Blandine Ebinger & Friedrich Hollaender, um 1920. Archiv Helwig Hassenpflug

Dickhardtstraße Nr. 44

Blandine Ebinger & Friedrich Hollaender

 

Viele haben diesem Chanson ihren Stempel aufgedrückt: Voran Marlene Dietrich, auch Claire Waldoff, Greta Keller, Eartha Kitt, Milva, Daliah Lavi. Nichts gegen die Damen, nichts gegen ihre erotischen Interpretationen, aber einiges gegen ihre Eingriffe in den Text. Aus Neger wurde Geiger, aus brauner Haut blasse, aus schwarzem Haar schönes und auf die Pointe mit dem verlassenen (schwangeren) Liebchen wurde ganz und gar verzichtet.

 

Friedrich Hollaender hatte Jonny, wenn du Geburtstag hast für Blandine Ebinger geschrieben. Das Lied entstand 1920 in der Dickhardtstraße Nr. 44, die damals noch Ringstraße hieß. Ein Jahr zuvor hatten sie geheiratet. Da sie noch keine eigene Wohnung gefunden hatten, wohnten sie in der Wohnung von Tante Doni in Friedenau. Ganz in der Nähe am Lauterplatz wohnten in der Niedstraße Nr. 40/41 auch die Wezels, Blandines Großeltern.

 

Eines Tages war das Ehepaar zu einer Gesellschaft eingeladen. Blandine wurde und wurde mit dem Anziehen nicht fertig. Ich stand, eine Stunde, glaube ich, in Mantel und Hut, mit Handschuhen. Um mit meiner Ungeduld fertig zu werden, trat ich ans Klavier. Mit Handschuhen schlug ich den Deckel auf, mit Handschuhen legte ich die Hände auf die Tasten. Und so, in Hut und Mantel, mit Handschuhen und stehend, spielte ich den Jonny von A bis Z herunter, ohne nachzudenken und ohne anzuhalten. – Das Thema eben war sehr hübsch. – Nein, es war nicht hübsch, und wir kommen zu spät. – Das war Jonny:

Jonny, wenn du Geburtstag hast

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Helwig Hassenpflug. Foto H&S, 2001

Der Kümmerer

 

Meine Damen und Herren, dass sich der Verlag Walter de Gruyter beehrt, uns zu einem Empfang in den Drucksaal der Druckerei einzuladen, könnte Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung sein. Wer wie ich in der Vergangenheit weder mit diesem Haus noch mit seinem geschäftsführenden Gesellschafter zu tun hatte, sondern ausschließlich mit Helwig Hassenpflug, sollte sich von der Wahl des Ortes nicht allzusehr in die Irre führen lassen. Der Verlag Walter de Gruyter ist vor allem ein Domizil des Geistes, in Berlin und in New York.

Als man mich im Zusammenhang mit dem heutigen Tag vor einiger Zeit darauf hinwies, dass es ja nicht nur den Doktor und den Doktor honoris causa, sondern auch einen anderen Helwig Hassenpflug gäbe, und fragte, ob ich an diesem 10. März Lust hätte, aus dem Nähkästchen zu plaudern, war das für mich keine Frage. Obwohl ich für die inoffiziellen Seiten des Lebens sehr empfänglich bin, war es leichter gesagt als in den letzten Tagen auf Papier gebracht.

 

 

 

Weil das so ist, weil heute Morgen auch offizielles und inoffizielles, bekanntschaftliches, freundschaftliches und verwandtschaftliches zusammen kommen soll, werde ich getreu der Tradition dieses Hauses vorab einen allgemeinen Kommentar über den speziellen Kommentar zum kommentierten Kommentar über die Gattung des gemeinen Kümmerers abgeben. Die Gattung des gemeinen Kümmerers ist in der ganzen Welt verbreitet, auch zu Hause natürlich. Zu den Kümmerern zählen zum Beispiel Freunde und Freundinnen, die einem ins Krankenhaus keine Blumen oder Pralinen schicken, sondern einen Schlafanzug oder vielleicht nur Briefmarken, was immerhin beweist, daß sie nachgedacht haben. Sie leeren den Briefkasten, wenn man nicht zu Hause ist; sie nehmen die Katze in Pflege. Ohne viel Aufhebens erledigen sie alle Geschäfte; sie sind immer da, wenn man sie braucht; man kann sich auf sie verlassen. Wenn man sie nicht mehr braucht, sind sie merkwürdigerweise auch nicht mehr da. Kümmerer sind anspruchslose Geschöpfe. Ihr bescheidenes Glück ist das Glück der anderen. So sieht es wenigstens aus. Denn es gehört zum Wesen der Kümmerer, daß man ihre Wohltaten zwar dankbar entgegennimmt, doch selten oder nie über sie nachdenkt.

