Sintflutbrunnen. Foto Hahn & Stich, 17.06.2017

Sintflutbrunnen

 

Am 20. Oktober 1908 erfuhr Friedenau erstmals, dass die Terraingesellschaft Südwest beabsichtigt, vor dem Friedhof einen monumentalen Denkmalbrunnen mit plastischem, figürlichem Schmucke aufzustellen. Die Gemeindevertretung wird ersucht, sich mit der Ausstellung der Anlage auf dem Hamburger Platz nach Maßgabe der vorgelegten Skizzen einverstanden zu erklären. Das Modell des Brunnendenkmals ist von dem hiesigen Bildhauer Herrn Aichele modelliert.

 

Einfach durchwinken wollten die Gemeindevertreter die Sache nicht. Architekt James Ruhemann fragte an, ob nicht die Ausführung auch anderen Künstlern übertragen werden könne und ob es sich bestimmt um dieses Denkmal handeln muß. Anderen passte das Denkmal gar nicht hin, da der Kirchhof mit der Sündflut doch gar keinen Zusammenhang habe. Er frage nun, ob Herr Haberland gesagt hat, er wünscht dieses Denkmal zu schenken, oder aber, er gibt nur die Summe von 10 000 M. für ein Denkmal aus.

 

Gemeindebaurat Hans Altmann hatte derartige Ausführungen nicht erwartet: Das Modell war in der Kunstausstellung ausgestellt. Die Gemeinde bekommt ein Geschenk und hat nur darüber zu bestimmen, ob sie dieses Geschenk annimmt, alles andere ist Angelegenheit des Geschenkgebers. Der Künstler fertigt es für den billigen Preis nur aus Liebe zu Friedenau, er begnügt sich mit dem geringen Verdienst, den er vielleicht noch an der Ausführung hat, nur um Friedenau ein gutes Kunstwerk aufzustellen. Dass das Denkmal hier nicht hinpassen solle, kann er nicht finden. Im Gegenteil, die Sündflut ist doch aus dem Religionsunterricht jedem bekannt und ihre ernste Bedeutung verbindet sich doch würdig mit dem Gedanken an die Abgeschiedenen auf dem Friedhofe.

 

Bei dem hiesigen Bildhauer handelt es sich um den im badischen Markdorf geborenen Paul Aichele, der sich nach zwanzig Ehejahren von seiner Frau getrennt hatte, zuerst in die Kaiserallee Nr. 97 und später in die Hackerstraße Nr. 2/3 gezogen war. Was Aichele nun als Monumentalskulptur geschaffen hatte, war bereits auf den Kunst-Ausstellungen als Statuette zu besichtigen: 1906 als Mutter und Kind in Marmor sowie (käuflich zu erwerben) in Alabaster auf Marmorsockel, 1908 als Sintflut-Fragment.

 

Am 4. Juli 1909 wurde der Sintflutbrunnen auf dem Hamburger Platz enthüllt. Georg Haberland, Chef der Terrain-Gesellschaft Berlin-Südwesten, lieferte die Begründung: Im Herbst des Jahres 1906 ist die Anlage des Südwestkorsos von der Gemeinde Friedenau beschlossen worden, ein neuer Straßenzug, der den Südwesten Berlins durchschneidet und von der aufblühenden Kolonie Dahlem eine direkte Verkehrsstraße durch die Kaiser-Allee mit der Stadt bildet. Kaum zwei Jahre nach seiner Anlage ist ein großer Teil des Korsos bereits der Bebauung erschlossen worden. Diese Allee bedarf einer Unterbrechung, eines Ruhepunktes, auf dem das Auge mit Wohlgefallen ruht und kein anderer Ort scheint geeigneter für einen solchen, als dieser Platz. Der Brunnen ist das Werk des Bildhauers Aichele, der sein Atelier in Ihrem Gemeindebezirk hat. Das reizvolle Modell hat allgemeinen Beifall auf der Kunstausstellung im Jahre 1908 gefunden. Der Brunnen stellt die Sintflut dar, Gestalten, welche sich vor der herandrängenden Flut auf den Felsen flüchten. Die Sintflut war jene Umwälzung unseres Erdballs, aus der in größerer Pracht sich Berge und Meere, Wälder und blumengeschmückte Wiesen entfaltet haben. Der Brunnen soll daran erinnern, dass nach den Schrecknissen jener Umwälzung die warme Sonne des Friedens auf die Erde niederleuchtete, dass aus dem nassen Grabe der Erde ein neues schönes und üppiges Weltall entstand.

 

Bürgermeister Bernhard Schnackenburg dankte namens der Gemeinde Friedenau der Terrain-Gesellschaft Berlin-Südwesten für das wunderbare Kunstwerk. Der „Sintflutbrunnen" stellt sicherlich ein ganz hervorragendes Kunstwerk dar. Die Anordnung der den Brunnen zierenden Gestalten, der Ausdruck von Furcht und Angst in den Gesichtszügen der Figuren und die besonders im Denkmal ausgeprägte Mutterliebe und die Liebe des Mannes zum Weibe sprechen innig zum Herzen. Trotz der nackten Darstellung der Figuren findet die Sinnlichkeit doch keine Nahrung, sondern wir können nur eine edle Auffassung beim Beschauen der Denkmalsgruppe gewinnen.

 

In den 1920er Jahren machten Straßenbahn und Autoverkehr einen Umbau des Südwestkorsos und einen Verzicht auf den Hamburger Platz erforderlich. Der Sintflutbrunnen mit dem Becken aus Sandstein und Beton (Durchmesser 7 Meter) und die Skulpturen mit den Figuren aus Kalkstein (Höhe 4,5 Meter) wurden 1931 ab- und auf dem Maybachplatz (heute Perelsplatz) wieder aufgebaut. Laut Senatsverwaltung wurde der Sintflutbrunnen 1909 und 1931 saniert. Gemeint ist damit die Einweihung auf dem Hamburger Platz und die Umsetzung auf den Maybachplatz. Jahrzehnte hat sich niemand um das Denkmal gekümmert.

Mit der Schlagzeile Sanierung des Perelsplatzes geht voran gab die inzwischen abgewählte grüne Bezirksstadträtin Christiane Heiß bekannt, dass auf dem Perelsplatz von den insgesamt 5 Teilabschnitten bislang 4 Bauabschnitte realisiert wurden. Weitere geplante Maßnahmen auf dem Perelsplatz sind die Sanierungen des Sintflutbrunnens, des Brunnenplatzes und des Spielplatzes. Außerdem der 5. und letzte Bauabschnitt (Kriegerdenkmal Erster Weltkrieg), welcher die Flächen an der Handjerystraße betrifft.

 

Immerhin gesteht das Schöneberger Bezirksamt erstmals offiziell die Notwenigkeit einer Sanierung des Sintflutbrunnens, des Brunnenplatzes und des Spielplatzes ein – allerdings mit der vagen Formulierung: In Abhängigkeit der zur Verfügung stehenden Finanz- und Personalmittel. Es ist zu befürchten, dass die neue Bezirksstadträtin und bisher als Fahrradlobbyistin bekannte Saskia Ellenbeck (Bündnis 90/Die Grünen) die Restarbeiten am Perelsplatz aus dem Blick verliert. Die Fachleute von Bildhauerei in Berlin notieren zum Sintflutbrunnen aktuell: Zustand gesamt befriedigend, verschmutzt, biogener Bewuchs und bei den Figuren Abplatzungen.

 

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Friedenauer Lokal-Anzeiger, 5. Juli 1909
Enthüllung des Sintflutbrunnens

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