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Wilhelm Wohlthat

Friedenau, Hedwigstraße 11

Friedenau, Rheinstraße 11

Wohlthat ist Geschichte

 

So titelte das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels am 7. September 2012. Keiner wollte die letzten verbliebenen Filialen der „Wohlthat'schen Buchhandlung“ in Berlin und Potsdam haben. Der Markenname „Wohlthat“ befand sich zuletzt im Eigentum der „DBH Deutsche Buch Handels GmbH & Co. KG“ München. Wie es dazu gekommen war, konnte auch „Archiv und Bibliothek des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels“ nicht aufklären: „Über das Ende des Unternehmens lassen uns die Quellen im Unklaren.“ Fakt ist, dass die Akten nur Auskunft bis zum Jahr 1926 geben, und Fakt ist wohl auch, dass sich irgendjemand irgendwann die Rechte an der Bezeichnung „Wohlthat'sche Buchhandlung“ gesichert hatte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1948 in Augsburg der Verlag Winfried-Werk GmbH gegründet, der sich auf die Herausgabe von Büchern zu christlichen Themen spezialisierte. Daraus entstand 1987 das katholische Unternehmen „Verlagsgruppe Weltbild GmbH“, die sich 2005 mit 51 % an der besonders in Berlin vertretenen Filialkette Wohlthat beteiligte.

2006 fusionierte „Weltbild“ mit den Firmen „Hugendubel“ (1893 in München als Buchhandlung gegründet), „Jokers“ (seit 1999 für das Segment Modernes Antiquariat, Remissionen und Restposten zuständig) und der Filialkette „Wohlthat'sche Buchhandlung“ zur „DBH Buch Handels GmbH & Co. KG“. Diese gehörte je zur Hälfte der Familie Hugendubel und dem Weltbild-Verlag, der sich wiederum im Besitz von 14 katholischen Diözesen befand.

Nachdem DIE WELT am 25.10.2011 mit „Katholische Kirche macht mit Pornos ein Vermögen“ titelte, kam eine erneute Diskussion um die Diskrepanz zwischen katholischer Weltanschauung und dem Sortiment der Verlagsgruppe Weltbild auf. Bald darauf wurde „über die Verkaufsabsicht der kirchlichen Eigentümer“ spekuliert. Letztendlich führte das zum Beschluss der Bistümer München-Freising und Augsburg, der ohnehin finanziell angeschlagenen Verlagsgruppe Weltbild eine Finanzspritze von 35 Millionen Euro zu bewilligen – bis ein Käufer gefunden werde.

2011 beschlossen die Gesellschafter der DBH, die damals noch bestehenden 26 Wohlthat-Filialen in 15 Jokers-Filialen und eine Weltbild-Filiale umzuwandeln. Die verbleibenden 10 Filialen wurden in die neue Gesellschaft „Wohlthat Berlin GmbH & Co. KG“ eingebracht, weiter betrieben und zum Verkauf ausgeschrieben. Darunter auch die 70-Quadratmeter-Buchhandlung in der Berliner Kantstraße, die der Buchhändler Ulrich Daniels 1976 gekauft und 1980 eröffnet hatte. 2013 schlossen die letzten Filialen in Berlin und Potsdam. Wohlfeile Bücher aus der Wohlthat´schen Buchhandlung gibt es nicht mehr. Wohlthat hörte damit auf, als Marke zu existieren.

Bismarck im deutschen Liede. Lieder und Gedichte herausgegeben von Julius Pasig

Angefangen hat das alles im Jahr 1896 in Friedenau. Da hatte Wilhelm Wohlthat, wohnhaft in der Hedwigstraße Nr. 11, die „Buch-, Kunst-, Musikalien-, Landkarten- und Schreibwarenhandlung“ gegründet und einen Laden in der Rheinstraße Nr. 11 eröffnet. Im „Adressbuch des Deutschen Buchhandels“ ist allerdings auch dokumentiert, dass Wohlthat seit 1894 einen Verlag betrieb. Jedenfalls erschienen dort die Bücher „Bismarck im deutschen Liede. Lieder und Gedichte“, 1901 herausgegeben von Julius Pasig, und „Worte der Liebe“, ausgewählt von Wilhelm Zauter. Die Firma Wohlfarth Verlag ist 1906 erloschen.

Bereits am 1. April 1901 ging das Sortiment auf die Firma „Wohlthat'sche Buchhandlung Martin Kindler“ über. Danach kam Deutsch-Ostafrika ins Spiel, die Kolonie, das seit 1885 bestehende sogenannte Schutzgebiet des Deutschen Reichs. In Daressalam und Morogoro erschien seit 1899 die „Deutsch-Ostafrikanische Zeitung“. Ende 1904 kam die aus den 1902 entstandenen „Anzeigen für Tanga“ hervorgegangene „Usambara-Post“ hinzu. Sie wurde nach Angaben des Kolonial-Lexikons jahrelang in der Handwerkerschule in Tanga gedruckt und sollte als amtliches Organ für Bekanntmachungen der Bezirksämter Tanga, Pangani, Wilhelmsthal und des kaiserlichen Bezirksgerichts Tanga dienen. 1913 werden für die Usambara-Buchhandlung und Druckerei des Verlages der „Usambara-Post“ in Tanga genannt: Inhaber G. v. Horn, Redakteur Joseph Deeg und Geschäftsführer Wilhelm Wohlthat. In Berlin SW 68, Alexandrinerstraße 110, wurde eine Geschäftsstelle unter der Leitung von Karl Winckler unterhalten. Diese wurde 1915 von Joseph Deeg und Wilhelm Wohlthat übernommen.

Deutsch-Ostafrika war während der gesamten Dauer des Ersten Weltkrieges ziemlich umkämpft. War es der deutschen Schutztruppe bis 1915 noch einigermaßen gelungen, die Kämpfe für sich zu entscheiden, musste sie am 25. November 1918 kapitulieren. Wilhelm Wohlthat wurde von den Engländern gefangen genommen und jahrelang in Indien interniert. Seine Frau durfte in Tanga (nördlichste Hafenstadt des heutigen Tansanias) bleiben. Wohlthat bleibt dennoch Mitinhaber der Firma, allerdings ist für das Jahr 1926 Joseph Deeg laut Handelsregister als Alleininhaber aktenkundig.

Der Versailler Vertrag bestimmte, dass Deutschland alle Kolonien abzugeben hatte. Deutsch-Ostafrika wurde am 20. Januar 1920 der Verwaltung des Völkerbundes unterstellt und später zwischen Belgien und Großbritannien aufgeteilt. 1920 durfte Wilhelm Wohlthat nach Deutschland zurückkehren. Im redaktionellen Teil des „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel“ erscheint am 31. März 1923 die Mitteilung:

Nachruf im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels, 31.03.1923

Dokumente aus Deutsch-Ostafrika

Usambara-Post vom 3.12.1910, Tanga Deutsch-Ostafrika
Usambara-Buchhandlung und Druckerei, Tanga Deutsch-Ostafrika
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© Peter Hahn