Der Spielplatz zwischen den Brandwänden der Wohnhäuser von Bache- und Görresstraße (vorher Wilhelmstraße) ist nicht auf die Bombennächte des letzten Krieges zurückzuführen. Dies geht bereits auch aus den Plänen des Historikers Helmut Winz von 1964 hervor.

 

Anfang 1899 existierte in dieser Gegend lediglich die Wilhelmstraße. Die Grundstücke Nr. 1-6, 8-14 und 17-24 waren als Baustellen bzw. Lager- und Zimmererplätze der „Baugesellschaft Bellevue“ ausgewiesen. Gebaut waren vier Wohnhäuser, darunter im Eigentum von Bildhauer Valentino Casal das Haus Wilhelmstraße Nr. 7 mit einem in die Tiefe reichenden bebauten Grundstück. Als die Gemeinde Friedenau unter Gemeindebaurat Hans Altmann den Bebauungsplan änderte und die Straße 12 (ab 1910 Bachestraße) anlegte, reichten die Bauten über Vorgarten und Bürgersteig hinweg bis 6,40m in die Bachestraße hinein. Dennoch entstanden später in der Straße die vierstöckigen Häuser Nr. 1-13. Auf dem Grundstück Bachestraße Nr. 10 stand ein Flachbau, an dessen Außenwand in Versalien der Schriftzug ATELIER V. CASAL prangte.

 

In den Adressbüchern heißt es bis Anfang der 1920er Jahre: „Zu Wilhelmstraße Nr. 7 gehört Bachestraße Nr. 10.“ Es kam der Erste Weltkrieg. Am 28. August 1916 erklärte Italien Deutschland den Krieg. Das Eigentum des Italieners Valentino Casal wurde, ungeachtet dessen, dass er seit Jahren mit einer Deuschen verheiratet war, beschlagnahmt und ging 1917 in den Besitz der Gemeinde Friedenau über. Im Jahr 1921 kamen die Anwesen Bachestraße Nr. 10 und Wilhelmstraße Nr. 7 in die Hände der Grundstücksverwaltungsgesellschaft Schöneberg. Laut Baubuch waren die auf die Bachestraße ragenden Bauteile am 22. März 1922 entfernt worden. 1925 ging das gesamte Grundstück an das Bezirksamt XI. (Schöneberg) der Stadt Berlin. Am 18. Juni 1934 erklärte sich das Bezirksamt Schöneberg mit dem Abriss sämtlicher Gebäude auf dem Grundstück Wilhelmstraße Nr. 7/Bachestraße Nr. 10 und der Schaffung einer Parkanlage einverstanden. Die Abrissarbeiten auf dem städtischen Grundstück wurden im Jahr 1935 ausgeführt. Valentino Casal wurde nach einem langen Rechtsstreit Ende der 1920er Jahre entschädigt.

 

Ausführliches Material zu Valentino Casal finden Sie unter Görresstraße, seiner letzten Friedenauer Wohnadresse.

 

Entwurf Gipsmodell für das Goethe-Denkmal in Rom von Gustav Eberlein. Archiv Rolf Grimm

Goethe-Denkmal in Rom aus Friedenau

 

Die Geschichte der Bachestraße ist nicht zu Ende erzählt ohne die Geschichte des Goethe-Denkmals in Rom und ohne den Bildhauer Gustav Eberlein und seinen Marmormeister Valentino Casal.

 

Im Frühjahr 1891 kam Valentino Casal als „Gastarbeiter“ nach Berlin. In den Werkstätten von Carrara hatte er den Umgang mit Marmor gelernt. Er konnte mit dem Punktierkreuz die Maße vom Gipsmodell auf den rohen Stein übertragen, er beherrschte Konturieren und Ziselieren, er wusste die Qualitäten von Statuario, Bianco und Ordinario zu unterscheiden.

 

Kaiser Wilhelm II. verkündete am 27. Januar 1895, dass im Tiergarten von verschiedenen Bildhauern eine 750 Meter lange „Siegesallee“ mit 32 Marmor-Standbildern der Fürsten Brandenburgs und Preußens geschaffen werden sollte.

