr anständig: ein junges Paar mit drei Kindern. Unglücklicherweise haben auch sie schon sehr viel von mir „gehört“; sie sympathisiert mit der Sozialdemokratie, bittet um den „Vorwärts“, kennt Liebknecht und hat von ihm schon gehört, daß ich Frau Lübeck (!) bin. Außer mir wohnt und ißt niemand bei ihnen; das Essen ist sehr schmackhaft (viermal täglich) und das Zimmer prachtvoll. Küsse! Deine R.

 

Friedenau, 13. Januar 1900. An Leo Jogiches

Teurer Dziodziu! … Merkst Du nicht, daß Deine ganze Korrespondenz systematisch den Charakter einer gewaltigen Unlust hat: Ihr einziger Inhalt, das ist ein langweiliges, pedantisches Mentorentum wie üblicherweise „die Briefe des Lehrers an den lieben Schüler“. Ich verstehe, daß Du mir Deine kritischen Bemerkungen mitteilen willst, ich verstehe deren Nutzen überhaupt und sogar deren Notwendigkeit in bestimmten Fällen. Aber, um Gottes willen, bei Dir hat sich das ja geradezu in eine Krankheit verkehrt, in eine üble Gewohnheit! Über keine einzige Sache, keinen Gedanken, keine Tatsache kann ich Dir schreiben, ohne zur Antwort die langweiligsten, abgeschmacktesten Perorationen zu erhalten. Seien es meine Artikel, seien es meine Besuche, sei es mein Aufenthalt bei Winters, seien es die Zeitungsabonnements, seien es die Kleider, seien es meine Beziehungen mit zu Hause — mit einem Wort, es gibt tatsächlich keine einzige Sache, die mich angeht und über die ich Dir schreibe, ohne daß Du mir mit Belehrungen und Hinweisen antwortest. Das ist wirklich schon zu langweilig! Um so mehr, weil so einseitig, denn Deinerseits gibst Du mir weder Material für Kritiken und Belehrungen, noch habe ich die Lust und üble Gewohnheit, Dir solche zu erteilen, auch denkst Du nicht daran—wenn ich Dir schon einmal einen Hinweis gebe —, diesen zu befolgen … Viel interessanter wäre es, wenn Du mir endlich einmal schreiben würdest, was Du Dir für Dich selbst ausgedacht hast und was Du dort so liest, um nicht auf den Hund zu kommen. Ich fürchte, nach dem Geist und dem Inhalt Deiner Briefe zu schließen, daß Dir in Zürich diese Perspektive weit eher droht als mir hier in Berlin. Was für eine abgeschmackte Idee, mich alle paar Wochen vor dem „Auf-den-Hund-Kommen“ zu retten! Das alles kommt von Deiner alten üblen Angewohnheit, die sich von Anfang an in Zürich bemerkbar gemacht und unser Zusammenleben gründlich verdorben hat, nämlich Deiner üblen Angewohnheit, sich als Mentor aufzuspielen, wodurch Du Dich berufen fühltest, mich ewig und in allem zu belehren und die Rolle meines Erziehers zu spielen ...

 

Friedenau, 30. Januar 1900. An Leo Jogiches

Dziodziuchna, teure! Ich habe keine Hoffnung, in die Schweiz zu fahren: Ich habe kein Geld und auch keine Lust, da wir uns doch nun hier für ständig einrichten wollen. Höchstens wenn es die Gerichtsangelegenheit (ihr Scheidungsprozess mit Gustav Lübeck) erfordern würde … Weshalb Du allerdings bis April dort warten sollst, verstehe ich nicht. Du kannst doch gleich im März schon endgültig hierherkommen? … Auf jeden Fall ist es sinnlos, daß Du noch länger in Zürich hockst … Und über die Details, wie wir uns hier einrichten, darüber verständigen wir uns am besten mündlich … Auf jeden Fall habe ich einen Ekel vor möblierten Zimmern, und die Idee, daß Du mir ein Zimmer abvermietest, ist verrückt. Ich habe mich amüsiert. Am menschlichsten ist noch unser alter Plan, daß ich eine Wohnung miete und Dir etwas abvermiete ... Schreibe! Herzliche Umarmungen. Deine Rosa.

 

Friedenau, 15. März 1900. An Leo Jogiches

Mein Teurer! Die einzige Hoffnung auf ein Einvernehmen zwischen uns sowie für die Herstellung einigermaßen normaler Verhältnisse setze ich auf ein Zusammenleben hier in Deutschland. Die Gründe für das Aufschieben der Reise hierher Deinerseits kenne ich nicht und kann sie nicht erraten, ich halte jedoch dieses Hinauszögern für etwas Unnormales und mich Beleidigendes. Da ich nicht Teil haben will an einer Situation, die ich nicht begreife und nicht anerkenne, und da ich keine Möglichkeit sehe, mit Dir zu irgendeiner Verständigung zu gelangen, bevor wir uns hier nicht ansiedeln, halte ich das Schreiben von Briefen bis zu Deiner Ankunft für völlig sinnlos. Ich meine, daß Du nach einigem Nachdenken mit mir einverstanden sein und von mir bis zu Deiner Ankunft hier keine Briefe erwarten wirst, es sei denn, Nachrichten von Dir oder Geschäftliches würden es erfordern. Deine R.

 

Friedenau, 29. März 1900. An Leo Jogiches

Mein Teurer! Dein Brief hat mir klargemacht, daß nicht irgendwelche Gründe, die ich nicht erraten konnte, sondern nur Unlust und mangelnde Zuneigung Deine Übersiedlung nach Berlin hinauszögern. Meines Erachtens mangelt es lediglich an innerem Mut, mit jemandem ein eheliches Verhältnis bei Trennung oder gelegentlichen Besuchen aufrechtzuerhalten, wenn man keinen Grund zu einem solchen Verhältnis auf Dauer spürt. Berlin als Wohnort spielt gar keine Rolle; wenn Du in Dir nicht die Gründe und den Sinn für die Übersiedlung nach Berlin fühlst, so gibt es damit keine Möglichkeit, daß wir wie früher leben, und daß wir sogar miteinander in der alten Weise korrespondieren ... Ich versichere Dir nur, daß ich meinen Fuß niemals nach Zürich setzen noch sonst irgendwohin fahren werde, um mit Dir zusammenzutreffen ... Wie schnell und ob überhaupt Du einen hinreichenden Antrieb verspüren wirst, Dich hier mit mir anzusiedeln, ist alles in allem Deine Angelegenheit, in die ich mich in keiner Hinsicht einmischen kann und will, folglich auch nicht durch meine Korrespondenz ... Nur noch die Bemerkung, daß mein Beschluß, bis zu Deiner Ankunft hier nicht zu schreiben, kein Racheakt noch Boykott ist noch war, wie Du denkst. Es ist der schlichte Wunsch, endlich einmal aus diesem verzauberten Kreis von Rätseln herauszukommen, in dem ich schon so lange herumirre. Deine R.

