Das Grab von Ottomar Anschütz auf dem Friedhof Stubenrauchstraße im Juni 2016. Foto H&S

 

 

Am 24. Juli 2016 erreichte uns folgende Nachricht: Ich bin entsetzt über die Vorgänge in Berlin. Wie kann man eine Persönlichkeit wie Ottomar Anschütz nur so behandeln und aus der Ehrengräberliste streichen. Ottomar Anschütz war der erste Photograph der Welt der "fliegende Störche" sowie "die ersten Flugversuche von Otto Lilienthal auf dem Fliegeberg in Lichterfelde photographierte", die ersten Kinovorstellungen der Welt 1894 in Berlin ermöglichte und die "die erste Pressekamera der Welt erfand, die von C:P. Goerz Friedenau produziert und weltweit vertrieben wurde".

Der erste Geldautomat zum Betrachten von beweglichen Photographien wurde von Anschütz gebaut. Sie sind im Technikmuseum Berlin und im Museum für Kommunikation Berlin zu sehen. Die Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin erwarb bereits 1887 insgesamt 478 Photographien direkt von Ottomar Anschütz. In den Archiven der Berliner Museen befinden sich ca. 1000 Anschütz-Photographien. Die Besucher des Bundestages betrachten seit Jahren seine Photographie von der Grundsteinlegung des Reichstags 1884 und, und, und – und der Senat von Berlin streicht Ottomar Anschütz aus der Ehrengräberliste!! Holger Anschütz, Urenkel

 

Ottomar Anschütz. Foto Reichard & Lindner, 1890

Ottomar Anschütz wurde am 16. Mai 1846 in Lissa (Provinz Posen) geboren. Zwischen 1864 und 1868 absolvierte er eine Ausbildung durch die Photographen Ferdinand Beyrich (Berlin), Franz Hanfstaengl (München) und Ludwig Angerer (Wien). Nach der Lehre spezialisierte er sich im Atelier seines Vaters in Lissa auf die Porträtphotographie. Mit seinem Namen sind jedoch vor allem zwei Begriffe verbunden: Die Momentphotographie und die Goerz-Anschütz-Patent-Camera.

Mit der Erfindung des Schlitzverschlusses vor der Belichtungsplatte war Anschütz in der Lage, Momentaufnahmen mit einer Belichtungszeit von 1/1000 sec. zu erstellen. So entstanden die Augenblicksbilder von "einem Trupp marschierender Soldaten" (1881), vom "Kaisermanöver bei Homburg" (1884), die "Fuchs-Bilder" (1886), von der "Beisetzung von Kaiser Friedrich III." in Sanssouci (1888), die "Storchen-Bilder" (1894) und - allen voran die Aufnahmen von den Flugversuchen von Otto Lilienthal (1848-1896) vom Fliegeberg in Lichterfelde.

Ottomar Anschütz lebte ab 1888 in Berlin. Am 30. Mai 1907 ist er in seiner Friedenauer Wohnung Wielandstraße 33 gestorben.

 

 

 

Ottomar Anschütz: Erinnerung I - Otto Lilienthal

Sonderbriefmarke: 125 Jahre erster Gleitflug Otto Lilienthal, 2016

Es war ein Spektakel ohnegleichen. Die Berliner strömten mit Kind und Kegel herbei, als sich Otto Lilienthal (1848-1896) vom Fliegeberg in Lichterfelde in die Lüfte erhob. Getragen von den großen weißen Flügeln seines Flugapparats glitt er über die Zuschauermenge. Der Begründer der modernen Luftfahrt war zudem der erste Mensch, der im Fluge fotografiert wurde – von Ottomar Anschütz.

 

Im Jahr 2016, zum 125. Jahrestag des ersten Gleitflugs von Otto Lilienthal, nahm sich der Grafiker Henning Wagenbreth jene Photographien aus dem Otto-Lilienthal-Museum in Anklam vor, die Ottomar Anschütz 1894 geschaffen hatte. Der für seine Comics bekannte Zeichner reduzierte die Photographien auf das Wesentliche: Hügel, Windsack, Flugapparat, Fotograf, mehr war für den Absprung zum Gleitflug nicht erforderlich. Entstanden ist eine Sonderbriefmarke der Deutschen Post mit einer eigenen Welt voller Poesie. Mehr brauchte es nicht, um die beiden Pioniere Otto Lilienthal und Ottomar Anschütz wieder in Erinnerung zu rufen.

 

Ganz anders reagierte sieben Jahre zuvor das Land Berlin. Die Ehrengrabstätte von Ottomar Anschütz auf dem Friedhof Stubenrauchstraße, 1907 von der damals selbstständigen Gemeinde Friedenau geschaffen, strich der Senat 2009 von der Ehrengrabliste. Seither ist das Grab sich selbst überlassen. Und so sieht es auch aus. Eine Schande für Berlin und Tempelhof-Schöneberg. (Grablage 31/23-24).

