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Ottomar Anschütz, Pionier der Fototechnik

Ottomar Anschütz. Privatsammlung Familie Anschütz

Am 24. Juli 2016 erreichte uns eine Nachricht, die wir in Auszügen veröffentlichen:

 

Ich bin entsetzt über die Vorgänge in Berlin. Wie kann man eine Persönlichkeit wie Ottomar Anschütz nur so behandeln und aus der Ehrengräberliste streichen. Ottomar Anschütz war der erste Photograph der Welt der

 

* der fliegende Störche photographierte

* die ersten Flugversuche von Otto Lilienthal auf dem Fliegeberg in Lichterfelde photographierte

* die ersten Kinovorstellungen der Welt 1894 und 1895 in Berlin ermöglichte

* die erste Pressekamera der Welt erfand, die von C:P. Goerz Friedenau produziert und weltweit vertrieben wurde

 

Der erste Geldautomat zum Betrachten von beweglichen Photographien wurde von Anschütz gebaut. Sie sind im Technikmuseum Berlin und im Museum für Kommunikation Berlin zu sehen. Die Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin erwarb bereits 1887 insgesamt 478 Fotografien direkt von Ottomar Anschütz. In den Archiven der Berliner Museen befinden sich ca. 1000 Anschütz-Photographien. Die Besucher des Bundestages betrachten seit Jahren seine Photographie von der Grundsteinlegung des Reichstags am 9. Juni 1884 und, und, und – und der Senat streicht Ottomar Anschütz aus der Ehrengräberliste!!

Ich habe für meine Enkel in den letzten zehn Jahren die Geschichte der Familie Anschütz recherchiert und aufgeschrieben. Es handelt sich nun um ein Werk von 260 Seiten, dass ich gerade beendet habe.

Holger Anschütz, Urenkel

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Der Regierende Bürgermeister von Berlin: „Ehrengrabstätten des Landes Berlin sind Ausdruck der Ehrung Verstorbener, die zu Lebzeiten hervorragende Leistungen mit engem Bezug zu Berlin erbracht oder sich durch ihr überragendes Lebenswerk um die Stadt verdient gemacht haben.“

Denkste!

Das Ehrengrab von Ottomar Anschütz auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße. Aufnahme von 1907. Privatsammlung Familie Anschütz

Das Grab von Ottomar Anschütz auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße. Zustand vom 25. Juli 2016. Foto H&S

Ottomar Anschütz aktuell

 

Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin

Am 8. Februar 2016 feierte die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin die Rückkehr jener verschollen geglaubten Bilderserie des Photographen Ottomar Anschütz, die 1887 als Teil eines größeren Konvoluts an Tierphotographien direkt von Ottomar Anschütz für die Studierenden der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums erworben wurden. Zwei Monate zuvor, im Dezember 2015, strich der Senat von Berlin das seit 1907 bestehende Ehrengrab des Fotopioniers Ottomar Anschütz auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße aus der Ehrengräberliste.

Die Fuchsbilder von Ottomar Anschütz, 1886. Quelle:SMB/Kunstbibliothek

Die Fuchs-Bilder von Ottomar Anschütz

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Otto-Lilienthal-Museum Anklam

Das 1991 gegründete Otto-Lilienthal-Museum in Anklam wurde 2001 vom Kulturstaatsminister der Bundesregierung als „Kultureller Gedächtnisort mit besonderer nationaler Bedeutung“ eingestuft. Das Anklamer Fotoarchiv verfügt über 18 Fotografien von Ottomar Anschütz aus dem Jahr 1893 sowie über jene Aufnahmen, die am 16. August und am 14. September 1894 an Lilienthals Fliegeberg in Lichterfelde von Anschütz geschaffen wurden. Darüber hinaus kann das Museum in Anklam auf seine historisch bedeutende Foto-Serie „Störche“ von 1884 hinweisen, die Ottomar Anschütz in seinem „Zoetrop“ zu bewegten Bildern werden ließ und zum Vorläufer der Kinematographie wurden.

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Deutsche Post

Spätestens mit der Ausgabe des Sonderpostwertzeichens „125 Jahre erster Gleitflug Otto Lilienthal“ am 7. Juli 2016 durch die Deutsche Post müsste sowohl der SPD-Senatskanzlei als auch der rot-grünen Zählgemeinschaft von Tempelhof-Schöneberg klar geworden sein, dass Ottomar Anschütz ein „Ehrengrab“ zusteht.

Erinnert sei in diesem Zusammenhang daran, dass sich einst jeden Sonntag Otto Lilienthal (1848-1896) vor den Toren Berlins von einem Sprunghügel aus in die Lüfte erhob. Die Berliner strömten mit Kind und Kegel herbei. Getragen von den Flügeln seines Flugapparats glitt Lilienthal über die Köpfe der Zuschauer. Lilienthal gilt als Begründer der modernen Luftfahrt. Er war zudem der erste Mensch, der im Fluge fotografiert wurde – von Ottomar Anschütz. Für die Deutsche Post Anlass genug, Henning Wagenbreth von der Universität der Künste zu bitten, eine Briefmarke zu entwerfen. Wagenbreth nahm sich eine jener Photographien von Anschütz vor, die 1894 am Fliegeberg in Lichterfelde entstanden waren. Er reduzierte die Fotografie auf das für einen Comic-Zeichner Wesentliche: Hügel, Windsack, Flugapparat, Fotograf. Das alles kommt auf der Briefmarke so wunderbar kantig und roh daher, eine Welt voller Poesie. Mehr brauchte es nicht, um Lilienthal und Anschütz wieder in Erinnerung zu rufen.