 

Friedenau, 24. April 1900. An Leo Jogiches

Mein teurer Dziodzius! Um Dir meinen Zustand und mein Verhalten in der letzten Zeit zu erklären, sage ich Dir nur kurz, daß ich aus der ganzen letzten Periode, am meisten jedoch aus dem Aufenthalt in Zürich, geschlossen habe, daß Du ... aufgehört hast, mich zu lieben, daß Du vielleicht sogar von jemand anderem in Anspruch genommen bist, daß ich jedenfalls aufgehört habe, für Dich der Mensch zu sein, der imstande wäre, Dich im Leben glücklich zu machen — sofern das überhaupt möglich ist. Dein Zögern mit der Reise nach Berlin und das ganze Verhalten in der letzten Zeit habe ich im Lichte dieser Tatsache so verstanden, daß es mir — wahrhaftig — leichter auf der Brust geworden ist, wie einem Menschen, der nach unendlichen Rätseln, Verwicklungen, Durcheinander und Verwirrungen schließlich eine einfache und klare, wenn auch die schmerzhafteste Antwort auf alle Fragen findet. Sofort beschloß ich auch, so zu handeln, um Dir die Trennung von mir zu erleichtern, d.h. vor allem die Korrespondenz abzubrechen, um durch meine Briefe nicht erneut Bande zu knüpfen, um nicht auf Deine Stimmung einzuwirken. Ich sagte mir dabei: Hier wird sich die Frage lösen. Wenn er liebt und zusammen leben will, so kommt er, wenn nicht, so nutzt er das Abbrechen der Korrespondenz, und die Gewöhnung an mich hört allmählich auf, das Verhältnis „löst“ sich von selbst. Erinnere Dich auch, wie oft Du mir gesagt hast, daß Du, wenn unser persönliches Verhältnis normal sein soll, wissen mußt, daß ich ohne Dich auskommen kann?! Also tat auch ich, was ich konnte, um mir selbst Rat zu geben, um Dich von mir zu befreien ...

 

Friedenau, 30. April 1900. An Leo Jogiches

Mein teurer Dziodziu! Du hast natürlich recht, daß wir schon seit längerer Zeit jeder ein eigenes geistiges Leben führen, aber das hat keinesfalls in Berlin begonnen. Wir hatten uns schon in Zürich seit Jahren geistig entfremdet, besonders die beiden letzten Jahre meines Aufenthaltes in Zürich haben sich in meiner Erinnerung dadurch eingeprägt, daß ich mich furchtbar einsam fühlte. Doch nicht ich war diejenige, die sich vor Dir verschloß und sich abschirmte, ganz im Gegenteil. Du fragst, ob ich mich niemals gefragt habe: wie Du wohl lebst, wie Du Dich innerlich fühlst? Dazu kann ich nur bitter lächeln. O ja, ich habe danach gefragt, Tausende Male, und nicht nur mich, sondern auch Dich, laut und eindringlich, aber immer bekam ich zur Antwort, daß ich Dich nicht verstehe, daß Du nicht auf mich rechnest, daß ich Dir nichts geben kann etc. Bis ich aufhörte zu fragen und durch nichts verriet, ob ich überhaupt etwas sehe oder mich für etwas interessiere. Du schreibst, wie ich denken konnte, daß Du von jemandem anderen in Anspruch genommen bist, wo doch keine andere Dir weder genügen noch Dich verstehen könnte. So habe ich mir früher stets geantwortet.

Aber hast Du vergessen, daß Du mir letztens hundertmal wiederholt hast, daß auch ich Dich nicht verstehe, daß Du Dich auch mit mir völlig einsam fühlst! Welcher Unterschied demnach? Erst als ich mir eigentlich das vergegenwärtigt hatte, begann ich zu glauben, daß ich für Dich nicht mehr existiere. Daß ich im Jahre 1893 anders auf derartige Gedanken reagiert habe? Ba, habe Ich mich denn seit dieser Zeit nicht verändert? Damals war ich ein Kindskopf, heute bin ich ein erwachsener und reifer Mensch, der sich ausgezeichnet zu beherrschen vermag und bereit ist, selbst wenn er innerlich vor Schmerz mit den Zähnen knirscht, davon auch nicht das geringste nach außen zu zeigen. Du willst eben unbedingt nicht glauben, daß ich gereift und nicht mehr die bin, die ich vor acht Jahren war.

Jetzt noch eine Sache. Du fragst dauernd, wie ich so gelassen in Gedanken unser Verhältnis quittieren konnte. Ob sich das „gelassen“ vollzog, davon spreche ich hier nicht. Aber wie ich mich überhaupt dazu entschlossen habe? Nun, ich sage Dir das ganze Geheimnis: Mir wurde besonders nach meinem letzten Aufenthalt in Zürich klar, daß meine geistige Gestalt völlig Deinem Auge entschwunden ist, daß ich für Dich ganz einfach so eine und so eine bin, die sich vielleicht von den anderen höchstens dadurch unterscheidet, daß sie Artikel schreibt. Wenn ich hingegen, besonders hier, auf Schritt und Tritt sehe, mit was für Frauen andere Leute leben und wie sie sie verehren und für weiß Gott was halten, wie sie sich einfach ihrer Herrschaft unterwerfen, so erinnerte ich mich auf Schritt und Tritt, wie Du mich behandelst, und mir wurde klar, daß Dir hinsichtlich meines geistigen Wesens jedes Maß und jede Erinnerung abhanden gekommen ist. Und diese Überzeugung war für mich der lebendigste und — schmerzlichste Beweis, daß Du innerlich für mich erkaltet bist.

Du fragst mich, ob ich von nun an wieder ein gemeinsames geistiges Leben mit Dir führen will? Die Antwort ist klar, aber vergiß nicht, daß ihre Verwirklichung von Dir abhängt. So, wie wir in den letzten Jahren gelebt haben, ist kein gemeinsames geistiges Leben zu schaffen. Wenn Du Dein bisheriges Mißtrauen über Bord wirfst, daß ich Dich nicht verstehen kann, daß ich mich nicht für Dein Innenleben interessiere etc., erst dann ist eine Verständigung zwischen uns möglich. Sobald Du hier bist, sowie wir endlich anfangen zu l e b e n, so werden wir einander alles sagen. Und vielleicht wird dann auch alles Gerede überflüssig sein.

