Max Herrmann-Neiße (1886-1941)

 

 

 

Als die schlesischen Verehrer im Jahr 2001 zum 60. Todestag an ihren in Neiße geborenen „schlesischen Dichter" Max Herrmann-Neiße erinnern wollten, fragten sie bei der Deutschen Botschaft in London an, wie es denn um die Pflege seines Grabes auf dem Londoner East Finchley Cemetery stehen würde. Mitgeteilt wurde ihnen, „dass die Kosten für die Pflege des Grabes von Max Herrmann-Neiße in diesem Jahr [wie bereits schon seit dem Jahr 1999] nicht vom Auswärtigen Amt getragen wurden. Wegen der angespannten Haushaltslage und den immer größer werdenden Einsparungen muss sich das Amt bedauerlicherweise aus Grabpflegeverpflichtungen zurückziehen. Ich möchte Sie bitten zu prüfen, ob nicht private Förderer wie Literaturzirkel oder Stiftungen bereit wären, die Kosten für die Grabpflege zu übernehmen“.

 

Nachdem sich Menschen gefunden hatten, die Kosten für die Grabpflege zu übernehmen, ging die Geschichte erst richtig los. Die Botschaft fragte erst einmal beim Auswärtigen Amt an, ob dazu die Erlaubnis gegeben würde. Am 19. Februar 2002 kam die Antwort: „Eine regelmäßige Pflege des Grabes würde in den kommenden Jahren einzig auf dem gelegentlichen Waschen des Steines und dem Wegräumen von Laub beruhen. Der allgemeinen Verfassung der Grabstätte würde hierdurch jedoch nicht aufgehalten werden können. Im Interesse einer dauerhaften und angemessenen Sicherung sollte jedoch dringend eine umfassende, hinsichtlich der anfallenden Kosten vergleichbare einmalige Sanierung ins Auge gefasst werden. Ich hoffe, Sie stimmen mit mir überein, dass mit einer grundlegenden Sanierung der Grabstätte von Max Herrmann-Neiße die Voraussetzung geschaffen ist, dem Andenken des Dichters eine angemessene und würdige Dauer zu verleihen."

 

Eine Antwort, mit der wir auch heute nichts anfangen konnten. Da im Jahre 2016 sowohl der 130. Geburtstag als auch der 75. Todestag von Max Herrmann-Neiße ansteht, wollten wir es genauer wissen. Wir fragten den Leiter der Abteilung für Kultur und Kommunikation im Auswärtiges Amt Dr. Andreas Görgen und bekamen eine prompte Antwort aus London: „Die Grabstätte von Max Herrmann-Neiße (East Finchley Cemetery, Grab-Nr. P3/31) wurde im Jahr 2002 einer ausführlichen Instandsetzung unterzogen. Die Deutsche Botschaft London war damals in Kontakt mit der Friedhofsverwaltung. Für die Kosten kamen zwei private Sponsoren auf. Ob die beiden Herren sich weiterhin um die Grabpflege kümmern, ist uns nicht bekannt.“ Wir waren so klug wie zuvor.

 

Max Herrmann-Neiße war nach dem Reichstagsbrand 1933 mit seiner Frau Leni in die Emigration gegangen und hatte sich schließlich in London niedergelassen. 1938 haben ihm die Nationalsozialisten offiziell die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Er beantragte die englische – ohne Erfolg. 1941 ist er gestorben, an „Heimweh und Herzeleid“, ohne Nachkommen. Auf unsere Nachfrage, ob Max Herrmann-Neiße nun als Deutscher oder Staatenloser einzustufen ist, bekamen wir von der Deutschen Botschaft in London folgende Antwort:

 

„Die NS-Zwangsausbürgerungen, von denen auch Max Herrmann-Neiße betroffen war, sind nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zu Artikel 116 Absatz 2 des Grundgesetzes (Entscheidungen vom 14. Februar 1968 - 2 BvR 557/62 - und 15. April 1980 - 2 BvR 842/77 -) als nichtig anzusehen. Verfolgte haben durch diese Zwangsausbürgerungen ihre deutsche Staatsangehörigkeit nicht verloren, soweit sie nicht zu erkennen geben, dass sie die deutsche Staatsangehörigkeit nicht besitzen wollen. Da die Zwangsausbürgerungen nichtig sind, haben auch Verfolgte, wie Max Herrmann-Neiße, die den 8. Mai 1945 nicht überlebt haben, ihre deutsche Staatsangehörigkeit nicht verloren.“

 

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,

die Heimat klang in meiner Melodie,

ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,

das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.

