Name seit dem 3. Januar 1903, benannt nach dem liberalen Politiker Rudolf von Bennigsen (* 10. Juli 1824; † 7. August 1902). Er war von 1867 bis 1883 Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses, von 1873 bis 1879 dessen Präsident und unterstützte Bismarcks Politik der Reichsgründung.

 

Durch den „Allerhöchsten Erlaß“ vom 9. November 1874 wurden die Grenzen der Gemeinde Friedenau festgelegt: „Gegen Norden durch die südliche Seite des Bahndammes der Ringbahn bez. des an derselben entlang führenden Weges … bis zum Eintritt der Ringbahn an die Schöneberger Feldmark.“ Das dreieckige Areal zwischen der damaligen Grenzstraße, die 1875 in Lauterstraße umbenannt wurde, der späteren Ringbahntrasse und der Friedenauer Straße (ab 1907 Hauptstraße) war 1865 im Besitz von fünf Eigentümern: Maurermeister Heinrich Lehmann, Steinsetzmeister August Nitze, Baumeister Ewald Utz, Berlin-Charlottenburger Bauverein (von Carstenn) und Landerwerb und Bauverein auf Actien.

 

Bevor es zur Bennigsenstraße kam, gab es auf dem Plan dafür die Formulierung „Straße 43 b“. Die Straße verlief parallel zur späteren Ringbahntrasse von der Friedenauer Straße (Hauptstraße) in westliche Richtung zum Maybachplatz (Perelsplatz) und gehörte damals zum größten Teil zur Stadt Schöneberg. Das Terrain war 1892 noch nicht parzelliert. Auf den Plänen sind ab 1902 die Hähnelstraße und ab 1906 Stier- und Bennigsenstraße eingezeichnet. Die Bennigsenstraße war damals allerdings noch weitgehend unbebaut. Die Häuser der 380 Meter langen Bennigsenstraße mit den Nummern 1, 2, 26 und 27 gehörten bis 1940 zu Friedenau, die Häuser 3 bis 25 zu Schöneberg. Mitte der 1950er Jahre kam die komplette Straße zum Ortsteil Friedenau.

 

 

Thomsche Fabrik um 1930

Die Thomsche Fabrik

Bennigsenstraße 23-24

 

In ihrer leider nicht mehr erhältlichen Denkmaltopographie über den „Ortsteil Friedenau“ publizierten Peter Lemburg, Gabriele Schulz und Dietrich Worbs im Verlag Willmuth Arenhövel (Berlin, 2000) u.a. eine detaillierte Beschreibung der ehemaligen „Thomschen Fabrik“: „In der Bennigsenstraße 23-24 errichtete der Architekt Peter Vogler 1904-07 in zwei kurz aufeinander folgenden Bauabschnitten das viergeschossige, dreizehnachsige Gebäude der Bauklempnerei Paul Thom. Diese Firma war 1899 in Berlin gegründet worden und übersiedelte 1904 nach Friedenau in den zuerst fertiggestellten westlichen Bauabschnitt des Fabrikgebäudes. 1907 konnte der zweite Bauabschnitt bezogen werden. Im westlichen Bauteil waren die Bauklempnerei und vermietbare Räume untergebracht, im östlichen die Treib- und Montagewerkstatt sowie die Verwaltung. Das Fabrikgebäude mit einer Grundfläche von 46 x 15 Metern ist als Mischkonstruktion ausgeführt: Die Außenmauern und eine Mittelstützenreihe tragen die Decken (Kappen- und Betondecken).

 

 

 

 

Die beiden Bauabschnitte unterscheiden sich in der Straßenfassade auch äußerlich voneinander: Der erste Bauabschnitt mit sechs Achsen zeigt eine strenge, gleichmäßig durch Pfeiler und Fenster gegliederte Fassade, aus der nur die Treppenhausachse am Westgiebel etwas vortritt; der zweite Bauabschnitt mit sieben Achsen ist durch zwei Standerker und eine ungleichmäßigere Befensterung sehr viel unruhiger und malerischer gegliedert. Der eine Erker nimmt die Hofdurchfahrt auf, der andere das zweite Treppenhaus. Hinzu kommt noch die überlebensgroße Skulptur eines Schmieds auf einer Konsole am ersten Obergeschoß vor einem Pfeiler zwischen zwei Fenstern. Die bronzene Skulptur, die die Züge des Firmengründers trägt, wurde von der Firma Thom selbst ausgeführt; sie erscheint in der Achse der Stierstraße und weist schon von weitem auf die Bauklempnerei hin. Das Fabrikgebäude ist neben den Bauten für die Firmen Carl Bamberg und C. P. Goerz der dritte bedeutende Industriebau in Friedenau.“

