Gegen das Hineinwachsen der Stadt Berlin in das Schöneberger Gebiet war die Gemeinde machtlos. Nach der Reichsgründung im Jahr 1871 stieg die Einwohnerzahl Schönebergs rasant an. In Anzeigen warb die „Schöneberger-Friedenauer Terraingesellschaft“ für ihr Verkaufsbüro am Dürerplatz Nr. 1 und offerierte „Bauparzellen auch mit Bauerlaubnis in Schöneberg am Bahnhof Friedenau“. Zuvor hatte die Gemeindevertretung dem Bebauungsplan zugestimmt. Nicht eindeutig wird, ob sie oder aber die Terraingesellschaft die Straßennamen festlegte. Die Benennung nach renommierten und angesehenen Malern für die Gegend „Hinter der Wannseebahn“ war jedenfalls verkaufsfördernd. So gab es ab 12. Januar 1892 Straßen mit den Namen Carl Becker, Reinhold Begas, Antonio Canova, Lucas Cranach, Albrecht Dürer, Ludwig Knaus, Adolf von Menzel, Peter Vischer, Rembrandt van Rijn, Peter Paul Rubens und Bertel Thorwaldsen. Vorheriger Name der Menzelstraße „Straße Nr. 3“.

 

 

Adolph Menzel, 1900

Adolph von Menzel (1815-1905)

 

Er war der Maler Preußens, der Maler des modernen Lebens, der bedeutendste realistische Maler des 19. Jahrhunderts. Überprüft haben wir es nicht, aber in Deutschland soll es 80 Straßen mit dem Namen Menzelstraße, neun Straßen mit der Bezeichnung Adolf-Menzel-Straße und vier mit dem Namen Adolph-von-Menzel-Straße geben. Darunter also auch die Menzelstraße in Neu-Friedenau.

 

Ab 1830 erlebte Menzel den Aufstieg der Stadt Berlin zur Hauptstadt des preußischen Staates. Nachdem die „Vossische Zeitung“ am 28. Oktober 1838 von der „Probefahrt auf der Eisenbahn zwischen Berlin und Potsdam“ berichtet hatte, machte sich Menzel nach Schöneberg auf. Er ließ sich etwa auf der Anhöhe unmittelbar hinter dem Colonnenweg nieder. Dort entstand 1847 sein Gemälde „Die Berlin-Potsdamer-Bahn“ – die die erste deutsche Darstellung einer Eisenbahn. Erkennbar ist, dass Berlin in einer Senke liegt, an die sich südlich etwa in Höhe der Dörfer Wilmersdorf und Schöneberg Hügel erheben, an die in einem weiten Bogen das Gleis aus der Ebene heranführt. Verewigt hat er an der Wegkreuzung auf einem erhöhten Ausblick auch ein Bahnwärterhäuschen. Die Erdarbeiten, das bestätigt auch Menzels Bild, müssen nicht unbedeutend gewesen sein. In zeitgenössischen Berichten werden Einschnitte zwischen Schöneberg und Steglitz von bis zu zehn Metern auf einer Länge von 1156 bis 1508 Metern erwähnt. „Signalberg“ an der Ecke Rembrandt- und Menzelstraße und „Friedenauer Brücke“ werden auf heutigen Karten mit 55m angegeben.

 

 

 

Menzels Eisenbahn-Gemälde ist, wie auch das „Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci“ (1850-1852), die „Krönung König Wilhelm I. in Königsberg“ (1861) oder das „Eisenwalzwerk“ (1872-1875), von einer realitätsgetreuen Darstellung auch kleinster Details geprägt. Der Realist Adolph von Menzel bildete die vorgefundene Wirklichkeit ab. Seine letzte Ruhe fand er in einer Ehrengrabstätte des Landes Berlin auf dem Dreifaltigkeitskirchhof II an der Bergmannstraße.

