Name seit dem 12. Januar 1892, vorher Straße 7, benannt nach dem Maler Karl Becker (1820-1900).

 

Aus historischer Sicht gehört die Beckerstraße zur Gemarkung Schöneberg. Sie liegt außerhalb jener Grenzen, die 1874 für die Gemeinde Friedenau festgelegt wurden. Eingebürgert haben sich für die Gegend die Begriffe „Gefühltes Friedenau“, „Neu Friedenau“ und „Hinter der Wannseebahn“.

 

Karl Ludwig Friedrich Becker studierte von 1837 bis 1840 an der Berliner Akademie, arbeitete für Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) und Peter von Cornelius (1783-1867) und gewann 1842 ein Stipendium für Studienaufenthalte in Paris und Rom.

 

1843 begann Friedrich August Stüler im Auftrag von Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) mit dem Bau des Neuen Museums, in dessen Obergeschoss die Gips-Abgüsse-Sammlung untergebracht werden sollte. Für die Innengestaltung des „Niobidensaals“ engagierte Stüler vier junge Maler: Wilhelm Peters (1817-1903), der vier Gemälde nach Entwürfen von Bonaventura Genelli (1798-1868) ausführte, August Theodor Kaselowsky (1810-1891) und Adolf Henning (1809-1900) mit je sechs Arbeiten sowie als Jüngsten den erst 30-jährigen Karl Becker für fünf Wandgemälde. Die formale Wandgestaltung hatte Stüler vorgegeben: Unten eine blaugraugestrichene Sockelzone, darüber die braunrote Mittelzone als Hintergrund für die Modelle und darüber eine Oberzone mit 21 Wandgemälden. Auch inhaltlich waren die Maler an Vorgaben gebunden: Im Zentrum des sogenannten Niobidensaals sollte die Statuengruppe der verzweifelten Niobe und ihrer sterbenden Kinder aufgestellt werden – umgeben von weiteren Gipsmodellen griechischer und römischer Kunstwerke.

 

Dementsprechend thematisierte auch Karl Becker Heldengeschichten der griechischen und römischen Mythologie – Sagen von menschlicher Größe, Verfehlungen und Tragik. Seine fünf Wandgemälde in eckigen und runden vergoldeten Rahmen haben folgende Titel: „Kekrops betet die Statue der Athene an“, „Cadmus tötet den Drachen“, „Hypsipyle findet den von einer Schlange getöteten Opheltes“, „Hyllos, Sohn des Herkules, bringt seiner Mutter das Haupt des Eurystheus“ und „Merkur schläfert Argus ein“.

 

Diese schon damals umstrittene Innengestaltung sollte mit den ausgestellten Objekten korrespondieren, sie erklären und ergänzen. Diese Verbindung erwies sich jedoch als hinderlich, da immer mehr Kunstwerke hinzukamen und innerhalb des Hauses Verschiebungen der einzelnen Sammlungen notwendig wurden. Die Kritik richtete sich aber auch gegen das romantisierende Interieur und die inzwischen „wissenschaftlich) überholten Darstellungen. Trotzdem wurden die Innenräume bis hin in die späten nationalsozialistischen Jahr behutsam behandelt. Deutlich machen dies auch die ab 1943 entstandenen Farbaufnahmen des Fotografen Otto Cürlis, die im „Zentralinstitut für Kunstgeschichte“ aufbewahrt werden.

 

Nach den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg war das Neue Museum eine halbe Ruine. Obwohl einiges erhalten und wie der Niobidensaal nur wenig beschädigt war, blieb das Haus geschlossen. Wenig wurde getan, um die verbliebenen Bauteile zu sichern. Stülers Bau wurde mehr als vernachlässigt. Erst nach 1986 begannen Arbeiten zum Wiederaufbau, die mit der Wiedervereinigung hinfällig wurden. Der Architekt David Chipperfield bekam 1999 den Auftrag für die Wiederherstellung des Gebäudes.

 

Die „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“ beauftragte im Jahr 2006 die Berliner Firma „Restaurierung am Oberbaum GmbH“ (RAO) mit den Arbeiten im „Niobidensaal“. Sie führt dazu aus: „Der Niobidensaal war durch direkte Kriegseinwirkungen nur wenig beschädigt und zählte zu den am vollständigsten erhaltenen Räumen des Neuen Museums. Dennoch waren die Schäden durch die jahrzehntelange Ruinenzeit nach dem Krieg und die natürliche Alterung der Materialien mit einer Vielzahl an Werk- und Fassungstechniken gravierend.

 

Neben den gegossenen sowie gezogenen Stuckelementen der Raumausstattung finden sich gestaltende Wandputze, wie Marmorino, Gipsglättputz, Marble-Cement an den Portalen, dem Fußboden und den Brüstungsgesimsen, Vergoldungen an den Deckenbindern mit ihren Figurengruppen aus Zinkguss, den Deckenbalkenverkleidungen, den Wandbildrahmungen aus Holz, den Stuckpilastern, dem Deckengesims und den Schriftfeldern der Stirnseiten.

 

Die 21 großformatigen Wandgemälde der Oberwand wurden in der damals sehr modernen und erst wenige Jahre vorher erfundenen Wasserglasmaltechnik (Stereochromie) gemalt. Die einfarbigen Farbanstriche am Paneel und an der Mittelwand wurden durch gemalte Bänderungen und am Paneel zusätzlich durch gemalte Ornamente gegliedert. Das Granit imitierende bläulich-grüne Fensterbrüstungsgesims aus Marble-Cement wird farblich auf den Fensterbrüstungsfeldern mit ihrer hellblauen Fassung wieder aufgenommen. Die Mittelwand besteht aus einem braun-roten bzw. pompejianisch-roten Öl-Wachs-Harzanstrich, der auf einem Marmorinoputz ausgeführt wurde.

