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Erwin Magnus - Kurier des Geistes

Eckhaus Isoldestraße 1 / Brünhildestraße 8 um 1910
Eckhaus Isoldestraße 1 / Brünhildestraße 8. Foto H&S, 2017

 

„Ich hatte Jack London gewissermaßen für Deutschland entdeckt, wenn auch zwei seiner Bücher schon vorher erschienen waren, die damals aber kaum Beachtung fanden. Es war in der Inflationszeit, und ich lief von einem Verlag zum andern. Aber entweder hatten die Leute kein Geld oder sie meinten, wenn einer Jack London heißt, kann es nur Kitsch sein. Oder sie wollten, wie Ullstein, drei oder vier Bücher erwerben, ohne sich für die übrigen zu interessieren.“ (Erwin Magnus)

 

Laut Geburtsurkunde Nr. 4235 des Hamburger Staatsarchivs kommt Siegmund Erwin Magnus am 24. November 1881 in Hamburg als Sohn des jüdischen Bankiers Max Magnus und dessen Ehefrau Anna Hedwig Elisabeth geborene Mühsam zur Welt. Er besucht das Gymnasium, bricht eine Bankausbildung ab und ist danach für das Hamburger Büro der „Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk“ tätig. Ab 1917 hält er sich in Dänemark auf, arbeitet für das Verlagshaus Gyldendal und lernt Dänisch, Schwedisch, Norwegisch und Englisch.

 

1919 übersetzt er das dramatische Märchen des dänischen Romantikers Adam Oehlenschläger „Aladdin oder die Wunderlampe“ ins Deutsche. Für den Literaturkritiker Georg Brandes legt Magnus „zum ersten Male diese schöne und naive Dichtung Oehlenschlägers, die durch verunstaltete Übertragung das Werk mehr als hundert Jahre seine Wirkung einbüßen ließ, in wahrhaft dichterischer Übersetzung vor“. Auch für den Englisch-Übersetzer Peter Friedrich ist das heute noch immer „eine bedeutende Übersetzung. Und das hat, glaube ich, seine Karriere dann begründet und ihm auch die weiteren Aufträge verschafft“.

 

So kommt es nach dem Tod von Jack London zu einem Vertrag mit der Witwe Charmian London geborene Kittredge, der Erwin Magnus die Exklusivrechte an der deutschen Übersetzung der Werke sichert. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrt Magnus nach Deutschland zurück. 1922 bezieht er eine Wohnung im dritten Stock des Hauses Waghäuseler Straße 9/10 in Wilmersdorf. Es folgt die Heirat mit der aus Böhmen stammenden Margarete geb. Freud (1887-1984). Am 11. Oktober 1924 wird Sohn Michael (1924-2010) geboren.

 

Entscheidend war der 12. Mai 1923. Da wird „zwischen dem Gyldendalschen Verlag, Berlin, und Herrn Erwin Magnus, Berlin-Wilmersdorf, folgende Vereinbarung getroffen: Paragraph eins - Herr Magnus wird vom Gyldendalschen Verlag als ausschließlicher Übersetzer der Werke Jack Londons verpflichtet“. Magnus hatte damit nicht nur die Exklusivrechte an der deutschen Übersetzung von Jack London, er handelte obendrein (einen heute undenkbaren) „Tantiemen-Anteil am Brutto-Verkauf von über 3,5 Prozent“ heraus.

 

1926/27 zieht die Familie Magnus in die Isoldestraße 1 im Friedenauer Wagner-Viertel. Das Eckhaus Isoldestraße 1 und Brünhildestraße 8 entstand 1906/07. Baumeister und Eigentümer bis 1919 war der Besitzer des Zehlendorfer Baugeschäfts C. Graf. 1920 ging das Anwesen an den Fabrikaten Neumann aus Wilmersdorf. 1925 erwarb es der damals noch im Ausland lebende Kaufmann B. Stein. Von der ursprünglichen Gestaltung, wie sie heute noch am Nachbarhaus Isoldestraße 2 des Architekten Ladislaus Nowak zu bewundern ist, haben Weltkrieg und Nachkriegszeit nicht viel übriggelassen.

 

In der großzügigen Wohnung Isoldestraße 1 nahm sich der Übersetzer Erwin Magnus den amerikanischen Schriftsteller Jack London vor. Hier übertrug er einen Großteil der Werke ins Deutsche, darunter die Klassiker Abenteurer des Schienenstranges, Lockruf des Goldes, Die Insel Berande, Jerry der Insulaner, Die eiserne Ferse, Alaska-Kid, Martin Eden. Sie werden die bestverkauften ausländischen Bücher überhaupt. Seit mehr als neun Jahrzehnten stehen sie in den deutschen Bücheregalen – mit dem meist von Lesern und Rezensenten unbeachteten Hinweis „Übersetzt von Erwin Magnus“.

