Name seit 1905, benannt nach dem Architekten und Bauingenieur Friedrich Wilhelm Büsing (1834-1904). Er war von 1873 bis 1891 Redakteur der „Deutschen Bauzeitung“ und ab 1876 Professor an der Berliner Bauakademie, der späteren Technischen Hochschule Charlottenburg. Von 1888 bis 1892 sowie von 1902 bis 1904 war Büsing Gemeindevertreter in Friedenau.

 

Friedrich Wilhelm Büsing um 1880

Friedrich Wilhelm Büsing (1834-1904)

 

Kaum war der Ingenieur, Redakteur der Deutschen Bauzeitung und Dozent an der Technischen Hochschule 1886 in die Saarstraße Nr. 28 gezogen, holte Gemeindevorsteher Georg Roenneberg (1834-1895) den Fachmann Friedrich Wilhelm Büsing 1888 als ehrenamtlichen Berater in die Gemeindevertretung. Die Gründer von Friedenau hatten an einen Villenvorort im Grünen, aber nicht an Kanalisation und Abwasser gedacht. Büsing war „der“ Spezialist. Mit seinem Hauptwerk „Die Stadtreinigung“ soll Büsing über den „städtischen Tiefbau“ das umfassendste und gründlichste auf diesem Gebiete veröffentlicht haben. Noch heute zählt ihn die Fachwelt zu den „Hydraulicians in Europe 1800-2000“.

 

Im Oktober 1876 trat Büsing die Nachfolge von James Hobrecht (1825–1902) an der Technischen Hochschule an, jenem Stadtplaner, der mit seinem berühmten „Hobrecht-Plan“ ab 1885 die Stadtentwässerung von Berlin organisierte. Er teilte die Gegend in 12 Gebiete mit eigenständigen unterirdischen Kanälen und Abwassersammler auf, die zu jeweils einer Pumpstation führten und Hauswasser und Regenwasser über Druckleitungen auf die angelegten Rieselfelder pumpten.

 

Friedenau kannte damals keine Entwässerung. Die Abwässer wurden nach dem „Schwarzen Graben" und weiter in die Spree abgeführt. Klosettanlagen durften nicht angeschlossen werden. Als mit dem „Schwarzen Graben" Schluss war, einigten sich Schöneberg, Wilmersdorf und Friedenau auf ein gemeinsames Entwässerungsprojekt. Schlimm war es auch um die Wasserversorgung bestellt, da Friedenau bis dahin nur durch private Brunnen auf den jeweiligen Grundstücken versorgt wurde. Um das Zustandekommen von Entwässerung und Wasserversorgung durch die Charlottenburger Wasserwerke haben sich besonders die Gemeindevertreter Friedrich Wilhelm Büsing (1834-1904) und Architekt Richard Draeger (1857-1923) hervorragende Verdienste erworben. Mit ihrem Engagement sorgten sie auch für den Ruf Berlins als Stadt mit der modernsten Entwässerung.

 

 

Erst nach den starken Regengüssen im August 2002 und den Überflutungen der „Friedenauer Senke“ zwischen Varziner Straße, Südwestkorso, Görres-, Taunus- und Handjerystraße wurde deutlich, dass in dieses Kanalsystem über einhundert Jahre nichts investiert worden, völlig überfordert und eine Modernisierung der Friedenauer Kanalisation dringend geboten war. Offensichtlich wurde nicht bedacht, dass Georg Haberland mit seiner „Terraingesellschaft Berlin-Südwest“ in den Jahren von 1906 bis 1909 die Gegend um den Südwestkorso mit mehrstöckigen Wohnhäusern bebaute und die Kanalisation dabei „etwas“ zu klein geraten war. Erst 2009 haben die Arbeiten zwischen Südwestkorso und Schillerplatz begonnen. Nun mussten „1177 Meter Kanäle für Regen und Abwasser renoviert, 374 Schadstellen im Kanal ausgebessert und 25 Einsteigschächte instandgesetzt werden“.

