Hier finden Sie uns

Friedenau-Aktuell
Stierstraße 8
12159 Berlin

Kontakt

Rufen Sie einfach an unter

 

+49 030 8516162 +49 030 8516162

 

oder nutzen Sie unser Kontaktformular.

Max Herrmann-Neiße

23. Mai 1886 - 8. April 1941

 

 

 

 

 

Was man liebt, kann nicht vergehen:

heimatlich vertraute Töne

überall uns treu umwehen;

denn die Heimat bleibt bestehen

in dem Lied verstoßener Söhne.

Max Herrmann-Neiße: Gesammelte Werke in zehn Bänden.

Herausgegeben von Klaus Völker, Zweitausendeins Frankfurt 1986-1988

Zum 130. Geburtstag und 75. Todestag im Jahr 2016

Als die schlesischen Verehrer im Jahr 2001 zum 60. Todestag an ihren in Neiße geborenen „schlesischen Dichter" Max Herrmann-Neiße erinnern wollten, fragten sie bei der Deutschen Botschaft in London an, wie es denn um die Pflege seines Grabes auf dem Londoner East Finchley Cemetery stehen würde. Mitgeteilt wurde ihnen, „dass die Kosten für die Pflege des Grabes von Max Herrmann-Neiße in diesem Jahr [wie bereits schon seit dem Jahr 1999] nicht vom Auswärtigen Amt getragen wurden. Wegen der angespannten Haushaltslage und den immer größer werdenden Einsparungen muss sich das Amt bedauerlicherweise aus Grabpflegeverpflichtungen zurückziehen. Ich möchte Sie bitten zu prüfen, ob nicht private Förderer wie Literaturzirkel oder Stiftungen bereit wären, die Kosten für die Grabpflege zu übernehmen“.

 

Nachdem sich Menschen gefunden hatten, die Kosten für die Grabpflege zu übernehmen, ging die Geschichte erst richtig los. Die Botschaft fragte erst einmal beim Auswärtigen Amt an, ob dazu die Erlaubnis gegeben würde. Am 19. Februar 2002 kam die Antwort: „Eine regelmäßige Pflege des Grabes würde in den kommenden Jahren einzig auf dem gelegentlichen Waschen des Steines und dem Wegräumen von Laub beruhen. Der allgemeinen Verfassung der Grabstätte würde hierdurch jedoch nicht aufgehalten werden können. Im Interesse einer dauerhaften und angemessenen Sicherung sollte jedoch dringend eine umfassende, hinsichtlich der anfallenden Kosten vergleichbare einmalige Sanierung ins Auge gefasst werden. Ich hoffe, Sie stimmen mit mir überein, dass mit einer grundlegenden Sanierung der Grabstätte von Max Herrmann-Neiße die Voraussetzung geschaffen ist, dem Andenken des Dichters eine angemessene und würdige Dauer zu verleihen."

 

Eine Antwort, mit der wir auch heute nichts anfangen konnten. Da im Jahre 2016 sowohl der 130. Geburtstag als auch der 75. Todestag von Max Herrmann-Neiße ansteht, wollten wir es genauer wissen. Wir fragten den Leiter der Abteilung für Kultur und Kommunikation im Auswärtiges Amt Dr. Andreas Görgen und bekamen eine prompte Antwort aus London: „Die Grabstätte von Max Herrmann-Neiße (East Finchley Cemetery, Grab-Nr. P3/31) wurde im Jahr 2002 einer ausführlichen Instandsetzung unterzogen. Die Deutsche Botschaft London war damals in Kontakt mit der Friedhofsverwaltung. Für die Kosten kamen zwei private Sponsoren auf. Ob die beiden Herren sich weiterhin um die Grabpflege kümmern, ist uns nicht bekannt.“ Wir waren so klug wie zuvor.

 

Max Herrmann-Neiße war nach dem Reichstagsbrand 1933 mit seiner Frau Leni in die Emigration gegangen und hatte sich schließlich in London niedergelassen. 1938 haben ihm die Nationalsozialisten offiziell die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Er beantragte die englische – ohne Erfolg. 1941 ist er gestorben, an „Heimweh und Herzeleid“, ohne Nachkommen. Auf unsere Nachfrage, ob Max Herrmann-Neiße nun als Deutscher oder Staatenloser einzustufen ist, bekamen wir von der Deutschen Botschaft in London folgende Antwort:

 

„Die NS-Zwangsausbürgerungen, von denen auch Max Herrmann-Neiße betroffen war, sind nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zu Artikel 116 Absatz 2 des Grundgesetzes (Entscheidungen vom 14. Februar 1968 - 2 BvR 557/62 - und 15. April 1980 - 2 BvR 842/77 -) als nichtig anzusehen. Verfolgte haben durch diese Zwangsausbürgerungen ihre deutsche Staatsangehörigkeit nicht verloren, soweit sie nicht zu erkennen geben, dass sie die deutsche Staatsangehörigkeit nicht besitzen wollen. Da die Zwangsausbürgerungen nichtig sind, haben auch Verfolgte, wie Max Herrmann-Neiße, die den 8. Mai 1945 nicht überlebt haben, ihre deutsche Staatsangehörigkeit nicht verloren.“

 

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,

die Heimat klang in meiner Melodie,

ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,

das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.

