Karl & Luise Kautsky, 1902

Niedstraße Nr. 14

Luise Kautsky (1864-1944)

Karl Kautsky (1854-1938)

 

Karl und Luise Kautsky hatten 1890 geheiratet. Nachdem der „Erfurter Parteitag“ das von Kautsky, August Bebel (1840-1913) und dem auf dem Friedhof Eisackstraße begrabenen Eduard Bernstein (1850-1932) erarbeitete Programm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) 1891 abgesegnet hatte, übersiedelte das Ehepaar nach Berlin. Sie wohnten zuerst für zwei Jahre in der Saarstraße Nr. 14. Im Jahre 1908 zogen sie in das gerade fertiggestellte Mietswohnhaus Niedstraße Nr. 14. Hier kamen die Söhne Karl (1891-1938), Felix (1892-1953) und Benedikt (1894-1960) zur Welt.

 

 

 

 

 

 

Rosa Luxemburg, seit geraumer Zeit mit Karl und Luise Kautsky politisch und freundschaftlich verbunden, war 1898 von Zürich nach Berlin gezogen, zuerst in die Cuxhavener Str. Nr. 2, dann ab Oktober 1899 in die Wielandstraße Nr. 23 – irgendwie war es eine Flucht nach vorn. In Zürich hatte sie Leo Jogiches (1867-1919) zurückgelassen, einst der „berühmte Revolutionär“ aus Litauen. Sie betrachtete sich als seine Frau, wollte ein Kind, eine Familie. Er sah die Beziehung „etwas anders“, empfand ihre variationsreichen Kosenamen eher einengend und klammernd. Sie litt: „Du hast mich dahin gebracht, dass ich mich geniere, Dir Persönliches zu schreiben, von meinen Gefühlen und Eindrücken. Es scheint mir, dass es etwas Schlechtes ist, wenn man nicht von der Sache schreibt.“ Politisch blieben Leo und Rosa „ein Gespann“. Menschlich wurde die Distanz größer. Um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten, heiratete sie 1898 Gustav Lübeck, nannte sich fortan Frau „Dr. jur. Rosa Lübeck-Luxemburg“. Die Ehe wurde 1903 geschieden.

 

Obwohl das Verhältnis zu Leo Jogiches nicht mehr das allerbeste war, beharrte sie darauf, dass auch er nach Berlin kommt: „Sofort zusammen wohnen können wir jedoch vom Augenblick Deiner Ankunft an, denn bei meiner Wirtin ist seit je ein zweites (kleines) Zimmer zu vermieten, und Du nimmst es ebenso mit Pension wie ich. Auf diese Weise werden wir ständig Zusammensein. Ich stelle Dich als meinen Cousin vor, und ich genieße so großes Ansehen bei den Wirtsleuten und im ganzen Haus, dass das keinen Anlass für irgendwelchen Klatsch oder Vermutungen geben wird. Ich habe gewisse Pläne, wie wir zusammen leben werden, ohne dass unser gemeinsames Wohnen uns bloßstellt.“ Im Frühling 1902 fand Rosa Luxemburg eine neue Wohnung im 2. Stock der Cranachstraße 53, zwei Zimmer und Balkon. Von da an lebten sie erstmals gemeinsam in einer Wohnung, sie als Lübeck-Luxemburg, er unter dem Namen „Grosovski“. Dass er „Rosas Mann“ war, sollte niemand wissen. Ihre Beziehung blieb ein „Geheimnis“ – vor den Genossen und auch vor Karl und Luise Kautsky.

 

1905 reisten Luxemburg und Jogiches nach Warschau, um die russische Revolution zu unterstützen. Beide werden im März 1906 verhaftet. Er wird zu acht Jahren Zwangsarbeit in Weißrussland verurteilt, sie kehrte im September 1906 nach Deutschland zurück. Bei ihrer Ankunft in Friedenau traf die inzwischen 35-jährige Rosa Luxemburg einen jungen Mann, den sie seit seinem dreizehnten Lebensjahr kannte: Konstantin Zetkin, Kostja genannt. Er war jetzt einundzwanzig Jahre alt, „ein schmaler, dunkeläugiger Mensch, hübsch, in sich gekehrt und sehr melancholisch“. Der Sohn ihrer Freundin Clara Zetkin war zum Studium nach Berlin gekommen und wurde auf Bitten seiner Mutter „Untermieter“ in der ungenutzten Wohnung von Rosa Luxemburg in der Cranachstraße. Beide liebten es, Mond und Sonne zu betrachten, Spaziergänge zu machen, Musik zu hören, Romane zu lesen. Kostja suchte ihren Rat. Sie gibt ihn. Die Begegnung hatte Folgen.

