Sintflutbrunnen. Foto Hahn & Stich, 17.06.2017

Sintflutbrunnen

 

Der Bauunternehmer Georg Haberland hatte 1906 mit seiner Terrain-Gesellschaft Berlin-Südwesten große Teile des damals noch unbebauten Areals erworben und den Bau vierstöckiger Mietswohnhäuser durchgesetzt. Im Herbst ist die Anlage des Südwestkorsos von der Gemeinde Friedenau beschlossen worden, ein neuer Straßenzug, der den Südwesten Berlins durchschneidet und von der aufblühenden Kolonie Dahlem eine direkte Verkehrsstraße durch die Kaiserallee mit der Stadt bildet.

 

Irgendwann dämmerte es auch Gemeindebaurat HansAltmann, dass diese Allee einer Unterbrechung bedarf, eines Ruhepunktes, auf dem das Auge mit Wohlgefallen ruht. Im Frühjahr 1908 berichtete Altmann über die Anlage eines Platzes vor dem Friedhof an der Stubenrauchstraße, für den Haberland der Gemeinde einen monumentalen Brunnen zum Geschenk machen würde: Kein anderer Ort scheint geeigneter.

 

 

Die Ausführung des Brunnendenkmals ist dem hiesigen Bildhauer Herrn Aichele übertragen worden, der zu dem von Herrn Haberland bereitgestellten Preise von 10.000 M. der Gemeinde ein würdiges Kunstwerk hinstellen wird. Als von den Gemeindevertretern Widerspruch kam, wurde die Berliner Kunstausstellung bemüht, wo das Modell Mutter mit Kind vielfach bewundert wurde und eine Zierde für unseren Ort sein würde. Obendrein ist es eine Schöpfung des (allerdings im badischen Markdorf geborenen) Friedenauer Künstlers Paul Aichele (1859-1924), der sich nach seinem Studium an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin in Friedenau mit Atelier und Wohnung Kaiserallee Nr. 97 und Hackerstraße Nr. 2/3 niedergelassen hatte. Schließlich erklärte sich die Gemeindevertretung mit der Annahme des Geschenks bereit. Die Geschichte ist nicht ohne. Der Bauunternehmer Georg Haberland hatte bei der Gemeinde nicht nur den Bau vierstöckiger Mietshäusersowohl, sondern auch eine Änderung des Bebauungsplans durchgesetzt. Zum Dank gabs den Sintflutbrunnen. Altmann fuhr schwere Geschütze auf: Der Gemeinde wird ein Geschenk gemacht und die Gemeinde hat nur darüber zu bestimmen, ob sie dieses Geschenk annimmt, alles andere ist Angelegenheit des Geschenkgebers.

 

Am 4. Juli 1909 wurde auf dem Hamburger Platz der Sintflutbrunnen enthüllt, 4,50 m hoch mit Figuren aus Kalkstein und einem Natursteinbecken mit 7,00 m Durchmesser. Aus der Beckenmitte ragt ein Felsen heraus, an dessen Spitze eine unbekleidete Frau die Arme schützend über das nackte Kind ausgebreitet. Darunter ein nackter Mann, der eine leblose Frau im Arm hält und sich bemüht, dem wasserspeienden Felsen zu entkommen. Über dieses Kunstwerk kursieren diverse Geschichten. Fakt ist, dass Aicheles Schöpfung erstmals 1906 auf der Großen Berliner Kunstausstellung unter Aichele, Paul, Berlin, Fichtestraße 20, Nr. 1253 Mutter mit Kind, Marmor auftaucht. Zwei Jahre später präsentiert die Ausstellung im Saal 3 unter Nr. 65 Aichele, Paul: Sintflut. Fragment. Das Kunstwerk ist verkäuflich. Paul Aichele, Charlottenburg, Eosanderstraße Nr. 14. Bei diesem Fragment kann es sich nur um jene Skulptur gehandelt haben, die am 14. Mai 2010 unter Los 43, Paul Aichele: Mutter mit Kind. Alabaster. Bezeichnet rückseitig: Aichele. Höhe: 43 cm. Marmorsockel vom Kölner Auktionshaus Van Ham für 2.250 Euro versteigert wurde.

 

Als Ende der zwanziger Jahre deutlich wurde, dass Straßenbahn und Autoverkehr einen Umbau des Südwestkorsos und einen Verzicht auf den Hamburger Platz erforderlich machen, wurde der Sintflutbrunnen 1931 ab- und am Maybachplatz (heute Perelsplatz) wieder aufgebaut. Mehr als acht Jahrzehnte hat sich niemand um das Schmuckstück gekümmert. Felsen und Figuren aus Kalkstein haben Patina angelegt. Ganz schlimm ist es um das Becken aus Naturstein bestellt. Ringsherum tritt das Wasser aus Stein und Fugen. Eine Sanierung ist dringend geboten.

 

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Friedenauer Lokal-Anzeiger, 5. Juli 1909
Enthüllung des Sintflutbrunnens

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