Name seit 31. Juli 1947, benannt nach dem einflussreichen Publizisten Joseph Görres (1776-1848), der 1814 in Koblenz die liberale Zeitung „Rheinischer Merkur“ gründete. Die Straße hieß bis 1884 Stuttgarter Straße, dann bis 1937 Wilhelmstraße und bis 1947 Golzheimer Straße.

 

 

 

 

 

Die Baulücke zwischen Görres- und Bachestraße könnte darauf hindeuten, dass diese eine Hinterlassenschaft des Zweiten Weltkriegs ist. Dem ist nicht so. Die Brandwände zu beiden Seiten sind allerdings zurückzuführen auf die Geschichte vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis hin in die 1930er Jahre. Das Grundstück, auf dem die Landschaftsarchitektin Regine Lechner 2008-2009 einen „Integrativen Kinderspielplatz mit Durchwegung“ zwischen den beiden Straßen geschaffen hat, war zu keiner Zeit bebaut – und konnte über Jahrzehnte aus rechtlichen Gründen auch nicht bebaut werden.

 

Auf dem Plan von 1901 ist ersichtlich, dass es die Bachestraße damals noch gar nicht gab und in der damaligen Wilhelmstraße (seit 1947 Görresstraße) nur drei Grundstücke bebaut waren. Die beiden Grundstücke auf der rechten Straßenseite hatte im Januar 1899 der Italiener Valentino Casal gekauft. Auf dem einen entstand das Haus für seine Familie (Nr. 7, heute Nr. 16), auf dem anderen bis zur Straße 12 verlaufendem (seit 1910 Bachestraße), eine Anzahl von Ateliers. Kaiser Wilhelm II. nannte den Bildhauerhof „Klein Carrara“. Für den Journalisten Arthur Brehmer (1858-1923) allerdings war „Casals Atelier die größte Handlangerei der Kunst“.

 

Bemerkenswert ist, dass zwischen 1896 und 1929 mehr als ein Dutzend Bildhauer mit der Friedenauer Adresse Wilhelmstraße aufwarteten: Eberhard Encke, Valentino Casal, G. Franz, Johannes Götz, Edmund Gomansky, Wilhelm Haverkamp, Georg Hengstenberg, Johannes Hinrichsen, Johannes Hoffart, J. Huber, Paul Hubrich, Ludwig Isenbeck, Ludwig Manzel, Heinrich Mißfeldt, Georges Morin, Franz Rosse, Otto Wenzel, Otto Wesche, aber auch der Kunststeintechniker A. Lift. Casals „Atelier für Marmor-Ausführungen, Monumentalbauten und Grabdenkmäler“ hatte sie mehr oder weniger nach Friedenau gelockt. In den nachfolgenden Beiträgen stellen wir die Bildhauer vor.

 

Das Adressbuch von Friedenau 1914, Wilhelmstraße.

 

Valentino Casal. Archiv Schmiedeberg-Casal

Ein Italiener als Initiator

 

Wilhelmstraße Nr. 7 (Nr. 16)

Valentino Casal (1867-1951)

 

Die Eltern von Valentino Ludwig Maria Casal sahen für sich in den italienischen Dolomiten keine Zukunft und waren 1833 von Forno di Zoldo in den Stadtteil Cannaregio von Venedig gezogen. Im Jahr 1852 kaufte Giuseppe Casal (1834-1906) eine Werft, in der er mit Holzbildhauer Valentino Panciera und Partner Domenico Tramontin den Gondelbau revolutionierte. So entstand die heute noch gebräuchliche Form von 11 Meter Länge und 1,40 Meter Breite mit den weit aufgebogenen Enden. Von da an konnte die Gondel von nur einem Gondoliere gerudert werden, und nicht wie zuvor von zwei Gondolieri.