 

Friedenau, 18. Mai 1900. An Leo Jogiches

Dziodziunia, teuerste! Sofort zusammen wohnen können wir jedoch vom Augenblick Deiner Ankunft an, denn bei meiner Wirtin ist seit je ein zweites (kleines) Zimmer zu vermieten, und Du nimmst es ebenso mit Pension wie ich. Auf diese Weise werden wir ständig Zusammensein. Ich stelle Dich als meinen Cousin vor, und ich genieße so großes Ansehen bei den Wirtsleuten und im ganzen Haus, daß das keinen Anlaß für irgendwelchen Klatsch oder Vermutungen geben wird. Ich habe gewisse Pläne, wie wir zusammen leben werden, ohne daß unser gemeinsames Wohnen uns bloßstellt und wir sogar Geld sparen. Es wird auch notwendig sein, daß wir uns beide mit meinen Angehörigen treffen (mit dem Vater und vielleicht auch mit der Schwester). Dziodzius, liebster, ich umarme und küsse Dich hundertmal mit Sehnsucht. Deine R.

Cranachstraße 53, II. Stock

Dritte Wohnung: Cranachstr. 53 II, Schöneberg, Postbezirk Friedenau.

 

Ab August 1900 lebten Rosa Luxemburg und Leo Jogiches erstmals offiziell in einer Wohnung – zur Untermiete, jeder in einem möblierten Zimmer, Leo unter dem Namen „Grosovski“. Dass er „Rosas Mann“ war, sollte niemand wissen. Ihre Beziehung blieb ein „Geheimnis“ – auch vor den Genossen. Von einem gemeinsamen Leben konnte nicht die Rede sein. Im Frühling 1902 fand sie eine neue Wohnung. Im Adressbuch stand: „Lübeck-Luxemburg, Rosa, Frau Dr. jur., Schriftstell., Schönebg., Cranachstr. 53 II (Postbez. Friedenau).“ Zehn Jahre sollte sie hier wohnen, mit rotem und grünem Zimmer, dem Glasschrank mit den Büchern, den Nippesfiguren, dem Tisch mit der Samtdecke, dem Balkon. 1903 erfolgte die rechtmäßige Scheidung von Gustav Lübeck.

Im Dezember 1905 reiste sie mit Leo Jogiches nach Warschau, um die russische Revolution zu unterstützen. Am 4. März 1906 wurden beide verhaftet. Jogiches wird zu acht Jahren Zwangsarbeit in Weißrussland verurteilt. Rosa Luxemburg kehrte im September 1906 mit Hilfe einer Kaution nach Deutschland zurück. Bei ihrer Ankunft in Friedenau traf die inzwischen 35-jährige Rosa Luxemburg einen jungen Mann, den sie seit seinem dreizehnten Lebensjahr kannte: Konstantin Zetkin, Kostja genannt. Er war jetzt einundzwanzig Jahre alt, „ein schmaler, dunkeläugiger Mensch, hübsch, in sich gekehrt und sehr melancholisch“: Der Sohn ihrer Freundin Clara Zetkin, der nach seiner Geburt am 14. April 1885 die ersten Lebensjahre in Paris verbrachte. Mit dem Umzug der Familie 1891 nach Deutschland kamen die Probleme, Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache, Ärger auf dem Karlsgymnasium in Stuttgart. Nach dem Abitur sollte er auf Wunsch der Mutter endlich eine berufliche Zukunft für sich finden. Mit Einverständnis von Rosa Luxemburg hatte Clara Zetkin ihren Sohn in die damals ungenutzte Wohnung in der Cranachstraße 53 einquartiert. Die Begegnung hatte Folgen.

 

Schon am 23. September 1906 musste Rosa Luxemburg zum Mannheimer Parteitag der SPD. Danach begab sie sich mit Luise Kautsky zur Rekonvaleszenz nach Maderno an den Gardasee.

Maderno, Lago di Garda, Pension Liquet, Italia, 29. November 1906. An Kostja Zetkin

Lieber Kostik! Wir sind hier sehr gut untergebracht, und ich dachte heute, daß für Ihre Mutter nichts Schöneres und Passenderes gefunden werden kann. Von dieser Ruhe und Schönheit kann man sich keinen Begriff machen. Jetzt, im Dezember fast, ist die Luft so warm und mild, daß wir in Blusen spazieren; wie wird es erst im Januar sein, wo die Mutter auszuspannen gedenkt! Die Pension hier, die eine ausgezeichnete ist, kostet 6 Lire, mit einem sehr schönen, sonnigen Zimmer; das Haus steht ganz abseits des Dorfes, direkt am See; die Pensionäre merkt man den ganzen Tag gar nicht, alles zerstreut sich tagsüber. Schreiben Sie doch an Zundel, ob er seine Frau nicht hierher rausschmeißen möchte; ich bin sicher, sie würde sich hier glänzend erholen. Nun, wie geht es Ihnen? Hoffentlich arbeiten Sie fleißig für sich und für mich; denn ich bin so gottvergessen faul, daß ich mich kaum zu einem Briefe aufschwingen kann. Das Wasser vor dem Fenster plätschert Tag und Nacht unermüdlich, und dieses eintönige Geschwätz der Woge benimmt einem ganz die Sinne. Schreiben Sie mir nun, ob zu Hause alles in Ordnung ist, ob Helene Sie nicht vernachlässigt und ob Sie mehr spazierenlaufen als in der letzten Zeit. Herzlich Ihre Rosa.

 

Es ist der einzige Brief an Kostja Zetkin, in dem Rosa Luxemburg das „Sie“ benutzt. Zwischen ihrer Rückkehr Anfang Dezember 1906 und den folgenden Wochen muss in der Cranachstraße 58 „einiges“ geschehen sein. Beide liebten es, Mond und Sonne zu betrachten, Spaziergänge zu machen, Musik zu hören, Romane zu lesen. Kostja suchte ihren Rat. Sie gibt ihn. Er solle Politische Ökonomie studieren, was er zunächst auch tat, später aber zog es ihn zur Medizin.

 

Halberstadt, 15. Januar 1907. An Kostja Zetkin

Kostik, mein Sohn! Ich frage mich selbst, aber meine Aufmerksamkeit führt jetzt, wie alle Einzelsaiten meiner Seele, ein selbständiges Dasein, und da gibt es eine Sinfonie, mein Sohn! ... Du hast keine Ahnung davon! Und was brauchst Du eine Ahnung davon zu haben, was geht es Dich an? Ich weiß auch nicht, wozu ich Dir dies alles schreibe. Doch! Jetzt weiß ich: Ich wollte Dir eigentlich nur schreiben, dass ich am Sonntag vergaß, Dir frische Handtücher zu geben; laß Dir also von Helene sofort welche geben aus meinem Schrank, sonst habe ich kein ruhiges Gewissen und gutes Gewissen; Du weißt es, das ist der Hauptgrund der menschlichen Glückseligkeit. Nicht wahr, mein Sohn? Gruß R. L.

