Aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen und ohne einen „runden Anlass“ wurde 1906 aus der Straße 8, der Verbindung zwischen Wiesbadener Straße und Schwalbacher Straße, die Homuthstraße, benannt nach dem Friedenauer Kommunalpolitiker und Geheimen Kanzleirat Johannes Homuth (1839-1922). Ein Zusammenhang mit dem im März 1905 erfolgten Gemeindebeschluss, auf dem Areal zwischen Wiesbadener Straße, Schwalbacher Straße und Rheingaustraße ein neues Schulgebäude mit  einem Sportplatz zu errichten, kann nur vermutet werden. Der Bau nach dem Entwurf von Gemeindebaurat Hans Altmann wurde zwischen 1908 und 1910 errichtet. Am 18. März 1910 wurde Johannes Homuth zum Gemeindeältesten und Ehrenbürger von Friedenau ernannt. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof Stubenrauchstraße (Grablage 25-1) und wurde am 9. Dezember 1958 zur Ehrengrabstätte des Landes Berlin erhoben.

 

 

Grab von Johannes Homuth, Friedhof Stubenrauchstraße. Foto H&S, 2017

Johannes Homuth (1839-1922)

 

Johannes Homuth ist ein ganz spezieller Fall. Am 9. Dezember 1958 beschloss der Senat von Berlin, sein Grab auf dem Friedhof Stubenrauchstraße zur Ehrengrabstätte zu erheben. Diese wurde 1978 und 1998 jeweils um weitere 20 Jahre verlängert. Im Jahr 2018 würde eine neuerliche Entscheidung anstehen. Regionalgeschichtlich wären Erhalt und Verlängerung zweifellos zu begrüßen. Allerderdings müsste die oft genug willkürlich entscheidende Senatskanzlei endlich einmal begründen, warum Homuth eine Ehrengrabstätte erhält – und eine solche für Carl Bamberg und Ottomar Anschütz 2005 bzw. 2009 aufgehoben wurde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Johannes Homuth wurde am 30. März 1839 geboren. Als Berlin 1871 Hauptstadt des Deutschen Reiches wurde, war er „Geheimer Registrator“ im Preußischen Ministerium und wohnte in der Wasserthorstraße Nr. 45. Zehn Jahre später zog er 1881/82 von seiner zweiten Wohnung Berlin Lothringerstraße Nr. 19 nach Steglitz Körnerstraße Nr. 3, trat seinen Dienst als Kanzleirat in der Gemeindeverwaltung von Friedenau an und erwarb das Grundstück Saarstraße Nr. 17. Im Adressbuch von 1884 ist noch Körnerstraße Nr. 3 angegeben, allerdings mit den Anmerkungen „ab 1. April 1885 Saarstraße Nr. 17“ und „Geh. z. Ringstr. 33-34“ – dieses wiederum im Besitz vom Redakteur des „Berliner Fremden- und Anzeigeblatt“ Gustav Schenck (1830-1905).

 

In der relevanten Friedenau-Literatur der Jahre 1996, 2000 und 2007 heißt es, dass „das freistehende Landhaus Saarstraße Nr. 14 im Jahr 1884 von dem Architekten W. Spieß für Johannes Homuth errichtet wurde“. Das Erbauungsjahr ist fragwürdig, da Homuth erst 1886 offiziell als Eigentümer der Saarstraße Nr. 17 eingetragen ist. Zu diesem Zeitpunkt waren die Grundstücke Nr. 1, 4-7, 9, 11, 26 und 28 noch als Baustellen ausgewiesen.

 

Bei dem Architekten W. Spieß kann es sich eigentlich nur um den Zimmermeister Wilhelm Spieß handeln, der 1884 Mitinhaber des Baugeschäfts Kreuschmer & Co. in der Rheinstraße Nr. 8 wurde. Kreuschmer und Spieß reagierten beim Bau auf die „Sünden“ der Gründerjahre. Der „Putzbau“ hatte sich nicht bewährt, da die Fassaden der Wetterseite alsbald Schäden aufwiesen. Da inzwischen rings um Berlin diverse Hoffmann‘sche Ringöfen wetterfeste Ziegel herstellten, wurde die Außenfront mit gebrannten gelben Sichtziegel hochgemauert, die aus der Ziegelei Glindow stammen dürften. „Garniert“ wurde das Haus mit spätklassizistischem Dekor. Im Innern zeugen die noch heute vorhandenen Holzarbeiten (Treppen, Geländer, Dielen, Fenster, Türen, Ziergiebel) für bestes Handwerk. Homuths Haus behielt bis 1891 die Adresse Saarstraße Nr. 17.

