Name seit dem 29. April 1884, benannt nach Hedwig Neumann (1841-1921), der einzigen Tochter von Pfarrer Ferdinand Ludwig Frege. Die Hedwigstraße liegt nach den festgelegten Grenzen von 1874 nicht in Friedenau, sondern auf dem Gebiet des Ortsteils Schöneberg. Die Gegend wird mitunter auch als „Gefühltes Friedenau“ bzw. „Neu-Friedenau“ bezeichnet. Der östliche Teil der Straße nach der Kreuzung mit der Fregestraße gehört zu Schöneberg. Zu Friedenau zählen die Häuser Nr. 1-3a und Nr. 15-18.

 

Plan von 1901

Die Straßenbenennung ist kurios. Warum die 43-jährige Frau ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters mit der Benennung einer Straße bedacht wurde, ist nicht nachvollziehbar. Was hat sie für Friedenau geleistet? Was waren ihre Verdienste? In diesem Zusammenhang sei ein Beschluss des Stadtbezirks Berlin-Mitte aus dem Jahr 2004 erwähnt, wonach bei der Neubenennung von Straßen Frauen besondere Berücksichtigung finden sollten, so lange, bis ein Gleichstand zwischen den Geschlechtern in der Benennung von Straßen erreicht ist. Sollten in Friedenau bereits 1884 ähnliche Überlegungen angestellt worden sein, dann hätte die Gemeinde ihr Soll schon vor 120 Jahren erfüllt.

 

 

 

 

 

 

Die Gräber von Hedwig und Ferdiand Ludwig Frege. Foto H&S 2015

Die Gräber von Vater und Tochter Frege befinden sich auf dem Friedhof Alt Schöneberg an der Hauptstraße. Sie sind in einem jämmerlichen Zustand. Da Ferdinand Ludwig Frege Pfarrer von Schöneberg war, für den Friedhof die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz zuständig ist, sollte Abhilfe geschaffen werden. Bischof Droege, der immer mal wieder von Erinnern und Bewahren predigt, sollte wissen, dass es bei den Gräbern auch um Schöneberger Geschichte geht.

Hedwigstraße Nr. 11

Wilhelm Wohlthat (....-1923)

 

Wohlthat ist Geschichte: So titelte das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels am 7. September 2012. Keiner wollte die letzten verbliebenen Filialen der „Wohlthat'schen Buchhandlung“ in Berlin und Potsdam haben. Der Markenname „Wohlthat“ befand sich zuletzt im Eigentum der „DBH Buch Handels GmbH & Co. KG“ München.

 

 

 

 

Wie es dazu gekommen war, konnte auch „Archiv und Bibliothek des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels“ nicht aufklären: „Über das Ende des Unternehmens lassen uns die Quellen im Unklaren.“ Die Akten geben nur bis zum Jahr 1926 Auskunft. Fakt ist wohl auch, dass sich irgendjemand irgendwann die Rechte an dem Begriff „Wohlthat'sche Buchhandlung“ gesichert hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1948 in Augsburg der Verlag Winfried-Werk GmbH gegründet, der sich auf die Herausgabe von Büchern zu christlichen Themen spezialisierte. Daraus entstand 1987 das katholische Unternehmen „Verlagsgruppe Weltbild GmbH“, die sich 2005 mit 51 % an der besonders in Berlin vertretenen Filialkette Wohlthat beteiligte. 2006 fusionierte „Weltbild“ mit den Firmen „Hugendubel“ (1893 in München als Buchhandlung gegründet), „Jokers“ (seit 1999 für das Segment Modernes Antiquariat, Remissionen und Restposten zuständig) und der Filialkette „Wohlthat'sche Buchhandlung“ zur „DBH Buch Handels GmbH & Co. KG“. Diese gehörte je zur Hälfte der Familie Hugendubel und dem Weltbild-Verlag, der sich wiederum im Besitz von 14 katholischen Diözesen befand. Nachdem DIE WELT am 25.10.2011 mit „Katholische Kirche macht mit Pornos ein Vermögen“ titelte, kam eine erneute Diskussion um die Diskrepanz zwischen katholischer Weltanschauung und dem Sortiment der Verlagsgruppe Weltbild auf. Bald darauf wurde „über die Verkaufsabsicht der kirchlichen Eigentümer“ spekuliert. Letztendlich führte das zum Beschluss der Bistümer München-Freising und Augsburg, der ohnehin finanziell angeschlagenen Verlagsgruppe Weltbild eine Finanzspritze von 35 Millionen Euro zu bewilligen – bis ein Käufer gefunden werde. 2011 beschlossen die Gesellschafter der DBH, die damals noch bestehenden 26 Wohlthat-Filialen in 15 Jokers-Filialen und eine Weltbild-Filiale umzuwandeln. Die verbleibenden 10 Filialen wurden in die neue Gesellschaft „Wohlthat Berlin GmbH & Co. KG“ eingebracht, weiter betrieben und zum Verkauf ausgeschrieben. Darunter auch die 70-Quadratmeter-Buchhandlung in der Berliner Kantstraße, die Ulrich Daniels 1976 gekauft und 1980 eröffnet hatte. 2013 schlossen die letzten Filialen in Berlin und Potsdam. Wohlfeile Bücher aus der Wohlthat´schen Buchhandlung gibt es nicht mehr. Wohlthat hörte damit auf, als Marke zu existieren.