 

Bereits 1887 wurden mit der Bau-Polizei-Ordnung für den Stadtkreis Berlin für Vororte außerhalb der Ringbahn Häuser mit einer Höhe zwischen 12 und 22 Meter erlaubt. Obwohl der Bau von Mietskasernen mit Hinterhöfen und Fabrikbauten nicht gestattet war, kam es zum erbitterten Streit zwischen Befürwortern der Landhausbebauung und jenen, die mit Mietshäusern höhere Erträge erzielen wollten. Die Folge war, dass die Bauordnungen im nächsten Jahrzehnt mehrfach geändert wurden und für Verunsicherung sorgten. Als der Architekt Peter Vogler den Auftrag erhielt, für die Bauklempnerei Paul Thom in der Bennigsenstraße Nr. 23-24 ein Fabrikhaus zu errichten, ging er wohlweislich auf Nummer sicher. Auch heute ahnt man kaum, dass sich hinter der vielfältig gegliederten Sichtziegelfassade eigentlich ein Industriebau verbirgt.

 

Die 1899 in Schöneberg gegründete Bauklempnerei Paul Thom hatte genug und gut zu tun. Ihre auf ornamentale Motive ausgerichteten Arbeiten in Stahl, Kupfer und Zink waren bei Kirchen, Staatsbauten, Kasernen und Monumentalbauten gefragt. Anständige Referenzen von Siemens und Wertheim gab es ohnehin. Der Umzug in das großzügig angelegte Industriegebäude Bennigsenstraße war überfällig. Interessant ist allerdings, dass der Eigentümer schon frühzeitig Gewerberäume zur Miete offerierte. So gab es dort im Jahr 1920 unter einem Dach neben „Thomscher Bauklempnerei und Ornamentfabrik“ auch elektrotechnische Bedarfsartikel der „Firma Besser & Kämmerer“, medizinische Instrumente von „R. Rendorf“, photographische Papiere der „Dr. C. Schleußner AG“ und auch pharmazeutische Erzeugnisse der „Hädensa-Gesellschaft R. Morsch & Co“. Die Firmen „Sommer & Runge“ und die „Deutsche Hartmetall-Werkzeug-Gesellschaft“ unterhielten Werkstätten für Mechanik. Berichtet wird darüber, dass in diesem Haus auch Künstlerateliers für Metallbildhauerei eingerichtet waren.

 

Paul Thom betrieb eine geschickte Firmenstrategie. In der wirtschaftlich schwierigen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte er einen Musterkatalog mit 94 Seiten unter dem Titel „Metallkonstruktionen“. Da gerieten Ornamente und Verschönerungen in den Hintergrund. Präsentiert wurde en détail das gesamte Produktionsangebot: Rinnen, Dachfenster, Oberlichte, Lüftungsaufbauten, Jalousieklappen, Luftschächte, Rauchhauben, Staub-Absaugeleitungen – inklusive beiliegend zwei doppelt gefaltete, gedruckte Konstruktionspläne mit Beschreibungen.

 

An die metallene Hausgeschichte erinnert vor allem die von weitem sichtbare, überlebensgroße und in antikischer Pose herabschauende Skulptur eines Schmieds auf einer Konsole am ersten Obergeschoss. Auf den zweiten Blick werden an der Fassade mit der eingearbeiteten Architekturplastik die in Vergessenheit geratenen klassischen Symbole des Schmiedehandwerks in Erinnerung gerufen: Amboss, Hammer, Zange und Biegegabeln.

 

Der denkmalgeschützte Bau, ob nun Fabrikhaus oder Wohnhaus, hat inzwischen einige Nachnutzungen erlebt. Nach 1989 zog nach umfangreicher Rekonstruktion und Umbau die „Vereinte Versicherung AG“ ein. Nachdem diese 1996 von der „Allianz-Gruppe“ übernommen wurde, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Vereinte das Domizil in der Bennigsenstraße aufgab. Seit einigen Jahren hat sich die Seniorenwohn- und Pflegeanlage Betriebs-GmbH Berlin eingemietet. Im Pflegewohnhaus „Katharinenhof“ leben derzeit „74 Seniorinnen und Senioren in 60 Einzel- und 7 Doppelzimmern“.