 

 

 

Das 1991 gegründete Otto-Lilienthal-Museum in Anklam wurde 2001 von der Bundesregierung als „Kultureller Gedächtnisort mit besonderer nationaler Bedeutung“ eingestuft. Das Anklamer Fotoarchiv verfügt über 18 Photographien von Ottomar Anschütz aus dem Jahr 1893 sowie über jene Aufnahmen, die am 16. August und am 14. September 1894 an Lilienthals Fliegeberg in Lichterfelde von Anschütz geschaffen wurden. Die nachfolgenden Aufnahmen von Ottomar Anschütz aus dem Jahre 1894 stellte uns Dr. Bernd Lukasch, der Leiter des Otto-Lilienthal-Museums in Anklam, zur Verfügung. Danke!

 

 

Ottomar Anschütz: Erinnerung II - Fuchs-Bilder

 

Im Jahr 1886 schuf der Photograph Ottomar Anschütz Momentaufnahmen eines Fuchses. Sie waren 1887 als Material für die Studierenden der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums erworben worden. Seit dem Zweiten Weltkrieg galten diese Serienphotographien als verschollen. 2016 entdeckte Ludger Derenthal, Leiter des Museums für Fotografie der Kunstbibliothek Staatliche Museen zu Berlin, in einem Katalog des Berliner Auktionshauses Bassenge Abbildungen der „Fuchs-Bilder“. Der Steglitzer Fotohändler Jens Mattow, der von ihrer Herkunft nichts wusste, hatte diese Aufnahmen angeboten. Als Mattow erfuhr, dass die Bilder aus einer verlorenen Sammlung der Berliner Kunstbibliothek stammten, hat er sich umgehend zur Rückgabe an die Kunstbibliothek entschlossen.

Ottomar Anschütz hat sich bereits ab den 1880er Jahren mit Serienfotografie und Momentaufnahmen beschäftigt – also mit Bildern, die mit einer kurzen Belichtungszeit entstehen. Mit diesen Bewegungsaufnahmen ist er bekannt geworden. Er hat ein springendes Pferd samt Reiter fotografiert (1885), auch einen Speerwerfer (1886). Entstanden sind viele Aufnahmen von Tieren, Hühner, Hunde, Füchse, Wölfe, Rehe, Pferde, Wildschweine, Dachse. Die „Fuchs-Bilder“ gehören zu den sehr frühen Momentaufnahmen. Besonders berühmt geworden sind seine „Störche“ (1884), weil Anschütz die Tiere im Anflug fotografiert hatte. Das war gerade für Künstler interessant, da man gut sehen konnte, wie sich das Tier oder der Mensch bewegte.

Wir veröffentlichen diese "Fuchs-Bilder" mit freundlicher Genehmigung der Kunstbibliothek Staatliche Museen zu Berlin.

 

 

Ottomar Anschütz: Erinnerung III - Storchen-Bilder

Ottomar Anschütz: Erinnerung IV - Goerz-Anschütz-Kamera

 

Mit der von Ottomar Anschütz entwickelten Schlitzverschlusskamera konnten besonders schnell Aufnahmen gemacht werden. Damit wurde die Durchzeichnung der Modelle sehr viel besser, so dass bei seinen Bewegungsbildern etwa Muskelbewegungen sehr viel deutlicher zu sehen sind. Er baute die Kamera so, dass der Verschluss wie eine Jalousie runterging – so blieb nur ein schmaler Schlitz, durch den das Licht auf die Bildplatte fiel. Das war eine große Neuerung, zu der Zeit arbeitete man meistens noch mit dem Objektivdeckel, der einfach per Hand abgenommen wurde. Damit konnte man natürlich nicht so kurze Belichtungszeiten erreichen. Anschütz hingegen verkürzte die Belichtung auf tausendstel Sekunden und erhielt dadurch scharfe Aufnahmen von Objekten in Bewegung. Den ersten Verschluss hatte er selbst gebaut.

1889 erfuhr Carl Paul Goerz von der Erfindung des Schlitzverschlusses (damals genannt Momentverschluss), mit dem Belichtungszeiten von 1⁄1000 Sekunde erreicht und erstmals die Photographie bewegter Objekte möglich wurde. Goerz erwarb das Recht auf Alleinfabrikation und bot mit der Goerz-Anschütz-Moment-Camera die erste Schlitzverschlusskamera der Welt an. Mit der "Goerz-Anschütz-Patent-Camera" gelangte die Optische Anstalt C. P. Goerz AG, in der Friedenauer Rheinstraße 45/46 schnell zu großer Bekanntheit. Diese Kamera wurde als erste Pressekameras bezeichnet und bis 1927 hergestellt.

 

Ottomar Anschütz: Erinnerung V - Photographien

 

Wir empfehlen die Website von Holger Anschütz. Der Urenkel von Ottomar Anschütz hat in den letzten zehn Jahren die Geschichte der Familie Anschütz für seine Enkel recherchiert und aufgeschrieben. Eine bewundernswerte Arbeit.

 

Weiteres in Vorbereitung

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