 

 

 

 

Akademiemitglied Reinhold Begas bezweifelte die handwerklichen Fähigkeiten der Bildhauer: „Sie haben ja von der handwerksmäßigen Technik kaum eine Ahnung. Sie sind ja nur Modelleure, und so wandert Modell auf Modell zum Steinmetz. Es ist doch ein ganz gewaltiger Unterschied zwischen dem Modelliren und dem Meißeln. Zwei ganz verschiedene Principien: dort das des Auflegens, hier das des Abnehmens; dort die weiche Masse, wo sich immer wieder umformen, verbessern läßt, und hier ein Centimeter, oft nur ein Millimeter zu viel fortgeschlagen oder gebosselt, und die Arbeit ist verdorben!“

 

Das war die Stunde von Valentino Casal. Er hatte in Friedenau ein langgestrecktes Grundstück von der Wilhelmstraße Nr. 7 bis hin zur späteren Bachestraße Nr. 10 erworben. Nr. 7 wurde das Wohnhaus für die Familie. Dahinter entstanden nach und nach Werkstätten für Grabsteine. Im „Friedenauer Lokal Anzeiger“ platzierte er Anzeigen: „Chev. Valentino Casal, Bildhauer. Friedenau, Wilhelmstr. 7, T. und Carrara. Monumental-Grabdenkmäler“. 1896 erhielten sechs Künstler vom Kaiser die ersten Aufträge für die Monumente der Siegesallee, 1897 kamen zwölf weitere hinzu, 1898 sechs und 1899 acht – insgesamt also 32. Zehn Bildhauer hatten nichts Eiligeres zu tun, als Casals „Atelier für Marmor-Ausführungen, Monumentalbauten und Grabdenkmäler“ mit der Umsetzung ihrer Gipsentwürfe in Marmor zu beauftragen. Er war „im Geschäft“. Nun wurden nicht mehr Grabsteine gefertigt, sondern Denkmäler nach den Gipsmodellen diverser Bildhauer. In der Bachestraße entstanden zwischen 1898 und 1901 insgesamt 11 „Marmorgruppen“ für die Siegesallee Berlin – nach Entwürfen von Max Unger, Joseph Uphues, Johannes Boese, Max Baumbach, Emil Graf Görtz zu Schlitz, Ludwig Cauer, Ludwig Manzel, Johannes Götz, Reinhold Begas und Gustav Eberlein. Für Kaiser Wilhelm II. war Friedenau das „Klein Carrara“.

 

Zu seinem 43. Geburtstag am 27. Januar 1902 kam Kaiser Wilhelm II. auf die Idee, der Stadt Rom ein Goethe-Denkmal für den Park der Villa Borghese zu schenken – ohne den üblichen Wettbewerb und zum Ärger der Kollegen erhielt der Bildhauer Gustav Eberlein (1847-1926) den Auftrag. Die heute schier unglaubliche Entstehungsgeschichte des Goethe-Denkmals hat Eberlein 1907 unter dem Titel „Carrarischer Marmor“ in der „Gartenlaube“ geschildert:

 

„Mir selbst war eine interessante Aufgabe zuteil geworden: ich sollte in Carrara den Block zum Denkmal Goethes, das der Kaiser der Stadt Rom schenken wollte, auswählen. So fuhr ich nun eines schönen Tags mit zwei Schülern und einem jungen Freund frühmorgens in die Berge, in denen sich in bedeutender Höhe die berühmten Steinbrüche befinden ... Der von uns ausgewählte Block schien ein besonders schönes Exemplar zu sein, und schon stand vor meinem Geist das Bild unseres größten Dichters in blendender Weise, von antikem korinthischen Kapitäl herniederschauend ... Man legte eine Leiter an den Fels, und als ich hinaufstieg und in die Riesenfläche den unsterblichen Namen „Goethe“ primitiv einmeißelte, schien es uns allen, als ob die deutsche Heimat, deutsches lebendiges Wesen nunmehr eingezogen sei in den Kristall, der das Antlitz eines der größten Menschen tragen sollte.

 

Der Block kam nach Friedenau und der italienische Bildhauer Valentino Casal in Berlin hat mein Goethe-Denkmal in diesen Marmor nach meinem Gipsmodell übertragen. Nach der Fertigstellung wurde das neun Meter hohe neobarocke Monument zerlegt, in Einzelteilen nach Rom transportiert und im Park der Villa Borghese an der Viale Goethe wieder zusammengebaut: Im Zentrum der junge Goethe und drumherum die Skulpturen von Mignon und der Harfner, Iphigenie und Orest sowie Faust und Mephisto als Symbole für Lyrik, Dramatik und Philosophie.

 

Zur Enthüllung am 5. August 1904 erschien der italienische König Viktor Emanuel III. (1869-1947). Kaiser Wilhelm II. als Auftraggeber kam nicht, da er mit seiner Abwesenheit dokumentieren wollte, dass das Denkmal ein Geschenk des deutschen Volkes sei. Der König überreichte seinem Landsmann Valentino Casal bei dieser Gelegenheit den Ritterorden der Krone von Italien Cavaliere dell’Ordine della Corona d’Italia.

 

Gustav Eberlein starb am 6. Februar 1926. Sein Grab auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof war von 1990 bis 2014 als Ehrengrabstätte der Stadt Berlin ausgewiesen.