Deutsche Post: 125 Jahre erster Gleitflug Otto Lilienthal. Ausgabetag:07. Juli 2016

Ottomar Anschütz

Er brachte das Photo zum Laufen

Ottomar Anschütz wurde am 16. Mai 1846 in Lissa (heute Leszno) bei Posen geboren. Sein Vater war der angesehene Dekorationsmaler Christopher Berthold Anschütz, der seinem Sohn von 1864 bis 1868 eine Photographenlehre in Warschau bei Maksymilian Fajans, in Berlin bei Ferdinand Beyrich, in München bei Franz Hanfstaengel und in Wien bei Ludwig Angerer ermöglichte. Danach übernahm der Junior das Unternehmen. Fortan firmierte er unter „C. B. Anschütz Atelier für Photographie. Lissa, Storchnester Straße 105“. Schon bald waren seine Portraits in der preußischen Provinz Posen ein Begriff. Bereits 1875 entstand ein weiteres Gebäude mit Studio, Dunkelkammer und Retusche. Da die Portraitaufnahmen allerdings lange Belichtungszeiten – und Geduld der Kunden – erforderten, beschäftigte er sich ab 1882 mit der Entwicklung eines „Schlitzverschlusses“ für wesentlich kürzere Belichtungszeiten. Anschütz wollte den „Augenblick" fotografisch überlisten. Diese Technik, gepaart mit neuartigen empfindlichen „Gelatine-Trockenplatte“, war der Schlüssel zur Herstellung von „Momentphotographien“ – die Voraussetzung für die Abbildung von Bewegungen. Es entstand die erste kleine Handkamera mit Rolltuchschlitzverschluss.

1884 wartete Ottomar Anschütz mit einer Sensation auf: Die Storchenbilder – eine Serie fliegender Störche – die ersten Augenblicksphotographien, obendrein mit einer ungeheuerlichen Bildschärfe. Von diesem Zeitpunkt an wurde die Momentaufnahme zum historischen Begriff für kurze Belichtungszeiten. Mit der Erfindung des „Schlitzverschlusses“ konnte er nun eine Vielzahl von individuellen Aufnahmen in einzelnen Bewegungsabläufen in sehr kurzen Abständen herstellen, sie in Phasen zerlegen und sichtbar machen.

Die Storchenbilder von Ottomar Anschütz, 1884. Privatsammlung Familie Anschütz

Mit der Ausstellung von 120 Momentbildern im preußischen Kriegsministeriums, darunter Kaisermannöver, Pferde im Lauf, Fuchs, weckte er das Interesse des Militärs. In dessen Auftrag entstanden 1886 an der Königlichen Militärreitakademie Hannover „Chronophotographien“ von Reitern und Pferden. Die 24 elektrisch miteinander verbundenen Kameras lieferten präzise Bewegungsstudien in ausgezeichneter Qualität, die Ottomar Anschütz zu Bildserien kombinierte – für die Kavallerieschule wertvolles Instruktionsmaterial.

Kaisermannöver. Foto Ottomar Anschütz. Privatsammlung Familie Anschütz
Pferde. Foto Ottomar Anschütz. Privatsammlung Familie Anschütz
Pferde. Foto Ottomar Anschütz. Privatsammlung Familie Anschütz

1894 ließ Otto Lilienthal in Lichterfelde einen 15 Meter hohen Hügel aufschütten, den noch heute existierenden Fliegeberg, an dem ihm Tausende Flüge bis ca. 80 m Weite gelangen. Lilienthal wusste um die Anziehungskraft des neuen Mediums Photographie und Anschütz ahnte wohl, dass er die „Augenblicksphotographien“ der Flugversuche für sich nutzen konnte. So entstanden – „nach dem Leben aufgenommen“, wie es auf den auf Karton montierten Abzügen von Anschütz hieß – ganze Serien von Flugaufnahmen, mit denen beide, der Luftfahrtpionier und der Photopionier für Aufsehen sorgten.

Der Fliegeberg in Lichterfelde. Foto H&S, 2015

Das alles sollte natürlich auch einer größeren Öffentlichkeit gezeigt werden. So entwickelte Anschütz den „Schnellseher“ – ein Gerät zur Projektion seiner Serienbilder. Dieser bestand aus einer Scheibe mit einem Durchmesser von 1,5 m und 24 Glasplatten im Format 9x13 cm. Die von hinten mit einer Geißler’schen Röhre beleuchteten Fotoplatten wurden durch einen Kurbelantrieb mit einer Geschwindigkeit von 30 Bildern pro Sekunde rotiert. Siemens & Halske übernahm die kommerzielle Fertigung.

