Name seit 1883, benannt nach Prinz Nicolaus Handjery (1836-1900), Landrat des Kreises Teltow. Er förderte die Gründung von Friedenau. Sein Grab befindet sich auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg. Die Handjerystraße ist mit Kastanien bepflanzt.

 

 

 

Landrat Prinz Nicolaus Handjery (1836-1900)

Prinz Nicolaus Handjery (1836-1900)

 

Hochgewachsen und von südländischem Aussehen – Nicolaus Handjery (1836-1900), Landrat des Kreises Teltow von 1870 bis 1885, passte äußerlich so gar nicht in das übliche Schema eines preußischen Beamten. Seine Herkunft und sein Geburtsort Konstantinopel unterschieden ihn darüber hinaus von seinen Amtsvorgängern, die meist aus eingesessenen Familien stammten und Gutsbesitzer im Kreis Teltow waren. Dennoch gelang dem Juristen mit dem ungewöhnlichen Prinzen-Titel eine steile Karriere.

 

Die Laufbahn im preußischen Staatsdienst war ihm nicht in die Wiege gelegt worden. Vielmehr wurde Handjery am 18. Dezember 1836 in eine Zeit hineingeboren, die für seine Familie unruhig und gefahrvoll war. Die Handjerys gehörten der griechischen Minderheit im muslimisch beherrschten Konstantinopel an. Sie hatten sich im 18. Jahrhundert, wie andere griechische Kaufleute und Priester von adliger byzantinischer Herkunft, im Stadtteil Phanar im Nordwesten Konstantinopels niedergelassen. Die Situation der Phanarioten im osmanischen Reich blieb stets fragil, auch wenn sie politisch und wirtschaftlich einflussreich waren.

 

 

 

 

 

 

 

 

Der ursprüngliche Familienname Hangherli ist später in Handjery umgeschrieben worden. Der Urgroßvater des Landrats, Gheorghi Hangherli (gest. 1789), war Mediziner. Wichtiger für das Fortkommen der Familie war aber dessen unverheirateter Bruder Samuel Hangherli (1700-1774), der in den Jahren 1763 bis 1774 zwei Mal die Position eines Patriarchen der griechisch-katholischen Gemeinde Konstantinopels bekleidete. Er ebnete seinen Neffen Alexander (1768-1854) und Constantin (1760-1799) den Weg in hohe Positionen des osmanischen Reiches. Constantin war von 1797 bis 1799 Fürst der Walachei, Alexander von März bis Juli 1807 Fürst von Moldawien.

Mit der griechischen Revolution, die sich von 1821 bis 1829 gegen die osmanische Oberherrschaft richtete, wurde die Lage für die Phanarioten-Familien ungemütlich. Handjerys Großvater Alexander gelang mit Frau Smaragda Callimaki, Sohn Telemach und weiteren fünf Kindern die Flucht über Odessa nach Moskau.

Telemach Hangherli (1792-1850) trat in den russischen Staatsdienst ein und kehrte für einige Jahre als Dragoman an die russische Botschaft Konstantinopel zurück. Er führte den von seinem Vater kurzzeitig als Hospodar des Fürstentums Moldau beanspruchten Fürstentitel weiter. Telemach Hangherli war verheiratet mit Caroline von Glasenapp (gest. 1879 in Berlin), Tochter des Gouverneurs von Westsibirien, Georg Johann von Glasenapp (1749-1819). In Moskau war sie Hofdame der russischen Kaiserin Fjodorowna Alexandra (1798-1860) gewesen. Mit dem inzwischen neunjährigen Sohn Nicolaus ließen sich die Handjerys 1845 schließlich in Dresden nieder. Telemach kaufte die westfälischen Güter Ulenburg, Beck, Schockenmühle und Gohfeld. Nach seinem Tod 1850 zogen Mutter Caroline und Sohn Nicolaus nach Berlin, wo der spätere Landrat – seit 1851 preußischer Staatsbürger – 1854 am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium sein Abitur ablegte. Es folgte ein Jura-Studium und nach der Promotion 1857 eine Karriere beim Militär. Nach komplizierten Verhandlungen zwischen dem Auswärtigen Amt in Berlin sowie den russischen und türkischen Gesandtschaften gestattete Prinz Wilhelm von Preußen Handjery die Führung des Titels Prinz. Das 1859 verliehene Adelsprädikat förderte die Karriereaussichten des jungen Mannes im preußischen Militär- und Zivildienst merklich.