 

 

Originaltext Carrarischer Marmor von Gustav Eberlein, 1907

ePaper
Teilen:
Grundsteinlegung Rathaus Friedenau. Bürgermeister Walger (Hammerchlag), 1 Hans Altmann, 2 Friedrich Bache, 3 Georg Haberland, 4 Heinrich Sachs, 5 Paul Kunow, 6 Paul Sadée. Aufnahme aus dem Archiv Schöneberg

Friedrich Bache (1841-1917)

 

Sein Tod kam plötzlich und unerwartet. „Bei einer häuslichen Beschäftigung“, so der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ am 13. November 1917, „wurde er gestern Vormittag vom Schlage gerührt. Seine Gattin fand ihn einige Zeit später leblos auf“. Drei Tage später gab es eine Trauerfeier in der Kirche „Zum guten Hirten“ und die Beisetzung „auf dem hiesigen Friedhofe“.

 

Das Grab des Kommunalpolitikers Friedrich Bache auf dem Friedhof Stubenrauchstraße existiert nicht mehr. Da half es auch nichts, dass ihn die Gemeindevertretung 1910 zum Ehrenbürger von Friedenau ernannte. Geblieben ist die „Straße 12“, die 1910 den Namen „Bachestraße“ erhielt, geblieben ist auch sein Landhaus in der Handjerystraße Nr. 88.

 

Friedrich Bache wurde am 20.11.1841 geboren. Nachdem er zum „Königl. Rath im Ministerium der öffentlichen Arbeiten“ aufgestiegen war, erwarb er 1887 das Haus Handjerystraße Nr. 50. Parallel dazu ließ er sich von Architekt Max Nagel das eingeschossige Landhaus Handjerystraße Nr. 88 „auf hohem Souterrain in gelben Ziegeln mit einer Fülle von Mustern aus Streifen und Kreuzen als Rohziegelbau“ errichten. Laut Adressbuch war er als Eigentümer offiziell ab 1893 gemeldet.

 

 

Friedrich Bache war, wie man heute formulieren wurde, damals bereits gut „vernetzt“. Er gehörte dem Gemeindekirchenrat an, war Mitglied des Haus- und Grundbesitzervereins, des Krieger- und Landwehrvereins, des Flottenvereins, des Feuerwehrvereins. Am 10. August 1893 wurde er in den Gemeindevorstand gewählt. Bache registrierte, dass es um die Schulen in Friedenau in diesen frühen Jahren nicht gut bestellt war, und so stürzte er sich als Dezernent in diese Aufgabe. Dekoriert wurden seine Bemühungen mit der Verleihung des preußischen „Roten Adlerordens“. Es blieb nicht aus, dass Geheimrat Bache die Gemeinde Friedenau im Teltower Kreistag vertrat und schließlich auch als Vertreter des Kreises in den Provinziallandtag on Preußen gewählt wurde.

 

Bache hat während seiner 24-jährigen Tätigkeit für die Gemeinde Friedenau einige Veränderungen erlebt, wenn nicht sogar mit veranlasst. Auf die Gründergruppe um Robert Hertel (im Hauptberuf Geheimer Rechnungsrat im Kriegsministerium), Wilhelm Fröauf (Geheimer Rechnungsrat der Gewerbeakademie) und Georg Roenneberg (ehrenamtlicher Gemeindevorsteher), die die Geschicke des Ortes wie einen Schrebergartenverein lenkte, folgte Roennebergs Bruder Major a.D. Albert Roenneberg als hauptamtlicher Gemeindevorsteher und schließlich der erfahrene Verwaltungsfachmann Bernhard Schnackenburg (1867-1924) als Bürgermeister. Als der sich 1909 von Friedenau verabschiedete und Oberbürgermeister von Altona wurde, war Bache wohl entscheidend an der Wahl des neuen Bürgermeisters Erich Walger (1867-1945) beteiligt.

 

Friedrich Bache starb am 12. November 1917. Er wurde 77 Jahre alt. Bürgermeister Erich Walger blieb der Nachruf: „Wir beklagen das Dahinscheiden dieses um die Gemeinde hochverdienten Mannes und werden ihm stets ein ehrendes Gedenken bewahren.“ Witwe Pauline Bach geborene Bamberg wohnte noch bis 1928 im Landhaus Handjerystraße Nr. 88. Im Jahr 1929 sind „Bachesche Erben“ als Eigentümer eingetragen und ab 1931 das von Eva Tiele-Winckler (1866-1930) gegründete „Diakonissenhaus Friedenshort (Schlesien). Verwalterin Wilde, A. Diakonissin, Wernicke, M. Buchhalterin“. Das Haus gehört inzwischen zur „Stiftung Diakonissenhaus“, nennt sich „Tiele-Winckler-Haus“ und betreibt dort Wohnheim, Werkstatt und Tagesförderstätte für Behinderte.

 

Adressbuch Friedenau von 1914 für Bache- und Wilhelmstraße

Druckversion Druckversion | Sitemap
© friedenau-aktuell, 2017