 

Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,

sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,

so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,

der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.

 

In fremder Ferne mal ich ihre Züge

zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,

die Abendgiebel und die Schwalbenflüge

und alles Glück, das einst mir dort geschah.

 

Doch hier wird niemand meine Verse lesen,

ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;

ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,

jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.

 

Max Herrmann-Neiße war nach der Hochzeit am 14. Mai 1917 mit seiner Frau Leni geborene Gebek in die Gartenhaus-Wohnung Stierstraße Nr. 14/15, Parterre links, eingezogen. In Friedenau schrieb er nieder, was er erlebt und erlitten hatte. Als 1918/19 drei Verlage seine offenherzigen autobiographischen Gedichte herausbrachten, wurde er als Dichter gefeiert, wurde zum bekanntesten Berliner Literaten der Goldenen Zwanziger. 1926 zog das Ehepaar an den Kurfürstendamm Nr. 215. Nach sechs Ehejahren kam er gegen Lenis Liebe zum Juwelier Alphonse Sondheimer (1881-1960) nicht mehr an. Er ging in Bordelle, suchte Zuwendung aller Art, und schrieb: „Also, ich werde auch ungefickt, ja sogar ungeküßt und ungerammelt von dannen schreiten.“ Im Londoner Exil nahm „die Ehe zu dritt“ ihren Lauf. Seine letzten Zeilen entstanden in der vorletzten Nacht seines Lebens: „Da ist die Frau, die ich geliebt und geheiratet habe. Wie seltsam sind wir uns im Laufe der Jahre entglitten! Ich kann nicht einmal sagen, wie es gekommen ist. Eigentlich lieben wir uns noch, wenigstens in den besseren Stunden unseres Selbstbewusstseins. Wir küssen uns vor dem Einschlafen und liegen dann Hüfte an Hüfte, eins dem andern vertrauend. Aber wir schlafen nicht, heucheln nur voreinander Schlummer, und jedes ist mit seinen eigenen Gedanken, Ängsten, Lüsten und Wünschen unlösbar allein.“

 

Wie es weiterging

 

Nach dem Tod von Max Herrmann-Neiße heiratete Leni Herrmann Alphonse Sondheimer. Nach Tod von Sondheimer nahm sie sich am 3. September 1960 das Leben. Den Nachlass vermachte sie dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach, zu dem auch jene drei Photographien aus den Friedenauer Jahren gehören, die Klaus Völker 1991 in seinem Buch „Max Herrmann-Neiße – Künstler, Kneipen, Kabaretts – Schlesien Berlin, im Exil“ in der Edition Hentrich veröffentlichte:

 

Das Ehepaar Max und Leni Herrmann im Garten der Friedenauer Wohnung, Sommer 1919

Max Herrmann-Neiße am Treppenaufgang seiner Friedenauer Gartenhaus-Wohnung

Max Herrmann-Neiße, 1924 in seiner Friedenauer Wohnung Stierstraße 14/15

 

Aus dokumentarischen Gründen hätten wir diese Photographien aus den Friedenauer Jahren auf dieser Website veröffentlicht. Da die Veröffentlichungsgebühren des vollständig von der Bundesregierung finanzierten Deutschen Literaturarchivs Marbach für unsere nicht kommerzielle Website in keinem Verhältnis zu unserem privaten Engagement stehen, müssen wir auf diese Aufnahmen leider verzichten. Dankbar sind wir der Universitäts- und Landesbibliothek Münster, die uns aus der Sammlung Max Herrmann-Neiße jene acht Photographien aus den Londoner Exiljahren nach 1934 kostengünstig überlassen hat. Danke!

 

„Universitäts- und Landesbibliothek Münster, Sammlung Max Herrmann-Neiße.

http://www.ulb.uni-muenster.de/sammlungen/nachlaesse/nachlass-herrmann-neisse.html

 

Weiteres in Vorbereitung

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