 

Angefangen hat das alles im Jahr 1896 in Friedenau. Da hatte Wilhelm Wohlthat, wohnhaft in der Hedwigstraße Nr. 11, die „Buch-, Kunst-, Musikalien-, Landkarten- und Schreibwarenhandlung“ gegründet und einen Laden in der Rheinstraße Nr. 11 eröffnet. Im „Adressbuch des Deutschen Buchhandels“ ist allerdings auch dokumentiert, dass Wohlthat seit 1894 einen Verlag betrieb. Jedenfalls erschienen dort die Bücher „Bismarck im deutschen Liede. Lieder und Gedichte“, 1901 herausgegeben von Julius Pasig, und „Worte der Liebe“, ausgewählte Gedichte von Wilhelm Zauter. Die Firma Wohlfarth Verlag ist 1906 erloschen.

 

Bereits am 1. April 1901 ging das Sortiment auf die Firma „Wohlthat'sche Buchhandlung Martin Kindler“ über. Danach kam Deutsch-Ostafrika in Spiel, die Kolonie, das seit 1885 bestehende sogenannte Schutzgebiet des Deutschen Reichs. In Daressalam und Morogoro erschien seit 1899 die „Deutsch-Ostafrikanische Zeitung“. Ende 1904 kam die aus den 1902 entstandenen „Anzeigen für Tanga“ hervorgegangene „Usambara-Post“ hinzu. Sie wurde nach Angaben des Kolonial-Lexikons jahrelang in der Handwerkerschule in Tanga gedruckt und sollte als amtliches Organ für Bekanntmachungen der Bezirksämter Tanga, Pangani, Wilhelmsthal und des kaiserlichen Bezirksgerichts Tanga dienen. 1913 werden für die Usambara-Buchhandlung und Druckerei des Verlages der „Usambara-Post“ in Tanga genannt: Inhaber G. v. Horn, Redakteur Joseph Deeg und Geschäftsführer Wilhelm Wohlthat. In Berlin SW 68, Alexandrinerstraße 110, wurde eine Geschäftsstelle unter der Leitung von Karl Winckler unterhalten. Diese wurde 1915 von Joseph Deeg und Wilhelm Wohlthat übernommen.

 

Deutsch-Ostafrika war während der gesamten Dauer des Ersten Weltkrieges ziemlich umkämpft. War es der deutschen Schutztruppe bis 1915 noch einigermaßen gelungen, die Kämpfe für sich zu entscheiden, musste sie am 25. November 1918 kapitulieren. Wilhelm Wohlthat wurde von den Engländern gefangen genommen und jahrelang in Indien interniert. Seine Frau durfte in Tanga bleiben. Wohlthat bleibt dennoch Mitinhaber der Firma, allerdings ist für das Jahr 1926 Joseph Deeg als Alleininhaber aktenkundig. Der Versailler Vertrag bestimmte, dass Deutschland alle Kolonien abzugeben hatte. Deutsch-Ostafrika wurde am 20. Januar 1920 der Verwaltung des Völkerbundes unterstellt und später zwischen Belgien und Großbritannien aufgeteilt. 1920 durfte Wilhelm Wohlthat nach Deutschland zurückkehren. Im redaktionellen Teil des „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel“ erscheint am 31. März 1923 die Mitteilung: Nachgewiesen 4.1904/5 - 15.1916; damit Ersch. eingest.

