Jeanne Mammen - Paris, Bruxelles, Berlin. Deutscher Kunstverlag, 2016

Jeanne Mammen

 

Die Malerin Jeanne Mammen gehört zu jenen auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße bestatteten Persönlichkeiten, die in der gängigen Künstleraufzählung schon mal vergessen werden. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Es mag zum einen daran liegen, dass ihre Erfolge in der Weimarer Republik liegen, zum anderen, dass sie in den nationalsozialistischen Jahren einen ersten stilistischen Bruch vollzieht, dem in der Zeit nach 1945 wiederum eine weitere künstlerische Neuorientierung folgt. Die Kunstgeschichte hat für diesen Wandel die Begriffe realistische, kuboexpressive und skurril-abstrakte Periode parat. Das macht es dem Publikum nicht leicht.

 

Dazu kommt ihre Grabstätte. Kaum ein Besucher wagt sich in das vergammelte Tiefgeschoss des Columbariums. Und wenn er sich dann doch traut, dann hat er Mühe, die Nische mit der Urne C 45-97 überhaupt ausfindig zu machen. „Versteckter“ konnten die sterblichen Überreste von Jeanne Mammen nicht untergebracht werden.

 

Vierzig Jahre nach ihrem Tod zeichnet sich eine Wende ab. Jeanne Mammen wird wieder entdeckt. Der Förderverein der „Jeanne-Mammen-Stiftung“ hat in Zusammenarbeit mit dem Frankreich-Zentrum der Freien Universität Berlin 2016 im Deutschen Kunstverlag ein Buch über „Jeanne Mammen“ herausgegeben – in deutscher und in englischer Sprache. Für Herbst 2017 plant die „Berlinische Galerie“ in der Alten Jakobstraße eine Retrospektive. Zu hoffen ist, dass es dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg bis dahin gelingt, dem Denkmal „Columbarium“ auch im Untergeschoss wieder ein würdevolles Aussehen zu geben.

 

 

 

 

Jeanne Mammen wird am 21. November 1890 in Berlin geboren. Sie wächst in Paris auf, wohin ihre Eltern gezogen waren. Französisch wird ihr zur zweiten Muttersprache. 1906 beginnt sie ihre Ausbildung als Malerin an der Académie Julian in Paris. Es folgen Studien für Malerei und Zeichnung an der Académie Royal des Beaux-Arts in Brüssel und an der Scuola Libera Academica in Rom. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs muss die Familie, inzwischen „feindliche Ausländer“, nach Deutschland fliehen. 1919 bezieht Jeanne Mammen zusammen mit ihrer älteren Schwester Marie Louise das Atelier im 4. Stock des Hinterhauses Kurfürstendamm 29 – in dem sie bis zu ihrem Tod 1976 leben wird.

Sie muss Geld verdienen, zieht herum, skizziert, malt und verkauft diese Zeichnungen und Aquarelle an Illustrierte und Zeitschriften. Unter der Rubrik „Antworten“ schreibt Kurt Tucholsky am 6. August 1929 in der „Weltbühne“: „Die zarten duftigen Aquarelle, die sie in Magazinen und Witzblättern veröffentlicht, überragen das undisziplinierte Geschmier der meisten ihrer Zunftkollegen derart, dass man ihnen eine kleine Liebeserklärung schuldig ist. Ihre Figuren fassen sich sauber an, sie sind anmutig und herb dabei, und sie springen mit Haut und Haaren aus dem Papier. In dem Delikatessenladen, den uns ihre Brotherren wöchentlich oder monatlich aufsperren, sind sie so ziemlich die einzige Delikatesse.“

Noch vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten entstehen nach den Gedichten von Pierre Louÿs „Les Chansons de Bilitis“ acht zweifarbige Lithographien, eine Hommage an die lesbische Liebe, sowie Tuschezeichnungen von der Tänzerin Valeska Gert (1892-1978) für die Zeitschrift „Jugend“. Die Flaneurin par excellence verewigt das Milieu, die Licht- und Schattengestalten der Cafés und Clubs, der Cabarets und Travestie-Etablissements. Sie skizziert mit einer gewissen Vorliebe Frauen, die auch Frauen lieben.

