Carl Bamberg (1847-1892)

 

 

Der Erfolg stieg Carl Bamberg zu Kopf. Irgendwann schlugen die Entbehrungen seiner Jugend um. Er fuhr nur noch mit der Equipage, obgleich recht beleibt, aß und trank er, was ihm schmeckte. War es die Leberzirrhose, die den Durst bewirkte, oder war es der Alkohol, der die Leberzirrhose förderte? 1892 kam das Ende – mit 45 Jahren – und der Grabstein auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße: „Hier ruht der Mechaniker und Optiker Carl Bamberg, * 12. Juli 1847, † 4. Juni 1892.“

Das Land Berlin gewährte dem Konstruktionskünstler eine Ehrengrabstätte – bis zum Jahr 2004. Dann war es mit der Ehrung des Verstorbenen genug. Der Senat strich Bamberg von der Liste. Vergessen wurde, dass sich der Mechaniker und Optiker um die Stadt besonders verdient gemacht hatte, dass seine Friedenauer Werkstätten 1889 für die Urania den Bamberg-Refraktor gebaut hatten, der mit seinem 12-Zoll-Linsenfernrohr und einer Brennweite von fünf Metern heute die Wilhelm-Foerster-Sternwarte ziert. Das spektakuläre Beispiel für die klassische Sternenbeobachtung ist inzwischen ein Anziehungspunkt für Jung und Alt.

Mit dem Ehrengrab von Carl Bamberg nahm es Berlin schon 1945 nicht so genau. Nachdem der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt Schöneberg Alexander Domenicus (1873-1945) in Freiburg im Breisgau verstorben war, wurden die sterblichen Überreste nach Berlin geholt und kurzerhand mit in das Grab von Carl Bamberg gebettet. Glücklich war später damit wohl kaum jemand. Den Toten ließ man ihre Ruhe, aber immer wieder wurde nach einer würdigen Lösungen für die Platzierung der Grabsteine gesucht.

 

 

Carl Bamberg war eine Entdeckung von Carl Zeiss (1816-1888) und Ernst Abbe (1840–1905). Sie erkannten dessen Intelligenz und sein Geschick für die Fertigung von feinmechanischen Geräten, eine Neigung, so kurios das für einen Spezialisten von optischer Präzisionsmechanik auch anmutet, die letztlich darauf beruhte, dass Bamberg kurzsichtig war.

 

1869 ging er nach Berlin, machte sich 1871 mit einer kleinen Werkstatt in der Linienstraße selbstständig. Den enormen Bedarf konnte er nicht befriedigen. Wer in der Reichshauptstadt feinmechanische Geräte kaufen wollte, musste sich weiterhin nach London, Prag oder Paris bemühen. Für Wilhelm Foerster (1832-1921), Leiter der Berliner Sternwarte, war dies nicht hinnehmbar. Er besprach die Lage mit seinen Kollegen vom Reichsvermessungsamt, Physikalischer Reichsanstalt und Admiralität: Man müsse dem jungen Mann auf die Beine helfen, damit er als deutscher Lieferant für den deutschen Bedarf sorgen könnte. Die Herren luden Bamberg 1873 zu einer Besprechung ein und teilten ihm mit, dass er sozusagen Hoflieferant werden sollte. Bamberg aber sah sich außerstande, dieses Angebot anzunehmen. Es fehle ihm das Geld für Investitionen. Das wurde geregelt – unter der Bedingung, dass er seine Verlobte Emma Roux (9.11.1847-13.1.1937) von Jena nach Berlin holt und heiratet, weil ein ordentlicher Meister ohne Meisterin nichts tauge.