 

Valentino Casal wurde am 7. Juni 1867 in Venedig geboren. Er ging an die „Scuola di arte applicata all‘industria di Venezia“ und lernte vom Bildhauer Antonio Dal Zotto (1841-1918) Modellieren und Anatomie. Dal Zotto wurde 1879 Professor an der „Accademia di belle arti di Venezia“. Sein Schüler folgte ihm für sechs Studienjahre. 1887 gewann Casal mit dem marmornen „San Giorgio Relief“ für die Fassade des Hauses Brown in Zattere einen ersten Preis. Mehr als das hat es nicht eingebracht. Wie viele andere Italiener auch, zog es ihn im Frühjahr 1891 nach Berlin. Der „Gastarbeiter“ wohnte mit Wanderarbeitern in einem Zimmer in der Linienstraße, suchte den Kontakt zu den berühmten Bildhauerkollegen, Max Baumbach, Reinhold Begas, Johannes Boese, Ludwig Cauer, Gustav Eberlein, Johannes Götz, Wilhelm Haverkamp, Max Unger, Joseph Uphues, und arbeitete für die Bildhauer Max Kruse (1854-1942) und Walter Schott (1861-1938) als Skulpteur: „Professor Schott sorgte für meinen guten Namen in Berlin.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Siegesallee im Tiergarten

 

Am 27. Januar 1895 verkündete Kaiser Wilhelm II., dass im Tiergarten von verschiedenen Bildhauern eine 750 Meter lange „Siegesallee“ mit 32 Marmor-Standbildern der Fürsten Brandenburgs und Preußens geschaffen werden sollte. Akademiemitglied Reinhold Begas zweifelte an den handwerklichen Fähigkeiten der Bildhauer: „Sie haben ja von der handwerksmäßigen Technik kaum eine Ahnung. Sie sind ja nur Modelleure, und so wandert Modell auf Modell zum Steinmetz. Es ist doch ein ganz gewaltiger Unterschied zwischen dem Modelliren und dem Meißeln. Zwei ganz verschiedene Principien: dort das des Auflegens, hier das des Abnehmens; dort die weiche Masse, wo sich immer wieder umformen, verbessern läßt, und hier ein Centimeter, oft nur ein Millimeter zu viel fortgeschlagen oder gebosselt, und die Arbeit ist verdorben!“

 

Das war die Stunde von Casal. Er hatte den Umgang mit Marmor gelernt, konnte mit dem Punktierkreuz die Maße vom Gipsmodell auf den rohen Stein übertragen, beherrschte Konturieren und Ziselieren, und wusste die Qualitäten von Statuario, Bianco und Ordinario zu unterscheiden. Dazu kam sein Talent zum Improvisieren und Organisieren. Er holte sich aus Venedig den erfahrenen Steinmetz Annibale Pedrocchi und eröffnete im Herbst 1895 eine Werkstatt in der Charlottenburger Fasanenstraße. 1896 erhielten sechs Künstler vom Kaiser die ersten Aufträge für die Monumente der Siegesallee, 1897 kamen zwölf weitere hinzu, 1898 sechs und 1899 acht – insgesamt also 32. Zehn Bildhauer hatten nichts Eiligeres zu tun, als Casals „Atelier für Marmor-Ausführungen, Monumentalbauten und Grabdenkmäler“ mit der Umsetzung ihrer Gipsentwürfe in Marmor zu beauftragen. Er war „im Geschäft“.

 

In Berlin hatte der Italiener inzwischen die Ostpreußin Ida Eva geborene Sucht kennengelernt. Die Liebe seines Lebens war am 2. März 1872 in Tilsit geboren worden. Im Mai 1893 wurde geheiratet, eine Wohnung in der Pfalzburger Straße Nr. 84 bezogen, in der seine Töchter Eva (1894) und Eugenie (1896) geboren wurden. Nach dem Umzug in das Haus Wilhelmstraße Nr. 7 kam endlich am 4. Oktober 1900 der ersehnte Stammhalter Peter zur Welt.