 

Im März 1907 deutete Rosa Luxemburg einen Konflikt an, der ihre Liebesbeziehung zu Kostja Zetkin beeinträchtigen würde. Jogiches war die Flucht aus dem Gefängnis gelungen und kam nach Berlin zurück. Obwohl sie sich „offiziell“ getrennt hatten, zog Jogiches wieder in die Cranachstraße ein, „überwachte“ ihr Leben und öffnete ihre Briefe. Kostja konnte nicht mehr bei ihr wohnen, wurde zur Untermiete bei Frau Großmann in der Peschkestraße Nr. 14 „untergebracht“. Anfang April 1908 eskalierte es: Jogiches „stürzte plötzlich in die Wohnung und in mein Zimmer. Ich wurde, wie immer, eisig ruhig dabei, blieb auf meinem Platz und antwortete kein Wort. Das machte ihn noch rabiater, und er stürzte zu Dir, wobei er von mir die Adresse verlangte (ich antwortete natürlich nichts) und sich von Gertrud beide Schlüssel geben ließ“

 

Rosa Luxemburg begab sich zu Kautskys in die Niedstraße Nr. 14 „und blieb dort über Nacht. Am anderen Morgen ging ich mit den Buben (Karl, Felix und Benedikt Kautsky) in die Wohnung Cranachstraße Nr. 53, um nach Briefen zu sehen, traf ihn auf der Straße, schaute mich natürlich nicht um und ging rauf. Oben lagen meine Briefe geöffnet, und wie ich runter ging, war er wieder vor dem Hause und ging neben mir her. Er war bei Dir. Frau Großmann hätte ihm „alle Informationen“ gegeben, der Vogel sei herausgeflogen“, aber er werde ihn schon erreichen; ferner dürfe ich keinen Schritt aus Berlin tun, ich solle es versprechen, sonst schlägt er mich sofort tot. Und er griff schon in die Tasche. Ich blieb ruhig und eisig, wandte nicht einmal den Kopf um, darauf ging er. Ich war aber innerlich von den Mißhandlungen so furchtbar aufgeregt und so unglücklich, daß ich wieder zu K. mußte und nicht nach Hause durfte (das Haus wurde mir zum Greuel, seit er die Schlüssel nahm),

 

Es mag schon sein, dass Rosa Luxemburg ihre Freundschaft mit Karl und Luise Kautsky als innig betrachtete, aber Freundschaft beruht neben Sympathie auch auf gegenseitigem Vertrauen. Spätestens in diesem Punkt wird es „schwammig“. Auch dem umfangreichen Briefwechsel zwischen Rosa Luxemburg und Luise Kautsky ist nicht zu entnehmen, ob Rosa Luxemburg jemals offen über ihre diversen „Lieben“ gesprochen hat.

 

Karl Schmidt-Rottluff, Entwurf für einen Reichsadler. Quelle DHM

Niedstraße Nr. 14

Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976)

 

Der „Reichsadler“ von Karl Schmidt-Rottluff ist keineswegs repräsentativ für sein Werk. Wer den Maler und Grafiker in seiner Gesamtheit erleben möchte, müsste sich schon nach Berlin-Dahlem in das „Brücke-Museum“ begeben. Auf seine Initiative hin wurde das Haus 1967 eröffnet. Versammelt sind dort jene, die 1905 in Dresden die „Künstlergruppe Brücke“ gegründet hatten: Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff – erweitert durch die Arbeiten von Max Pechstein, Emil Nolde und Otto Mueller – Künstler, die nach 1933 von den Nationalsozialisten geächtet und 1937 mit der Ausstellung „Entartete Kunst“ obendrein diffamiert worden.

 

Karl Schmidt, dem der Allerwẹltsname zu unauffällig war, legte sich ab Dresden den Beinamen „Rottluff“ zu, jener Stadtteil von Chemnitz, in dem er geboren wurde. 1910 beteiligte er sich an den Ausstellungen der „Neuen Secession“, ein Jahr später zog er ganz nach Berlin um, und wohnte ab 1913 in der Niedstraße Nr. 14. Nachdem Schmidt-Rottluff 1915 zum Militärdienst in Russland und Litauen eingezogen wurde, konnte er sich an der Front vorrangig nur mit Holzplastiken und Holzschnitten beschäftigen. So ist es vielleicht zu erklären, dass er, nach der Novemberrevolution aufgefordert, einen „neuen Reichsadler“ zu schaffen, sich auf den „Holzschnitt“ konzentrierte.

