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Fregestraße

Wandfresko ohne Titel von Arthur Johnson (1874-1954) im Ratskeller des Schöneberger Rathauses. Theodor Heuss (2. v. links neben dem Kellner mit der Weinflasche) im Kreis der Bezirksverordneten. Ein Spruchband kommentiert das Geschehen in Form eines Distichons: „Hart um das Wohl der Gemeinde befehden sich oben die Geister. Unten vereint sie des Weins Frieden gebietender Geist.” Eine Kopie befindet sich in der  Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus Stuttgart.

Theodor Heuss - der erste Bundespräsident

Theodor Heuss (1884–1963) wohnte von 1918 bis 1930 mit Frau Elly geborene Knapp (1881–1952) und Sohn Ernst Ludwig (1910–1967) in der Fregestraße Nr. 80. Die Eheschließung fand am 11. April 1908 statt. Der Sohn Ernst Ludwig wurde am 5. August 1910 in Schöneberg geboren. Heuss war von 1920 bis 1929 Bezirksverordneter von Schöneberg, von 1929 bis 1931 Stadtverordneter von Berlin, von 1924 bis 1928 und von 1930 bis 1933 Mitglied des Deutschen Reichstags und von 1949 bis 1959 der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.

Aus Theodor Heuss. Erinnerungen 1905-1933. Rainer Wunderlich Verlag 1963

 

Ich selber bevölkerte in den nächsten Jahren der Reihe nach Zimmer in Friedenau und Wilmersdorf, um meine ehedem im Norden Berlins begonnenen Studien über den Berliner Mittelstand zu erweitern, mit zum Teil dramatischen Akzenten; Eugen Katz, der jetzt mein Kollege für den „politischen“ Teil der „Hilfe“ war, legte Wert darauf, dass wir nahe beisammen wohnten, und das erleichterte gewiss das Einleben. Als Eindruck blieb der Erinnerung die ungeheuere Bautätigkeit, die damals die noch vorhandenen Grünflächen der westlichen Vororte auffraß - als ich nach Friedenau zog, lehnte sich an das Bahnhofsgelände die alte populäre Radrennbahn; als ich es nach zwei Jahren verließ, stand dort, sehr schön war es eben nicht, das „Wagner“-Viertel mit Senta- und Elsa-, Kundry-Straße und so fort. Man spürte aus den Straßenführungen, dass die Grundstücksspekulation eine erste, unkeusche Annäherung an städtebauliche Reflexionen suchte, die um die Jahrhundertwende einsetzten mit verlegenen Verständigungen zwischen dem Rationalen und Romantischen ...

Wir erlebten damals auch in unserem privaten Dasein verschiedene Besuche der Weltgeschichte. Der eine meldete sich auf eine skurrile Weise. Telefonanruf, die Stimme einer alten Dame: „Stammen Sie aus einer süddeutschen Stadt mit einem frommen Namen?“ Ich nannte Heilbronn. „Sind Sie mit einer geborenen Knapp verheiratet?“ „Ja.“ „Dann sagen Sie Elly, dass die Tante Helene aus Moskau in Berlin angekommen sei.“ (Sie hatte, wie sich ergab, meinen Namen auf einem Versammlungsplakat gelesen und probierte es einmal.)

Das gab nun für die kommenden Monate einen vergnüglichen, aber gelegentlich auch anstrengenden Wirbel, denn durch wie viele Bezirksrathäuser musste ich mit ihr ziehen, mit Vermieterinnen verhandeln und so fort, bis ihr bürgerlicher Status einigermaßen gesichert war. Helene Terian, eine Schwester meiner Schwiegermutter, war offenbar in Russland eine anerkannte Sängerin; als wir in ihrer Begleitung einmal den „Blauen Vogel“ besuchten, ein reizvolles Kabarett der russischen Emigration, gab es Reden auf sie und rauschende Ovationen, die sie strahlend entgegennahm. Sie war eine Natur von unverwüstlicher Heiterkeit — das ganze gedrückte Leben der letzten Jahre verwandelte sich in Anekdoten, ich habe lebhaft an sie denken müssen, als ich später Pasternaks großartige Darstellung des „bürgerlichen“ Lebens in Moskaus Verfallzeit las. Mit der Hingabe ihres Schmuckes war es ihr gelungen, einen deutschen Diplomatenkurier aufzutreiben, der ihr die Flucht ermöglichte; Verwandte und Freunde riefen sie einige Monate später in ihren Pariser Kreis — der Berliner Aufenthalt blieb ein farbiges Gastspiel.