 

Casals Annonce im Friedenauer Lokal Anzeiger war mehr immagine als notwendige Werbung: Cav. Valentino Casal, Bildhauer, Friedenau, Wilhelmstr. 7 (T. Fr. 76). Ateliers f. Marmor-Ausführungen, Monumental-Bauten und Grab-Denkmäler in Friedenau u. Carrara. Nun wurden Denkmale nach den Gipsmodellen diverser Bildhauer am laufenden Band produziert: Schiller, Wagner, Lortzing, Liszt, Feuerwehrdenkmal, Wilhelm I., Kaiserin Augusta, Großherzogin Alexandrine von Schwerin, Großherzog von Baden und Friedrich II. für Berlin, Wiesbaden, Potsdam, Kufstein, Mannheim und Magdeburg. Im Auftrag von Kaiser Wilhelm II. entstand nach einem Entwurf von Gustav Eberlein im Casalschen Atelier als Geschenk an die Stadt Rom das Goethe-Denkmal für die Viale Goethe in der Villa Borghese. Das Werk aus Marmor wurde am 5. August 1904 von König Viktor Emanuel III. enthüllt – Valentino Casal wurde mit dem Ritterorden der Krone von Italien Cavaliere dell’Ordine della Corona d’Italia bedacht.

 

Die Friedenauer kamen auch an die Reihe, voran die Familie Hirt. Albert Hirt, Chef der Adler-Apotheke in der Rheinstraße Nr. 16 und Sohn von Julius Franz Hirt, dem höchsten Richter im Fürstentum Reuß-Gera, hatte mit seiner Frau Marie im eigenen Landhaus in der Wielandstraße Nr. 15 einen Salon für die hiesige Prominenz geführt, darunter die Familien Prowe und Casal. So kam es, dass Casal gebeten wurde, 1905 das Grabmal für Albert Hirt und 1908 die Skulptur für das von Oscar Haustein ausgeführte Wandgrab Prowe auf dem Friedhof Stubenrauchstraße zu gestalten.

 

Kaiser Wilhelm II. schätzte Casals Arbeiten. Häufig kam er mit seinem Jugendfreund Görtz in den Bildhauerhof. Dort wurde wohl auch die Idee geboren, eine um etwa ein Drittel vergrößerte Kopie von Schadows berühmter „Prinzessinnengruppe“ anfertigen zu lassen. Die Nationalgalerie musste im Juli 1909 den Abguss des Originalgipses aus der Modellsammlung zur Verfügung stellen, den Casal allerdings bald zurückgab, da er sich einen Abguss von dem Marmor-Original im Königlichen Schloss gemacht hatte. Am 19. Juli 1910, dem 100. Geburtstag von Königin Luise, wurde das Königinnen-Denkmal mit den Schwestern Friederike von Hannover und Luise von Preußen in Hannover enthüllt.

 

Kurz zuvor war Casal mit Ehefrau Ida-Eva in Florenz. Er wollte eine Villa in Fiesole erwerben und das Anwesen in Friedenau im Wert von 125.000 Mark, abgesichert mit 55.000 Mark stabiler Vermögenswerte in Gold, aufgeben. Ich wäre glücklich gewesen, meine letzten Jahre in dem schönen Land zu verbringen, in dem ich geboren wurde. Seine Frau war dagegen. Er brachte Venedig ins Gespräch. Über Professor Antonio Dal Zotto hatte er das Angebot erhalten, für den geringen Preis von acht Lire pro Quadratmeter ein Grundstück an den Brunnen in Lido zu erhalten, mit der Verpflichtung, innerhalb von zwei Jahren zu bauen. Hier wollte er mit Frau und den Kindern Eva, Eugenie und Peter leben. Auch dieser Plan scheiterte am Einspruch seiner Frau. Die Ostpreußin wollte in Deutschland bleiben. Sie fürchtete sich vor Isolation und wohl auch der Dominanz der Casalschen Verwandtschaft.

 

Unerwünscht

 

Es kam der Erste Weltkrieg. Nachdem Italien am 4. Mai 1915 den Dreibund zwischen dem deutschen Kaiserreich und Österreich-Ungarn gekündigt hatte, verließen viele Italiener Berlin. Casal, obwohl mit einer Deutschen verheiratet, hatte Angst: Come straniero temevo di venir internato in una Konzentrationslager, come si faceva in quel tempo dei francesi e degli inglesi. Am 7. Mai 1915 war er in Zürich. Im Juli hatte er ein Haus am Zürichsee gefunden und mit einem Freund ein Exportbüro für Lebensmittel, Tierfutter und Grassamen eröffnet. Da die Familie partout nicht in die Schweiz wollte, beantragte er die Wiedereinreise.