 

Friedrich Wilhelm Büsing wurde am 9. März 1834 in Wiedensahl geboren. Mit vierzehn starben Vater und Mutter. Er erlernte den Beruf eines Feldmessers und war in Bremervörde beim Brücken- und Straßenbau angestellt. 1862 holte er einen Teil seiner Schulbildung nach, studierte bis 1866 an der Polytechnischen Schule in Hannover und unterrichtete danach an der Baugewerkschule in Nienburg. Von 1869 bis 1873 war er bei der Marinebauverwaltung in Wilhelmshaven und beschäftigte sich mit dem Bau von Trockendocks. 1873 wurde Büsing Redakteur der „Deutschen Bauzeitung“. 1876 wurde er Nachfolger von James Hobrecht an der Technischen Hochschule Charlottenburg und schließlich 1889 zum Professor berufen.

 

Büsing war 1886 nach Friedenau gezogen und wohnte bis 1891 in der Saarstraße Nr. 28. Im Jahr 1892 zog er als Eigentümer in das Haus Kirchstraße Nr. 24 (ab 1962 Schmiljanstraße). Von 1888 bis 1892 und von 1902 bis 1904 war er Gemeindevertreter von Friedenau. Die „Deutsche Bauzeitung“ hat in ihren Ausgaben vom 5. und 9. März 1904 einen Nachruf veröffentlicht, der das Wirken von Büsing zum Wohl der Gemeinde einleuchtend und sachlich beschreibt:

 

„Man darf, ohne Anderen zu nahe zu treten, mit vollem Recht aussprechen, dass Büsing bei der Lösung der Entwässerungsfrage der 3 genannten Gemeinden, d. h. bei einer Aufgabe, die in solcher Bedeutung nicht allzu häufig gestellt wird, das Hauptverdienst zukommt. Unermüdlich ist er für ein gemeinsames Vorgehen der 3 Gemeinden in dieser Frage tätig gewesen. Als dann ein gemeinschaftlicher Ausschuss hierfür eingesetzt wurde, hat er als deren Vorsitzender alle auf technischem Gebiete erforderlichen Vorverhandlungen geleitet. Die in diesem Ausschuss festgestellten maßgebenden Grundsätze und Vorbedingungen, sowie die technischen Grundlagen beruhen vorwiegend auf den Vorarbeiten und Vorschlägen Büsings. Ebenso hat er sich besondere Verdienste bei der Frage der Reinigung der Abwässer der 3 Gemeinden sowie bei Auswahl und Ankauf der Rieselfelder erworben, deren Anlage unter den gegebenen örtlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen als die zweckdienlichste Lösung der Frage erschien. Schließlich ist es auch vorwiegend Büsings Verdienst, daß zwischen Schöneberg und Friedenau ein Vertrag zustande kam, nach welchem die erstere Gemeinde die Abwässer Friedenaus mit abführt und so ohne eigenen Nachteil dem wirtschaftlich schwächeren und kleineren Nachbar eine Lösung ermöglicht, die technisch günstig ist und deren Lasten erträglich sind.“

 

Friedrich Wilhelm Büsing starb am 25. Februar 1904. Er wurde auf dem Friedhof Stubenrauchstraße beigesetzt. Ein Jahr später gab es die Büsingstraße. Das Grab existiert nicht mehr.

 

Nachruf Friedrich Wilhelm Büsing, Deutsche Bauzeitung März 1904

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Als wir Hannah Höch einluden, während der Berliner Festwochen 1977 im Gespräch mit der Journalistin Gabriele Tergit, dem Texter Max Colpet, der Tänzerin Valeska Gert, dem Kritiker H. H. Stuckenschmidt, dem Kabarettisten Werner Finck, der Schauspielerin Käte Haack, dem Komponisten Mischa Spoliansky, dem Schriftsteller Axel Eggebrecht und dem Comedian Harmonist Erwin Bootz über das Berlin der zwanziger Jahre Auskunft zu geben, bekamen wir einen Brief, geschrieben am 10. März 1977 in Berlin-Heiligensee: Leider muss ich Ihnen sagen, dass ich, aus gesundheitlichen Gründen, Ihrem interessanten Anerbieten, an der geplanten Diskussionsveranstaltung anlässlich der Berliner Festwochen 1977, teilzunehmen, nicht Folge leisten kann. Ich bedauere dies sehr und bin mit vorzüglicher Hochachtung Ihre Hannah Höch.

 

Neun Monate später war sie nicht mehr.