Wehmütiger war der Besuch von Ellys Vetter Joseph von Loris-Melikow. Ich hatte ihn bereits 1907 kennengelernt, als er im Haag einer der Sekretäre der zweiten „Friedenskonferenz“ gewesen, eine im Grunde zarte und mehr beobachtende Natur. Vielleicht belastete ihn der Name seines Onkels, des Reformministers von Alexander II., dessen Absichten, Russland durch eine Verfassung staatsrechtlich zu modernisieren, mit der Ermordung des Zaren zerschlagen waren. Joseph hatte den Sieg des Bolschewismus als Russlands Gesandter in Siam erlebt, war dann zu dem gegenrevolutionären Admiral Koltschak gestoßen und dessen Außenminister geworden. Es hatte etwas Rührendes, wenn er die These vortrug, jene Aktion sei daran gescheitert, daß im sibirischen Omsk das Papier gefehlt habe, um Erlasse und Löhnungsgeld zu drucken!

Aber er war ja nicht nach Berlin gekommen, um Geschichten zu erzählen. Die russifizierte georgische Familie stand dem Zarenhause nahe — seine Schwester Tamara war Leiterin des Smolny-Instituts in Petersburg, und sie konnte bei späteren Begegnungen drastisch erzählen, wie sie für Lenin und Trotzki niedrige Dienstleistungen verrichten musste, nachdem die Bolschewiken dies Erziehungsinstitut zu ihrem Regierungssitz erkoren hatten. Joseph, der das Gymnasium in Baden-Baden besucht hatte, kannte unser Land gut; er besaß zu deutschen Diplomaten aus seiner eigenen Karriere, die auch über Washington gegangen war, gute Beziehungen, ja Freundschaften.

Das, was sich in den kommenden Wochen, dann Monaten abspielte, war eine rechte Tragikomödie. Joseph hatte ein von ihm selber gefertigtes Pastellbildnis des ermordeten Zaren Nikolaus II. mitgebracht, man konnte nicht sagen, daß die Arbeit ein Kunstwerk darstellte, aber darauf kam es nicht an. Das Blatt sollte an dem bevorstehenden Namenstag des unglücklichen Mannes unter den russischen Emigranten in aller Welt verteilt werden. Auf das Haupt war eine Dornenkrone gesetzt. Eine der angesehensten graphischen Anstalten übernahm den Auftrag, wohl für ein paar tausend Stück. Aber weder Joseph noch die Leitung des Unternehmens rechneten damit, daß der Gegensatz gegen den Zarismus zu den historischen Glaubenssätzen der deutschen Sozialdemokratie gehörte, aus der Zeit, bevor in Russland selber der böse Konflikt zwischen den Menschewiki und Bolschewiki entbrannt war. Die Drucker trieben, indem sie die verschiedenen Farbplatten unpräzis aufeinandersetzten, ganz einfach technische Sabotage. Joseph konnte die völlig verkorksten Blätter unmöglich seinen Landsleuten als erwärmendes Gedenkstück anbieten. Es kam zu einem Entschädigungsprozess, bei dem mir nur die Rolle des ewigen Mahners zufiel — aber auch der Anwalt, ein früherer Freund aus der Diplomatie, konnte weder dem Gericht schnelleres Tempo noch der Inflation langsameres vorschreiben – an ihr wurde der ganze Streit zur Sinnlosigkeit und verstarb an Resignation.

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© Peter Hahn