War es bei Max Herrmann-Neiße (1886-1941) neben seinen Texten auch die auffällige Gestalt, die Maler wie George Grosz (1893-1959) und Otto Dix (1891-1969) faszinierten, interessiert sich Jeanne Mammen ganz allgemein für Frauen, und im speziellen für die exzentrischen Tanzpantomimen der skandalumwitterten Valeska Gert: Ein Tanz über die letzten Atemzüge eines Menschen, eine zum brünstigen Frauengeheul tanzende Salome, eine sadistische Heimleiterin für gefallene Mädchen, die ihre kaum bekleideten Schutzbefohlenen mit Turnübungen zu Ekstase und Orgasmus treibt.

Der Kunsthistoriker und Gründungsdirektor der Berlinischen Galerie Eberhard Roters (1929-1994) konstatierte später: „Die künstlerische Haltung der beiden Frauen stimmt überein.“ Mitten in den Vorbereitungen für die Berliner Festwochen 1977 erreichte uns am 22. April 1976 die Nachricht vom Tod von Jeanne Mammen. Diese September-Festwochen sollten ein „Spiegel der 20er Jahre“ sein. Es war für uns keine Frage, dass nun erst recht Valeska Gert „dabei“ sein musste. Ein mühsamer Weg, bis es gelungen war, sie aus ihrem „Sylter Ziegenstall“ zu locken. Dabei waren wir eigentlich schon 1927 von Max Herrmann-Neiße vorgewarnt worden: „Gert zerstört allen erotischen und sentimentalen Schwindel, ist von ganz überlegener, elementarer Laszivität, vernichtet die Tillerei und die pseudopariser Diseusenallüre in Daumierischen Ausmaßen.“

 

Am Abend des 6. September 1977 bekam das Publikum im Renaissance-Theater davon eine Ahnung. Der Aspekte-Chef Walter Schmieding (1928-1980) hatte als Moderator einiges zu tun, um Valeska Gert zu „bändigen“ und die versammelten Zeitgenossen vor ihren „Attacken“ zu schützen. Immer wieder ICH, ICH, ICH, immer wieder, habe ICH zuerst getanzt, habe ICH zuerst kreiert – und alle anderen haben es dann „geklaut“. Dabei hatte keiner von ihnen ihre Verdienste bestritten.

Nachzuvollziehen ist, dass Jeanne Mammen von dieser Frau fasziniert war. Ihr Gemälde „Valeska Gert“, entstanden vor 1929, wurde erst kurz nach ihrem Tod 1977 von der Berlinischen Galerie erworben. „Dass sich das Werk im Besitz der Künstlerin und in ihrem Atelier Kurfürstendamm 29 befand“, so in dem Essay „Vom Wedding nach Montmartre“ der Kunsthistorikerin Camilla Smith, „spricht vielleicht für die Wertschätzung, die Mammen Valeska Gert entgegenbrachte.“ An jenem 6. September gelang „unserer“ Fotografin Erika Rabau die „historische“ Aufnahme der versammelten Zeitzeugen (von links) Wolfgang Stresemann, Gabriele Tergit, Max Colpet, Walther Schmieding, Valeska Gert, Alexa von Porembski, H. H. Stuckenschmidt, Werner Finck, Erwin Bootz, Käte Haack, Mischa Spoliansky, Axel Eggebrecht – mittendrin mit Hut Valeska Gert. Überglücklich „beschenkte“ mich Erika Rabau noch spät in der Nacht mit diesen Fotos. „Mach damit, was du willst“. Das war immer ihr Spruch. Am 10. April 2016 ist Erika Rabau in Berlin gestorben. Erika, ich danke Dir.

 

PS

Die „Jeanne-Mammen-Gesellschaft e. V.“ wurde als „gemeinnützige Nachlassgesellschaft“ nach ihrem Tod im Jahr 1976 amtsgerichtlich eingetragen. Zu den Gründern gehörte der Gründungsdirektor der Berlinischen Galerie Eberhard Roters. Der Nachlass von Jeanne Mammen wurde 2003 als Stiftung in den Bestand des Stadtmuseums Berlin überführt. Das Wohnatelier der Künstlerin am Kurfürstendamm 29 wird derzeit (noch) in seinem Originalzustand unterhalten und ist auf Anfrage zugänglich. Nachdenklich macht allerdings die Formulierung auf der Website www.jeanne-mammen.de die Formulierung: „Unter dem Namen ‚Förderverein Jeanne-Mammen-Stiftung e. V.‘ wird die bisherige ‚Jeanne-Mammen-Gesellschaft e. V.‘ aber, solange es geht, im Wohnatelier ihre Arbeit in gewohnter Weise fortsetzen.“

 

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