 

Am 28. August 1916 erklärte Italien Deutschland den Krieg. Nun war er unerwünscht. Die Reichsregierung hatte die deutschen Banken angewiesen, jeden italienischen Untertan als feindlichen Ausländer zu erachten und jede Zahlung, die ihm etwa geschuldet sein sollte, hintanhalten sollten, sowie die Unterbrechung der Zahlung der Renten an italienische Arbeiter. Umgekehrt verfuhr das Königreich Italien ebenso. Für Casal brach eine Welt zusammen. 15 Jahre hatte er für das Kaiserreich von Wilhelm II. Denkmale geschaffen. Nun war das Eigentum des Italieners beschlagnahmt. 1917 ist es in den Besitz der Gemeinde Friedenau übergegangen. Frau und Kinder durften im Haus Wilhelmstraße Nr. 7 bleiben. Die Schweiz lehnte seine Einbürgerung ab. Das Kloster Einsiedeln, dem er anbot, die Kunstwerke ohne Lohn, nur für Unterkunft und Verpflegung, zu restaurieren, verweigerte die christliche Nächstenhilfe. Als Casal sich 1917 an der XIII. Schweizerischen Kunstausstellung in Zürich mit seiner Skulptur „Mädchen mit dem Spiegel“ beteiligen wollte, war die Arbeit in München beschlagnahmt.

 

Unmittelbar nach dem Waffenstillstand 1918 fuhr er zur Familie nach Friedenau. Nun begann der Kampf um sein Eigentum. Mit der Weimarer Republik änderte sich erst einmal nichts. 1921 gingen seine Anwesen Bachestraße Nr. 10 und Wilhelmstraße Nr. 7 an die „Grundstücksverwaltungsgesellschaft Schöneberg“. Bereits am 22. März 1922 waren die auf die Bachestraße ragenden Bauteile entfernt. 1925 ging das gesamte Grundstück an das Bezirksamt XI. der Stadt Berlin (Schöneberg).

 

Nach dem Vertrag von Versailles war für Streitfragen, die sich für Rechte und Interessen von Privatpersonen im Zusammenhang mit dem Krieg ergaben, die Geschäftsstelle des deutsch-italienischen Schiedsgerichtshofs in Rom zuständig. Nach einem Treffen mit Regierungsrat Benno Mergenthaler, den vom Auswärtigen Amt delegierten römischen Statthalter der Weimarer Republik, kam das Verfahren offensichtlich im Dezember 1925 zum Abschluss. Bis zur Vollstreckung reduzierten sich allerdings Casals Ansprüche in Folge der Inflation: „Ich musste es hinnehmen, denn die miserable Rate wurde durch den berüchtigten Versailler Vertrag festgelegt.“

 

Am 18. Juni 1934 erklärte sich das Bezirksamt Schöneberg mit dem Abriss sämtlicher Gebäude auf dem Grundstück Wilhelmstraße Nr. 7/Bachestraße Nr. 10 und der Schaffung einer Parkanlage einverstanden. Die Abrissarbeiten auf dem städtischen Grundstück wurden im Jahr 1935 ausgeführt.

 

In Heidelberg

 