 

Friedenau, 20. März 1907. An Kostja Zetkin

Lieber Kostja! Hoffentlich bist Du schon in Deinem geliebten Wald und genießt recht die lang entbehrte Naturfreiheit. Ich habe nach Deiner Abreise Deinen ganzen Aufenthalt hier wieder im Zusammenhang betrachtet, mir manches dabei gedacht, aber das eine schien mir wenigstens klar und unzweifelhaft: Mit dem gründlichen Studium der Nationalökonomie tust Du auf jeden Fall recht; was Du auch wirst und nach welcher Richtung Du Dich auch entwickeln magst, die Nationalökonomie ist als Grundlage der sozialen Bildung unentbehrlich. Desgleichen ist die russische Sprache wichtig ... Lerne also fleißig Russisch, kleiner Kostik, es wird dies bald die Sprache des Lebens sein. Um mich hier ist es jetzt ganz still ... Am letzten Sonnabend ist Lew Grigorowitsch (Leo Jogiches) glücklich aus dem Gefängnis entwichen — zusammen mit seinem Wächter. Er wird wohl bald in Berlin auftauchen ...

 

Friedenau, 22. April 1907. An Kostja Zetkin

Lieber Costia! Gegenwärtig wohnt im kleinen Zimmer ein Genosse aus Polen, er verreist aber in diesen Tagen, und Du wirst wahrscheinlich, da Du mit der Abreise wohl nicht gar sehr eilst, das Zimmer frei finden; Du kannst dann selbstverständlich bei mir absteigen ... Ich freue mich, Dich wiederzusehen. Rosa. Schreibe mir auf jeden Fall, wann Du kommst.

 

Friedenau, 25. April 1907. An Kostja Zetkin

Lieber Costia! Ich erwarte Dich also am Sonnabend, nicht wahr? Rosa.

 

Friedenau, 29. April 1907. An Clara Zetkin

Liebste Klara! Dein Junge ist glücklich angekommen, braun, frisch und munter wie ein Maiglöckchen (freilich, die sind weiß, nicht braun, aber das macht nichts). Ich habe mich sehr gefreut, ihn wiederzusehen ...

Auf dem Balkon der Wohnung Cranachstraße 53, um 1909

Schon in ihrem Brief vom 20. März 1907 an Kostja Zetkin deutete Rosa Luxemburg einen Konflikt an, der ihre Beziehung möglicherweise beeinträchtigen würde. Leo Jogiches war die Flucht aus dem Gefängnis gelungen. Er wird „wohl bald in Berlin auftauchen“. Was wird aus ihrer Liebe zu Kostja Zetkin? Leo kam zurück. Die Liebesbeziehung war zwar beendet, aber die Wohnung in der Cranachstraße blieb zunächst das gemeinsame Zuhause. Bis zu ihrem Umzug nach Südende im Jahre 1911 war er jeden Tag in der Wohnung, arbeitete dort, traf sich mit Leuten, „überwachte“ irgendwie immer Rosa Luxemburgs Leben. Wenn Kostja Zetkin nach Berlin kam, war, konnte er nicht bei ihr wohnen – weil da Leo Jogiches war und weil diese Beziehung vor Freunden, Genossen und wohl auch vor Mutter Clara Zetkin „geheim gehalten“ wurde. Da die engen politischen Bindungen zwischen Luxemburg und Jogiches nach wie vor bestanden, reisten beide im Mai 1907 zum Parteitag der SDAPR (Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands) nach London.

London, 22. Mai 1907. An Kostja Zetkin

Geliebter! Gestern hat L (Leo Jogiches) Deinen Brief abgefangen, geöffnet und gelesen. Er gab ihn mir nicht, und ich will nicht danach fragen, um hier keine Katastrophe herbeizuführen. Ich weiß nicht, was Du drin geschrieben hast. Ich will Dir nur in aller Hast avisieren, daß Du nicht mehr Briefe schreibst. Geliebter, ich sehne mich so nach Dir! Ich hoffe morgen mein Referat zu halten und fahre dann übermorgen heim. Ich depeschiere Dir noch. Lieber, sei gut und heiter! Ich küsse Dich tausendmal. R.

 

London, 23. Mai 1907. An Kostja Zetkin

Geliebter, ich schrieb Dir schon, daß Dein Brief von Leo Jogiches abgefangen worden ist. Gestern kam es zu einer kurzen und leisen, aber furchtbaren Auseinandersetzung. Ohne vom Brief zu sprechen, redeten wir von meiner Absicht, morgen abzureisen. L. läßt mich nicht fort, will mir nicht erlauben, ohne ihn zu fahren. und erklärt, eher schlägt er mich tot: Ich bleibe hier, und sei es im Spital ... Wir traten gerade in ein elegantes Restaurant, wo mein Bruder mich zum Diner erwartete. Auf dem Chor spielte ein feines Orchester, und es waren die Klänge der letzten Szene aus der Carmen, bei der L. mir leise zuraunte: Eher schlage ich Dich tot...

Bubi, ich weiß nicht, was in den nächsten Tagen mit mir wird, mit meiner Abreise, was überhaupt aus mir wird. Ich fühle eine merkwürdige Ruhe, und dieser stille Kampf, der mich vielleicht sehr bald zur Strecke bringen wird, regt meine Pulse lebhaft, fast freudig an. Wie gesagt, ich weiß nichts. Nur eins weiß ich: Mir wird es furchtbar bange um Dich. Kleiner geliebter Bubi, nimm Dich in acht, ich bitte Dich, ich flehe Dich an, nimm Dich in acht, Du hast noch ein ganzes Leben vor Dir ... Welchen Ausgang die Sache nimmt, weiß ich nicht ... Du musst um jeden Preis aus dieser Affäre heraus, Du musst beiseite bleiben, bis ich die Sache gänzlich ausgefochten habe. Unser Verkehr wird ja jetzt in den ersten Tagen noch viel unmöglicher als früher, denn Leo Jogiches weiß alles. So musst Du denn ruhig warten, bis ich mich ganz frei gemacht habe. Ich werde, denn ich muß mich ja frei machen - so oder so. Vielleicht endet die Sache traurig, aber ich kann nichts dagegen tun. Ich küsse Dich. R.

 

Friedenau, 1. Juni 1907. An Kostja Zetkin

Erwarte Zoologischer 6.30.

 

Friedenau, 3. Juni 1907. An Kostja Zetkin

Bubi, komm doch heute abend (Potsd. 41a), komm am liebsten zu K. K. [Karl Kautsky], so gegen 8.