 

Mit den Bauordnungen von 1887 und 1893 konnten Landhäuser aus der Gründerzeit abgebrochen, Grundstücke geteilt und darauf mehrstöckige Mietswohnhäuser errichtet werden. Der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ beklagte am 20. Mai 1901, dass „die Saarstraße im nächsten Jahr ihren Charakter als Villenstraße wohl gänzlich verlieren wird. Herr Bauunternehmer Stöckel hat bekanntlich schon lange das Kriegelsche Grundstück, Ecke Ring- und Saarstraße Nr. 15, gekauft und das daneben liegende Grundstück (Saarstraße Nr. 20) jetzt hinzugekauft. Die Häuser dieser Grundstücke sollen Michaeli abgerissen werden und Neubauten Platz machen. Ferner hat Herr Lichtheim sein Grundstück Saarstraße Nr. 12 an einen Bauunternehmer in Steglitz für 850 M. die Ruthe verkauft. Auch hier werden Neubauten entstehen. Herr Geh. Kanzleirath Homuth hat sein Grundstück Ecke Saar- und Fregestraße schon im Winter verkauft und jetzt wird dort ausgeschachtet. Wenn hier der Hochbau fertig sein wird, glauben wir, wird Herr Homuth sich nicht mehr heimisch fühlen und sein altes trautes Heim dann auch wohl verkaufen“. Gemeint kann damit nur das Grundstück Saarstraße Nr. 8-10 sein, dass Homuth 1893 erworben hatte. Nach den Akten verkaufte er 1901 allerdings nur Nr. 8.

 

Auf Grund dieser Bautätigkeiten war die Gemeinde gezwungen, 1903 eine neue Hausnummerierung vorzunehmen. Nun gab es das Mietswohnhaus Saarstraße Nr. 15 mit neun Parteien und als Saarstraße Nr. 14 das Haus Homuth. Für Irritationen in der Saarstraße sorgt heute der Geheime Rechnungsrat Wilhelm Fröauf (1814-1899). Wir geben unsere bisherigen Recherchen mit der Hoffnung weiter, in dieser Angelegenheit abschließende Erkenntnisse zu erzielen.

 

Fröauf hatte 1874 die Adresse Bahnstraße Nr. 3, aus der 1875 Saarstraße Nr. 3 wurde. 1885 wurde aus der Nr. 3 die Nr. 14. Der 78-jährige Fröauf verkaufte 1891/92 sein Grundstück und zog in die Steinmetzstraße Nr. 2. Die Liegenschaft wurde offensichtlich in Nr. 13 und Nr. 14 aufgeteilt. Eigentümer für beide Anwesen wurde der Buchdruckereibesitzer Albert Mann. Von 1894 bis 1900 wird für Nr. 13 und Nr. 14 als Eigentümer Ingenieur Gerson (später das „Patentbureau Gerson & Sachse“) genannt. Nr. 13 geht 1901 in den Besitz von Fabrikant Klemme. Eigentümer des 1901 unter Saarstraße Nr. 14 aufgeführte Grundstücks ist laut Adressbuch Rendant K. Lehment mit acht Mietern, darunter „Redacteur Karl Kautsky“ und Ehefrau Luise geb. Ronsperger (1864-1944) nebst Söhnen Felix (1891-1953), Karl (1892-1978) und Benedikt (1894-1960) Saarstraße Nr. 19. Da Rosa Luxemburg 1899 nach Friedenau gezogen war (erst Wielandstraße Nr. 23, dann Cranachstraße Nr. 53) kann es durchaus sein, dass es schon in dieser Wohnung politische Gespräche zwischen Kautsky und Luxemburg gegeben hat. 1903 ist in der Saarstraße wieder alles ganz anders. Homuth erscheint unter Saarstraße Nr. 14 und Lehment ist Eigentümer von Saarstraße Nr. 19 weiterhin mit acht Mietern, darunter die Familie Kautsky. 1908 zogen die Kautskys in das gerade fertiggestellte Mietswohnhaus Niedstraße Nr. 14. Hier fand Rosa Luxemburg (1871-1919) mitunter Zuflucht, wenn sie sich während ihrer heimlichen Liaison mit dem vierzehn Jahre jüngeren Kostja Zetkin (1885-1980) vor den Eifersuchtsattacken „ihres Mannes“ Leo Jogiches (1867-1919) retten musste.