Aus gesundheitlichen Gründen nahm Handjery 1861 seinen Abschied von der Armee. 1864 folgte die Prüfung zum Regierungsreferendar in Potsdam, 1867 wurde er zum Regierungsassessor ernannt und bereits 1868 übernahm er kommissarisch die Leitung des Kreises Teltow für den beurlaubten Landrat Freiherr Ernst von Gayl. Seine endgültige Ernennung zum Teltower Landrat durch Wilhelm I. erfolgte am 13. August 1870.

Die Vorgänger Handjerys hatten die Geschicke des Kreises meist von ihren Gütern aus gelenkt. Die offizielle Kreisstadt Teltow spielte als Verwaltungssitz eine untergeordnete Rolle. In gewisser Weise knüpfte er an diese Praxis an, als er ein Jahr nach Amtsantritt die Verlegung der Kreisverwaltung in ein Mietshaus in der Matthäikirchstraße 20/21 im Tiergarten durchsetzte, wenige hundert Meter entfernt von der Flottwellstraße. Dort wohnte der zeit seines Lebens unverheiratete Handjery gemeinsam mit seiner Mutter Caroline geborene Glasenapp.

1873 kaufte der Landkreis für 192.000 Reichsmark das Grundstück Körnerstraße Nr. 24 an der Grenze zwischen Schöneberg und Tiergarten. Dort entstand das Kreishaus, in dem die Verwaltung für die nächsten 18 Jahre unterkam. Erst unter Landrat Ernst von Stubenrauch erfolgte 1891 der Umzug in einen repräsentativen Neubau in der Viktoriastraße Nr. 17/18. Die Teltower Verwaltungssitze in Berlin haben den Zweiten Weltkrieg nicht überstanden.

Die Verlegung der Kreisverwaltung war nicht nur der großstädtisch geprägten Persönlichkeit des Prinzen Handjery geschuldet. Der Landrat reagierte damit zugleich auf die immer stärker werdende Verflechtung des nördlichen Kreisgebiets mit der Hauptstadt. Die neue Kreisordnung des Kaiserreichs forderte darüber hinaus eine effiziente kommunale Verwaltung. Er hatte erkannt, dass die Zeit der gutsherrlich geprägten Kreisverwaltung abgelaufen war. Einfluss war nur in engster Fühlung mit den Regierungsstellen der Hauptstadt möglich. Als Mitglied der Deutschkonservativen Partei hatte er Sitz und Stimme sowohl im Reichstag als auch im Preußischen Abgeordnetenhaus.

Die Leistungen des Landrats Prinz Nicolaus Handjery für den Kreis Teltow können sich sehen lassen. Unter seiner Ägide entstanden 26 neue Chausseen mit einer Länge von knapp 230 Kilometern. Er war es auch, der die Bildung selbstständiger Kommunen im Norden des Kreises beförderte – so auch 1874 die Gründung der Gemeinde Friedenau. Nach 14 Jahren im Amt wurde Prinz Nicolaus Handjery am 16. März 1885 zum Regierungspräsidenten im schlesischen Liegnitz ernannt. Zehn Jahre später schied er wegen eines Nervenleidens aus dem Dienst. Ein Gehirnschlag streckte den Prinzen am 7. Dezember 1900 in Dresden nieder. An der Seite seiner Mutter, der Fürstin Caroline Handjery, fand der Junggeselle auf dem St. Matthäi-Friedhof in Schöneberg seine letzte Ruhe. Das griechisch-katholische Zeremoniell bei seiner Beerdigung verdeutlichte noch einmal die Sonderstellung, die Prinz Handjery in der preußischen Beamtenwelt eingenommen hatte.