 

Friedenau, 9. Juni 1907. An Kostja Zetkin

O Du böser Bub! Warum bist Du denn fortgelaufen? Wir konnten ein paar Minuten später so gut allein fortgehen! Den ganzen Weg spähte ich nach Dir, Du Wüterich. Jetzt, wie ich das schreibe, hörte ich auf der Straße eilige Schritte; ich lief zum Fenster und hörte den Pfiff. Warst Du das? Ich glaube fast. Ich hatte keine Zeit, Dich gut zu unterscheiden, Du liefst so schnell! Jetzt hoffe ich, dass Du diese Zeilen noch zum Morgengruß und zum Sonntagsgruß kriegst. Wir waren heute abend scharf beobachtet von der schönen Mathilde Wurm, das lähmte mich.

 

Zwickau, 24. Juni 1907. An Kostja Zetkin

Kleiner Bub. Was macht mein kleiner Liebling, an den ich so unausgesetzt denken muß? Beim Essen denke ich in Sorgen daran, daß er vernachlässigt wird, daß ihn niemand pflegt und der arme Liebling halb hungernd die Tage verbringt. Am meisten quält mich der Gedanke, daß er am Morgen, wo er so schönen Appetit hat, so knapp gehalten wird. Du wirst Dich sehr ärgern, daß ich über so nichtige Dinge wie das Essen denke. Aber für mich ist in diesem Fall nichts nichtig, und dann läßt sich dieses besser sagen und schreiben als das andere. Meine Heiterkeit hält nicht immer stand der Sehnsucht, manchmal muß ich mich aufs Bett legen, nichts tun und träumen von ... Ruhe, nichts als Ruhe, wie damals auf dem Sofa vor meinem Abschied. Ich kann mir keine größere Seligkeit vorstellen als diese Ungestörtheit und diese süße, gesättigte Ruhe. Manchmal wollen die rebellischen Gedanken in der nächsten Zukunft einen festen Punkt suchen, wo ich wieder einen solchen Moment der holden Ruhe finden würde, und sie können vorläufig keinen finden, ärgern sich deshalb, verwirren sich ... Aber ich rufe mich dann schnell „zur Ordnung“ - es wird schon werden, sage ich mir, nur nicht diese unwürdige Verzagtheit und Feigheit vor der Zukunft! - Und dann winkt mir doch das Automobil ... Wieviel schöne Bilder habe ich mir schon ausgemalt um diese Autofahrten! Abends in schattiger und duftender Kühle des Waldes sausen wir pfeilschnell in die Höhe, zu - dritt zusammengepreßt, Baby in der Mitte, nichts wird gesprochen, den Atem benimmt einem die rasche Fahrt, aber wie herrlich dieses Schweigen! Und morgens in goldenem Sonnenlicht, wenn die Gräser noch von Tau feucht blinken, in frischer Luft wieder so herunter ... Kleiner Bub, sei heiter und arbeite viel. Ich umarme und küsse meinen Liebling, mein Baby, viele, viele Mal. Deine R.

 

Friedenau, 4. Oktober 1907. An Kostja Zetkin

Du mein Liebling, süßer, herziger! … Kleines Lieb, wir haben beide die gleiche Kunst, uns selbst und gegenseitig mit Angst zu plagen; wenn ich einige Tage von Dir keinen Brief habe, so beginne ich auch gleich zu zweifeln, wie Du zu mir stehst, und male mir allerlei peinliche Bilder von Dir aus ... Liebling, Du willst also bald kommen! Denke Dir, ich wagte gar nicht daran zu denken! Ich glaubte halb und halb, Du wirst vielleicht doch gar nicht mehr herkommen, und ich fürchtete, Dich durch das leiseste Wort zu drängen oder zu bestimmen. Herz geliebtes, welches Glück, wenn ich Dich wieder hier habe, Du mein kleines süßes Lieb!

Wenn Du kommst, wirst Du die ersten Tage, bis Du Dich einrichtest, bei mir wohnen. Ich bin ganz allein, und es ist hier ganz still, auch habe ich den Käutzen (Familie Kautsky) abgewöhnt, immerzu zu mir zu laufen, da ich regelmäßig arbeite. Bloß geht es leider nicht oder noch nicht, daß Du wieder ganz bei mir bleibst; Du wirst schon verstehen, warum das nicht geht jetzt. Aber in der Nähe wirst Du wohnen müssen, denn Du wirst bei mir zu Mittag und Abend essen und immer, wenn Du willst, bei mir sitzen. Das kannst Du ganz ruhig. Liebling, freust Du Dich darauf? Wenn ich von der Schule müde heimkomme, werde ich nicht mehr allein sein, sondern ich finde zu Hause meinen kleinen Buben, der mit einem Buch auf dem roten Sessel sitzt und mich mit einem Lächeln begrüßt.

 