 

Als die Urania 1887 ein Großteleskop mit 30 Zentimeter Öffnungsdurchmesser bestellte, musste für die Produktion Platz geschaffen werden. Bamberg erwarb das Grundstück in der Friedenauer Kaiserallee und ließ sich Werkstätten und Landhaus bauen. Für die Marine produzierten die Werkstätten für Präzisions-Mechanik und Optik Carl Bamberg Kompasse und Entfernungsmesser, für die Kartografie von Vermessungsamt und Generalstab Winkelmessinstrumente, für die Sternwarten Passagegeräte und Meridiankreise, für die physikalischen Universitätslabors Meß- und Richtungsgeräte.

 

Sohn Paul Bamberg (1876-1946) war beim frühen Tod des Vaters noch minderjährig. Witwe Emma Bamberg geb. Roux übernahm die Leitung der Firma. 1904 stieg der Sohn ein. Da er sich meist mit seiner Münzsammlung beschäftigte, geriet das Werk ins Schlingern. 1912 wurde die Notbremse gezogen und Vetter Max Roux (1886-1946) als Mitinhaber an das Haus gebunden. Max Roux hatte nach seinem Maschinenbaustudium an der Gewerbeakademie in Chemnitz als Ingenieur in Bremen gearbeitet. 1912 heiratete er die aus Rostock stammende Käte Bolzendahl (1887-1941). Sie hatten drei Kinder: Hans-Georg (1915-2011), Wilhelm (1916-1940) und Ingeborg (1920-2005). Roux war bewusst, dass eine Zukunft der Fabrik nur durch die Bindung von Spezialisten für Feinmechanik gewährleistet sein würde. Der Kriegsausbruch von 1914 bestätigte dies: Dem Militär fehlte eine moderne Wehrtechnik. Die kaiserliche Marine verlangte magnetische Kompasse für U-Boote, weil der Kreiselkompass bei Unterwasserfahrten vom Feind abgehört werden konnte. Das Heer benötigte Peilgeräte zum Anpeilen feindlichen Artilleriefeuers, die Luftwaffe Visiereinrichtungen zur Flugzeugbekämpfung, die Ufa Kameras für die Kriegsberichterstatter. Der Umsatz stieg auf 5.000.000 Mark pro Jahr. Aus 65 wurden in den vier Kriegsjahren 750 Mitarbeiter. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs fiel das Militär als Kunde weg. Roux setzte jedoch durch, dass die Marine alle Aufträge bezahlte, die sie bis Kriegsende erteilt hatte. Das Werk war gerettet, allerdings musste nach dem Versailler Vertrag ein Ersatz für die nun verbotene militärische Produktion gefunden werden.

 

Max Roux und die Askania-Werke

 

Für die weitere Entwicklung der Firma kam es gelegen, dass 1920 ein Gasmessgerät entwickelt worden war, für das sich die Deutsche Continental Gas AG interessierte. Da das Bambergwerk nicht bereit war, eine Baulizenz zu vergeben, kam es 1921 zur Fusion von Zentralwerkstatt für Gasgeräte GmbH Dessau und Carl Bamberg-Werk zur Askania-Werke AG. In Friedenau wurden weiterhin astronomische und geophysikalische Instrumente gebaut. Bereits 1919 wurde das Potsdamer Unternehmen für Feinmechanik und Optik Otto Toepfer & Sohn übernommen. Es folgten die Übernahmen der Berliner Konkurrenten Julius Wanschaff, Hans Heele und Adolf Koepsel samt ihrer Spezialisten. So konnten Instrumente für die Sternwarten Bosscha auf Java (1922) und Belgrad (1928) gefertigt werden. Askania überstand die Inflation und war obendrein in der Lage, im Bereich Kaiserallee und Stubenrauchstraße Grundstücke zu erwerben. Noch vor Ende des Ersten Weltkriegs hatten sich Hans Altmann und Max Roux kennen gelernt. Der eine war ein angesehener Architekt, der andere ein gewiefter Geschäftsmann. Wem der Preis zu hoch war, entgegnete Roux: Wir sind eine Apotheke, vielleicht können Sie es in der Drogerie nebenan billiger einkaufen. Nachdem bereits 1919 nach Entwürfen von Hans Altmann der viergeschossige Stahlbetonskelettbau für das Konstruktionsbüro errichtet worden war, entstand unter seiner Ägide in den folgenden Jahren auf einer Fläche von 0,5 Hektar eine ausgedehnte Fabrikanlage, deren Fassaden generell mit Sichtziegelmauerwerk und farbigem keramischen Bauschmuck des Bildhauers Bernhard Butzke (1867-1952) verkleidet wurden. Nach 1933 zeichnete sich ab, dass sich die Nationalsozialisten nicht mehr an den Vertrag von Versailles halten würden. Im Zusammenhang mit den Rüstungsplänen von 1935/36 stehen die Bauten auf dem Gelände des Gaswerkes Mariendorf. Der Continental Gas AG kaufte Askania eine Fläche von 115.000 Quadratmetern ab, auf der nach Altmanns Plänen noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs eine moderne Fabrikstadt entstand, mit Shedhallen, siebenstöckigen vollklimatisierten Justiertürmen, Kältekammern, Wasserwerk für die Klimaanlagen, Verwaltungsgebäude, Speisesaal mit 2.000 Sitzplätzen, Küche, Lagerhallen, Sportplatz – auch Wohnbaracken für Fremdarbeiter.