Nach dem Weltkrieg fanden Frau und Kinder in Heidelberg eine neue Heimat. Casal brauchte Zeit. Er reiste viel: Salzburg, Triest, Forno di Zoldo, Venedig. In Lugano entstand ein Grabdenkmal für die Familie Monti (1919), in Brescia ein Denkmal für die Gefallenen (1921), an der Königlichen Porzellanfabrik im oberfränkischen Tettau modellierte er Porzellanfiguren. Im Januar 1926 wurde er zum Professor h.c. für Bildhauerei an der Università degli Studi di Padova ernannt. Casal war ein Familienmensch. Er konnte nicht isoliert und allein leben. Ich beschloss, nach Heidelberg zurückzukehren. Dies geschah am 22. Dezember 1927. Tochter Eugenie war am Theater Heidelberg als Sängerin engagiert, Sohn Peter studierte Chemie in Darmstadt und Gattin Ida Eva suchte nach einer Aufgabe. Nachdem das Reichsausgleichsamt seine Entschädigung überwiesen hatte, kaufte Casal im Jahr 1929 die Villa in der Scheffelstraße Nr. 1, in der seine Frau das Töchter-Pensionat Casal gründete. Er legte sich in der Oberen Neckarstraße Nr. 29 ein Atelier zu. Dort entstanden Statuen und Reliefs in Gips, Terracotta, Marmor, Bronze. In Heidelberg sind sie beide gestorben, Ida-Eva Casal am 24. August 1948, Valentino Casal am 8. Juni 1951. Er war davon überzeugt, dass er mit seiner eigenen Kunst auch einen Namen hinterlassen haben würde, wenn es nicht 1914 den schrecklichen Weltkrieg gegeben hätte.

 

Rosse führende Dioskuren. Skulpturengruppe von Eberhard Encke in St. Petersburg, 1913

Wilhelmstraße Nr. 5-6 (Nr. 14)

Eberhard Encke

* 27. Oktober 1881; † 26. Oktober 1936

 

Eberhard Encke war der Sohn des Bildhauers Erdmann Encke (1843-1896). Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste München. Nach einer Studienreise in Rom wurde er 1907 mit dem „Rom-Preis“ der „Preußischen Akademie der Künste“ ausgezeichnet. Von 1908 bis 1911 war er Meisterschüler des Bildhauers Louis Tuaillon (1862-1919) an der Berliner Akademie. Für den Bau der deutschen Botschaft in Sankt Petersburg nach Entwürfen des Architekten Peter Behrens (1868-1940) schuf Encke die Skulpturengruppe „Rosse führende Dioskuren“. Kaum war die Botschaft 1913 fertiggestellt, wurde sie gestürmt. Die bekrönende Figurengruppe wurde heruntergerissen. Sie ist seither verschollen. In seiner Behrens-Monographie schrieb der Architekturhistoriker Stanford Anderson (1934-2016) den bemerkenswerten Satz: „Behrens konnte dem ‚Mob‘ kaum ein passenderes Symbol zum Attackieren geben.“ Die einstige Botschaft wurde in der Zwischenzeit von verschiedenen deutschen und russischen Institutionen genutzt. Das Gebäude gehört heute dem Justizministerium der Russischen Föderation – ohne die Skulpturen auf dem Dach. Eberhard Encke wurde neben seinem Vater auf dem Alten Friedhof Wannsee in einem Ehrengrab beigesetzt. Das Familiengrab existiert noch immer.

 

In Berlin sind von Eberhard Encke u.a. folgende Werke erhalten: „Faustkämpfer für den Fehrbelliner Platz“, „Figuren und Giebelrelief“ für das Krematorium Wilmersdorf, „Zwei Hasenfiguren“ auf dem Geländer der Hasensprung­Brücke in Grunewald sowie die Kriegerdenkmale für die „Gefallenen des XXII. Reservekorps“ im Ersten Weltkrieg in Wilmersdorf (1924) und die „Gefallenen des Kaiser-Franz-Garde-Grenadier-Regiments“ in Kreuzberg.

 

Heinrich Mißfeldt im Atelier. Archiv Horst Mißfeldt

Wilhelmstraße Nr. 7 (Nr. 16)

Heinrich Mißfeldt

* 20. Dezember 1872; † 27. Oktober 1945

 