Baugy-sur-Clarens, 14. April 1908. An Kostja Zetkin

Geliebter Diudiu, die Sache ist die. Ich schwankte noch in Berlin stark, ob ich mit K. und wann fahren soll, als L. plötzlich in die Wohnung und in mein Zimmer stürzte und rief, er hätte erfahren, daß ich mit K. fahren wolle, daraus werde aber nichts, oder ich bleibe auf der Stelle tot. Ich wurde, wie immer, eisig ruhig dabei, blieb auf meinem Platz und antwortete kein Wort. Das machte ihn noch rabiater, und er stürzte zu Dir, wobei er von mir die Adresse verlangte (ich antwortete natürlich nichts) und sich von Gertrud beide Schlüssel geben ließ. Wie ich das sah, ging ich zu K. und blieb dort über Nacht. Wie ich mich fühlte, kann ich Dir nicht beschreiben, die Nacht war fürchterlich. Am anderen Morgen ging ich mit den Buben in die Wohnung, um nach Briefen zu sehen, traf ihn auf der Straße, schaute mich natürlich nicht um und ging rauf. Oben lagen meine Briefe geöffnet, und wie ich runter ging, war er wieder vor dem Hause und ging neben mir her. Er war bei Dir, Frau Großmann hätte ihm „alle Informationen“ gegeben - offenbar über Besuche -, „der Vogel sei herausgeflogen“, aber er werde ihn schon erreichen; ferner dürfe ich keinen Schritt aus Berlin tun, ich solle es versprechen, sonst schlägt er mich sofort tot. Und er griff schon in die Tasche. Ich blieb ruhig und eisig, wandte nicht einmal den Kopf um, darauf ging er. Ich war aber innerlich von den Mißhandlungen so furchtbar aufgeregt und so unglücklich, daß ich wieder zu K. mußte und nicht nach Hause durfte (das Haus wurde mir zum Greuel, seit er die Schlüssel nahm), daß ich dem Hannes (Diefenbach) gleich eine Rohrpost schickte, er solle mich bei K. abholen. Er kam auch um drei gleich und holte mich ab, wir fuhren zu ihm, aber ich wußte, ich werde ihm doch kein Wort sagen können und wollen, er sah bloß, daß ich furchtbar erregt war, wir lasen und plauderten etwas, und dann kam er mit mir zurück zu K’s. Ich fühlte mich so einsam, ratlos, ausweglos wie noch nie. Vor allem konnte ich absolut keinen Entschluß fassen: Soll ich fahren oder nicht. Ich dachte mir, Du würdest unbedingt dafür sein, daß ich fahre, und ich raffte noch schnell abends mit Hannes Hilfe meine paar Sachen, kam um elf Uhr wieder zu K’s und am anderen Morgen fuhr ich. Äußerlich war ich die ganze Zeit wie immer ruhig und lustig (um des K. willen), innerlich aber schrecklich aufgeregt. In Frankfurt, nachts, verfiel ich in eine solche Aufregung, daß ich deutlich einen nahenden Ausbruch des Wahnsinns fühlte, die Gedanken und Empfindungen jagten einander mit solcher rasenden Hast, daß ich schon nahe daran war aufzustehen und Dir oder dem Hannes zu telegrafieren. Was eigentlich, weiß ich nicht, ich wollte mich nur an jemand halten. Aber Du darfst jedenfalls nicht daran denken, hierher zu kommen, denn L. kommt - das ist mir eben in jener Nacht in Frankfurt klargeworden [er wird] bald hier sein. Er wird ja einen Ausbruch der Raserei haben, wenn er erfährt, ich sei doch fortgefahren, und dann schmeißt er alles hin und kommt her, um sich zu rächen. Er ist in Drohungen schon so weit gegangen, daß er nicht seiner Drohungen kann spotten lassen, ich kenne ihn. Was daraus wird, weiß ich nicht. In diesem Augenblick bin ich ruhig, auch habe ich in Lausanne gut geschlafen, die Müdigkeit stumpft meine innere Erregung ab, und die Sonne ist hier so mild und so schön. In Clarens habe ich noch nicht nachgefragt nach Briefen. Schreibe mir hierher in die Pension auf meinen eigenen Namen, verstelle bloß ein bißchen die Handschrift, auf jeden Fall wegen K. Die Adresse hast Du auf dem Kuvert. Ich lege Dir bei Blümchen, die ich selbst soeben gepflückt habe. Schreibe mir bald, mein Süßer, süßer Schatz. Deine Niunia. Sei ruhig und heiter, Bubi, ich freute mich die ganze Zeit, daß ich Dich fern von Berlin, fern von dieser grausamen Aufregung und fern von Gefahr wußte. Diudiu, süßer.

 

Friedenau, 1. Juni 1908. An Kostja Zetkin

Dudu Herzlieb, Dudu süßer Freund, Dudu schöner schlanker nackter Bub! In Leid und Freud sehne ich mich nach Dir. O Herzchen, ich lieb Dich so! Im Sommer komme ich natürlich zu Dir. Überhaupt werde ich immer alles tun, was Du willst, Du Liebling süßer. Liebst Du mich? Bitte küß jedesmal Deinen Brief am Ende, ich werde auch dort küssen und Dein Mündchen spüren.

 

Friedenau, 3. Juni 1908. An Kostja Zetkin

Dudu Herz, geliebtes, es ist Viertel neun, aber noch hell, die Hitze ist ein wenig gemildert, über dem Giebel des Hauses gegenüber steht am Himmel die zarte silberne Sichel des Mondes. Unser Freund ist wieder da, ich stehe auf dem Balkon, blicke auf ihn und denke an Dich, Herzliebster. Winzige graue Wölkchen umschweben ihn phantastisch, bald taucht der Abendstern auf. Ich liebe Dich.

 

Kolberg, 16. Juni 1908. An Kostja Zetkin

Geliebtes, teures Herz, … gestern sah ich drei nackte kleine Buben in der See stundenlang hüpfen und schwimmen, wie toll vor Freude, die kleinen Körper glänzten feucht in der Sonne. Ich dachte daran, daß ich so am Ufer sitzen möchte, und im Wasser muß mein geliebter Bub sich so tummeln, nackt und frei. Ich muß mir einen solchen See in der Schweiz herausfinden, wo wir beide allein rasten. Ich küsse Dich, Süßer.

 

Kolberg, 18. Juni 1908. An Kostja Zetkin

Niuniuk, Geliebter, Du mußt so oft wie möglich ausfliegen, das erfrischt Dich geistig und körperlich, Du kannst ja langes Stillhalten auf einem Fleck überhaupt schlecht vertragen. Ich bin traurig, daß Du denken kannst, ich könnte deshalb bös sein, weil Du auf eine Tour gehst! Bin ich denn so arg egoistisch oder neidisch? O Niuniu, ist denn für mich nicht stets die größte Freude, Dich froh und frei zu wissen? Es wäre mir schrecklich, wenn Du nicht im Verhältnis zu mir volle innere und äußere Freiheit fühlen würdest. Ich habe selbst genug unter innerer Unfreiheit gelitten und möchte Dich immer frei wie ein Vögelein, wie einen Schmetterling wissen. Also, dummer Bub, geh los, übe Deine Glieder, aber schone mir das Herzlein, hörst Du? Denn das gehört mir, und ich will es nicht angestrengt wissen ... Dudu, ich küsse Dich, ich umarme Dich.

 

Kolberg, 20. Juni 1908. An Kostja Zetkin

Teurer Geliebter, ich habe solches Heimweh nach Dir, fühle mich so einsam, mein süßer Freund; wenn ich nur Dein geliebtes Gesichtchen sehen könnte, das würde mich beruhigen und befreien. … Gestern abend um sieben stand ich dicht am Wasser und schrieb mit dem Schirm auf den nassen glatten Sand mit großen Buchstaben KOSTJA, und kaum, daß es geschrieben war, kam darüber die Welle und leckte die Buchstaben ab, mit großer runder schaumumsäumter Zunge, verschluckte unser Geheimnis und murmelte dabei zärtlich und verständnisvoll. Ich machte es wieder und wieder, und es war mir ein wehmütiges Vergnügen ... Ich bin hier nämlich dicker geworden, aber ich kann nichts dafür, das kommt von der frischen Luft und davon, daß ich gar keine Bewegung habe … Dafür sehne ich mich auch nach strammem Wandern mit Dudu! ... Geliebter, ich küsse Dich - Du willst mich immer lieben, kleiner Bub? und ich habe hier wieder soviel graue Haare bekommen!