 

In Homuths Jahren befreite sich die Gemeinde von den überkommenen Verwaltungsstrukturen der Gründerzeit. Der von 1875 bis 1992 tätige ehrenamtliche Gemeindevorsteher Georg Roenneberg (1834-1895) wurde durch den hauptamtlichen Gemeindevorsteher Major a.D. Albert Roenneberg (1842-1906) ersetzt. 1892 wurde Johannes Homuth in die Gemeindevertretung gewählt. Er gehörte der Schuldeputation, dem Schulkuratorium, dem Gesundheits-, Anleihe-, Rechnungsprüfungs- und Steuerausschuss an. „Keiner kannte den Etat so genau wie er; man hörte aufmerksam zu, was er sagte und sein Wort galt.“ Das erkannte wohl auch der Jurist und Verwaltungsfachmann Bernhard Schnackenburg (1867-1924), der 1903 zum Bürgermeister der Gemeinde berufen wurde und überfällige Strukturveränderungen in Angriff nahm. Dazu gehörte 1906 die Verpflichtung des Architekten Hans Altmann (1871-1965) zum Gemeindebaurat. Es ist davon auszugehen, dass Homuth die von Schnackenburg und Altmann initiierten kommunalen Bauten beratend unterstützt hat: Reform-Realgymnasium (1910), Königin-Luise-Schule (1911) und später auch die Pläne für die III. Gemeindeschule (1913/14).

 

Das Homuth’sche Haus in der Saarstraße Nr. 14 blieb bis 1927/28 im Besitz der Familie. Aus bisher nicht so ganz nachvollziehbaren Gründen bekam die Straße 8 zwischen Wiesbadener Straße und Schwalbacherstraße 1906 den Namen Homuthstraße. 1910 ging Homuth in den Ruhestand. Aus diesem Anlass wurde der 71-jährige zum Ehrenbürger und Gemeindeältesten von Friedenau ernannt.

 

Johannes Homuth starb am 2. März 1922. Begraben wurde er in einem Ehrengrab der Gemeinde Friedenau auf Friedhof Stubenrauchstraße (Grablage 25-1). Die Inschrift: „Hier ruht in Frieden mein inniggeliebter Mann der Geh. Kanzleirat Johannes Homuth, Gemeindeältester zu Friedenau. Sein Leben war hilfsbereit, edel und gut.“ Fünf Jahre später starb seine Frau Maria geb. Köhler (1843-1927).

 

1929 erwarb der Malermeister Hans Walldorf das Anwesen Saarstraße Nr. 14. Er setzte den Anbau zwischen Nr. 14 und Nr. 13 durch. Zur Saarstraße entstand eine Garage und im schmalen Hinterhof ein „Schuppen“. Laut Adressbuch war Walldorf bis 1954 Eigentümer. Die Eigentumsverhältnisse für die Jahre danach sind unklar. Im „Grundbuch von Friedenau, Blatt 1872“ finden sich nach dem Zweiten Weltkrieg folgende Eintragungen:

 

„1. Frau Elisabeth Batzer in Berlin, neu eingetragen ohne Eigentumswechsel am 21.09.1999;

2. Ursula Bußmann geb. Kreetz, geb. am 08.08.1921, Erbschein, eingetragen am 20.01.2000;

3. Hans Bußmann, geb. 14.02.1917, Erbvertrag, eingetragen am 14.09.2004;

4. Martina Saddey, geb. 19.07.1963, Auflassung (Übereignung), eingetragen am 26.11.2004;

5. Zeltlagerplatz e. V., Bonn, Auflassung (Übereignung) vom 02.10.2009, eingetragen am 24.11.2009.“

 

Der gemeinnützige Verein „Zeltlagerplatz“ ist der Vermögensträger der „Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken“, in dessen Besitz sich in Deutschland 29 Zeltlagerplätze nebst Immobilien von Schwangau in Bayern bis zur Insel Föhr in Schleswig-Holstein befinden. 2009 konnte der Verein das Anwesen Saarstraße Nr. 14 erwerben. Der Architekt Martin Beisenwenger übernahm Umbau und Modernisierung des denkmalgeschützten dreigeschossigen Landhauses. Am 12. März 2011 wurde das „Luise & Karl Kautsky-Haus“ als Bildungs- und Begegnungsstätte und Sitz der SJD-Bundesgeschäftsstelle eröffnet.

