Name seit 1906, benannt nach einer Figur aus Richard Wagners Oper „Parsifal“. Die Straße entstand mit dem Bau des Wagnerviertels auf dem Gelände des ehemaligen Sportparks Friedenau. Kundry ist eine der originellsten Frauengestalten der Operngeschichte. Sie ist unberechenbar. Sie ist alles auf einmal. Sie ist Hure und Madonna, Opfer und Henker, Erlöserin und Erlöste. Sie ist klug, tierisch, dämonisch, unheimlich und schadenfroh. Das „Bühnenweihfestspiel“, wie Wagner sein letztes musikdramatisches Werk bezeichnete, wurde am 26. Juli 1882 im Bayreuther Festspielhaus uraufgeführt, und sollte nach seinem Willen immer nur in Bayreuth zur Aufführung kommen. Aber schon kurz nach Wagners Tod gestattete seine Witwe Cosima eine Sonderaufführung in München für König Ludwig II. (1845-1886). Bevor der Urheberrechtsschutz für das Werk auslief, wollte Cosima Wagner diese Frist in einer Petition um mindestens 20 Jahre verlängern lassen. Der Deutsche Reichstag lehnte das Ansinnen ab. Mit dem Ablauf der Schutzfrist am 1. Januar 1914, 0.00 Uhr, brachten zahlreiche Opernhäuser in Deutschland „Parsifal“ noch im Jahr 1914 auf die Bühne. Wagners „Femme fatale“ hat das bis heute nicht geschadet.

 

 

 

 

Für das neue Wohnviertel mit „gehobenen Standard“ war der Name Richard Wagner gerade gut genug. Dazu gehörten natürlich auch Straßennamen, mit denen die Erinnerung an den Bayreuther Meister wachgehalten werden konnten. Eva war in mehrfacher Hinsicht eine glückliche Wahl. Da war die biblische Geschichte, wonach Gott Adam eine Rippe entnahm, daraus Eva und damit das erste Menschenpaar schuf. Da waren „Die Meistersinger von Nürnberg“, die „volksnah“ und „komisch“ daherkamen, Historisches aus Nürnberg aufgriffen, darunter den Schuhmacher und Spruchdichter Hans Sachs – und endlich mal ohne mythologischen Hintergrund auskamen. Und da war Eva (1867-1942), nach Isolde (1865-1919) und vor Siegfried (1869-1930) das zweite Kind von Cosima und Richard Wagner.

 

Bereits 1880 wurde für das Gelände zwischen Kaiserallee (Bundesallee), Varziner-, Handjery- und Bismarckstraße (Sarrazinstraße) unmittelbar an der Ringbahnstation Wilmersdorf-Friedenau der Bau einer Gasanstalt geplant. Gemeindevorstand von Friedenau, „Landerwerb- und Bauverein auf Actien“ und Gemeindekirchenrat erhoben Einspruch beim zuständigen Teltower Landrat Ernst von Stubenrauch (1853-1909). Der Einspruch wurde abgewiesen und die Anlage genehmigt. 1884 reichten die Beteiligten ihre Beschwerde beim „Minister für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten“ ein. Otto von Bismarck, in Personalunion auch Ministerpräsident und Reichskanzler, verfügte, dass „dass der besondere Charakter des Vorortes Friedenau, die Bestimmung desselben als Villenanlage und als ein für Sommerwohnungen gesuchter Ort, eine gewerbliche Anlage, wie die hier projektierte Gasanstalt, ohne sanitäre Belästigungen und Nachteile für die einen gesunden Aufenthalt Suchenden nicht zulasse und deshalb die Genehmigung zu versagen sei. Durch die Anlage würden sämtliche wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen für die weitere Entwicklung des Ortes Friedenau und seiner nun einmal gegebenen Grundlage verschoben werden“.

 

Dafür gab es ab etwa 1890 den „Sportpark Friedenau“ – im Sommer mit Radrennbahn, im Winter mit Eisbahn. Am 22. September 1904 erwarb der Bauunternehmer Georg Haberland mit seiner „Berlinischen Boden-Gesellschaft“ von der Gemeinde Friedenau das Gelände für knapp drei Millionen Mark. Zuvor hatte er allerdings dafür gesorgt, dass die Landgemeinde die Berliner Traufhöhe von 22 Metern in den Bebauungsplan übernahm. So entstand ab 1906 das „Wagner-Viertel“ mit vierstöckigen Mietshäusern von gehobenem Standard und den Straßen mit den Namen Brünnhilde, Elsa, Eva, Isolde, Kundry, Ortrud, Senta und Sieglinde.

 

Sportpark, um 1905. Archiv Barasch
Ernst Waldow (1893-1964)

Kundrystraße Nr. 1

 

Als 1921 das Schlosspark-Theater eröffnet wurde, gehörte Ernst Waldow (1893-1964) zum Ensemble. Der Weg von der Wohnung in der Kundrystraße nach Steglitz war kurz. Dann kam der Film. Zwischen 1935 und 1944 lieferte er jährlich ein bis vier Rollen ab, darunter das Filmdrama Togger, 1937 dekoriert mit dem NS-Prädikat Staatspolitisch wertvoll. Der Streifen mit stark nationalsozialistischer Prägung gegen Überfremdung und Pressefreiheit wurde von den Alliierten 1945 verboten. Er ist aktuell von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung als Vorbehaltsfilm eingestuft und wegen seines volksverhetzenden Inhalts für Aufführungen nicht freigegeben.

 

Die Zeit danach machte Waldow keine Sorgen. Er kam im Schiller-Theater unter, spielte, gekonnt und zuverlässig, den Kauzigen, den Zerstreuten, den Besserwisser, bis ihn Regisseur Erich Engel 1948 für Affaire Blum engagierte, nun nicht mehr eine Produktion der UFA, sondern der DEFA.

 

Das Drehbuch von R. A. Stemmle greift einen Justizskandal aus dem Jahr 1926 auf: Ein jüdischer Unternehmer steht unter Mordverdacht. Blums Kassierer ist verschwunden. Er habe seinen Chef wegen Steuerschiebung anzeigen wollen. Die rechten Juristen wittern in dem Mordprozess gegen den Juden Blum eine große Sache. Der Freikorpskämpfer und Rechtsradikale Gabler, der den Kassierer ermordete, erfasst die politischen Absichten des Gerichts und spielt das Opfer. Unterstützt wird er vom einstigen Freikorpsler und jetzigen Kriminalkommissar Schwerdtfeger (Ernst Waldow). Raffiniert eingefädelte, lückenlos scheinende Indizien sprechen gegen Blum. Erst ein gegen den Willen der Justiz eingesetzter unabhängiger Kriminalbeamter weist Gabler den Mord nach. In der letzten Szene des Films sitzt Blum am gedeckten Abendtisch. Das Recht hat gesiegt, sagt seine Frau. Wir leben schließlich in einem Rechtsstaat.

 

 

 

 

In den Wirtschaftswunderjahren war Ernst Waldow wie einst jährlich wieder in mehreren eindeutigen Unterhaltungsfilmen beschäftigt, von Schwarzwaldmädel mit Sonja Ziemann (1950) über Feuerwerk mit Lilli Palmer (1954) bis Spukschloss im Spessart mit Liselotte Pulver (1960) – ein nahtloser Übergang für Ernst Waldow, dekoriert von der Filmbewertungsstelle Wiesbaden mit dem Prädikat wertvoll – ohne den Zusatz staatspolitisch.

 

 

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