Name seit 22. Oktober 1875, vorher Querstraße II, benannt nach dem Fluss Albe in Lothringen. Mit dem Friede von Frankfurt 1871 wurde Lothringen Teil Deutschlands – der Anlass zur Umbenennung.

Albestraße 3, Max Bruch

Besagtes Concert verbieten

 

Max Schreck war gerade zwölf Jahre alt, da zog der Komponist Max Bruch (1838-1920) mit Frau Clara geb. Tuczek und vier Kindern am 9. September 1890 in das Haus Albestraße Nr. 3. Dreißig Jahre lebte er hier – bis zu seinem Tode. Sein bis heute populärstes Werk – ein Konzert von Weltrang – das Violinkonzert in g-Moll, op. 26, auch 1. Violinkonzert genannt, war allerdings schon im Jahr 1868 entstanden. Melodik, Klang und Struktur begründen die Beliebtheit – bei Zuhörern und Interpreten.

 

 

 

 

 

 

 

So sehr Bruch über den Erfolg seines Konzertes erfreut war, so sehr wurde er zu einer Belastung, da sich alle Welt nur noch auf dieses 1. Violinkonzert konzentrierte und seine anderen Kompositionen nur ungenügende Würdigung fanden. Nichts gleicht der Trägheit, Dummheit, Dumpfheit vieler deutscher Geiger, schrieb er an seinen Verleger, alle vierzehn Tage kommt einer und will mir das erste Concert vorspielen: ich bin schon grob geworden und habe zu Ihnen gesagt: Ich kann dieses Concert nicht mehr hören - habe ich vielleicht nur dieses eine Concert geschrieben? Gehen Sie hin und spielen Sie endlich einmal die anderen Concerte, die ebenso, wenn nicht besser sind! Als das nicht ausreichte, setzte er sich 1893 in der Albestraße hin, schrieb eine Xenie und forderte ein Verbot des Konzerts:

Da sich in neuester Zeit das erstaunliche Factum ereignet/Dass die Geigen von selbst spielten das erste Konzert/Machen wir schleunigst bekannt zur Beruhigung ängstlicher Seelen/Dass wir besagtes Concert verbieten mit Ernst.

Der Ärger mit dem berühmten Werk ging weiter. Nachdem der Musikverleger August Alwin Cranz das Hamburgische Musikalien-Leih-Institut von seinem Vater übernommen hatte, überließ ihm Bruch die Partitur für 250 Taler. Cranz verkaufte sie später mit Gewinn. Irgendwann gelang das Original an Mary Flagler, Erbin von Standard Oil und Sammlerin von Spielkarten und Musikhandschriften. Einhundert Jahre nach der Uraufführung ging die Originalpartitur 1968 an The Mary Flagler Cary Music Collection at the Morgan Library in New York. In Friedenau entstanden einige bedeutende Kompositionen, u. a. Violinkonzert Nr. 3 (1891), Schwedische Tänze (1892), Serenade für Violine und Orchester (1899), Konzertstück für Violine und Orchester (1910), Konzert für Klarinette, Viola und Orchester (1911), Romanze für Viola und Orchester (1912), Konzert für 2 Klaviere und Orchester (1915). Die Gemeinde war stolz. Sein achtzigster Geburtstag wurde am 6. Januar 1918 im Haus in der Albestraße gefeiert, der Bürgermeister verlieh ihm die Ehrenbürgerwürde, der Kultusminister im Auftrag des Kaisers den Kronenorden zweiter Klasse und die Berliner Universität den Ehrendoktor der Philosophie und der Theologie. Max Bruch duldete keine andersgeartete Überzeugung neben sich. Das artete, wie die Vossische Zeitung schrieb, mitunter zu äußerster Intoleranz aus. Für die nachkommenden Komponisten Richard Strauß, Hugo Wolf, Max Reger und Hans Pfitzner hatte er kein Verständnis. Er lehnte sie ab: Die bedeutenden Leute, mit denen man gelebt hat, gehen Einer nach dem Anderen dahin. Was im 20. Jahrhundert aus der Kunst werden soll, das wissen die Götter.

 

Bruch starb am 2. Oktober 1920. Begraben wurde er auf dem St. Matthäus-Friedhof in der Großgörschenstraße. Zur Trauerfeier erklang das Adagio seines Violinkonzertes Nr. 1.

 

Albestraße 5, Max Schreck

Immer nur Nosferatu

 

Im Jahr 1885 errichtete der Zimmermannsmeister Spieß für den Bauherrn Gustav Ferdinand Schreck, seines Zeichens beamteter Topograph der Königlich Preußischen Landesaufnahme beim Generalstab, das zweigeschossige Landhaus Albestraße Nr. 5. Nach der Fertigstellung des roten Sichtziegelbaus zogen Vater Schreck, Mutter Pauline geb. Michaelis und der am 6. September 1879 geborene Sohn Max von der Kaiserin-Augusta-Straße 75/76 in Tiergarten – zusammen mit Onkel und Großvater – in das Friedenauer Vier-Parteien-Haus. Von Vorgarten und Souterrain führt eine Treppe zur Veranda im Hochparterre, über dem im Obergeschoss ein Balkon angeordnet ist. 130 Jahre alt ist das Haus, es steht noch immer – eines der ältesten von Friedenau.