 

Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,

sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,

so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,

der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.

 

In fremder Ferne mal ich ihre Züge

zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,

die Abendgiebel und die Schwalbenflüge

und alles Glück, das einst mir dort geschah.

 

Doch hier wird niemand meine Verse lesen,

ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;

ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,

jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.

 

Max Herrmann-Neiße war nach der Hochzeit am 14. Mai 1917 mit seiner Frau Leni geborene Gebek in die Gartenhaus-Wohnung Stierstraße Nr. 14/15, Parterre links, eingezogen. In Friedenau schrieb er nieder, was er erlebt und erlitten hatte. Als 1918/19 drei Verlage seine offenherzigen autobiographischen Gedichte herausbrachten, wurde er als Dichter gefeiert, wurde zum bekanntesten Berliner Literaten der Goldenen Zwanziger. 1926 zog das Ehepaar an den Kurfürstendamm Nr. 215. Nach sechs Ehejahren kam er gegen Lenis Liebe zum Juwelier Alphonse Sondheimer (1881-1960) nicht mehr an. Er ging in Bordelle, suchte Zuwendung aller Art, und schrieb: „Also, ich werde auch ungefickt, ja sogar ungeküßt und ungerammelt von dannen schreiten.“ Im Londoner Exil nahm „die Ehe zu dritt“ ihren Lauf. Seine letzten Zeilen entstanden in der vorletzten Nacht seines Lebens: „Da ist die Frau, die ich geliebt und geheiratet habe. Wie seltsam sind wir uns im Laufe der Jahre entglitten! Ich kann nicht einmal sagen, wie es gekommen ist. Eigentlich lieben wir uns noch, wenigstens in den besseren Stunden unseres Selbstbewusstseins. Wir küssen uns vor dem Einschlafen und liegen dann Hüfte an Hüfte, eins dem andern vertrauend. Aber wir schlafen nicht, heucheln nur voreinander Schlummer, und jedes ist mit seinen eigenen Gedanken, Ängsten, Lüsten und Wünschen unlösbar allein.“

 

Nach dem Tod von Max Herrmann-Neiße heiratete Leni Alphonse Sondheimer. Nach seinem Tod am 3. September 1960 nahm sie sich am 22. Oktober 1960 das Leben. Den Nachlass vermachte sie dem "Deutschen Literaturarchiv in Marbach", zu dem auch jene drei Photographien aus den Friedenauer Jahren gehören, die Klaus Völker 1991 in seinem Buch „Max Herrmann-Neiße – Künstler, Kneipen, Kabaretts – Schlesien Berlin, im Exil“ in der Edition Hentrich veröffentlichte:

                    Das Ehepaar Max und Leni Herrmann im Garten der Friedenauer Wohnung, Sommer 191

                    Max Herrmann-Neiße am Treppenaufgang seiner Friedenauer Gartenhaus-Wohnung

                    Max Herrmann-Neiße, 1924 in seiner Friedenauer Wohnung Stierstraße 14 15

 

Da das "Deutsche Literaturarchiv Marbach" inzwischen nicht mehr an Vermittlung und Verbreitung von einst kostenlos erhaltenen Zeitdokumenten interessiert ist und für die Veröffentlichung dieser drei Fotos auf unserer nicht kommerziellen Website Gebühren in Höhe von 180 Euro fordert, mussten wir auf diese Aufnahmen leider verzichten. Dankbar sind wir der Universitäts- und Landesbibliothek Münster, die uns aus der Sammlung Max Herrmann-Neiße (Ablagenummer 2,003) jene acht Photographien aus den Londoner Exiljahren nach 1934 "kostengünstig" überlassen hat.

Mit einem Klick auf den roten Button kommen Sie auf die Seiten der ULB Münster.

Dieser Artikel erschien am 13. Juni 1936 in der "Neisser Zeitung".
"Neisser Zeitung" vom 19. Juni 1936

Das Grab von Max Herrmann-Neiße in London

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Peter Hahn