 

Hedwigstraße Ecke Rheinstraße, 1901. Archiv Barasch

Hedwigstraße Nr. 18/19

Landhaus Karig (erbaut 1886, Umbau 1890 und 1900 )

 

Dem Haus an der Ecke Hedwigstraße Nr. 18/19 und Rheinstraße Nr. 66 drohte Ende der 1980er Jahre der Abriss. Gerettet wurde es durch einen Kompromiss: Erhebung zum Baudenkmal für die Altbausubstanz und Genehmigung für einen „ergänzenden“ Neubau. Mit diesem Wissen wird das Gebäude mit anderen Augen betrachtet. Der heutige Anblick bleibt dennoch irritierend, was an den Pächtern und ihrer für dieses Haus unsäglichen Reklamedekoration liegt.

 

Mit dem ursprünglichen Bau dieses Wohn- und Geschäftshauses sind die Namen von angesehenen Baumeistern verbunden, die in Friedenau herausragende Häuser geschaffen haben: Max Nagel hatte die Entwürfe für den ersten Bau von 1886 geliefert. Die Umbauten erledigten Otto Hoffmann (1890) und Oskar Haustein (1900).

 

 

 

„Das Haus erhebt sich wegen des Zuschnitts des Grundstücks auf einer trapezförmigen Grundfläche (14,4 x 17,0 Meter). Es war von vornherein als Geschäftshaus mit einem Laden und einer Ladenwohnung im Erdgeschoss und als Wohnhaus mit einer großen Eigentümerwohnung im Obergeschoss sowie zwei Kleinwohnungen im Dachgeschoss konzipiert worden. Das Haus Karig wird von zwei Seiten her erschlossen: Der Eingang zum Laden befand sich in der Hedwigstraße, östlich davon öffnete sich ein Eingang, der über einen Flur zur Haupttreppe ins Obergeschoss führte; die Ladenwohnung im Erdgeschoss wurde von Norden her über das angebaute Nebentreppenhaus erschlossen, das auch als Bedienstetentreppe für das Obergeschoss und als Zugang zum Dachgeschoss diente. Die fünfachsige Fassade zur Rheinstraße ist durch zwei flache Seitenrisalite und eine Rücklage in der Mitte gegliedert. Der im Erdgeschoss abgeschrägte und im Obergeschoss gerundete Eckrisalit trägt ein rundes Turmgeschoss mit einer Kuppel." (Landesdenkmalamt)

 

Das zweigeschossige ehemalige Landhaus wurde für den Kaufmann Emil Karig errichtet. Im Jahre 1884 war er Inhaber von „Emil Karig Kolonialwaren, Farben- und Drogenhandlung, Parfümerie- und Toilette- Seifen-Fabrik, Thee und Cigarren“ in der Friedrichstraße Nr. 196 mit Wohnung Zimmerstraße, III. Stock. Das Geschäft lief gut, weil er sich für Berlin den alleinigen Verkauf von „Bernleys Pferdehufsalbe“ gesichert hatte, ein Präparat aus Elemi (Baumharz), Talg und Rüböl, mit dem die Pferdehufe regelmäßig eingefettet werden sollten und damit das Spalten der Hufe verhindert werden konnte. „Blechbüchse Preis M 1,50“. Als es mit den Pferden nicht mehr so gut lief, sicherte er sich das Berliner Hauptdepot für „kondensierte Milch“ und „Dr. Link’s Malzextract in sämmtlichen Varietäten, stark gehopft, mit Eisen, mit Chinin, mit Pepsin, mit Kalk nach Dr. P. Reich (Originalpräparat)“.

 

Im Jahr 1886 entstand das Wohn- und Geschäftshauses in der Rheinstraße. Von einer Landhausidylle konnte im aufstrebenden Friedenau nicht mehr die Rede sein. Zwei Jahre später ließ er sich von Otto Hoffmann 1888/90 ein Landhaus in der Wiesbadener Straße Nr. 89 bauen.

 

Hedwigstraße Ecke Rheinstraße. Foto H&S, 2017

2017: Das Haus auf dem Eckgrundstück Hedwigstraße Nr. 18/19 und Rheinstraße Nr. 66 heute. Foto H&S.

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