Name seit 1890, benannt nach dem Friedenauer Kommunalpolitiker Johann Carl Hacker (1811-1892). Die Straße liegt teilweise in Steglitz. Zu Friedenau gehören die Häuser Nr. 1-6 und Nr. 27-30.

 

 

Paul Aichele, Mutter mit Kind (Sintflutbrunnen)

Hackerstraße Nr. 2/3

Paul Aichele (1859-1924)

 

Das badische Markdorf ist bekannt für Obstbau, der einst auch auf dem Hof In den Unteren Auen Nr. 11 betrieben wurde. Von der Supraporte schauen zwei leichtbeschürzte Knaben herab. Mit den Armen halten sie das Wappen in die Höhe, darauf die Zahl 1889 und die Buchstaben A, J und P. Das A für Aichele, das J für Vater und Landwirt Josef und das P für Sohn Paul – das Geburtshaus von Paul Aichele (1859-1924) – Schöpfer des Sintflutbrunnens, der 1909 auf dem Hamburger Platz am Südwestkorso enthüllt und 1931 auf den Maybachplatz (heute Perelsplatz) umgesetzt wurde. Die Lebensgeschichte von Paul Aichele ist nur noch fragmentarisch zu rekonstruieren. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in den deutschen Residenzstädten Museen mit angeschlossenen Schulen für Kunstgewerbe eröffnet. Die Museen präsentierten mit Mustersammlungen exemplarisch Anregungen für die industrielle Produktion, die Schulen sorgten für den kreativen Nachwuchs. So auch in Stuttgart, wo 1869 die Württembergische staatliche Kunstgewerbeschule gegründet worden war, und Aichele ab 1875 Schüler war. Drei Jahre später zog es ihn an die Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf der Internationalen Kunstausstellung in Berlin wagte er sich 1891 neben den renommierten Bildhauern Reinhold Begas und Alexander Calandrelli erstmals in die Öffentlichkeit. In der Abteilung Bildwerke war er unter Nr. 1701 mit der Kleinplastik Bacchantin vertreten – versehen mit der Anmerkung, dass „dieselbe verkäuflich sei“. Ein Jahr zuvor, so die Akten des Standesamtes Markdorf, hatte der damals bereits in Berlin polizeilich gemeldete Aichele in der Katholischen Kirche St. Nikolaus Markdorf die Apothekerstochter Frieda Mangold geheiratet. In den folgenden Jahren wohnte das Paar in Kreuzberg, im Jahr 1904 Böckhstraße Nr. 4, dann 1906/07 Fichtestraße Nr. 20. Kurz vor dem 20. Ehejahr wurde vor dem Berliner Landgericht III allerdings die Scheidung vollzogen. Paul Aichele zog 1908 in die Eosanderstraße Nr. 14 in Charlottenburg. Dann wurde er Friedenauer, zuerst Kaiserallee Nr. 97, danach Hackerstraße Nr. 2/3.

 

Während der Enthüllung des Brunnens Sintflut auf dem Hamburger Platz am 4. Juli 1909 konnte Bürgermeister Bernhard Schnackenburg im Beisein des Schöpfers sowie von Gemeindebaurat Hans Altmann jedenfalls mit Stolz verkünden, dass „dieses Kunstwerk von einem Friedenauer Künstler geschaffen“ wurde. Der Brunnen war eine Gabe des Bauunternehmers Georg Haberland. Seine Terrain-Gesellschaft Berlin-Südwesten hatte 1904 große Teile des noch unbebauten Friedenauer Areals erworben und den Bau vierstöckiger Mietshäuser durchgesetzt. Das kleidete er in schöne Worte: „Im Herbst des Jahres 1906 ist die Anlage des Südwestkorsos von der Gemeinde Friedenau beschlossen worden, ein neuer Straßenzug, der den Südwesten Berlins durchschneidet und von der aufblühenden Kolonie Dahlem eine direkte Verkehrsstraße durch die Kaiserallee mit der Stadt bildet. Wie zweckmäßig diese Maßnahme war, ersehen Sie aus dem Umstande, dass kaum zwei Jahre nach seiner Anlage ein großer Teil des Korsos bereits der Bebauung erschlossen worden ist. Diese Allee bedarf einer Unterbrechung, eines Ruhepunktes, auf dem das Auge mit Wohlgefallen ruht und kein anderer Ort scheint geeigneter für einen solchen, als dieser Platz, auf welchem sich der Brunnen erhebt, den ich heute Ihnen, meine Herren übergeben will.“

