Gegen das Hineinwachsen der Stadt Berlin in das Schöneberger Gebiet war die Gemeinde machtlos. Nach der Reichsgründung im Jahr 1871 stieg die Einwohnerzahl Schönebergs rasant an. In Anzeigen warb die „Schöneberger-Friedenauer Terraingesellschaft“ für ihr Verkaufsbüro am Dürerplatz Nr. 1 und offerierte „Bauparzellen auch mit Bauerlaubnis in Schöneberg am Bahnhof Friedenau“. Zuvor hatte die Gemeindevertretung dem Bebauungsplan zugestimmt. Nicht eindeutig wird, ob sie oder aber die Terraingesellschaft die Straßennamen festlegte. Die Benennung nach renommierten und angesehenen Malern für die Gegend „Hinter der Wannseebahn“ war jedenfalls verkaufsfördernd. So gab es ab 12. Januar 1892 Straßen mit den Namen Carl Becker, Reinhold Begas, Antonio Canova, Lucas Cranach, Albrecht Dürer, Ludwig Knaus, Adolf von Menzel, Peter Vischer, Rembrandt van Rijn, Peter Paul Rubens und Bertel Thorwaldsen.

Vorheriger Name der Canovastraße „Straße Nr. 9“. Die Straße führte ursprünglich von der Thorwaldsenstraße über die Rubensstraße bis zum Grazer Damm. Der Straßenteil zwischen Rubensstraße und Grazer Damm wurde 1960 entwidmet und gehört seither zum AVK-Gelände.

 

 

Canovastraße, Plan von 1901

Als die Gemeinde Schöneberg und die „Schöneberger-Friedenauer Terraingesellschaft“ 1891/92 nach Straßennamen für den Bebauungsplan „Hinter der Wannseebahn“ suchten, war offensichtlich das Repertoire mit den deutschen Künstlern Becker, Begas, Cranach, Dürer, Knaus, Menzel, Vischer und Rubens erschöpft. Kurzerhand wurden die Lücken mit Canova, Rembrandt, Rubens und Thorwaldsen gefüllt.

 

Mit Antonio Canova (1757-1822) wurde ein italienischer Bildhauer des Klassizismus geehrt. Er begann mit 14 Jahren in Venedig eine Bildhauerlehre, mit 18 war er Bildhauer. Als er starb, wurde sein Körper in einem Mausoleum in der Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frari in Venedig begraben. Sein Herz kam in eine Porphyrvase der Accademia di belle arti di Venezia. In seinem Geburtsort Possagno (bei Bassano del Grappa) entstand im Stile des Pantheons eine Pfarrkirche, der „Tempio Canoviano“. Sein Geburtshaus wurde zu „Gipsotheca Canoviana“, ein Museum, in dem seine in Ton und Terracotta ausgeführten Modelle seiner Marmorstatuen versammelt wurden – teilweise mit einer Vielzahl von Punkten, an denen er sich bei der Umsetzung von Modell zur Marmorskulptur orientierte. Im Jahr 1825 erwarb König Friedrich Wilhelm III. für die Berliner Museen seine 1796 entstandene anmutige Skulptur der „Hebe“.

 

 

Weniger anmutig kommt allerdings die Geschichte der „Kolonie Canova“ am Riemenschneiderweg daher. Sie gehört mit ihren 40.425 m² und derzeit 144 Parzellen zu den 25 zusammenhängenden Kleingartenkolonien des Schöneberger Südgeländes, die zwischen 1905 und 1926 entstanden sind. Mit 2.656 Parzellen auf einer Gesamtfläche von 722.572 m² bilden die Kolonien ein gewaltiges Grünpotential inmitten der Stadt.

 

Um ihr irrsinniges Wohnprojekt auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Wilmersdorf mit 1.300 Wohnungen für 2.600 Einwohner und 1.051 Pkw-Stellplätzen durchzusetzen, greifen SPD und GRÜNE von Tempelhof-Schöneberg sogar auf diese wohnungsnahen Grünflächen zurück. Weil dem grünen Stadtrat Jörn Oltmann und dem roten Fraktionsvorsitzenden Jan Rauchfuß längst bescheinigt wurde, dass in Friedenau ein enormes Defizit an Grünfläche besteht und dieses auch nicht innerhalb des Plangebiets gedeckt werden kann, beziehen sie die „siedlungsnahen Grünflächen“ des Schöneberger Südgeländes mit Kleingärten, Hans-Baluschek-Park und Naturpark ein. Dabei wird verschwiegen, dass dieses Grün von Autobahnen, S-Bahn-Trassen, Dresdner Bahn und einer möglichen Wiederinbetriebnahme der Stammbahn eingekeilt ist.

 

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gab es für das überwiegend der Stadt Berlin gehörende Gebiet immer wieder Pläne für den Bau von Wohnsiedlungen, die jedoch im Hinblick auf die innerstädtische Funktion der Grünflächen in ihrer Gänze nicht zum Tragen kamen: Im Jahr 1927/28, in dem vorbereitend für die geplanten Wohnbebauung an der Berlin-Dresdener-Eisenbahn der S-Bahnhof Priesterweg eröffnet wurde. Den ersten größeren Einschnitt setzten die Nationalsozialisten mit der Anlage des sechsspurigen Grazer Damms und dem Bau der Siedlung zwischen 1938 und 1940. Dafür wurde die Kolonie „verkleinert“. Dann kamen die Speerschen Pläne für die „Welthauptstadt Germania“ und den Bau des „Südbahnhofs“. Die Kleingärten wurden gekündigt. Dann kam der Weltkrieg.

 

Mit dem Bau der Westtangente vom Sachsendamm nach Steglitz und dem Autobahnkreuz Schöneberg in den Jahren 1968/69 auf 200.000 Quadratmetern mussten 800 Kleingärten geräumt werden. 1993/94 setzte das Bezirksamt Schöneberg den Bau einer Kindertagesstätte am Riemenschneiderweg inmitten der „Kolonie Canova“ durch. 14 Kleingärten mussten weichen. Die Kolonie ist seither zweigeteilt. In den Jahren zwischen 2003 und 2006 entstand anstelle des „Südbahnhof“ der Fern- und Regionalbahnhof „Südkreuz“. Dem Bau fielen weitere 79 Parzellen zum Opfer.

 

Die Geschichte des Schöneberger Südgeländes und der „Kolonie Canova“ ist durch ständig wechselnde Planungen gekennzeichnet. Das von SPD und GRÜNEN so auffällig propagierte Projekt „Naturpark-Schöneberger Südgelände“ scheint eher eine Alibi-Funktion zu erfüllen. Als stabil erwies sich jedoch seit mehr als einem Jahrhundert die kleingärtnerische Nutzung – nur steht sie für aufstrebende Politikerkarrieren „dem wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt“ im Weg. Wohl deshalb ist planungsrechtlich bisher nichts gesichert.

 

 

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