 

 

 

Ich habe alles gemacht

 

Als sich die 23-jährige Anna Therese Johanne Hoech 1912 von Gotha nach Berlin aufmachte, um bei Professor Emil Orlik an der Kunstgewerbeschule in Charlottenburg Grafik zu studieren, nannte sie sich Hanna Hoech. Sie lernte den Initiator der Berliner Dada-Bewegung Raoul Hausmann kennen. Er war verheiratet und nicht bereit, das eine oder das andere Verhältnis aufzugeben. Immerhin war sie finanziell einigermaßen unabhängig. Seit 1916 hatte sie eine Halbtagsstelle als Entwurfszeichnerin in der Redaktion für Handarbeiten bei Ullstein – nebst Wohnung und Atelier in der Friedenauer Büsingstraße Nr. 16. In diesen Jahren entwickelte sie ihre Collagen und Fotomontagen.

 

Obwohl George Grosz und John Heartfield ihre Arbeiten zunächst ablehnten, sie nicht als eigenständige Künstlerin anerkannten, gar als Hannchen Höch und tüchtiges Mädchen auf die Schippe nahmen, sorgte der wortgewaltige Hausmann wohl dafür, dass seine Freundin 1920 an der ersten internationalen Dada-Messe teilnehmen konnte – als einzige Frau.

 

Mit Kurt Schwitters, dem MERZ-Künstler aus Hannover, trat der nächste Besserwisser in das Leben von Hanna. Er schlug ihr das zweite H vor. Ab sofort galt – wie für Schwitters’ Dichterliebe Anna Blume – Du bist von hinten und von vorne – HANNAH. Für Hannah Höch war Schwitters ein sehr fantasievoller Mensch, er war auch ein guter Mensch. Aber maßgeblich ist auch die armselige Zeit, unser Material, weil: Wir hatten ja nix. Jede Verlobungskarte war Luxussache, edles Papier waren alles Kostbarkeiten. Schwitters hatte gefunden, dass man das auch verwerten könne, wie man alles machen kann, wenn man‘s kann.

 

Schwitters inspirierte sie schließlich zu ihrer berühmten Foto-Collage Schnitt mit dem Küchenmesser. Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands –  im Besitz der Neuen Nationalgalerie Berlin.

 

Im Sommer 1926 verliebte sich Hannah Höch in die holländische Schriftstellerin Til Brugman (1888-1958). Mit ihr lebte sie in Den Haag und dann ab 1929 in Berlin-Friedenau zusammen.

 

Ich möchte die festen Grenzen auswischen, die wir Menschen mit einer eigensinnigen Sicherheit um alles, was in unseren Bereich kam, gezogen haben. Ich will aufzeigen, dass klein auch groß sein kann und groß auch klein ist; allein der Standpunkt, bei dem wir bei unserem Urteil ausgehen, muss anders gewählt werden. Ich würde heute die Welt aus der Sicht einer Ameise wiedergeben und morgen so, wie der Mond sie vielleicht sieht. Das Verhältnis mit Til Brugman stieß bei den Freunden auf Ablehnung. Selbst für Kurt Schwitters war die gleichgeschlechtliche Beziehung zu avantgardistisch. Ungeachtet dessen vollzogen die beiden 1936 ihre Trennung. Die inzwischen sechsundvierzigjährige Höch hatte den fünfundzwanzigjährigen Handelsvertreter Kurt Heinz Matthies kennengelernt. Später erklärt sie: Ich brauchte ein Kind, er brauchte eine Mutter. Ganz so einfach war es nicht.

 

Matthies reiste von Messe zu Messe, bis er am 7. November 1937 verhaftet wurde: Bei Matthies handelt es sich um einen gewohnheitsmäßigen Exhibitionisten, der wiederholt einschlägig vorbestraft ist. Außerdem ist durch die hier vorliegende Münchner Anzeige erwiesen, dass er auf der Geschäftsreise sein Betreiben fortsetzt. Matthies war geständig, wurde verurteilt und kam ins Gefängnis. All das hielt Hannah Höch nicht davon ab, Matthies im August 1938 zu heiraten. Im folgenden Jahr erwarb sie das Haus an der Wildbahn 33 und zog mit ihm von Friedenau nach Heiligensee. Vier Jahre später verließ er sie. Wieder einmal war eine Beziehung zu Ende gegangen. Geblieben war ihr der wuchernde Garten. Niemand vermisste sie, auch nicht die Akademie der Künste. Ihre Berufung zum Akademiemitglied erfolgte erst 1965.

 

Ich habe alles gemacht und mich um Handschrift und Merkmal nie gekümmert. Hannah Höch, 1968.

 

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