Richard Scheibe, Ehrenmal für die Opfer des 20. Juli 1944. Foto von 1952

Richard Scheibe (1879-1964)

Wilhelmstraße Nr. 16 (heute Görresstraße Nr. 21)

 

Mit Richard Scheibe tut sich die Bundesrepublik Deutschland schwer. Für das Georg Kolbe Museum Berlin übernahm er in Berlin ein Meisteratelier an der Akademie der Künste, wo er bis Kriegsende unterrichtete. 1945 wurde er an die Hochschule der bildenden Künste berufen.

 

Das Deutsche Historische Museum klammert die Jahre von 1942 bis 1945 komplett aus.

 

Das Städelmuseum in Frankfurt am Main orientiert auf das Denkmal für Friedrich Ebert, eine überlebensgroße Bronzefigur, die 1926 an der Paulskirche angebracht, nach heftigen Protesten wieder abgebaut und 1950 durch eine von Richard Scheibe geschaffene neue Version ersetzt wurde. Immerhin gesteht das Städelmuseum ein, dass Scheibe nach 1933 in seinen nun entstehenden Arbeiten dem herrschenden Geschmack entgegen kommt und so zu einem Exponenten der Wendekultur wird (Christine Fischer–Devoy).

 

Scheibes Geburtsstadt Chemnitz ernennt ihn am 13. April 1949 zum Ehrenbürger und verkündet, obwohl er es ablehnt, der nazistischen Partei anzugehören, erfolgt seine Berufung als Leiter einer Meisterklasse an der Preußischen Akademie der Künste Berlin, wo Gerhard Marcks und Waldemar Grzimek zu seinen bedeutendsten Schülern wachsen.

 

Vergessen war, dass Richard Scheibe ab 1937 regelmäßig auf der Großen Deutschen Kunstausstellung München vertreten war, Adolf Hitler 1938 seine Skulptur Denker erwarb, Joseph Goebbels 1941 die Zeichnung Abend am Main und 1943 die Statue Flora kaufte, und ihn der Führer im August 1944 in die Gottbegnadeten-Liste der wichtigsten Künstler aufnahm. Keiner erinnerte sich mehr an den Völkischen Beobachter vom 14. April 1945, in dem Scheibe in dieser Stunde der höchsten Bewährung erklärte: Ich fühle mich verpflichtet, als Deutscher mich in dieser Stunde ausdrücklich zu meinem Vaterland und seinem Kampf zu bekennen. Ich bleibe an meinem Platz und schaffe, was in meinen Kräften steht. Ich glaube, dass die deutsche Kunst von neuem emporwachsen wird und dass sie allen Verfolgungen zum Trotz weiterleben und dass sie bleiben wird, was sie seit Jahrhunderten gewesen ist, die Kulturträgerin des Abendlandes.

 

 

Nachdem der 1933 seines Amtes enthobene Maler und Hochschullehrer Karl Hofer (1878-1955) am 28. Juni 1945 zum Direktor der neugegründeten Hochschule für bildende Künste Berlin berufen wurde und programmatisch erklärte, wir fangen vollständig neu an. Es darf nicht die allergeringste Verbindung zur alten Zeit bestehen, wurde auch Richard Scheibe 1945 an die Hochschule berufen, weil wir für die Erziehung unserer Jugend neue Fundamente brauchen, eine klare und bewusste Zielsetzung. Lehrkräfte, die am Aufbau unserer Schule mitarbeiten, müssen von dieser Aufgabe durchdrungen sein.

 

Den Rest besorgte der Kunsthistoriker Edwin Redslob (1884-1973), Tagesspiegel-Publizist und erster Rektor der Freien Universität. Er spricht Scheibe und sein Werk heilig und erteilt dem deutschen Volk hernach die Generalabsolution: Um die Gestalten Scheibes weht ein Hauch der Einsamkeit, es ist, als stünden sie außerhalb unserer Welt, an deren Bösem sie keinen Anteil haben. Dass diese Abkehr von allem, was körperlich und seelisch hässlich ist, in einer Zeit denkbar war, in der so unsagbar viel Brutalstes geschah, erscheint wie ein Geschenk der Gnade. Es rechtfertigt eine ganze Generation vor dem Richterstuhl der Geschichte.

 

Damit war 1953 der Weg für das Ehrenmal der Opfer des 20. Juli 1944 in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Berliner Bendlerblock frei. Für Edwin Redslob erfasste Scheibes Bronzefigur eines nackten jungen Mannes mit gebundenen Händen das Bleibende des heroisch-verzweifelten Widerstandes und seiner Bedeutung für die kommende Zeit: IHR TRUGT DIE SCHANDE NICHT / IHR WEHRTET EUCH / IHR GABT DAS GROSSE EWIG WACHE ZEICHEN / DER UMKEHR / OPFERND EUER HEISSES LEBEN / FÜR FREIHEIT RECHT UND EHRE (Inschrift).

 

In ihrer Dissertation über den Bildhauer zitiert die Kunsthistorikerin Magdalena George (1924-1986) aus einem Brief von Richard Scheibe vom 20. Auhust 1953: Da eine Gestaltung des Denkmals im modernen Stil bei den Hinterbliebenen der Opfer, meist ehemalige Offiziere und Beamte, wohl Verdruss erregt hätte, musste man damit noch einmal auf mich zurückgreifen, und so habe ich denn für meine Lösung der Aufgabe manche mir werte Zustimmung, auch von den Berliner Senatoren erfahren. Es ist nicht so, dass ich mit meiner Kunstanschauung ganz allein dastehe.

 

Das wurde honoriert: 1950 Ehrendoktor der Freien Universität Berlin, 1951 Bundesverdienstkreuz, 1954 Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main und das Halskreuz des Großen Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, 1959 Ehrensenator der Hochschule für bildende Künste Berlin (weil er zum Senator bereits von den Nazis gemacht wurde), 1978 Ehrengrabstätte der Stadt Berlin auf dem Friedhof Alt-Schmargendorf.

 

Es brauchte einige Zeit, um sich vom Helden-Pathos der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zu befreien. Mit der Umgestaltung des Denkmals in den Jahren von 1979 bis 1980 wurde Scheibes Jüngling mit gebundenen Händen wenigstens vom Podest genommen und auf das Pflaster des Innenhofs gestellt. Es bleibt ein schaler Beigeschmack, weil die Figur letztendlich nur eine Variation jener Skulpturen ist, Symbol für die Bereitschaft der Luftwaffe, Zehnkämpfer, Denker, oder Jüngling, die Richard Scheibe zwischen 1937 und 1938 für die Nationalsozialisten geschaffen hatte.