 

Friedrich Wendel

Friedrich Wendel (1886-1960)

 

In der Menzelstraße Nr. 16 wohnte der Kunstkritiker und Schriftsteller Friedrich Wendel. Er absolvierte eine Lehre als Buchdrucker und trat 1907 der SPD bei. Von 1924 bis 1928 leitete er die sozialdemokratische Buchgemeinschaft „Der Bücherkreis“ - eine „Vereinigung des werktätigen Volks zur Pflege des guten und wertvollen Buches“. Geschäftssitz der GmBH in Berlin-Kreuzberg, Belle-Alliance-Platz 6. Das sozialdemokratisch geprägte Programm orientierte sich am linken Spektrum der Arbeiterbewegung. Unter der Leitung von Wendel erschienen 1925 Friedrich Wendel: Das 19. Jahrhundert in der Karikatur, Martin Andersen Nexö: Sühne, Paul Zech: Die Geschichte einer armen Johanna mit dem Einbandentwurf von Hans Baluschek, Maxim Gorki: Der Sohn der Nonne, Friedrich Wolf: Kreatur (1926), Friedrich Wendel: Das Schellengeläut, Eduard Bernstein: Sozialdemokratische Lehrjahre (1928).

 

Wendels bedeutendstes Buch erschien 1924 im Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Berlin: „Hans Baluschek, eine Monographie“ mit einem bemerkenswerten Nachwort:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Leser, der du kein Sozialist bist, du wirst vielleicht am Schluss dieses Buches fragen, war es nötig, eine Einführung in das Werk des Künstlers Baluschek vom Standpunkt erklärter sozialistischer Parteinahme zu geben? Ja, es war nötig. Um Himmelswillen nicht deshalb also, um die Darstellung eines Lebenswerkes von ernstestem künstlerischen und kulturellen Wert zur Propagierung jener Ideen auszunützen, die die Menschheit des Baluschekschen Stoffgebietes beherrschen und bewegen. Es war nötig aus dem Grunde, weil der hier betrachtete Künstler die Ideenwelt des Sozialismus vertritt, in ihr das Regulativ seines Lebens gefunden hat und von ihr die Gesundung einer leidenden Zeit erwartet. Man kann die entscheidenden Linien seines Werkes nicht erfassen, wenn man ihm nicht auf den Boden seiner Weltanschauung folgt. Die Betrachtung und das Studium seines Werkes ist keine Angelegenheit des dreimal verfluchten „Erholungs-Bedürfnisses“, dem zu diesen Gedankenlosigkeit den künstlerisch produktiven Menschen zwingen will. Was Baluschek geleistet hat, ist Arbeit – Arbeit am Bau der Einung, nach der Millionen Seelen schreien. Im Namen der Arbeit schuf er und schafft er. Im Namen der Arbeit wirken und werken Millionen. Einung ward zur Gewissheit. Denn die erhabene Vernunft der Natur lässt sich nicht spotten.“

 

Erstmals wurde das umfangreiche Werk von Baluschek mit den Berliner Bildern, Tempelhofer Feld, Hasenheide, Laubenkolonie, Leipziger Straße, über die sozialkritichen Zeichnungen bis hin zu seinen Eisenbahnmotiven ausführlich gewürdigt. Es blieb bis zur Gedächtnis Ausstellung Hans Baluschek durch den Magistrat von Gross-Berlin im Jahr 1948 die einzige Veröffentlichung.

 

Die Buchgemeinschaft wurde 1933 nach der Machtübernahme durch die nationalsozialistische Regierung verboten. Wendel arbeitete bis 1945 in Berlin als Fotograf und Versicherungsvertreter. In den letzten Kriegstagen floh er nach Kiel. Bereits im Mai 1945 gehörte er zu den Mitbegründern des Ortsvereins der SPD. 1946 wurde Wendel vom Oberbürgermeister Andreas Gayk zum Leiter des Presseamtes der Stadt Kiel ernannt. Friedrich Wendel starb am 8. März 1960 in Kiel.

 

Oswald Gette um 1912

Oswald Gette (1872-1941)

 

Oswald Gette wurde „Maler der Mark“ genannt. Der Blick auf seine (noch) zugänglichen Bilder macht aber deutlich, dass er sich mit „märkischen Landschaften“ zurückhielt. Es mag daran liegen, dass Gette zwar 1872 in der Lausitz geboren wurde, aber schon als Vierjähriger nach Westpreußen kam. Da wurde sein Vater Georg, Regierungsbaurat der preußischen Staatseisenbahn, nach Graudenz versetzt. Als Vorstand der Eisenbahn-Betriebs-Inspektion II hatte er jene Übereinkunft umzusetzen, die Deutschland und Rußland für eine Trasse von Marienburg über Graudenz nach Warschau vereinbart hatten.