Nach einer Lehre als Holzbildhauer in Kiel ging Mißfeldt zum Studium nach Berlin, zunächst 1891 an die Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin und anschließend an die Akademie für Bildende Künste. Mit der Bronzestatuette „Kugelspieler“ gelang ihm 1903 der künstlerische Durchbruch. Zu seinen erhaltenen Werken gehören u.a. „Kugelspieler“ (1903, Bronzestatuette 57 x 32 x 28, 2 cm, Kunsthalle Bremen), „Abschied“ (1907, Marmorfigur von Kaiser Wilhelm für das Schloss Wiesbaden erworben), „Grabmal Familie Taeschner“ (1900, Luisenstädtischer Friedhof Kreuzberg), „Kriegerdenkmal“ (1920 Friedhof Lichtenrade) sowie das bronzene „Reliefportrait Adolf Hitler“, gegossen in der Friedenauer Bildgießerei Hermann Noack (sign. H Missfeld, 7,8 x 8,2 cm). Nicht zu recherchieren war bisher, zu welchem Zeitpunkt Heinrich Mißfeldt aus dem Haus von Valentino Casal in der Wilhelmstraße Nr. 7 ausgezogen und sein Atelier in der Eschenstraße Nr. 3 bezogen hat.

 

 

 

Rathaus Schöneberg. Foto H&S, 2015

Hinrichsen & Isenbeck

Wilhelmstraße Nr. 7 (Nr. 16)

Johannes Hinrichsen ???

Ludwig Isenbeck * 19. April 1882; † 21. Dezember 1958

 

Der Bildhauer Ludwig Isenbeck und der Architekt Johannes Hinrichsen gehören sich nicht zur allerersten Garde, aber sie haben mit den Skulpturen am Schöneberger Rathaus (1911-1913) oder mit dem Fassadenschmuck am Weinhaus Huth (1911-1912) Werke hinterlassen, die gewürdigt werden sollten. Was sollen Bürger davon halten, wenn Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) während ihrer Führung durch das Rathaus Schöneberg am 16. Februar 2013 „zur Architektur nicht allzu viel erzählen möchte“ und es dabei belässt, dass „der Fassadenschmuck und die vier Turmfiguren Werke der Friedenauer Bildhauer Johannes Hinrichsen und Ludwig Isenbeck sind“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schon in der vom Bezirksamt im Jahr 2014 höchst aufwändig erstellten Dokumentation über „Das Rathaus Schöneberg“ bleibt die Information dürftig. Wir zitieren: „Hinrichsen, Johannes (?), Bildhauer und Architekt (Werkstatt Hinrichsen & Isenbeck, Berlin-Friedenau); Bildhauerische Arbeiten in Stein, Keramik und Metall für zahlreiche öffentliche Bauten in Berlin, u.a. Fassadenschmuck Weinhaus Huth, Restaurationsgebäude im Berliner Zoo); Bauplastische Gestaltung am Außenbau, u.a. Figuren am Turm sowie in Eingangshalle, um 1914. - Isenbeck, Ludwig (1882-1958), Bildhauer (Werkstatt Hinrichsen & Isenbeck, Berlin-Friedenau); Bildhauerische Arbeiten in Stein, Keramik und Metall für zahlreiche öffentliche Bauten in Berlin, u.a. Fassadenschmuck Weinhaus Huth, Restaurationsgebäude im Berliner Zoo); Bauplastische Gestaltung am Außenbau, u.a. Figuren am Turm sowie in Eingangshalle, um 1914.“

 

Zu befürchten ist, dass die Fassadengestalter „Hinrichsen & Isenbeck“ demnächst ganz in Vergessenheit geraten. Obwohl der Bundestag schon vor Jahren eine „Deutsche Digitale Bibliothek" beschlossen hat, ist auch das ansonsten verdienstvolle Architekturmuseum der TU Berlin bisher nicht in der Lage, das 1912 von Hinrichsen & Isenbeck „als Bildhauer“ geschaffene Gipsmodell „Allegorie der Fruchtbarkeit“ für das Portal des Weinhauses Huth am Potsdamer Platz (Inventarnummer 42285) als Bild zu zeigen. Nach wie vor aber gilt: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“

 

Von „Hinrichsen & Isenbeck“ sind in Berlin u.a. erhalten: „Skulpturen am Schöneberger Rathaus (1911-1913), „Muschelkalkskulpturen“ als Fassadenschmuck am Weinhaus Huth Potsdamer Platz (1911-1912), „Fassadenschmuck Schiller-Oberschule“ (Leibniz-Realschule) Schillerstraße Charlottenburg (1911-1913), „Bildhauerarbeiten Vier Jahreszeiten“ Eosander-Schinkel-Grundschule (Gemeindeschule) Nithackstraße Charlottenburg (1913-1914), „Vier-Winde-Brunnen“ am Rathaus Lankwitz (1910), „Springer“ an der Fassade des Stadtbades Lichtenberg (1928).