 

 

Bennigsenstraße 4, 1930er Jahre. Archiv Thärichen

Bennigsenstraße 4

 

Bennigsenstraße 4

 

Am 16. April 2017 erhielten wir aus dem Oberbayerischen folgende E-Mail:

 

„Ich arbeite seit einigen Monaten an einer Familienchronik für meine beiden Töchter. Ich habe nun mit großen Freude Ihr Buch „Friedenau - Geschichte & Geschichten“ gelesen und ich bin begeistert, zumal die Bennigsenstraße darin vorkommt. Ich bin Jahrgang 1943 und in der Bennigsenstraße 4 aufgewachsen, in der Albestraße zur Schule gegangen und habe 1962 an der Rheingauschule mein Abitur gemacht. An das in Ihrem Buch erwähnte Fabrikgebäude der Firma Thom kann ich mich noch gut erinnern.

 

Das Haus Bennigsenstraße 4 hat mein Großvater, der Böttchermeister Friedrich Hermann Thärichen am 8. September 1906 für 116.000 Mark käuflich erworben. Verkäufer waren Frieda und Gertrud Haack, Töchter des Töpfermeisters Wilhelm Haack. Aus dem Grundbuch gehen als Vorbesitzer oder Erbauer noch ein Maurermeister Heinrich Lehmann, Hähnelstraße16, und ein Steinmetzmeister August Nitze, Friedenauer Straße 42 oder 48 hervor. (Lehmann und Nitze waren bereits seit 1865 Besitzer). Ebenso wird eine Baugesellschaft Wartestraße, Neue Friedrichstraße 76, erwähnt.

 

Meine Großmutter Auguste Luise Thärichen hat in der Bennigsenstraße 4 im Erdgeschoss links nach dem Tod ihres Mannes im Oktober 1909 - vielleicht auch schon vorher - eine Vorkosthandlung betrieben, wie lange weiß ich nicht, aber an die Lagerräume unter der Wohnung im Erdgeschoss kann ich mich noch erinnern.“

 

Inzwischen haben wir aus dem Archiv Thärichen neben Grundbuchauszug und Kaufvertrag einige bisher unbekannte historische Fotos erhalten, die wir auf der Website veröffentlichen dürfen. Wir bedanken uns, und hoffen, dass wir auf das angekündigte „Schriftliche“ nicht allzu lange warten müssen, weil eben „so eine Familienchronik halt viele Baustellen hat“.

 

 

Weiteres also in Vorbereitung

 

 

Grundstück Bennigsenstraße 4

 

Kauf am 8. September 1906

Durchgeführt beim Notar Sprenkmann

 

Verkäufer: Frieda Haack

Gertrud Haack, minderjährig, vertreten durch den Vater Töpfermeister Wilhelm Haack

 

Käufer: Hermann Thärichen, Böttchermeister

Kaufpreis: 116.000,- Mark

 

Finanzierung:

110.000,- Mark übernommene Hypotheken

1.000,- Mark Barzahlung

5.000,- Mark abgetretene Hypothekenforderung auf Grundstück Oranienburg Band II Nr. 845

 

Im Grundbuch eingetragene Forderungen:

29.000,- Mark Kaufgeld für Maurermeister Heinrich Lehmann undSteinmetzmeister August Nitze zu gleichen Teilen

87.000,- Mark für die Baugesellschaft Warthestraße

 

Tod von Hermann Thärichen am 5. Oktober 1909

Umschreibung auf Louise Thärichen geb. Göhle am 29. November 1915

 

14. Mai 1929 Umstellung der Hypotheken

 

Als Folge der Inflation von 1923 wurden die Hypotheken neu bewertet

alt 29.000,-       neu 7.250,- Mark

alt 71.000,-       neu 17.750,- Mark

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alt 100.000,-      neu 25.000,- Mark

 

Darlehen eines Mieters (Gustav Heckendorf) am 8. Juli 1930 über 3000,- Mark

Öffentliches Darlehen der Stadt Berlin am 6. Juni 1934 über 3000,- Mark

 

Tod von Louise Thärichen am 20. April 1945

Erbauseinandersetzungsvertrag der fünf Geschwister am 2. März 1948

 

Verkauf des Anteils von Bernhard Thärichen am14. Mai 1953. Er verkauft seinen Anteil von 1/5 für 2.500,- DM an Horst Thärichen, den Sohn von Walter Thärichen. Dieser übernimmt auch die auf dem Anteil liegenden Hypothekenlasten.

 

Verkauf an Installateurmeister Martius am 17. Februar 1966

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