Ziel der Arbeiten im Niobidensaal war in erster Linie die Konservierung des überlieferten Bestandes der Originalsubstanz. Mit den vorzunehmenden Ergänzungen der Putze und Fassungen sollte lediglich ein harmonisches, geschlossenes und optisch vereinheitlichtes Erscheinungsbild der durch ihre unterschiedlichen Erhaltungszustände kontrastierenden Flächen erreicht werden. Alterungsspuren sollten nicht negiert werden.“

 

Am 16. Oktober 2009 gab es die Wiedereröffnung des Neuen Museums. Unabhängig von den ausgestellten Kunstwerken und den behutsam restaurierten Wandmalereien von Karl Becker ist seither ein Haus zu erleben, das weder die Kriegsfolgen noch die natürliche Alterung verschweigt. Gleichzeitig, und das ist beeindruckend, neu und ungewöhnlich, wird dem Besucher aber die Möglichkeit geboten, das Gebäude des Neuen Museums selbst als „Ausstellungsstück“ zu entdecken.

 

***

 

Die Inschriften über den Portalen zum Niobidensaal, so fern und fremd die Mythologie heute auch empfunden wird, machen deutlich, worum es Stüler und Becker ging, um den Menschen als kunstfertigen Schöpfer:

 

ES SCHUF PROMETHEUS JEDE KUNST DEN STERBLICHEN (Aischylos, Prometheus)

 

STAUNLICHES WALTET VIEL UND DOCH NICHTS ERSTAUNLICHRES ALS DER MENSCH (Sophokles, Antigone).

 

***

 

Die Wandgemälde von Karl Becker im Niobidensaal des Neuen Museums Berlin

Neues Museum Berlin, Niobidensaal 1999 bis 2009

Beckerstraße, Plan von 1901

Karl Becker, von der Akademie als Carl Ludwig Friedrich Becker aufgeführt, war ab 1860 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste, Berlin, Sektion für die Bildenden Künste, von 1875 bis 1880 Stellvertretender Präsident, von 1882 Präsident und von 1895 bis zu seinem Tod am 20. Dezember 1900 Ehrenpräsident der Akademie der Künste.

 

Im Jahr 1880 ließ sich Becker von den Architekten Hermann Ende (1829-1907) & Wilhelm Böckmann (1832-1902) für das Grundstück Conradstraße Nr. 13 eine Villa im florentinischen Stil entwerfen. Das 1889 fertiggestellte Haus „besitzt einen kubischen, nach hinten winkelförmigen Baukörper mit zwei Geschossen und flach geneigtem, überstehenden Walmdach. Die im Erdgeschoss durchgängig rau geputzte Fassade mit Sockel, Eckbänderung und Stockwerkgesims aus rotem Backstein zeigt im Obergeschoss glatt gerahmte Rauputzfelder zwischen den Fenstern.

Ihre schlichte, von drei außergewöhnlich hohen Rundbogenfenstern geprägte Straßenfassade ist eigentlich die Gebäuderückseite, denn die Villa gehörte ursprünglich zum Quistorpschen Dreieck zwischen Conradstraße, Straße zum Löwen und Kaiserstraße. Die dort erbauten Villen wurden durch den Wilhelmplatz - ein kleines Rondell mit Säulenhalle und einer Säule mit der Büste Wilhelms I. an der Kaiserstraße - erschlossen und waren mit ihren Hauptansichtsseiten zum Wannsee hin orientiert. Überliefert ist nur die Villa Becker. Ihre rückwärtige Schaufassade mit rechts um eine Fensterachse vorspringendem Flügel ist durch Fachwerkelemente, Holzzierwerk und einen dreieckigen Fenstererker reicher gestaltet als die Straßenseite. Die repräsentativen Wohnräume sind folgerichtig zur heutigen Rückseite gelegen: eine zunächst offene, später verglaste Loggia und ein 47 Quadratmeter großer "Salon", dem 1895 ein Atelieranbau angeschlossen wurde. Zur Straßenseite liegen, noch heute erkennbar, die über den Eingang rechts erreichbare Diele mit Treppenhaus und das ehemalige Empfangszimmer“. (Quelle LDA Berlin)

 

 

 

 

 

Nach dem Tode von Karl Becker erwarb der Bankier Georg Meyer das Anwesen. Dieser verkaufte es 1920 an den Diplomaten Richard Meyer (1884-1956), der 1935 aus dem Auswärtigen Amt entlassen wurde und nach Schweden emigrierte. Von dort versuchte er, seinen Besitz angemessen zu verkaufen. „Auf Grund des § 19 der Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3.12.38“ wurde das Ansinnen als unbegründet abgewiesen.

 

1988 wurde die Villa in ein Mehrfamilienhaus umgebaut, Teile der historischen Innenausstattung sind erhalten. Die Villa Becker gehört zu den wenigen unzerstörten Villen der Architektengemeinschaft Ende & Böckmann. Sie bildet ein hervorragendes Beispiel für ein programmatisches Künstlerwohnhaus aus der Frühzeit der Villenkolonie Alsen.

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© friedenau-aktuell, 2017