 

Der Bürgermeister allerdings „möchte nicht hoffen, dass die Kraft Friedenaus in Denkmälern bestehen soll, sondern dass Ruhe und Frieden es ziere. Für ihn hat die Terrain-Gesellschaft eine große Bedeutung, da sich fast der ganze Rest unbebauten Geländes in ihrer Hand befindet. Da sei es uns eine Genugtuung zu wissen, dass die Gesellschaft nicht nur die Terrains aufschließe und sie nach Belieben bebauen lasse, sondern, dass sie auch dahin wirkt, Häuser zu errichten, die unserem Ort zur Zierde gereichen“.

 

Über die Brunnengeschichte gibt es kuriose Angaben. Für die Historiker des Landesdenkmalamtes Berlin war der Brunnen im deutschen Pavillon der Pariser Weltausstellung von 1896 zu sehen. Wie das? Paris, das war 1889 der Eiffelturm und 1900 das Grand Palais. 1896 gab es die Berliner Gewerbeausstellung in Treptow, bekannt als verhinderte Weltausstellung mit der Archenhold-Sternwarte – ohne Sintflutbrunnen. Aicheles Brunnen taucht erstmals 1908 während der „Großen Berliner Kunstausstellung auf: Saal 3, Nr. 65. Aichele, Paul: Sintflut. Fragment. Das Kunstwerk ist verkäuflich. Paul Aichele, Charlottenburg, Eosanderstraße Nr. 14“. Bei diesem Fragment kann es sich nur um jene Skulptur gehandelt haben, die am 14. Mai 2010 unter Los 43, Paul Aichele: Mutter mit Kind. Alabaster. Bezeichnet rückseitig: Aichele. Höhe: 43 cm. Marmorsockel vom Kölner Auktionshaus Van Ham für 2.250 Euro versteigert wurde. Unklar bleibt, ob dieses Bildwerk identisch ist mit jenem Angebot der Kunstausstellung von 1906: Aichele, Paul, Berlin, Fichtestraße 20 Nr. 1253 Mutter mit Kind, Marmor.

 

Als am Ende der zwanziger Jahre deutlich wurde, dass Straßenbahn und Autoverkehr einen Umbau des Südwestkorsos und einen Verzicht auf den Hamburger Platz erforderlich machen, wurde der 4,50 Meter hohe „Sintflutbrunnen“ abgebaut und 1931 auf dem Maybachplatz (heute Perelsplatz) installiert. Aus einem Becken von 7,00 Meter Durchmesser ragt ein Felsen heraus, auf dessen Spitze sich eine nackte Frau gerettet hat, die ihren Arm schützend über ein Kind ausbreitet. Dieses Detail entspricht exakt der bis zum Jahr 2010 unbekannten Alabaster-Skulptur Mutter mit Kind. Da Aichele 1908 seine Sintflut Fragment genannt hatte, könnte es sich um die erste Vorlage handeln.

 

Mehr als acht Jahrzehnte hat sich niemand um das „Schmuckstück“ gekümmert. Felsen und Figuren aus Kalkstein haben Patina angelegt. Ganz schlimm ist es um das Becken aus Naturstein bestellt. Ringsherum tritt das Wasser aus Stein und Fugen. Da für die Sozialdemokraten neuerdings Brunnen wieder zur „Lebensqualität im öffentlichen Raum“ gehören, werden „die Berliner Wasserbetriebe schrittweise alle 270 öffentlichen Brunnen wieder in ihre technische Betreuung übernehmen“. Seit gut einem Jahr müssen sich auf dem Perelsplatz Mutter und Kind nicht mehr von der Sintflut in Sicherheit bringen. Das Wasser ist abgestellt. Über eine Sanierung schweigt das Schöneberger Bezirksamt.

 

Der Brunnen wird oft genug als Hauptwerk Aicheles bezeichnet. Das ist er von den Ausmaßen her ganz sicher, aber das bildhauerische Werk von Paul Aichele besteht hauptsächlich aus jugendstiligen Kleinplastiken in Bronze. Sie waren gefällig, ließen sich gut verkaufen und zierten alsbald so manches Vertiko. Die kleinformatigen Figuren wurden sein Markenzeichen.

 

 

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