 

Vor ziemlich genau zwanzig Jahren war ich damit beschäftigt, für die Berliner Festwochen das Unterhaltungsprogramm über die Zwanziger Jahre zu realisieren. Im alten Theater des Architekten Oscar Kaufmann an der Hardenbergstraße hatte ich damals einen späten Hauch jener Zeit erleben dürfen, über den Friedrich Luft schrieb, dass „der beste Geist, die flotte Gangart, die kesse Ironie, die traurige Lustigkeit und die hohe Intelligenz jener Jahre“ wieder da war. Ein halbes Jahrhundert schien plötzlich übersprungen und nach rückwärts vergessen. Die exzentrische Ausdruckstänzerin Valeska Gert bemühte sich aus ihrem Sylter Ziegenstall und wollte noch immer „eine sensitive Hure“ sein. Erwin Bootz, der letzte der sechs unvergeßlichen Comedian Harmonists, ließ uns noch einmal von „Wochenend und Sonnenschein“ träumen. Theo Lingen fragte, ob wir „den neuen Hut von Fräulein Molly schon gesehen“ hätten. Mischa Spolianksy, der einst „Heute Nacht oder nie“ komponierte, säuselte am Boesendorfer „Mir ist so nach dir“. Die Berliner Diseuse aus Paris, Margo Lion, die Frau des Revuetexters Marcellus Schiffer, ulkte und parodierte „Die Linie der Mode“, „Die Gesellschaft“ und „L'heure bleu“. Als dann noch Blandine Ebinger, die Dame des Berliner Chansons, die Bühne des Renaissance-Theaters betrat und ihre „Lieder eines armen Mädchens“ sang, schwelgte der Saal in Erinnerung an den besten, alten Kurfürstendamm und hinter den Kulissen stand einsam und überglücklich ein strahlender Helwig Hassenpflug, der nun erleben konnte, dass sein unermüdliches hintergründiges Wirken jetzt draußen laut bejubelt wurde.

 

Für die zerbrechliche Ebinger und nicht für die mondäne Dietrich schrieb Friedrich Hollaender 1920 das Chanson „Jonny, wenn du Geburtstag hast“. Es wird hier und heute nicht erklingen, weil es uns doch zu sehr in die entlegenen Seiten des Lebens führen würde. Wer aber dieses zum Schlager gewordene Lied einmal nicht von der Dietrich, sondern in der zurückgenommenen, brüchigen, zarten, pipsigen, lispelnden und verrucht-spielenden Machart der Ebinger hört, weiß um die Einmaligkeit, erfährt, was eine große Künstlerin aus Text und Musik zaubern kann.

 

Blandine Ebinger hatte mindestens zwei glückliche Hoch-Zeiten erleben dürfen. Weil sie für Friedrich Hollaender dem Bild glich, das ihm vorschwebte, „Wie warst du, was du spieltest! Wie spieltest du, was du warst“, wurden sie obendrein Mann und Frau. Die Ehe ging in die Brüche und auf den deutschen Kabarettbrettern war aus den bekannten Gründen für beide bald kein Platz mehr. Als die Ebinger einsam und allein nach Deutschland zurückkehrte, spielte sie manche Rolle auf mancher deutschen Bühne. Dass aber die zerbrechlichen Chanson-Balladen von Friedrich Hollaender, die er der Ebinger in den Zwanzigern auf den Leib geschrieben hatte, „Wenn ick mal tot bin“, „Mein Vater machte mir zum Wunderkinde“, „Mit eenem Ooge kiekt der Mond (gesprochen Mann) mir an“, nun in den Siebzigern noch einmal erklangen, dass wir diese hohe Kunst der Ebingerschen Brüchigkeit einmal hautnah erleben durften, zugleich auch authentisch ein Stück unserer Geschichte erfahren konnten, hatten wir nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass in ihrem Ausweis inzwischen „Hassenpflug-Ebinger“ stand.

 

Wenn am 18. Oktober dieses Jahres die Agenturen den 100. Geburtstag von Hollaender verkünden sollten, wird die Akademie der Künste eine Ausstellung abhalten und einige mehr werden vielleicht wissen, daß er uns 22 Bühnenmusiken von der „Wupper“ der Else Lasker-Schüler bis zu „Masse Mensch“ von Ernst Toller, 63 Filmmusiken vom „Blauen Engel“ bis zum „Spukschloß im Spessart“, Kabarett-Revuen und über 200 Chansons, Songs und Schlager hinterlassen hat. Tingeltangel zwar, aber besteht unser Leben nur aus de Gruyter? Das offizielle Berlin hat bisher noch nicht einmal darüber nachgedacht, diesem Mann für einen einzigen Abend das zu geben, wofür er gelebt hat, eine Bühne mit einem Flügel und einem kunterbunten Völkchen von Diseusen und meinetwegen auch Diseuren. Das war und ist doch auch Berlin.

 

Weil das so ist und weil es das alles nicht mehr gibt, hat sich inzwischen wenigstens Helwig Hassenpflug aufgemacht, die Archive zu durchforsten und die Musik von damals mit den Texten und Gesängen von Friedrich Hollaender und Blandine Ebinger demnächst auf einer CD vorzulegen, um den Verlust an Erinnerung zu begrenzen. Womit haben wir es nur verdient, dass die Kümmerer so freundlich zu uns sind, mag man sich zuweilen fragen. Sie geben uns viel mehr, als wir ihnen geben können. Mir würden die Kümmerer fehlen. Ich habe mir vorgenommen, über Kümmerer einmal nachzudenken.

 

Friedrich Luft registrierte einst „den besten Geist, die flotte Gangart, die kesse Ironie, die traurige Lustigkeit und die hohe Intelligenz jener Jahre“. Als ich vor ungefähr fünfzehn Jahren auf zwei Künstler traf, spielten sie in einem Kellerlokal vor fünf Leuten und einem Hund. Was ich sah, war Damals und Heute zugleich, zeitlos und zeitnah in einem, brüchig und stimmungsvoll obendrein, eine Idee vor allem. Morgen sind sie in der Philharmonie, heute hier im Drucksaal der Druckerei von Walter de Gruyter - für Blandine Ebinger, für Helwig Hassenpflug und für Sie. Freuen Sie sich auf eine Sternstunde mit Terry Truck und Georgette Dee. Peter Hahn am 10. März 1996.

 

 

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