Exkurs: Man würde den feudalen Charakter des preußisch-deutschen Kaiserreichs verkennen, wenn man den Aufstieg Prinz Handjerys im Beamtenapparat unabhängig von seinem familiären Hintergrund beurteilt. Insbesondere die Verbindung zu den Hohenzollern war durchaus evident. Seine Mutter, die Fürstin Caroline Handjery, war Hofdame bei der Hohenzollern-Prinzessin und russischen Zarin Alexandra gewesen. In der Berliner Gesellschaft ging das Gerücht um, dass der Vater des Prinzen ein illegitimer Sohn des russischen Zaren Nikolaus gewesen sei. Handjerys geheimnisvolle Tochter Lydia wiederum ehelichte George-Emanuel Filipescu, einen hohen Beamten am rumänischen Königshof unter König Karl I., der aus dem Haus Hohenzollern-Sigmaringen stammte.

Robert W. Stuber (1920-1948) & Charles H. King (1923-1948)

Handjerystraße Nr. 2

Flugzeugabsturz

 

Am 25. Juli 1948 starben die US-amerikanischen Piloten Robert W. Stuber und Charles H. King vor dem Haus Handjerystraße Nr. 2. in den Trümmern ihrer abgestürzten „Douglas C-47 Skytrain“. Eine schwarze Granittafel am Wohnhaus erinnert an das Unglück. Die Umstände des Absturzes sind bis heute unklar. Auch nach 69 Jahren hält sich die US-Air Force noch immer bedeckt. Die Friedenauer müssen sich mit einer vagen Mitteilung begnügen: „At about 01.00 hours, the aircraft struck the top of a building and crashed into the street in front of an apartment building“.

 

 

 

 

 

 

Nachdem die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) am 24. Juni 1948 alle Land-, Schienen- und Wasserwege von den westlichen Besatzungszonen nach Berlin blockiert hatte, ordnete US-General Lucius Clay die Errichtung einer Luftbrücke an. Vorbereitet waren die Alliierten auf diese Aktion der Sowjets nicht. Den USA standen anfangs 32 zweimotorige „Douglas C-47 Skytrain“ zur Verfügung, relativ langsame Maschinen mit einer Höchstgeschwindigkeit von 370 km/h, die mit maximal 12 Flügen täglich nicht genug Güter heranschaffen konnten.

 

Am 26. Juni flogen die ersten „Skytrains“ der US Air Force von Frankfurt-Rhein-Main Airbase und Wiesbaden-Erbenheim zum Flughafen Tempelhof. Die Royal Air Force ließ erstmals am 28. Juni vom Fliegerhorst Wunstorf Airfield B.116 „Dakotas“ zum Flugplatz Gatow fliegen. Ab Juli nutzten die Briten auch Flugboote zwischen Hamburg-Finkenwerder und Berlin-Wannsee.

 

Am 23. Juli 1948 wurde Generalleutnant William Henry Tunner Befehlshaber der „Combined Airlift Task Force“ von US- und Royal Air Force. Er optimierte Flugzeugtypen, Landebahnen, Wartung, Entladung und Flugrouten. Die drei Luftkorridore wurden zu Einbahnstraßen, wobei im nördlichen (von Hamburg nach Berlin) und im südlichen (von Frankfurt und Erbenheim nach Berlin) die Hinflüge abliefen und im mittleren Korridor (von Berlin nach Hannover) die Rückflüge stattfanden. In den Korridoren flogen sie entsprechend ihrer unterschiedlichen Geschwindigkeiten in fünf Ebenen mit einem Höhenabstand von 500 Fuß.