 

Quarten, 13. August 1909. An Kostja Zetkin

Süßer Geliebter, einziger Schatz, Du schreibst mir seit einiger Zeit - fast seit Deiner Rückkehr aus dem Schwarzwald - so kalt und so mechanisch nur alle zwei Tage, daß ich mir das nicht erklären kann. Ich fürchte alle Erklärungen von Dir, weil Du leicht einen Wutausbruch kriegst, deshalb schwieg ich und suchte auf Deinen Ton auch meine Briefe zu stimmen. Aber ich halte das nicht mehr aus. Ich erwarte jeden Tag sehnlich Deine Briefe, und jeder Brief gibt mir einen tödlichen Stich ins Herz; ich bin ganz krank seit der letzten Zeit. Deshalb bitte ich Dich nur um eins: Wenn Du mich nicht mehr liebst, so sag es mir offen mit drei Worten. Ich werde Dir ja nicht den leisesten Vorwurf machen, Du kannst doch nichts dafür, und einmal muß es ja doch kommen. Aber sei offen. Du bist es der „Wahrheit im Leben“ schuldig und auch - der Achtung für mich. Ich küsse Dich, küsse Dich und sei es auch zum letzten Mal, mein teurer, süßer Schatz.

 

Quarten, 13. August 1909 An Kostja Zetkin

Mein lieber Costia, es kostet mich eine Überwindung, Dir noch zu schreiben, aber ich will doch, daß Du beim Abschied ebenso klar in mir siehst wie ich in Dir. Also ich habe es überwunden und bin ganz ruhig. Mir ist, wie wenn seit Sonntag ein Jahr vergangen wäre; das Schwerste hatte ich schon überstanden, als Deine falschen Briefe kamen, und als ich den letzten offenen las, da trat eine große Kälte und ein Weh in mein Herz, aber doch auch eine große Ruhe. Es kam so, wie ich Dir am Anfang sagte: Du hast mich durch Deine Liebe gezwungen, Dich zu lieben, und als Deine Liebe in nichts zerrann, da war es auch um meine geschehen. Mich schmerzte, daß ich Dich nicht früher von der Last befreite, mich schmerzt die Erinnerung an die bösen und gequälten Blicke eines gefangenen Vögelchens, aber ich wagte nie das erlösende Wort zu sprechen, weil ich innerlich unser Verhältnis als eine heilige und ernste Sache hielt.

Armer Junge, Du hieltest Dich für gefangen, während Dich ein kleines leises Wörtlein jeden Augenblick frei machen konnte, wie Du ja jetzt siehst, während in Wirklichkeit ich die Gefangene war, weil mich die Erinnerung an ein leises Stammeln im kleinen Zimmer: „Bleib mir doch treu, bleib mir treu“, und ein Flehen im Briefe: „Verlaß mich nicht, verlaß mich nicht!“ wie mit eisernen Ketten hielt. Das Stammeln eines kleinen holden Knaben hielt mein Herz fest, auch als mich Dein unglückliches Aussehen unsäglich marterte, als mich in Genua in schlaflosen Nächten die Unklarheit Deines Verhältnisses zu mir würgte. Aber ich habe doch einen süßen Trost darin, daß ich des Knaben Wunsch erfüllt habe: Ich war ihm treu bis zu Ende, und niemals, niemals hat ihn von mir ein Blick oder auch der verborgenste Gedanke lauernd oder spitz getroffen.

Nun, es ist überwunden. Ich bin mit Lust und Liebe an der Arbeit und bin entschlossen, noch mehr Strenge, Klarheit und Keuschheit in mein Leben zu bringen. Diese Lebensauffassung ist in mir gereift im Verkehr mit Dir, deshalb gehören diese Worte noch Dir.

Nun bist Du frei wie ein Vögelchen, sei doch auch glücklich. Die Principuccia steht Dir nicht mehr im Wege. Leb wohl, die Nachtigallen des Apennin singen Dir, und die breithörnigen Ochsen des Kaukasus grüßen Dich.

Rosa Luxemburg und Kostja Zetkin, um 1909

Rosa Luxemburg war nun die „Freundin“ von Kostja Zetkin. Einsam und allein, ohne einen Geliebten, zieht sie sich 1911 in ihre neue Wohnung im Biberacher Weg 2 in Südende zurück – in 5 Zimmer mit Küche, Haushälterin Gertrud Zlottko und Katze. Rosa Luxemburgs „Briefe aus Friedenau“ umfassen 938 Briefe an Leo Jogiches und 613 Briefe an Kostja Zetkin. Die Briefe von Leo Jogiches hat Rosa Luxemburg auf seinen Wunsch hin vernichtet. Kostja Zetkins Korrespondenz an Rosa Luxemburg ist von ihr auf seinen Wunsch hin ebenfalls verbrannt worden.

Leo Jogiches wurde am 10. März 1919 im Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit von dem Kriminalwachtmeister Ernst Tamschick durch einen Schuss in den Hinterkopf ermordet. Beerdigt wurde er auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde. Nachdem im Juni 1919 Rosa Luxemburgs Leiche im Landwehrkanal gefunden worden war, konnte man auch sie am 13. Juni 1919 in Friedrichsfelde bestatten. Kostja Zetkin starb im September 1980 in Middle Point, Halfmoon Bay, BC, Kanada, und fand dort wohl auch seine letzte Ruhe.

Der Anwalt Paul Levi (1883-1930) verteidigte Rosa Luxemburg 1913 gegen den Vorwurf der „Aufreizung von Soldaten zum Ungehorsam“ vor Gericht. Die 57 erhaltenen Briefe Rosa Luxemburgs an ihn geben Fragen auf. Eine Affäre? Eine Liebe? Bis zu ihrer Ermordung im November 1918 war er jedenfalls als Freund und Gefährte an ihrer Seite. Paul Levi starb am 9. Februar 1930 in Berlin. Sein Grab befindet sich auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof in Stahnsdorf.

 

Aber das ist eine andere Geschichte.

Das Grab von Paul Levi auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof in Stahnsdorf, Foto: H & S

Für die Auswahl standen folgende Buchausgaben zur Verfügung:

Rosa Luxemburg. Gesammelte Briefe

Band 1 (1893-1902) - Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Dietz Verlag Berlin 1989

Band 2 (1903-1908) - Herausgegeben von der Bundesstiftung Rosa Luxemburg, Karl Dietz Verlag Berlin 1999

Band 3 (1909-1910) - Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Dietz Verlag Berlin 1984

Band 4 (1911-1914) - Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Dietz Verlag Berlin 1983

Band 5 (1914-1919) - Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Dietz Verlag Berlin 1987

Band 6 (1907-1909) - Herausgegeben von Annelies Laschitza, Dietz Verlag Berlin 1993

100 Jahre "Junius-Broschüre" von Dr. Rosa Luxemburg

 

Von Dr. Christian G. Pätzold

 

Der Artikel erschien zuerst auf www.kuhlewampe.net am 21. Juni 2016.