 

Magnus verdiente mit seinen Übersetzungen viel Geld. Das Interesse an den Alaska- und Südsee-Abenteuern von Jack London war Mitte der zwanziger Jahre enorm. Peter Friedrich, Übersetzer von Abenteuerromanen, traf 2007 in Kopenhagen Sohn Michael Freud-Magnus und bekam die Gelegenheit, den Nachlass zu sichten, darunter auch die Gästebücher aus der Isoldestraße 1: „Das ist ein Who is Who der damaligen Größen in Berlin, von Asta Nielsen über Gustaf Gründgens. Also, jeder war bei Erwin Magnus zu Besuch.“

 

1927 verpflichtete sich Erwin Magnus vertraglich, „jedes Jahr mindestens die Übersetzung von zwei abgeschlossenen Werken Jack Londons einzureichen. Die Reihenfolge der zur Veröffentlichung bestimmten Übersetzungen setzt der Verlag fest“. Magnus denkt an Londons Fähigkeit „zu schuften", wie er es nannte, und greift zu einer damals bahnbrechenden Technik: Er diktierte seine Übersetzungen auf ein Drahttongerät (vergleichbar mit den heutigen Spracherkennungs-Programmen) und ließ diese dann von einer Sekretärin abtippen. Von Vorteil war dabei vielleicht, dass Londons Sprache eher wortkarg, knapp und präzise war, was auch in der Übersetzung deutlich werden musste.

 

Im Frühjahr 1929 konstituierte sich der „Bund deutscher Übersetzer“ mit mehr als 80 Übersetzern als Fachgruppe. Vorsitzender wurde Erwin Magnus. Zum Vorstand gehörten u. a. Friedrich von Oppeln Bronikowski und Paul Wiegler. Bis 1932 „bastelten“ sie an einem Entwurf für ein Abkommen mit den Verlegern: „1. einen verbindlichen Tarif gemäß der Wirtschaftslage, 2. die Gliederung des Honorars in ein Grundhonorar und eine Tantieme, 3. die Namensnennung des Übersetzers, 4. eine Vergütung bei nochmaliger Übersetzung auf Grundlage der Übersetzung ins Deutsche, 5. gesonderte Vereinbarung über die Nebenrechte, 6. die Gleichstellung der Übersetzerhonorarforderungen mit denen der Lohnempfänger bei Konkursen, 7. die gleichmäßige Behandlung der Übersetzer und 8. die Zustimmung des Übersetzers zu jeder Ladenpreisänderung.“

 

Zur Durchsetzung kam es nicht mehr. Es kam der 30. Januar 1933 und die Ernennung des Vorsitzenden der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP)“ zum Reichskanzler. Da hatte der Bibliothekar Dr. Wolfgang Herrmann schon seine „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ erstellt, das aus Buchhandel und Büchereien zu entfernen wäre. Am 2. Mai 1933 ging die „Schwarze Liste (Schöne Literatur)“ beim Nationalsozialistischer Deutschen Studentenbund ein. Vier Tage später wurden Buchläden und Bibliotheken von Studenten heimgesucht. Am 10. Mai 1933 erfolgte die Bücherverbrennung „Aktion wider den undeutschen Geist“ auf dem Berliner Opernplatz, darunter drei London-Romane in der Übersetzung von Magnus: Martin Eden, Die eiserne Ferse, Zwangsjacke.

 

Wenige Monate zuvor stand noch im Berliner Adressbuch: „Isoldestraße 1, Magnus, E., Schriftsteller, T. Rheingaus 3079“. In der Ausgabe von 1933 ist ein solcher Eintrag nicht mehr zu finden. Noch bevor die Reichsschrifttumskammer im September 1933 für die „Freihaltung des Schrifttums von ungeeigneten und unzuverlässigen Elementen“ sorgte, konnte der Jude Erwin Magnus nach Dänemark emigrieren.

 

Obwohl er einst für das Kopenhagener Verlagshaus Gyldendal tätig war und „Aladdin oder die Wunderlampe“ des dänischen Romantikers Adam Oehlenschläger ins Deutsche übersetzt hatte, erhielt er im Exil keine Arbeitserlaubnis. Dazu kam, dass Hitlerdeutschland die Tantiemen aus seiner umfangreichen Übersetzungstätigkeit nicht überwies. Erwin Magnus starb am 31. März 1947 in Kopenhagen – weitgehend verarmt. Danach führte seine Frau jahrelang juristische Auseinandersetzungen mit den deutschen Rechteinhabern über die vertraglich zustehenden Tantiemen.

 

Seinen heutigen Übersetzerkonkurrenten nötigt das, was Erwin Magnus einst geleistet hat, nach wie vor allerhöchsten Respekt ab. Dennoch: In den vergangenen neunzig Jahren hat sich viel verändert, auch die Sprache hat sich weiterentwickelt. Es ist deshalb richtig, dass der Deutsche Taschenbuch Verlag (dtv) im Jahr 2013 damit begonnen hat, die wichtigsten Romane Jack Londons von Lutz-W. Wolff neu ins Deutsche übertragen zu lassen.

 

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© Peter Hahn