 

 

 

 

 

 

Das Umfeld war für den sechsjährigen Max Schreck günstig. Gleich gegenüber befand sich die Schule, anfangs mit nur einer, später mit drei und schließlich auch mit einer Gymnasial-Klasse. Der junge Mann wollte Schauspieler werden. Er absolvierte die Schauspielschule des Preußischen Staatstheaters und machte sich auf die theatralischen Wanderjahre durch die Provinz. Seine sorgfältig gestalteten Chargenrollen, scharf gezeichnete Typen, fanden bei den Theaterkritikern kaum Beachtung, weder in der Spielzeit 1917/18 bei Max Reinhardt (1873-1943) noch in den Jahren von 1922 bis 1930 am Staatstheater unter den Regisseuren Jürgen Fehling (1885-1968) und Leopold Jessner (1878-1945). Der Kritiker Alfred Kerr (1867-1948) begnügte sich mit dem (lang)bewährten Max Schreck und im Berliner Börsen-Courier war er für Herbert Ihering (1888-1977) einer, von dem etwas ausging, der Atmosphäre um sich hatte.

Max Schreck, der Nischenschauspieler, nahm, was man ihm anbot, überwiegend kleine Rollen, aus denen er immer wieder etwas machte. Genug war ihm das nicht. Als ihm aber Jessner eine stumme Rolle antrug, ist das Maß voll: Bei solcher Beschäftigung leidet mein künstlerischer Ruf. Ich bitte Sie höflichst, die Rolle anderweitig zu besetzen. Gleichzeitig möchte ich mir nochmals die höfliche Anfrage gestatten, ob mir ein Urlaub nach München nicht gewährt werden kann? Ich könnte dort wenigstens spielen – mich künstlerisch betätigen.

Die Kammerspiele München unter Direktor Otto Falckenberg (1873-1947) wurden seine künstlerische Heimat. Hier wurde er anerkannt und gefeiert, hier gehörte er zum Ensemble, zuerst von 1919 bis 1922 und dann wieder von 1930 bis zu seinem Tod. In seinen 35 Berufsjahren spielte Max Schreck viele Rollen, auf dem Theater und in mehr als 40 Filmen. Die Rolle seines Lebens aber übertrug ihm 1922 Friedrich Wilhelm Murnau (1888-1931): Graf Orlok in Nosferatu. Sein filmisches Gespür, seine technische Begabung und Schrecks eindringliche Darstellung des unheimlichen Vampirs machten die Symphonie des Grauens zu einem Meisterwerk. Schrecks Nosferatu hat das Genre Horrorfilm bis heute geprägt.

Mit seinem 2009 im Belleville Verlag München erschienenen Buch Max Schreck – Gespenstertheater hat Stefan Eickhoff Schauspieler und Mensch dem Vergessen entrissen. Schon mit dem ersten Satz seiner Einleitung geht Eickhoff beispielsweise auf die wichtige erzählende Funktion der ungewöhnlich hohen Anzahl der Murnau‘schen Zwischentitel ein: Das gespenstische Licht des Abends schien die Schatten des Schlosses wiederum zu beleben. Darauf folgt die für den Schauspieler Max Schreck vielleicht ergiebigste Szene:

 