 

 

Ludwig Manzel

Ludwig Manzel

Wilhelmstraße Nr. 9 (Nr. 20)

* 3. Juni 1858; † 20. Juni 1936

 

Er hatte die Nase allzeit vorn. 1898 fertigte er für die ostpreußische Sommerresidenz von Kaiser Wilhelm II. in Cadinen (Kadyny) ein kaiserliches Wappen. In den letzten Jahren der Weimarer Republik schuf er das Grabmal für den Filmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof. Als die Nazis die Macht übernommen hatten, präsentierte er nach Ansicht des Berliner Lokal-Anzeigers „eine ausgezeichnete Bronzemedaille von Dr. Goebbels“.

 

Besonders verbunden war der Bildhauer Karl Ludwig Manzel dem Altkreis Teltow und seinem Landrat. Für das Teltower Kreishaus in der Berliner Viktoriastraße entstand eine Büste Stubenrauchs. Einige Zeit später ließ Teltow als Dank an das Haus Hohenzollern an der Havelchaussee zwischen Potsdam und Berlin einen Turm errichten: „König Wilhelm I. zum Gedächtnis. Der Kreis Teltow baute mich 1897". Inzwischen heißt das märkische Backsteinwerk weder „König-Wilhelm-Turm“, was die Teltower wollten, noch „Kaiser-Wilhelm-Turm“, wie ihn Wilhelm II. nannte, sondern Grunewaldturm. Geblieben ist in der Kuppelhalle ein überlebensgroßer Marmor des ersten deutschen Kaisers. Die Manzelsche Skulptur reiht sich nahtlos in das damals Übliche ein.

 

Manzel bevorzugte das Großformat. Das Überschreiten der menschlichen Proportionen wurde vielfach zum Maßstab. Damit setzte er höchst auffällige Zeichen, sowohl bei profanen Denkmalen als auch bei sakralen Bauten. Seine Arbeiten demonstrieren Macht und Überlegenheit. Dafür stehen die Wilhelm-Skulptur im Grunewald wie auch sein 1924 gefertigtes Monumentalrelief „Christus“ auf dem Südwestkirchhof. Der aus dem 11. Matthäus-Kapitel entnommene Titel, „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“, stellt zumindest in diesem Zusammenhang eine fragwürdige Botschaft dar.

 

 

 

Manzels Monumentalkunst kommt nicht von ungefähr. Der am 3. Juni 1858 in Kagendorf bei Anklam geborene Karl Ludwig Manzel wurde in jungen Jahren an der Akademie der Künste zuerst Schüler von Albert Wolff und später von Fritz Schaper. Die idealistisch ausgerichteten Schöpfungen dieser Bildhauer, darunter Kolossalstatuen, Reiterstandbilder, Marmorgruppen und Bronzereliefs, blieben nicht ohne Einfluß. Vor allem Schaper galt als „väterlicher Freund“, an den er sich „in künstlerischen und menschlichen Nöten, auch noch lange nach der Schülerzeit“, wenden konnte.

 

1889 machte sich Manzel in Berlin bereits selbständig. Einige Jahre später war er Eigentümer des Hauses Wilhelmstraße 9 in Friedenau – mit Untermieter Paul Hubrich (1869-1948), sein Schüler und wohl auch lebenslanger Bildhauer-Gehilfe. In der Folgezeit entwickelte sich ein enges Verhältnis zu Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Viktoria. Vom Kaiserpaar entstand eine Reihe von Büsten und Reliefs. Da er in Italien den Umgang mit glasiertem Ton gelernt hatte, wurde er vom Kaiser nach der Modernisierung der Cadiner „Tonwarenfabrik March“ vielfach um Entwürfe für die dortige Majolika-Produktion gebeten: für die Kaiserin Terrakotten, für den Kaiser Kannen, Vasen und Dosen im historischen Jugendstil.

