Wilhelm Herms (1840-1911)

 

Die Inschrift auf dem dunklen Granit-Wandgrab der „Familie W. Herms“ macht neugierig. Von den drei eingelassenen Inschriftentafeln ist nur den Mittelteil beschriftet: „Hier ruht in Gott meine innigst geliebte Frau, unsere herzensgute Mutter, Schwieger- und Großmutter Luise Herms geb. Heitzmann, geb. 18. Juni 1841, gest. 25. Januar 1910“. Darunter „Und unser innigst geliebter treusorgender Vater, Schwiegervater und Großvater der Direktor und Ziegeleibesitzer Wilhelm Herms, geb. 27. Juni 1840, gest. 27. December 1911“.

 

 

 

 

 

Herms war Eigentümer des Anwesens „Hauffstr. 10, pt. Postbezirk Friedenau, Tel. Fr. 149“. Nach dem Berliner Adressbuch waren dort gemeldet Wilh. Herms sen., Wilh. Herms jr. sowie Mitinhaber Wilh. Heitzmann. Es muss davon ausgegangen werden, dass ihre Handstrich- und Dampfziegelei wesentlich aus der Hauffstraße Nr. 10 geführt wurde. Erst 1904 kam mit der „Vereinigten Dampfziegeleien und Industrie-Actiengesellschaft“ die Adresse Französische Straße 14 hinzu.

Im Adressbuch der „Ziegeleien, Chamottefabriken und Thongruben für die Provinz Brandenburg“ des Jahres 1900/01 taucht der Name Herms mehrfach auf: 1853 bei der „Freienwalder Ratsziegelei“ und bei der „Ziegelei Herms & G. Schulze“ in Rehagen. Fündig wird man letztendlich bei den „Halber Ziegeleiwerken“. Durch die rege Bautätigkeit in der Stadt Berlin von Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts wurden immens viele Mauer- und Dachziegel gebraucht. Die geologischen Voraussetzungen ringsherum boten Rohstoff in Hülle und Fülle. Um 1817 entstanden die ersten Tongruben und unmittelbar daneben Ziegeleien. Das „Teltower Kreisblatt“ meldete am 15. Juni 1894, dass Halbe mit seiner 1866/67 eröffneten Station an der Berlin-Görlitzer Bahn viel gewonnen und der Ort mittlerweile über 600 Einwohner habe. Sechs Ziegeleien sind entstanden, darunter die „Ziegelei Aktiengesellschaft, eine ganz bedeutende Anlage, die viele Arbeiter beschäftigt und gute Löhne zahlt. Von kleinem Anfang an hat sich das Ziegelbrennen hier derartig ausgedehnt, dass gegenwärtig jährlich 20 Millionen Steine fertiggestellt werden“.

 

Zur Übernahme und Fortführung einer großen Ziegelei in Halbe direkt an der Berlin-Görlitzer Bahn, 1 Fahrstunde von Berlin entfernt, wurde 1889 die „Vereinigte Halber Dampfziegeleien AG“ gegründet. Die „Deutsche Geologische Gesellschaft“ lieferte 1896 ein Gutachten“: „Die daselbst abgebauten Thone bilden die ältesten Schichten des Diluvium und werden von den märkischen Braunkohlenbildungen unterteuft. Das Hangende des an einigen Stellen über 35 m mächtigen Thonlagers wird durch diluvialen Spathsand gebildet, der 6-10 m mächtig und in der am Rande der Diluvialhochfläche gelegenen Grube interglacialen Alters ist, dagegen in den beiden anderen in der Thalfläche befindlichen Gruben noch von jungdiluvialem Thalsande überlagert wird. Zwischen dem Thon und Sand bemerkt man eine aus oft sehr grossen und z. Th. geschrammten Geschieben gebildete Steinsohle, die bis zu 0,5 m Mächtigkeit besitzt.“ Keine schlechte Voraussetzung für eine Expansion. So erwarb Wilhelm Herms 1903 die „Meißener Thonwaren- und Kunststeinfabriken AG“, die sich auf feuer- und säurefeste Produkte spezialisiert hatte und den Markt mit glasierten Steinzeugwaren und Fußbodenplatten von großer Dauerhaftigkeit versorgte. Mit der Übernahme waren Kapitalerhöhungen verbunden. Die Werkserweiterungen und Fehlschläge bei Experimenten mit neuartigen Wandplatten in Meißen führten zu herben Verlusten. Dazu wurden wegen der gedrückten Lage am Berliner Baumarkt und rückläufiger Preise in den Jahren nach 1909 weitere Sanierungen erforderlich. 1913 lehnten die Anleihegläubiger erneute Sanierungsbeschlüsse der Aktionäre ab. Nachdem ein Konkursverfahren mangels Masse gar nicht erst eröffnet worden war, erfolgte 1914 der Liquidationsbeschluss. Das Werk in Halbe erwarb 1914 in der Zwangsversteigerung die „Nationalbank für Deutschland“ als einer der Hauptgläubiger. Das Meißner Werk ging in der Zwangsversteigerung 1919 an die durch ihre Puppenproduktion bekannt gewordene M. Oscar Arnold Fabrik- und Handelsgeschäft (MOA) in Neustadt bei Coburg.

 

Wilhelm Herms sen. hat das Ende der von ihm gegründeten Halber Ziegeleiwerke nicht mehr erlebt. Der Tonabbau erfolgte noch bis 1912. Dann brach das Wasser ein und die Grube wurde geflutet. Als Relikt der Brandenburgischen Ziegeleien und des Berliner Baubooms von anno dunnemals ist der 7,8 ha große Heidesee geblieben. See und Strand sind beliebt. Das Wasser nach Angaben der EU ausgezeichnet. Und ein Paradies für Taucher scheint er auch zu sein. In geringer Tiefe sind Gebäude, Gleise, Waggons und Loren aus der längst vergangenen Ziegelzeit zu erkunden.

 

 

Weiteres in Vorbereitung

 

 

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