Der „Schnellseher“, auch Tachyskop, Elektrotachyskop und in den USA später Electrical Wonder Automat genannt, wurde erstmals 1887 im Berliner Kultusministerium und in einer weiterentwickelten Variante 1894 im Hörsaal des Postfuhramtes in der Artilleriestraße präsentiert. Auf einer 6x8m großen Leinwand wurden erstmals lebensgroße, sich bewegende „lebende Bilder“ gezeigt, darunter Parademarsch, Schnellfeuer, schreitendes Kamel, Bocksprung und Einseifen beim Barbier gezeigt. Inzwischen hatte Siemens & Halske mit der kommerziellen Fertigung begonnen. Bis 1893 wurden rund 140 Stück produziert. Der „Schnellseher“ wurde zum Publikumsmagnet der „Chicago World's Fair“ von 1893.

Anschütz' electr. Schnellseher, ausgeführt von Siemens & Halske. Privatsammlung Familie Anschütz

1888 zog Ottomar Anschütz nach Berlin in die Charlottenstr. 59 und eröffnete dort ein Photostudio, in dem auch seine beweglichen Bilder mit dem „Elektrischen Schnellseher“ gezeigt wurden. Wichtiger aber war seine Konstruktion der quadratischen „Holz-Handkamera mit Schlitzverschluss vor der Platte“. Das erste Modell seiner „Moment Handkameras“ war geboren und wurde am 27. November 1888 unter „D.R.P. Nr. 49919“ als Patent eingetragen. Es folgten weitere Verbesserungen. Dafür stehen die bis heute bekannten Begriffe Rolltuch-Schlitzverschluss, Rouleau-Verschluss, Jalousieverschluss, mit denen Belichtungszeiten von 1/1000 Sekunde möglich wurden.

Die „Optische Anstalt C. P. Goerz“ in der Friedenauer Rheinstraße erwarb das Recht auf Alleinfabrikation und bot mit der „Goerz-Anschütz-Moment-Camera“ die erste Schlitzverschlusskamera der Welt an. Die Goerz-Anschütz-Kameras wurden mit verschiedenen Verbesserungen noch bis 1927/28 angeboten. Der Anschützsche Schlitzverschluss findet in heutigen neuen Kameras immer noch seine Verwendung.

Privatsammlung Familie Anschütz

1896 gründete Ottomar Anschütz als GmbH ein Kaufhaus und Unterrichtsinstitut für Amateurphotographie in Berlin W. 66, Leipzigerstr.116 mit Verkaufsraum für photographische Apparate und Bedarfsartikel, Ausstellungssaal und Photolabor für das Entwickeln von Platten und Filmen. Die Werbung in den Adressbüchern: „Inh. d. Kgl. Preuß. Staatsmedail., von 4 Ehrendiplomen u. 12 ersten Preisen. Spec. Moment- Sport- u. Architect. Aufnahm. Vergrößerung v. Bilder aller Art bis Lebensgröße. Unterr. Anst. f. Amateure u. Ausf. Aller photogr. Arbeiten.“ Von diesem Zeitpunkt an widmete er sich wieder ganz der Photographie. Es entstanden Bildbände, „Die Verheerungen der Eglitz und Lomnitz in Schmiedeberg und Krummhübel“ (1897), „Palästinareise“ (1898), „Gut Cadinen“ und „Marienburg“.

Ab 1899 lautete die Wohnadresse: Ottomar Anschütz, Photograph, Schöneberg, Wielandstraße 33 (Postbezirk Friedenau). Während des Umzugs in neue Geschäftsräume in der Leipziger Str. 131 starb Ottomar Anschütz am 30. Mai 1907 an den Folgen einer Blinddarmentzündung. Die damals selbstständige Gemeinde Friedenau würdigte den Photographen und Pionier der Phototechnik, Serienphotographie und Kinematographie mit einem Ehrengrab auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße.

Foto von Ottomar Anschütz vom 9. Juni 1884. Privatsammlung Familie Anschütz

Das Foto ist veröffentlicht im Buch "Der Reichstag - Die Geschichte eines Monumentes", 1990

Bildunterschrift:

Reichstag Grundsteinlegung, 9. Juni 1884. Dieses Foto wurde aus dem Fenster des noch vorhandenen Südflügels des Raczynskischen Palais auf genommen. Der Fotograf hieß Ottomar Anschütz, geb. in Lissa am 26.5.1846, gestorben in Berlin-Friedenau am 30.5.1907. Er war ein Pionier der „Momentphotographie“, Deutschlands Antwort auf Eadward Muybridge, und als solcher Wegbereiter der Erfindungen, die zum Kino führten.

Ottomar Anschutz photographierte1888 die Beisetzung von Kaiser Friedrich III.Mit einem Klick auf den roten Button kommen Sie auf die Seiten des Landesarchivs Baden-Württemberg.

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© Peter Hahn