 

Graudenz war Kreisstadt, lag an der Weichsel und hatte etwa 17.000 Einwohner. Es gab eine Oberrealschule und ein „Königlich Evangelisches Gymnasium“. Sein Vater war 1899 noch immer in der Rehdener Straße Nr. 20 wohnhaft. Da hatte der Sohn bereits Landschaftsmalerei an der Berliner Kunstakademie hinter sich und sein Pastell auf Pappe „Landschaft mit Birken“ auf der Großen Berliner Kunstausstellung 1894 präsentiert. In der Zeitschrift „Moderne Kunst“ wurde der 22jährige für seine „neue Romantik der Landschaftskunst“ gefeiert, weil diese Malerei „nicht das Ungewöhnliche und Ferne, sondern das Nahe, Scheinbar-Gewöhnliche und dennoch nicht tief genug Erkannte“ darzustellen suchte. Oswald Gette sah es als Glück an, dass er an der Seite von Karl Hagemeister (1848-1933) schaffen durfte, auch im Meisteratelier von Albrecht Hertel (1843-1912), und weist dankbar auf seine Lehrmeister Hans Fredrik Gude (1825-1903), Eugen Bracht (1842-1921) und auf Walter Leistikow (1865-1908) hin.

 

 

Nachdem er auf den Großen Berliner Kunstausstellungen von 1902 und 1908 seine Arbeiten „Am Müggelsee“ und „Letztes Eis“ gezeigt hatte, wurde den Kritikern klar, dass „Oswald Gelte zwar kein Vollendeter, wohl aber ein guter Vertreter jener neuen Richtung unserer Malerei sei, die mit inniger Liebe dem geheimnisvollen Walten der Kräfte nachspürt, wie sie sich in der Landschaft regen“.

 

1915 zog Oswald Gette nach Neu-Friedenau, zuerst mit Wohnung in der Beckerstraße Nr. 25 und Atelier in der Peter-Vischer-Straße Nr. 15, dann in die Menzelstraße Nr. 33, wo er bis zu seinem Tod 1941 wohnte. Seine Bilder sollen im Preußischen Landtag und im Rathaus Schöneberg gehangen haben. Was an Gemälden geblieben ist, gelangte auf Auktionen. So auch das Ölgemälde „Große Luft“ von 1907, das die Berlinische Galerie 1980 erwerben konnte, und sich mit Gettes „Spätsommertag an der Havel“ (1905) ein weiteres Bild gesichert hatte.

 

Er malte „Frauen bei der Feldarbeit“ (1894), „An der Havel“ (Zeichnung, 1895), „Winter im Rohr“ (o.J.), „Kap Arkona auf Rügen“ (1908), „Frühling auf dem Land“ (1913), „Der Arkensee in Tirol“ (o.J.), „Herbstabend“ (o.J.), aber immer wieder Graudenz und die Weichsel, irgendwie vergleichbar mit Leistikow und seinen vielen Darstellungen von mit Kiefern gesäumten Seen. Von Leistikow den Grunewald, von Gette Westpreußen: „Graudenz, Weichselufer mit Wehrspeicher“ (1895), „Graudenz“ (1904), „Weichselblick“ (1905), „Das alte Graudenz. Blick auf die Stadt vom gegenüberliegenden Ufer der Weichsel“ (o.J.), „Herbstmorgen an den Ufern der Weichsel“ (1906), „Steilküste bei Graudenz, Abend an der Weichsel“ (1907), „Das alte Graudenz, Blick vom Schlossturm“ (1909), „Weichselkähne bei Graudenz“ (1920). Einige Werke von Oswald Gette befinden sich in der Berlinischen Galerie, im Westpreußischen Landesmuseum Warendorf und im Museum des heutigen Grudziądz.

 

Das Ölgemälde „Friedenau, Winterabend“ von 1910 wurde vor einigen Jahren von einem Auktionshaus in Buxtehude versteigert. Eine Aufnahme konnten wir bisher nicht beibringen.

 

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