Plan Friedenau Hinter der Wannseebahn, 1912

Gegen das Hineinwachsen der Stadt Berlin in das Schöneberger Gebiet war die Gemeinde machtlos. Nach der Reichsgründung im Jahr 1871 stieg die Einwohnerzahl Schönebergs rasant an. In Anzeigen warb die „Schöneberger-Friedenauer Terraingesellschaft“ für ihr Verkaufsbüro am Dürerplatz Nr. 1 und offerierte „Bauparzellen auch mit Bauerlaubnis in Schöneberg am Bahnhof Friedenau“. Zuvor hatte die Gemeindevertretung dem Bebauungsplan zugestimmt. Nicht eindeutig wird, ob sie oder aber die Terraingesellschaft die Straßennamen festlegte. Die Benennung nach renommierten und angesehenen Malern für die Gegend „Hinter der Wannseebahn“ war jedenfalls verkaufsfördernd. So gab es ab 12. Januar 1892 Straßen mit den Namen Carl Becker, Reinhold Begas, Antonio Canova, Lucas Cranach, Albrecht Dürer, Ludwig Knaus, Adolf von Menzel, Peter Vischer, Rembrandt van Rijn, Peter Paul Rubens und Bertel Thorwaldsen.

 

Vorheriger Name der Beckerstraße „Straße Nr. 7“

 

 

So ganz war es auch für Ostberliner nicht zu begreifen, dass sich die DDR mit dem Wiederaufbau von Friedrich August Stülers (1800-1865) Neuem Museum nicht anfreunden konnte. Die Bombardierungen hatten das Gebäude teilweise beschädigt, aber doch nicht in dem Ausmaß, dass es über Jahrzehnte ganz und gar geschlossen blieb. Erst 1999 begannen die Arbeiten zur Wiederherstellung. Der Architekt David Chipperfield sorgte für die Restaurierung erhaltener Bauteile und die notwendig gewordene Ergänzung. Ziemlich erstaunt nahm man nach der Wiedereröffnung am 16. Oktober 2009 zur Kenntnis, dass beispielsweise der „Niobidensaal“ im Obergeschoss durch direkte Kriegseinwirkungen nur wenig beschädigt war und zu den am vollständigsten erhaltenen Räumen des Neuen Museums gehörte.

 

Für die Innengestaltung hatte Stüler zwischen 1843 und 1855 vier junge Maler engagiert: Wilhelm Peters (1817-1903), der vier Gemälde nach Entwürfen von Bonaventura Genelli (1798-1868) ausführte, August Theodor Kaselowsky (1810-1891) und Adolf Henning (1809-1900) mit je sechs Arbeiten sowie als Jüngsten den erst 30-jährigen Karl Becker (1820-1900) mit fünf Wandgemälden.

 

Die Inschriften über den Portalen zum Niobidensaal, so fern und fremd die Mythologie heute auch empfunden wird, machen deutlich, worum es Stüler und Becker ging, um den Menschen als kunstfertigen Schöpfer: ES SCHUF PROMETHEUS JEDE KUNST DEN STERBLICHEN (Aischylos) sowie STAUNLICHES WALTET VIEL UND DOCH NICHTS ERSTAUNLICHRES ALS DER MENSCH (Sophokles).

 

Dementsprechend thematisierte Becker die Heldengeschichten der griechischen und römischen Mythologie zwischen menschlicher Größe, Verfehlungen und Tragik. Seine fünf Wandgemälde in viereckigen, achteckigen und runden vergoldeten Rahmen haben folgende Titel: „Kekrops betet die Statue der Athene an“, „Cadmus tötet den Drachen“, „Hypsipyle findet den von einer Schlange getöteten Opheltes“, „Hyllos, Sohn des Herkules, bringt seiner Mutter das Haupt des Eurystheus“ und „Merkur schläfert Argus ein“.

 

Die formale Wandgestaltung hatte Stüler vorgegeben: Unten eine Sockelzone, darüber die braun-rote Mittelzone als Hintergrund für die Modelle und darüber eine Oberzone mit 21 Wandgemälden. Auch inhaltlich waren die Maler allein schon mit dem Namen „Niobidensaal“ an Vorgaben gebunden:

 

Im Zentrum des Saales sollten die Gipsabgüsse der Statuengruppe der verzweifelten Niobe und ihrer sterbenden Kinder, der Niobiden, aufgestellt werden, umgeben von weiteren Kopien der griechischen und römischen Kunst. Kritisiert wurde diese Ausgestaltung schon damals. Es wird heute nicht anders sein, weil zuallererst vom Fußboden bis zur Decke ein wohl gestalteter Raum zu erleben ist, der getrost auf jegliche „Möblierung“ verzichten kann.

 

Der Niobidensaal im Neuen Museum mit den Wandgemälden von Karl Becker:

 

 

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