Graf Orlok sitzt an einem Tisch über Pläne gebeugt. Er langt hastig nach vorn, greift sich ein Dokument, das etwas weiter von ihm liegt. Es ist, als greife er von der Leinwand in das Kino-Auditorium. Sein Gast Hutter steht neben ihm, bereit zu assistieren. Orlok durchsucht hektisch die auf dem Tisch ausgebreiteten Unterlagen nach einem Papier, das er nicht findet. Dann hält er inne, fragt Hutter. Als dieser darauf etwas aus seinem Ranzen zieht, fällt ein Amulett mit dem Bild seiner Frau Ellen auf den Tisch und direkt vor Orloks Nase. Der ist davon gebannt, achtet nicht mehr auf die Papiere, die ihm Hutter vorlegt und greift es sich. Er betrachtet das Bild der Frau auf dem Amulett, saugt sich förmlich daran fest. ‚Wer ist das?‘ scheint er Hutter zu fragen. Hutter sagt es ihm. ‚Einen schönen Hals hat eure Frau!‘ antwortet Orlok. Der ausgetrocknet wirkende Gastgeber ist jetzt in Nahaufnahme zu sehen. Er wendet sich zu Hutter und zeigt auf das Amulett. Die schmalen, zusammengezogenen Lippen geben ein Gitter spitzer Zähne frei. Mit einem dämonischen Lächeln gibt er das Amulett zurück und unterschreibt kurzentschlossen das Dokument, das ihm verspricht, der Frau auf dem Bild nahe zu sein. Hutter ist tief beunruhigt und beginnt die Papiere wieder in seinem Ranzen zu verstauen. Er unterbricht sein Tun noch einmal und blickt seinen bei aller übertriebenen Höflichkeit äußerst bedrohlich wirkenden Gastgeber erschrocken an. Orlok merkt es und sein Blick bleibt in einer Mischung aus Gefahr und eigener Erschrockenheit an Hutters haften. Diese Zuspitzung aus absoluter Triebhaftigkeit, einer seine Umgebung bannenden Zielstrebigkeit und Erlösungssehnsucht prägt Schrecks Gestaltung des Nosferatu. Schauspielerisch gratwandert er dabei zwischen artifiziellster Stilisierung und naturalistischem Umriss. Es ist denn auch mehr als eine clevere Maske, die die Wirkung Schrecks in dem Film ausmacht. Tatsächlich war er von allen Mitarbeitern des Films derjenige mit der meisten Berufserfahrung und bei der Darstellung unheimlicher Figuren bisher keineswegs auf Regisseure und Maskenbildner angewiesen ...

 

Unvergesslich der kahle Schädel, die riesigen Ohren, die gewaltigen Vorderzähne, die krallenartigen Fingernägel. Um Murnaus großartiges Werk wissen auch jene, die sonst keinen Stummfilm kennen. Der Film ist ein Geniestreich, er steht unangefochten für den Vampirfilm – bis heute. Die Presse sah das nach der Uraufführung im Jahre 1922 nicht anders. Für die Vossische Zeitung hatte Nosferatu eine spezifisch filmische Qualität, einen eigenen Film-Stil. Die Lichtbild-Bühne schrieb von einer Sensation, von einer Meisterleistung. Herausgehoben wurde immer wieder seine Rollengestaltung, die den bis dahin unbekannten Schauspieler in der öffentlichen Wahrnehmung mitunter mit der Film-Persona verschmelzen ließ.

 

Am 19. Februar 1936 steht Max Schreck zum letzten Mal auf der Bühne – eine kleine Rolle, wie so oft, der Großinquisitor in Schillers Don Carlos. Am nächsten Morgen, dem 20. Februar um halb neun Uhr, ist er nicht mehr. Drei Tage später nahm das Ensemble der Kammerspiele auf dem Münchner Ostfriedhof Abschied. Direktor Otto Falckenberg dankte ihm für seine Treue, denn Treue war es wohl, die dein Wesen am tiefsten kennzeichnete, Treue zu den Menschen und Treue zu deiner Kunst. Darum bewunderten wir dich, den Künstler, und darum liebten wir dich, den Menschen. Der Großdeutsche Verband der Feuerbestattungsvereine e. V. kümmerte sich um den Rest. Am 14. März 1936 wurde seine Asche in der 70x70 Zentimeter großen Urnengrabstelle der Mutter auf dem Friedenauer Friedhof in Güterfelde beigesetzt. Pauline Schreck, deren Ehemann Gustav am 17. Juni 1898 verstorben und auf dem Friedhof in der Stubenrauchstraße beigesetzt wurde, muss das Haus in der Albestraße Nr. 5 irgendwann verkauft haben. Später wohnte sie bis zu ihrem Tod am 9. Oktober 1934 in der Bennigsenstraße Nr. 26. Es kamen Weltkrieg, Mauerjahre und schließlich die Wiedervereinigung. Anfang der 1990er Jahre machte sich Stefan Eickhoff auf die Suche nach dem Grab. Längst war Gras darüber gewachsen. Friedhofsverwalter Erwin Mahlow rekonstruierte an Hand der Grabkarte Schreck die Lage im Gräberfeld U - UR 670. Der Förderkreis des Museums für Film und Fernsehen Berlin beauftragte den Steinmetzmeister Heinz-Otto Melior, eine Gedenkstele für Schrecks Grab zu schaffen. Die handgearbeitete Granitstele von 23x12x138 Zentimeter mit einer angeschliffenen Schriftfläche und der vertieften mit dunkler Farbe ausgelegten Inschrift wurde zum 75. Todestag von Max Schreck am 20. Februar 2011 enthüllt. Nun sind sie wieder beisammen: Der Meister Friedrich Wilhelm Murnau in einem monumentalen Ehrengrab des Landes Berlin auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof und sein Held, der Schauspieler Max Schreck in einem bescheidenen Urnengrab gleich nebenan auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof Güterfelde. Ein Stück Filmgeschichte.

 

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