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Leo und Clara Bry

Bad Saarow, Uferstraße Nr. 14. Foto: H&S, 2016

Sonntags in Bad Saarow

 

Der neue Chic von Bad Saarow hat am Haus Uferstraße Nr. 14 noch nicht Einzug gehalten. Auch Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung erinnern Fassadenputz, Garagenbauten und Zaun noch ziemlich an DDR. Das könnte damit zusammenhängen, dass das Wiedergutmachungsverfahren von 1951 auf „Rückerstattung eines Landhauses in Bad Saarow“ noch immer nicht abgeschlossen ist. Damals teilte das Wiedergutmachungsamt Schöneberg Herrn Bruno Burton Bry in New York mit, dass das Grundstück in der sowjetischen Zone Deutschlands liegt und den Behörden damit die Entscheidungsbefugnis fehlt.

 

 

 

Es ging um Leo und Clara Bry. Drei Jahrzehnte lebten sie in Friedenau. Er war am 20. Januar 1881 in Schrimm (Provinz Posen) und seine Frau Clara geb. Rosendorff am 31. Januar 1887 in Usch (Provinz Pommern) geboren wurden. Es muss im Jahr 1907 gewesen sein, als das frischvermählte Ehepaar die Mietwohnung in der Niedstraße Nr. 7 bezog. Dort wurde am 10. Januar 1908 Sohn Bruno geboren.

An der Ecke Lauter- und Niedstraße wurde ein Ladengeschäft angemietet. Kurz zuvor hatte sich Leo Bry in das Handelsregister eintragen lassen: Kaufhaus Leo Bry. Manufaktur- und Modewaren. Lauterstrasse Nr. 12/13. Angeboten wurden Kurz-, Weiß- und Wollwaren, Gardinen, Teppiche, Damen- und Kinder-Konfektion und Herren-Artikel. Anfang März 1908 war die Eröffnung: „Für Friedenau ein wahrer Schatz ist Kaufhaus Bry am Lauterplatz.“ Das Geschäft lief gut. Den Gewinn legten die Brys in Immobilien an, darunter ein ca. 1.500 bis 2.000 qm großes Grundstück am See, bebaut mit einem Einfamilienhaus mit Terrasse, Bootssteg und Bootshaus in der Uferstraße Nr. 14 in Bad Saarow.

Laut Schreiben vom 11. Oktober 1930 an den Gemeindevorstand von Bad Saarow hatte Leo Bry das Haus „am 14. Januar 1930 von Herrn Alfons Bernstein lt. Vertrag erworben habe, während mir der Besitztitel erst am 28. Mai 1930 vom Amtsgericht Beeskow zuging“. Vorab hatte er bereits Grundstückszubehör-, Grunderwerbs- und Gemeindesteuern für ein ganzes Jahr bezahlt.

Noch am 23. September 1938 erschien in der Jüdischen Rundschau eine Annonce des Kaufhauses Bry. Geworben wurde für Betten, Wäsche, Aussteuern, Gardinen und die Aufarbeitung für Daunendecken. Zwei Wochen später "feierten" die Nationalsozialisten die Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938. Die Waren wurden geplündert, der Laden demoliert und nie mehr geöffnet. Im Handelsregister von 1939 stehen für das Kaufhaus Bry drei Buchstaben Liq.– die Liquidation, das Ende.

Für den Aufenthalt von Leo und Clara Bry werden zwischen 1939 und 1942 die Anschriften Rüdesheimer Platz Nr. 7, Konstanzer Straße Nr. 7 und eine Pension in der Schlüterstraße genannt. Sohn Bruno Barton Bry (1908-1985) emigrierte 1939 mit seiner Frau Irina geb. Wiebering (1913-1991) in die USA – letzte Adresse 53 West 73 rd Street, New York 23 N. Y.

Mit der Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3. Dezember 1938 wurde Juden auch auferlegt, ihren Grundbesitz zu veräußern. Der Landrat des Kreises Beeskow-Storkow „genehmigte“ den am 2. Februar 1939 „vor dem Notar Dr. Walther Ulrich in Berlin-Friedenau, Rheinstraße Nr. 5, zwischen dem Juden Kaufmann Leo Israel Bry in Berlin-Wilmersdorf, Rüdesheimer Platz Nr. 7, und der Ehefrau Martha Schulze geborene Jäger in Berlin-Friedenau, Taunusstraße Nr. 15, abgeschlossenen Grundstückskaufvertrag: Gegenstand des Kaufvertrages ist das in Saarow, an der Uferstraße Nr. 14, belegene, im Grundbuche des Amtsgerichts Beeskow vor Saarow im Band 8 Blatt 199 verzeichnete Grundstück. Die Genehmigung wird mit der Maßgabe erteilt, dass der etwa noch bar zu entrichtende Teil des Kaufpreises auf ein Sperrkonto bei einer Devisenbank einzuzahlen ist, über das nur mit Genehmigung des für den Veräußerer zuständigen Oberfinanzpräsidenten verfügt werden darf.“

Leo und Clara Bry wurden für den 19. Januar 1942 in die Große Hamburger Straße Nr. 27 bestellt. Im Gebäude der Jüdischen Oberschule erhielten sie das Dokument zur richterlichen Verfügung über den Einzug ihres Vermögens durch den Fiskus. Die Gedenkstätte von Yad Vashem vermerkt: „Deported from Berlin on 19.1.1942.“ Als Todestag wird der 5. Februar 1942 angegeben.

Die „Initiative Jüdische Spuren“ in Bad Saarow verlegte am 22. Oktober 2010 gegenüber Fontanepark und Scharmützelsee vor dem Haus Uferstraße Nr. 14 zwei Stolpersteine – für Leo Bry und für Clara Bry. Wohldurchdacht war die Aktion nicht. Das spürte damals schon die Initiative, wie sonst ist die Bemerkung zu verstehen, dass „für weitere mögliche Stolpersteine die Bedingungen vor Ort zu unübersichtlich oder die Straßenverhältnisse zurzeit nicht geeignet sind“. Gemeint ist vielleicht auch, dass es dort eine Uferstraße für die Autos gibt, die nun über die Stolpersteine fahren, und parallel dazu ein Uferweg für die Promenadenwanderer verläuft. „Stolpern“ wird also hier keiner.

Foto: H&S, 2016

Die Stolpersteine für Leo und Clara Bry vor dem Haus Uferstraße Nr. 14 in Bad Saarow

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© Peter Hahn