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Heinrich Sachs

Grundsteinlegung Rathaus Friedenau am 18.10.1913. In der Mitte Heinrich Sachs.

„Erfülle deine Pflicht“ steht in goldenen Lettern über dem Wandgrab. Seine Pflicht gegenüber der Gemeinde Friedenau hat Heinrich Sachs erfüllt. Aber erfüllt Friedenau bzw. das heute zuständige Bezirksamt Schöneberg seine Pflicht gegenüber Heinrich Sachs? Nein!

 

Heinrich Sachs war Gemeindeverordneter und Ehrenbürger von Friedenau. Er wurde am 3. April 1858 in Berlin geboren. Wie es mit ihm danach weiterging, kann hier (noch) nicht mitgeteilt werden. Irgendwann war er jedenfalls Königlich-Preußischer Geheimer Sanitätsrat, ein Ehrentitel, der meistens an nicht beamtete Ärzte und Mediziner verliehen wurde, die eine über zwanzigjährige Praxis nachweisen konnten. Zur Gründergeneration von Friedenau gehörte Sachs nicht. In den Adressbüchern taucht er erstmals im Jahr 1893 als Eigentümer des Hauses Niedstraße Nr. 1 auf, das 1877 vom Kaufmann Zeidler errichtet wurde.

 

 

Aus den Akten geht hervor, dass er mit 18 Jahren 1876 die „Pharmaceutische Fabrik Friedenau“ gegründet hatte. Eine Adresse dafür war (noch) nicht ausfindig zu machen. Am 29. Dezember 1902 reichte das Unternehmen über das „Robert Paul Scherer Laboratorium“ in Detroit beim Patentamt der Vereinigten Staaten die Erfindung eines „Halters für medizinische Substanzen“ ein. Am 24. März 1903 hielt er sein „Patent No. US 723552 A“ in den Händen. Im sogenannten Preisbuch der Firma wurde das Produkt unter dem Namen „Menthador“ angeboten, „ein rollender, massierender und auswechselbarer Migränestift, der auch als Mentholeinatmer dient. Derselbe ähnelt mit seinem Halter einem rollenden Tintenlöscher“.

 

Als die ehrgeizige Gemeinde Friedenau auch ein Rathaus bauen wollte, dauerte es erst einmal, bis sich die Gemeindevertreter auf einen Bauplatz einigten konnten. Infrage kamen die Grundstücke von Geheimrat Hertel am Wilmersdorfer Platz (heute Renée-Sintenis-Platz) mit 3000 qm und das im Besitz der Gemeinde befindliche von 3066 qm an der Ecke Rheinstraße/Niedstraße Nr. 2 am Markt (ursprünglich Lauterplatz, heute Breslauer Platz). Da dieses Grundstück für das umfangreiche Bauprogramm noch immer nicht ausreichte, sah Heinrich Sachs seine Stunde gekommen.

 

Zu einem – wie es heißt hohen Preis – kaufte die Gemeinde das Nachbargrundstück Niedstraße Nr. 1 vom Eigentümer Heinrich Sachs hinzu. Die beiden noch aus der Erstbebauung Friedenaus stammenden Landhäuser wurden abgebrochen, und Gemeindebaurat Hans Altmann konnte seinen Entwurf für das Rathaus Friedenau verwirklichen. Am 18. Oktober 1913 erfolgte in Anwesenheit des Gemeindeverordneten Heinrich Sachs die Grundsteinlegung und nach zwei Jahren fand am 16. Dezember 1915 im großen Sitzungssaal die erste Gemeindevertretersitzung statt.

 

Aus dem Verzeichnis der „Wohlfahrtseinrichtungen von Groß-Berlin“ geht hervor, dass 1913 in Friedenau eine „Heinrich und Bertha Sachs-Stiftung“ mit einem Kapital von 100.000 M existierte. Die Verwaltung oblag einem „besonderen Kuratorium“ des Gemeindevorstands. Danach durften „vorläufig 500 M jährlich für Wohlfahrtszwecke“ verwendet werden.

 

Der Erlös aus dem Verkauf von Niedstraße Nr. 1 reichte aus, dass Heinrich Sachs 1913 das Anwesen Wilhelmstraße Nr. 5-6 (heute Görresstraße) von Johannes Götz (1865-1934) erwerben konnte. Der vielbeschäftigte Bildhauer genoss damals die besondere Wertschätzung des Kaisers. Damit residierte Sachs mitten in „Klein Carrara“, wie Kaiser Wilhelm II. die Gegend zwischen Friedrich-Wilhelm-Platz und Südwestkorso nannte. In seinem Haus lebte seit Jahren der Bildhauer Eberhard Encke (1881-1936) als Mieter. Nr. 7 war der Bildhauerhof von Valentino Casal mit den Ateliers von Ludwig Isenbeck (1882-1958) und Heinrich Mißfeldt (1872-1945). Nr. 9 gehörte Ludwig Manzel (1858-1936), ebenso Bildhauer wie sein Mieter Paul Hubrich (1869-1948).

 

Das Haus lag verkehrsgünstig. Seit 1911 fuhr die Straßenbahnlinie 69 vom Südwestkorso Ecke Laubacher Straße über Bayerischen-, Nollendorf-, Potsdamer-, Leipziger- und Alexanderplatz bis nach Friedrichsfelde (Kirche). Diese Tram wurde ihm am 27. September 1922 zum Verhängnis. Der „Schöneberg-Friedenauer Lokal-Anzeiger“ meldete: „Herr Kommissionsrat, Gemeindeältester und Ehrenbürger Heinrich Sachs, ehemaliger Friedenauer Gemeindeverordneter, Wilhelmstraße 5–6, ist gestern Abend am Südwestkorso beim Absteigen von der Straßenbahn der Linie 69 von dem Anhängerwagen überfahren worden und war infolge Schädelbruches sofort tot. Sein Name bleibt. Ein Mann, in dem sich so viel Güte, Edelsinn, Hilfsbereitschaft, Unermüdlichkeit und Unverdrossenheit vereinigt haben, wird nicht vergessen werden können. Möge ihm reich vergolten werden nach der segensvollen Aussaat seines Lebenswerkes. Er ruhe in Frieden.“

Straßenbahnzug der Linie 69 in der Leipziger Straße, 1926, Quelle transpress 1987
Teilstreckenverzeichnis der Linie 69. Quelle Wolfgang Kramer Linienchronik
Wandgrab Sachs, 2016

Heinrich Sachs fand seine letzte Ruhe auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße. Das Wandgrab gestaltete, was lag näher, sein Mieter, der Bildhauer Eberhard Encke. Dieser hatte wiederholt mit dem Architekten Peter Behrens zusammengearbeitet, u. a. auch die gewaltige Skulptur der „Rosse führenden Dioskuren“ (1912) für das Dach der Deutschen Botschaft in Sankt Petersburg geschaffen, die mit Beginn des Ersten Weltkrieges von den Russen zerstört wurde. In Berlin erhalten sind seine Arbeiten „Faustkämpfer“ für den Fehrbelliner Platz, die Figuren und das Giebelrelief für das Krematorium in Wilmersdorf, „Zwei Hasenfiguren“ auf dem Geländer der Hasensprungbrücke in Grunewald und die Kriegerdenkmale in Wilmersdorf und Kreuzberg.

 

Heinrich Sachs und Eberhard Encke gehören zur Geschichte von Friedenau. Die Grabstelle auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße ist in einem unwürdigen Zustand.

 

Das muss nicht sein!

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© Peter Hahn