 

Das Manuskript der Broschüre "Die Krise der Sozialdemokratie (Junius-Broschüre)" wurde von Dr. Rosa Luxemburg im April 1915 im Berliner „Königlich-Preußischen Weibergefängnis“ in der Barnimstraße niedergeschrieben und aus dem Gefängnis geschmuggelt. Die Broschüre selbst konnte dann erst am 2. Januar 1916 in Zürich in der Schweiz erscheinen. Das Pseudonym Junius bedeutet auf Lateinisch „der Jüngere“. Im August 1914 hatte das Deutsche Kaiserreich den Ersten Weltkrieg begonnen. Aufgrund der Zensur in Deutschland durften natürlich keine kritischen oder sozialistischen Schriften gedruckt oder veröffentlicht werden. Aus diesen Umständen erklärt sich der komplizierte Publikationsweg der Junius-Broschüre. Die Junius-Broschüre ist in 8 Kapitel gegliedert. Um einen Eindruck von der damaligen Atmosphäre zu geben, möchte ich die Anfangssätze von Rosa Luxemburg zitieren:

 

„Die Szene hat gründlich gewechselt. Der Marsch in sechs Wochen nach Paris hat sich zu einem Weltdrama ausgewachsen; die Massenschlächterei ist zum ermüdend eintönigen Tagesgeschäft geworden, ohne die Lösung vorwärts oder rückwärts zu bringen. Die bürgerliche Staatskunst sitzt in der Klemme, im eigenen Eisen gefangen; die Geister, die man rief, kann man nicht mehr bannen. Vorbei ist der Rausch. Vorbei der patriotische Lärm in den Straßen, die Jagd auf Goldautomobile, die einander jagenden falschen Telegramme, die mit Cholerabazillen vergifteten Brunnen, die auf jeder Eisenbahnbrücke Berlins bombenwerfenden russischen Studenten, die über Nürnberg fliegenden Franzosen, die Straßenexzesse des spionenwitternden Publikums, das wogende Menschengedränge in den Konditoreien, wo ohrenbetäubende Musik und patriotische Gesänge die höchsten Wellen schlugen; ganze Stadtbevölkerungen in Pöbel verwandelt, bereit, zu denunzieren, Frauen zu misshandeln, hurra zu schreien und sich selbst durch wilde Gerüchte ins Delirium zu steigern; eine Ritualmordatmosphäre, eine Kischineff-Luft, in der der Schutzmann an der Straßenecke der einzige Repräsentant der Menschenwürde war.“

 

Es muss damals im August 1914 in Berlin eine hysterische Kriegsbegeisterung geherrscht haben, die allerdings bald einer Ernüchterung weichen sollte. Rosa Luxemburg behandelt über weite Strecken der Junius-Broschüre die Einzelheiten der diplomatischen Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs, denn so ein Krieg wurde natürlich vorbereitet und gemacht. Er brach nicht einfach aus. Es gab zahlreiche Einzelkonflikte zwischen den imperialistischen Ländern in Europa, vor allem zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn, England, Frankreich und Russland. Diese Konflikte kennen wir ja heute auch noch, obwohl sie teilweise durch die Europäische Union verdeckt werden.

 

Für mich ist der 4. August 1914 der interessanteste Punkt, das heißt die scheinbar plötzliche Zustimmung der sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten zu den Kriegskrediten des Kaisers. Wahrscheinlich hätte der Erste Weltkrieg auch ohne die Stimmen der SPD stattgefunden. Aber die Zustimmung der SPD zum imperialistischen Krieg war doch ein signifikanter Wendepunkt. Vielleicht hätte man ihn auch erahnen können. Die SPD war seit dem Tod von Engels 1895 zunehmend zerfressen vom Reformismus. Um 1900 kam dann die Attacke von Eduard Bernstein und der Revisionismus. Nach dem Tod von Bebel 1913 gab es kein Halten mehr. Es gab in der SPD nur noch ein paar Aufrechte wie Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht oder Clara Zetkin. Rosa Luxemburg hat diese Auseinandersetzung innerhalb der SPD zwischen Revisionisten und Radikalen mindestens 15 Jahre lang miterlebt und mitgemacht. Es wundert mich, dass sie darüber kein eigenes Kapitel in der Junius-Broschüre schreibt. Denn der 4. August 1914 kam nicht so plötzlich, wie es vielleicht scheint. Die SPD war schon vorher zerfressen.Nachdem die Funktionäre der Partei alles verraten hatten, wofür die Partei vorher gekämpft hatte, besonders den Internationalismus der Arbeiter, war die glorreiche SPD moralisch erledigt. Rosa Luxemburg schreibt:

 

„Aber schon als ein mächtiger Dämpfer auf den chauvinistischen Rausch und die Besinnungslosigkeit der Menge hätte die mutige Stimme unserer Partei gewirkt, sie hätte die aufgeklärten Volkskreise vor dem Delirium bewahrt, hätte den Imperialisten das Geschäft der Volksvergiftung und der Volksverdummung erschwert… Die deutsche Sozialdemokratie wäre in dem allgemeinen Strudel, Zerfall und Zusammenbruch wie ein Fels im brausenden Meer der hohe Leuchtturm der Internationale geblieben, nach dem sich bald alle anderen Arbeiterparteien orientiert hätten. Die enorme moralische Autorität, welche die deutsche Sozialdemokratie bis zum 4. August 1914 in der ganzen proletarischen Welt genoß, hätte ohne jeden Zweifel auch in dieser allgemeinen Verwirrung in kurzer Frist einen Wandel herbeigeführt. Damit wäre die Friedensstimmung und der Druck der Volksmassen zum Frieden in allen Ländern gesteigert, die Beendigung des Massenmordes beschleunigt, die Zahl seiner Opfer verringert worden.“

 

Rosa Luxemburg war an diesem 4. August 1914 leider nicht Mitglied der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion. Frauen hatten im Kaiserreich bekanntlich kein Stimmrecht.

 

Die "Junius-Broschüre" enthält eine scharfsinnige Analyse der Ursachen und der Wirkungen des Ersten Weltkriegs als eines imperialistischen Krieges. Sie ist eine Perle der politischen Literatur. Lenin hat übrigens 1916 auch einen Aufsatz "Über die Junius-Broschüre" geschrieben, und natürlich seine berühmte Schrift "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus".

 

Der Erste Weltkrieg wurde auch aus anderen Perspektiven heraus untersucht, die vielleicht auch interessant sein könnten. Dabei wäre bspw. die Schrift "Zeitgemäßes über Krieg und Tod" von Sigmund Freud zu nennen, die auch 1915 geschrieben wurde. Nach der Ansicht von Freud sind seine Zeitgenossen praktisch Urmenschen mit einer dünnen kulturellen Patina, wobei jederzeit der Barbar wieder durchbrechen kann. Sigmund Freuds Pessimismus hat sich letztlich als richtig herausgestellt, und Rosa Luxemburgs Hoffnung auf den klassenbewussten Arbeiter, der alles richtig macht, hat sich vorläufig nicht realisiert.

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© Peter Hahn