Cranachstraße 53

Rosa Luxemburg (1871-1919)

 

Da war ja im April des Jahres 1908 ganz schön was los in der Cranachstraße Nr. 58, „als L. plötzlich in die Wohnung im zweiten Stock und in mein Zimmer stürzte und rief, er hätte erfahren, dass ich mit K fahren wolle, daraus werde aber nichts, oder ich bleibe auf der Stelle tot. Ich wurde, wie immer, eisig ruhig dabei, blieb auf meinem Platz und antwortete kein Wort. Das machte ihn noch rabiater, und er stürzte zu Dir, wobei er von mir die Adresse verlangte - ich antwortete natürlich nichts - und sich von Gertrud beide Schlüssel geben ließ. Wie ich das sah, ging ich zu K. und blieb dort über Nacht. Wie ich mich fühlte, kann ich Dir nicht beschreiben, die Nacht war fürchterlich.

Am anderen Morgen ging ich mit den Buben in die Wohnung, um nach Briefen zu sehen, traf ihn auf der Straße, schaute mich natürlich nicht um und ging rauf. Oben lagen meine Briefe geöffnet, und wie ich runter ging, war er wieder vor dem Hause und ging neben mir her. Er war bei Dir, Frau Großmann hätte ihm „alle Informationen“ gegeben, offenbar über Besuche, „der Vogel sei herausgeflogen“, aber er werde ihn schon erreichen; ferner dürfe ich keinen Schritt aus Berlin tun, ich solle es versprechen, sonst schlägt er mich sofort tot. Und er griff schon in die Tasche. Ich blieb ruhig und eisig, wandte nicht einmal den Kopf um, darauf ging er. Ich war aber innerlich von den Misshandlungen so furchtbar aufgeregt und so unglücklich, daß ich wieder zu K mußte und nicht nach Hause durfte (das Haus wurde mir zum Greuel, seit er die Schlüssel nahm).Ich fühlte mich so einsam, ratlos, ausweglos wie noch nie. Vor allem konnte ich absolut keinen Entschluß fassen: Soll ich fahren oder nicht. Ich dachte mir, Du würdest unbedingt dafür sein, daß ich fahre, und ich raffte noch schnell abends meine paar Sachen, kam um elf Uhr wieder zu K’s und am anderen Morgen fuhr ich. Du darfst jedenfalls nicht daran denken, hierher zu kommen, denn L. wird ja einen Ausbruch der Raserei haben, wenn er erfährt, ich sei doch fortgefahren, und dann schmeißt er alles hin und kommt her, um sich zu rächen. Schreibe mir bald, mein Süßer, süßer Schatz. Deine Niunia. Sei ruhig und heiter, Bubi, ich freute mich die ganze Zeit, daß ich Dich fern von Berlin, fern von dieser grausamen Aufregung und fern von Gefahr wußte. Diudiu, süßer.

 

 

Dieser Brief vom 14. April 1908 an Kostja Zetkin beschreibt das ganze Dilemma, in das sich Rosa Luxemburg gebracht hatte. Da war Leo Jogiches (L.), einst der „berühmte Revolutionär“ aus Litauen, den sie während ihres Studiums 1890 in Zürich kennen und lieben gelernt hatte. Sie betrachtete sich als seine Frau, wollte ein Kind, eine Familie. Er sah die Beziehung „etwas anders“, empfand ihre variationsreichen Kosenamen eher einengend und klammernd. Sie litt: „Du hast mich dahin gebracht, dass ich mich geniere, Dir Persönliches zu schreiben, von meinen Gefühlen und Eindrücken. Es scheint mir, dass es etwas Schlechtes ist, wenn man nicht von der Sache schreibt.“ Politisch blieben Leo und Rosa „ein Gespann“. Menschlich wurde die Distanz größer. Sie wollte sich verändern, wollte nach Deutschland. Um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten, heiratete sie am 19. April 1898 den 24-jährigen Gustav Lübeck. Drei Wochen später war sie in Berlin – gegen den Willen von Leo Jogiches.

 

Leo Jogiches „gab nach“ und kam im August 1900 nach Berlin. Aus der Liebesbeziehung war eine Lebensgemeinschaft geworden, verbunden durch die gemeinsame politische Überzeugung. In knapp zwei Jahren hatte sich Rosa Luxemburg in Berlin eine neue Heimat geschaffen. Mit Gertrud Zlottko hatte sie eine Haushälterin, mit Karl und Luise Kautsky (K‘s.), die mit den Söhnen Karl, Felix und Benedikt das Haus in der Niedstraße 14 bewohnten, war sie befreundet – und dann war auch Kostja Zetkin, der während seiner Berlin-Aufenthalte in der Wohnung von Frau Großmann in der Peschkestraße 14 „untergebracht“ wurde. – Doch der Reihe nach:

 

 

Die Lieben der Rosa Luxemburg

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Grab von Paul Levi auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof Stahnsdorf. Foto Peter Hahn, 2005

Ein internationaler revolutionärer Sozialist

 

Im Zusammenhang mit Rosa Luxemburg sei es gestatttet, auf das Grab des von der SPD "etwas vergessenen" Sozialdemokraten Paul Levi (1883-1930) hinzuweisen. Es befindet sich auf dem auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof in Stahnsdorf (Grablage Abteilung A/S, Familienstelle St 25).

 

 

 

Weiteres in Vorbereitung

 

 

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