Lovis Corinth, Porträt Max Halbe, 1917

Niedstraße Nr. 10

Max Halbe (1865-1944)

 

Max Halbe (1865-1944) hat es in Berlin immer nicht lange ausgehalten. Nach 1883 studierte er hier einige Semester Rechtswissenschaften, dann entschied er sich für München. Dort wurde der Sohn eines westpreußischen Gutsbesitzers mit einer Dissertation über „Beziehungen zwischen Friedrich II. und dem Päpstlichen Stuhl“ zum Dr. phil. promoviert. Über ein Jahr lang versuchte er, sein naturalistisches Liebesdrama „Jugend“ an einem deutschen Theater zur Uraufführung zu bringen. Immer wieder wurde es aus „moralischen Gründen“ abgelehnt. Halbe aber strebte eine möglichst genaue Darstellung der Wirklichkeit an. Er benutzt die Umgangssprache, macht die Unterschiede der sozialen Herkunft kenntlich, setzt sich mit den bürgerlichen Wertvorstellungen von Ehe oder Sex auseinander, thematisiert den Konflikt zwischen Triebhaftigkeit und Moral.

 

Im Zusammenspiel mit seinen ausführlichen Regieanweisungen, in denen er exakt Personen, Kleidung, Gefühle, Bewegungen, Umgebung und sogar die Witterung beschreibt, gelingt es Halbe, schon beim Lesen des Stückes eine authentische und emotionale Stimmung herzustellen. Nachvollziehbar ist auch heute, dass Regisseure ihre Schwierigkeit damit hatten, diese Anweisungen so genau auf der Bühne umzusetzen. Am 23. April 1893 war es soweit: Im Berliner Residenztheater wurde „Jugend“ zum ersten Mal aufgeführt und Max Halbe gefeiert. Dieser Erfolg, nicht unabhängig zu betrachten von der ebenfalls gefeierten Uraufführung von Gerhart Hauptmanns „Weber“ am 25. September 1894 im Deutschen Theater, hat ihn wohl veranlasst, sich in der Friedenauer Niedstraße Nr. 5 niederzulassen.

 

 

 

 

 

1895 zog es ihn wieder nach München. Er gründete das Intime Theater für dramatische Experimente und wurde Mitbegründer der Münchner Volksbühne. Zu seinen Freunden gehörten Ludwig Thoma (1867-1921), Frank Wedekind (1864-1918) und der Maler Albert Weisgerber (1878-1915). Es gab einen engen Kontakt zu Lovis Corinth (1858-1925), der mehrere Bilder von Halbe und seiner Frau Luise (1867-1957) schuf.

 

Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten verhielt sich Max Halbe wie Gerhart Hauptmann. Er hielt sich zurück und von der Politik fern, unterschrieb jedoch im Oktober 1933 zusammen mit weiteren 88 Schriftstellern das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ für Adolf Hitler. Als sich das Ende schon abzeichnete, ließ er es geschehen, dass ihn Propagandaminister Joseph Goebbels im August 1944 in die „Gottbegnadeten-Liste“ der deutschen Künstler aufnahm. Das hat ihm im Nachkriegsdeutschland geschadet. Im Gegensatz zu vielen anderen Schriftstellern und Künstlern, die wie Heinz Rühmann oder Gustaf Gründgens weit mehr mit dem „Dritten Reich“ verbandelt waren, und dennoch mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurden, führte es bei Halbe schließlich zu einer weitgehenden Missachtung seiner Werke. In einer Zeit, wo Bücher (und Lesen) im Ranking der Freizeitbeschäftigung auf einem „guten vierzehnten Platz“ und weit hinter „Kuchen essen“ und „Ausschlafen“ liegen, ist es daher höchst löblich, dass sich das „Projekt Gutenberg“ die Mühe macht, Texte von Max Halbe wieder leicht und öffentlich zugänglich zu machen. http://gutenberg.spiegel.de/autor/max-halbe-815

 

 

Akademie der Künste Berlin, Abteilung Literatur, 1929. Sitzend, v.l.n.r.: Hermann Stehr, Alfred Mombert, Eduard Stucken, Wilhelm von Scholz, Oskar Loerke, Walter von Molo, Ludwig Fulda, Heinrich Mann. Stehend, v.l.n.r.: Bernhard Kellermann, Alfred Döblin, Thomas Mann, Max Halbe. Foto von Erich Salomon.

Projekt Gutenberg

 

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