 

1939 beschäftigte die Askania-Werke AG rund 5.000 Arbeiter an drei Standorten – in Friedenau: Bau von wissenschaftlichen Geräten, Einzeloptik, Entwicklungslabors und Hauptverwaltung, in Mariendorf: Luftfahrtgeräte, Reihenoptik, Kreiselgeräte, Sonderbau für Marine und in den angemieteten Gebäuden der Berliner Telefonbaugesellschaft in Steglitz Regler. Anfang der 1940er Jahre wurden Produktionsteile an den Bodensee verlegt. Daraus entstand 1947 das Bodenseewerk Überlingen, das inzwischen der Diehl Stiftung gehört und sich Diehl Defence nennt. Obwohl die Alliierten ausgemacht hatten, dass nach Kriegsende Friedenau und Mariendorf zum amerikanischen Sektor von Berlin gehören, sorgte die Rote Armee von April bis Juli 1945 dafür, dass die Askania-Werke AG geplündert wurde. Was nicht in die Sowjetunion geschafft wurde, kam nach Teltow, so dass dort 1946 eine Askania Feinmechanik und Optik GmbH Teltow gegründet werden konnte, aus der 1954 der VEB Geräte- und Reglerwerk Teltow (GRW) wurde. Im Westen Deutschlands sind die Reste der Askania-Werke AG später von diversen Unternehmen übernommen worden. Geblieben sind der Name Askania und das zur Krone stilisierte Markenzeichen – entstanden 1921 mit der Fusion von Zentralwerkstatt für Gasgeräte GmbH Dessau und Carl Bamberg-Werk Friedenau zur Askania-Werke AG. Die beiden Produktionsstandorte beriefen sich auf den Askanier Albrecht der Bär, der im Jahre 1157 die Mark Brandenburg gegründet hatte und als erster Markgraf in die Geschichte einging. Nach dem Zweiten Weltkrieg erwarben der Architekt Georg Becker und der Bankdirektor Günter Kries den Gebäudekomplex in der Bundesallee Nr. 86-89. Die Familienstiftung der heutigen Becker & Kries Unternehmensgruppe sorgte für eine wohlfeile Sanierung der denkmalgeschützten Askaniahöfe - Becker & Kries. Im Jahr 2004 erwarb der aus dem Schwarzwald stammende Uhrenfachmann Leonhard R. Müller von Siemens für kleines Geld Name und Signet und gründete am historischen Ort in Friedenau die Berliner Uhrenmanufaktur Askania AG.

 

 

Weiteres in Vorbereitung

 

 

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