 

Wer sich die Fotos von vorher ansieht und das Haus heute außen und innen betrachtet, kann dem Architekten nur Hochachtung zollen. Was er bei einer Geschossflächenzahl von 604 m² geschickt untergebracht hat, nötigt Respekt ab, weil all das heute Erforderliche und Vorgeschriebene eingebracht und dabei das ehrwürdige Haus respektiert wurde. Ob die steilen Stufen im Treppenhaus, Geländer, Fenster, Türen oder an der Straßenfront der Ziergiebel im „Schweizer Stil“, alles wurde umsichtig restauriert – selbst das „Bidet“ von anno dunnemals wurde erhalten. Auf den vorhandenen Flächen im Innern wurden Seminarräume, Ausstellung und Bibliothek untergebracht.

 

Das Land Berlin und das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, von den Sozialdemokraten dominiert, haben dem Projekt jegliche finanzielle Beteiligung verweigert. Es kam noch ärger: Als das „Luise & Karl Kautsky-Haus“ darum bat, den direkt vor den Hauseingang gesetzten Parkscheinautomaten zu versetzen, weil er auch die Gedenkstelle für Luise und Karl Kautsky verdeckt, teilte das Bezirksamt mit, dass „eine Verlegung ca. 1800 € kosten würde und dieses Geld von der Verwaltung nicht aufgebracht werden kann“. Die Genossen im Rathaus Schöneberg seien daran erinnert, dass die SJD (Sozialistische Jugend Deutschlands) Nachfolger der „Sozialistischen Arbeiter Jugend“ (SAJ) ist, die 1922 während der Weimarer Republik nach dem Zusammenschluss von SPD und USPD gegründet und 1933 von den Nazis verboten wurde. Nachdem die Alliierten parteiungebundene Jugendgruppen zugelassen hatten, wurde 1946 der Grundstein für die „Falken“ gelegt.

 

Nach all dem stellt sich die Frage, welche Gründe die Senatskanzlei veranlasst haben könnten, ausgerechnet dieses Grab nun über 60 Jahre als Ehrengrabstätte auszuweisen, und diese Carl Bamberg (1847-1892) und Ottomar Anschütz (1846-1907) abzuerkennen. Ohne Bamberg keine Askania gegeben und auch nicht das astronomische Meisterwerk eines 12-Zoll-Fernrohrs für die Berliner Urania, das sich heute in der Wilhelm-Foerster-Sternwarte befindet. Ohne Anschütz keine „Momentaufnahmen eines Fuchses“ von 1887, die von der Kunstbibliothek der Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Kriegsverlust abgeschrieben waren und 2016 wieder aufgetaucht sind, und ohne Anschütz auch keine Aufnahmen von 1894 mit den Flugversuchen von Otto Lilienthal am Fliegeberg in Lichterfelde. Man verlangt ja nicht, dass die Mitarbeiter der Senatskanzlei allseits gebildet sind. Nachhilfe könnten diverse Universitätsinstitute und die „Historische Kommission zu Berlin“ leisten. Sie müssten nur einbezogen werden. Laut Senat sind „Ehrengrabstätten Ausdruck der Ehrung Verstorbener, die zu Lebzeiten hervorragende Leistungen mit engem Bezug zu Berlin erbracht oder sich durch ihr überragendes Lebenswerk um die Stadt verdient gemacht haben.“ Was in Berlin „ehrwürdig“ ist, wird offensichtlich von einem einzelnen Mitarbeiter der Senatskanzlei entschieden. Der teilt dann mit, dass „die Anerkennung einer Ehrengrabstätte des Landes Berlin dem Grundsatz der Vertraulichkeit unterliegt“, und „der Schriftwechsel, der im Anerkennungsverfahren geführt wird, daher nicht der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden kann“.

 

Was dem einen recht ist, ist dem anderen billig. Es soll nicht Homuth gegen Bamberg und Anschütz aufgerechnet werden, weil diese drei Friedenauer und ihre Grabstätten zur Geschichte von Friedenau gehören und vom Land Berlin nicht dem Verfall überlassen werden sollten. Was also sind die Kriterien des Berliner Senats? Was stellt Homuth über Anschütz und Bamberg?

 

Friedenauer Lokal-Anzeiger, 18. März 1910

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