 

1895 wird Karl Ludwig Manzel Mitglied der Akademie der Künste, 1896 erhält eine Professur am Königlichen Kunstgewerbemuseum in Berlin, 1903 wird er Nachfolger von Reinhold Begas als Vorsteher eines Meisterateliers und 1912 Präsident der Preußischen Akademie der Künste.

 

Man muß es aus der Zeit heraus verstehen, wenn Manzel zwei Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs neben Max Liebermann, Engelbert Humperdinck, Gerhard Hauptmann und Max Planck jenen Aufruf „An die Kulturwelt“ unterzeichnet hat, in dem die Vertreter deutscher Wissenschaft und Kultur „Protest gegen die Lügen und Verleumdungen erheben, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem ihm aufgezwungenen schweren Daseinskampfe zu beschmutzen trachten. Der eherne Mund der Ereignisse hat die Ausstreuung erdichteter deutscher Niederlagen widerlegt. Umso eifriger arbeitet man jetzt mit Entstellungen und Verdächtigungen. Gegen sie erheben wir laut unsere Stimme. Sie soll die Verkünderin der Wahrheit sein“.

 

Den Nationalsozialisten, die mit dem Rückgriff auf das Preußentum und dessen militärische Traditionen das Bild vom verlorenen Krieg zu revidieren versuchten, kamen seine Schöpfungen gelegen. Für die Ehrung von Hindenburg und Ludendorff dekorierte die Weltkriegsabteilung des Berliner Zeughauses 1939 Manzels Bronzebüsten mit russischen Beutefahnen aus dem Ersten Weltkrieg. Ludwig Manzel? Wer war das? Eine Antwort bleibt bisher auch die Akademie der Künste schuldig. Seine letzte Ruhe fand Manzel auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof (Grabstelle Block Heilige Geist, Gartenblock V, Gartenstelle 1).

 

 

Signatur Edmund Gomansky

Edmund Gomansky

Wilhelmstraße 16

* 6. November 1854; † 6. Februar 1930

 

Edmund Gomansky studierte an der Berliner Akademie der Künste. Er war Schüler von Fritz Schaper (1841-1919) und Rudolf Siemering (1835-1905). Unter Siemerings Anleitung entstand 1891 die Skulptur „Betende Knaben“ für die Königlichen Museen Berlin. 1895 nahm Gomansly am Wettbewerbsentwurf für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Chemnitz. Der Entwurf wurde prämiert, ausgeführt jedoch der konkurrierende Entwurf von Wilhelm von Rümann (1850-1906). Erfolgreicher verlief im Jahre 1900 der Wettbewerb für einen Monumentalbrunnen in Oppeln. Sein „Ceres-Brunnen“ auf dem ehemaligen Friedrichsplatz wurde 1907 zum 100. Jahrestag des Oktoberedikts von 1807 und damit der Preußischen Agrarreformen eingeweiht.

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Brunnen ging aus einem 1900 durchgeführten Wettbewerb für einen Monumentalbrunnen in Oppeln hervor und wurde 1907 zum 100. Jahrestag des Oktoberedikts von 1807 (Beginn der Preußischen Agrarreformen) eingeweiht. Die Skulpturen von Demeter (Ceres) und ihrer Tochter Persephone (Proserpina) sowie Poseidon (Neptun) mit Meeresgott Glaukos und einem Fischernetz und Herakles mit einer Hacke symbolisieren Landwirtschaft, Fischerei und Bergbau.

 

Gomanskys Marmorskulptur „Mutter mit Kind“ (1898), auch „Muttergruppe“ genannt, war gemeinsam mit der sogenannten „Vatergruppe“ von Wilhelm Haverkamp (1864-1929) bis 1960 Bestandteil einer Marmorsitzbank auf dem Andreasplatz. Sie befindet sich heute im Volkspark Friedrichshain.

 

 

Quelle Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg
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