Kurt Bartsch (1937-2010)

 

Sicherungsbereich Literatur

 

Nachdem ich Ost-Berlin im Juli 1973 „illegal“ verlassen hatte, wurden auch Hans Rascher (1922-2010) und seine Frau Ellen Tiedtke (geboren 1930) vom MfS über mich „befragt“. Das allerdings erfuhr ich erst nach dem Mauerfall. Offensichtlich war bekannt, dass ich in ihrer Wohnung in der Möllendorffstraße ein häufiger Gast war. Als Informanten kamen wohl nur die IM des Kabaretts „Die Distel“ in Betracht. Sie wussten, dass mich ihr Hausautor Hans Rascher, der unter dem Namen Helmut Schneller als Sohn des KPD-Reichstagsabgeordneten Ernst Schneller geboren wurde, zur Mitarbeit an dem Kabarett-Stück „Grimm’s Märchen“ herangezogen hatte. Das vom Magistrat finanzierte Auftragswerk, mit dem Ellen Tiedtke auch die Rückkehr ins Distel-Ensemble ermöglicht werden sollte, kam nicht zustanden – weil die Distel-Genossen um Direktor Otto Stark der Meinung waren, dass diese literarische Parodie „der sozialistischen Sache“ nicht gerecht wird.

 

Dass sich in der Möllendorffstraße mitunter auch die Autoren Inge Ristock, Kurt Bartsch, Gerhard Geyer und Hans Rascher trafen, die sich den Gruppennamen „Ribagera“ (gebildet aus den beiden ersten Buchstaben ihrer Familiennamen) gegeben hatten, las ich erst 1996 in dem vom Ch. Links Verlag veröffentlichten Buch von Joachim Walther „Sicherungsbereich Literatur – Schriftsteller und Staatssicherheit in der DDR“.

 

Spät also erfuhr ich, dass die Abteilung XX der BV (Bezirksverwaltung des MfS) Berlin einen OV (Operativer Vorgang) gegen diesen Personenkreis geführt hatte – Dokumente in drei Bänden mit 894 Blatt. „Die genannten Autoren hätten bereits 1973 versucht, die Vorzensur im Ostberliner Kabarett ‚Die Distel‘ zu umgehen und das Kabarett politisch aggressiver zu machen.“

 

Dazu lieferte ein DDR-Literaturwissenschaftler ein Gutachten: „Durch eine komprimierte Anhäufung von Fehlern, Mängeln und Sorgen der Menschen wird der Sozialismus als eine chaotische, hilflose und im Grunde unmenschliche Ordnung deklassiert; [...] die sozialistische Produktion wird einem Clown gleichgestellt, der immer ins Stolpern kommt, sich auf den Kopf stellt, auf das Gesicht fällt und sich trotzdem immer wieder hochrappelt; Partei- und Staatsfunktionäre werden als unfähig hingestellt, einen für die Dauer richtigen Kurs auszuarbeiten, und sie seien nur in der Lage, die permanenten Fehler mit Hilfe der Dialektik in Erfolge umzufunktionieren; die sozialistischen Massenmedien werden als unproduktive, die Menschen verdummende Einrichtungen verleumdet.“ (512 BStU, ZA, AOP 7941/84, Bd. 1, BI. 8.).

 

Joachim Walther teilt mit, dass bereits 1974 die „Schriftsteller Erwin Strittmatter und Hermann Kant empört waren über die Veröffentlichung des Buches ‚Kalte Küche‘ von Kurt Bartsch im Aufbau-Verlag. In diesem Buch werden Schriftsteller der DDR in Form der Parodie vorgestellt. Nach Ansicht der Genannten hat Bartsch in diesem Buch das Maß der Parodie überschritten und greift in diskriminierender Weise prominente und zur Politik der Partei stehende Schriftsteller an“. Kurzum: „Dieses Buch von Kurt Bartsch hätte in der vorliegenden Form nicht veröffentlicht werden sollen.“ (513 BStU, ZA, AIM 2173/70, Bd. II/4, Bl. 142).

 

Jahre später, am 18. Februar 1980, beschäftigte sich die ZAIG (Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe) mit dem Manuskript ‚Wadzeck‘ von Kurt Bartsch: „Mit dem Ziel der Verhinderung einer Veröffentlichung dieses feindlichen Manuskriptes werden folgende Maßnahmen vorgeschlagen: Prüfung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit des Bartsch. Der Aufbau-Verlag sollte veranlasst werden, - das Ministerium für Kultur offiziell vom Vorliegen dieses feindlichen Manuskriptes zu informieren und die Einleitung staatlicher Maßnahmen zur Verhinderung einer Veröffentlichung des Manuskriptes in der BRD vorzuschlagen, - mit Bartsch ein Gespräch zu führen, bei dem das Manuskript zurückgewiesen und dem Bartsch unmissverständlich zu verstehen gegeben wird, welche rechtlichen Konsequenzen eine Veröffentlichung dieses Machwerkes außerhalb der DDR zur Folge haben würde.“ (29 BStU, ZA, ZAIG 4484, Bl. 84.)

 

Auf Bartsch und seine Frau Irene Böhme wurden IM angesetzt, darunter IME „Pergamon“ (Inoffizieller Mitarbeiter im besonderen Einsatz, Klarname Wolfgang Tilgner, Chefdramaturg am Friedrichstadtpalast), der ein Gutachten zu der 1978 im Verlag Langewiesche-Brandt ‎erschienenen Schallplatte „Sarah Kirsch liest Gedichte“ (darunter Kurt Bartsch) lieferte, in dem er „antisozialistische Tendenz“, „falsche pseudohumanistische, pseudorevolutionäre Einstellung“ und den „ästhetischen und damit politischen Ausschließlichkeitsanspruch einer Clique“ attestierte.

 

Nachdem Kurt Bartsch im Juni 1979 aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen worden war, schritten die „Tschekisten“ (hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter) am 8. Oktober 1980 zur Tat: „Um 10 Uhr hat der Genosse Kramer (BV Berlin/XX) dreimal an der Wohnung geklingelt. Es wurde nicht geöffnet, und es konnten auch keine Geräusche aus der Wohnung gehört werden. Mit einem Nachschlüssel wurde das Sicherheitsschloss und mit einem Dietrich den Schnapper geöffnet. In diesem Moment kam Andre, Bartschs Sohn, aus dem Badezimmer und sagte: „Nanu, wo haben Sie denn einen Schlüssel her?“ (514 BStU, ZA, AOP 7941/84, Bd. 3, Bl. 342.)

 

Im August 1980 erhielt Kurt Bartsch ein dreijähriges Visum für die „selbständige politische Einheit Westberlin“. Da er von nun an zwischen Ost und West pendelte, sich nach Ansicht des MfS „bewusst über die gesetzlichen Bestimmungen der DDR hinwegsetzt“, empfahl das MfS am 21. November 1980 „offizielle Beweise für strafbare Handlungen des Bartsch gemäß §§ 106 (1) Ziffer 2 und (2) sowie 220 (2) und (4) StGB zu erarbeiten und die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens mit Haft zu prüfen.“

 

Kurze Zeit später zogen Kurt Bartsch und seine Frau Irene Böhme von Berlin (Ost) nach Berlin (West) in die Wohnung Detmolder Straße Nr. 18. In diesen Räumen entstanden zwischen 1991 und 1999 die Drehbücher für 70 Episoden der ZDF-Familienserie „Unser Lehrer Doktor Specht“.

 

 

Weiteres in Vorbereitung

 

 

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