 

Immer wieder kam es im Luftraum über Berlin zu massiven Staus von Frachtflugzeugen, weil diese wegen schlechter Sicht nicht wie geplant in Abständen von drei Minuten in Tempelhof landen konnten. Die nachkommenden Flugzeuge mussten in Höhen von 3.000 bis 11.000 Fuß geparkt werden. Erst Ende 1948 konnte die US Air Force für Tempelhof einen Instrumentenflug durch GCA (Ground Controlled Approach) ermöglichen. Mit diesem Radar und den Anweisungen aus dem Kontrollturm über Sprechfunk konnten die Flugzeuge auf einem virtuellen Gleitpfad ohne Sicht auf die Landebahn geleitet werden. Die Tempelhofer Start- und Landebahn war dem Dauerbetrieb nicht gewachsen. Am 8. Juli 1948 wurde mit dem Bau der südlichen Start- und Landebahn „Runway B“ begonnen.

 

Ein zweimotoriges Transportflugzeug der US-Air Force war am späten Abend des 24. Juli in Wiesbaden-Erbenheim Airfield gestartet und befand sich im Anflug auf die Nordbahn 09L / 27R der Tempelhof Air Base. Die von der Handjerystraße etwa 5 Kilometer entfernte 2094 Meter lange und 43 Meter breite Piste verfügte damals nur über eine einfache Landebahnbeleuchtung. Im Spätherbst 1948 erhielt Tempelhof eine vollständige Befeuerung für den Betrieb bei Nebel und Dunkelheit.

 

Zu den gesicherten Fakten gehört, dass die aus Richtung Westen kommende C-47 mit einer Geschwindigkeit von etwa 300 km/h gegen den Turm des Friedenauer Gymnasiums am Maybachplatz prallte. Der Aufprall muss so stark gewesen sein, dass die Maschine zurückgeschlagen wurde und schließlich frontal auf die dahinterliegende Fassade des vierstöckigen Wohnhauses Handjerystraße Nr. 2 aufschlug. Das Kerosin explodierte und setzte das Haus in Brand. Die Balkons der ersten Stockwerke wurden zerstört. Auf der Straße wurden drei Passanten verletzt. Die Hausbewohner kamen mit dem Schrecken davon.

 

Nicht überprüfbar ist die Vermutung, dass die beiden Piloten völlig übermüdet waren, als sie zu ihrem (zweiten) Versorgungsflug der Luftbrücke von Erbenheim nach Tempelhof gestartet waren. Bekannt war allerdings, dass es Engpässe beim Personal gab. Um die Flüge nach Plan durchzuführen, mussten die Schichten drastisch verlängert werden. Einsätze von 36 Stunden und mehr waren keine Seltenheit.

 

Bei den knapp 280.000 Flügen über die drei Flugkorridore zwischen Frankfurt, Hamburg, Hannover und Berlin gab es mehrere Unfälle. Genauere Angaben sind nicht möglich, da der Zugang zu den militärischen Unterlagen bis heute eingeschränkt ist. Normalerweise sind die Unfälle des Flugzeugtyps „Douglas“ anhand der einzelnen Fabriknummern bei „Aviation Safety Network“ komplett aufgelistet. Den Absturz vom 28. Juli 1948 in Friedenau sucht man vergeblich. Insgesamt sollen 39 Briten, 31 Amerikaner und 13 Deutsche während der Blockade tödlich verunglückt sein.

 

Oberleutnant Robert W. Stuber wurde 1920 in St. Joseph Arlington (California) geboren. Sein Grab befindet sich auf dem Fort Rosecrans National Cemetery San Diego (California). Leutnant Charles H. King wurde 1923 in 1923 Britton (South Dakota) geboren. Beerdigt wurde er auf dem Britton Cemetery, Britton, Marshall County, South Dakota.

 

General William H. Tunner zog nach Beendigung der Luftbrücke Bilanz: „Die Zahl der Unfälle betrug weniger als 50 Prozent dessen, was für dieselbe Zahl von Flugstunden damals bei der US Air Force zu erwarten war.“ Ein schwacher Trost für die Hinterbliebenen.

 

Originalbeitrag aus "Friedenau - Geschichte & Geschichten" von Peter Hahn & Jürgen Stich

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