 

 

 

 

 

 

 

Doch der Reihe nach: Kaum hatte die Weimarer Nationalversammlung am 23. Juni 1919 mit 257 gegen 138 Stimmen für die Annahme des Vertrags von Versailles gestimmt, ließ die zum Schutz von Regierung und Nationalversammlung in Weimar postierte Garde-Kavallerie-Division mitteilen, dass sie „gegen die Annahme des Vertrages sei und beschlossen haben, nach Hause zu gehen“. Reichspräsident Friedrich Ebert musste zu den Leuten reden. Währenddessen fragte sein Büroleiter Rudolf Nadolny den Musikmeister, „ob er die Melodie von ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ spielen könne. Auf seine bejahende Antwort hatte ich ihm gesagt, der Präsident werde mit einem Hoch auf Deutschland schließen, dann solle er gleich einfallen und ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ spielen. So geschah es. Die ganze Truppe sang begeistert mit, und es ertönte so zum ersten Mal das Lied, das der Präsident später zum deutschen Nationalhymnus erklärte“

 

Nicht einfach verlief die Diskussion über die Flagge: Schwarz-Weiß-Rot des norddeutschen Bundes oder Schwarz-Rot-Gold der Frankfurter Nationalversammlung. Schließlich wurde ein Kompromiss gefunden: Die Reichsfarben und damit die Nationalflagge Schwarz-Rot-Gold, aber die Handelsflagge Schwarz-Weiß-Rot mit den Reichsfarben in der oberen inneren Ecke. So hatte das Reich vorerst zwei Flaggen – bis 1933, als es hieß: „Schwarz-Weiß-Rot bis in den Tod!“ Mit dem Streit um die Symbole ging es weiter. Nachdem die Weimarer Republik eine erste Regierung hatte, wurde auf der Kabinettssitzung vom 1. September 1919 beschlossen, „als Reichswappen den einfachen schwarzen Adler mit roten Fängen und rotem Schnabel auf goldenem Schilde nach Maßgabe des Entwurfs IV a zu nehmen. Der Reichsminister des Innern wird das Weitere veranlassen, auch dem Reichsminister der Finanzen wunschgemäß alsbald eine Zeichnung zugehen lassen“.

 

Die Maßgaben für die Gestaltung waren bewusst weit gefasst. Der neue republikanische Geist sollte sich auch in einem geänderten Kunstverständnis niederschlagen. Dafür wurde sogar das Amt eines Reichskunstwartes geschaffen – verantwortlich für Erscheinungsbild und Symbole der Republik. Erster und einziger Amtsinhaber war der Kunsthistoriker Edwin Redslob (1884-1973), der dieses Amt von 1920 bis 1933 innehatte. Er beauftragte auch Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976) und war von dessen Entwurf angetan: „Er ist von eindringlicher Geschlossenheit, zeigt nicht die abgemagerte Körperform des alten Adlers und hat vor allen Dingen den Vorzug innerer Belebtheit, der durch die energische Haltung zustande kommt und durch die seitliche Haltung des Kopfes im Gesamtausdruck eine bestimmte Umrisslinie ergibt, die dem ganzen Kraft und Haltung verleiht.“

 

Der Reichsaußenminister Hermann Müller (1876-1931) ging in die Offensive: „Die Wahl des Wahrzeichens für ein ganzes Volk gehört, wie ich nicht bezweifle, zu den schwierigsten Aufgaben, denen sich ein Künstler gegenüber sehen kann. Der neue Geist heischt neue Form. Aber je mehr man hiervon durchdrungen ist, umso weniger wird man sich der Forderung entziehen können, daß die Vorbereitung der endgültigen Entscheidung gerade in so zugespitzter Formfrage in die Hand nur der größten Künstler im Reiche gelegt werden sollte, die nach ihrem Können und nach ihrer überragenden Persönlichkeit berufen sein könnten, das Sprachrohr des deutschen Volkes in Geschmack und Stilempfindung zu sein.“

 

„Absichtsvolle Primitivität, die die Ideenarmut verhüllen solle“, warf der Kunstkritiker Karl Scheffler (1869-1951) Schmidt-Rottluff vor, und bemängelte gleichzeitig das forcierte Bemühen des Staates, eine neue Kultur gleichsam aus dem Boden stampfen zu wollen. Am 11. Juni 1920 bediente sich die Vossische Zeitung sogar einer Sitzung der „Gesellschaft naturforschender Freunde“, und meldete, dass der Entwurf an einen „erschrockenen Papagei erinnere. Zwar dürfe die Kunst ziemlich freie Bahnen wandeln, aber auch vom Künstler verlange man, dass er gegen die Anatomie nicht geradezu ankämpfe. Das da sei unbedingt ein „zoologischer Unsinn“. Durch die übertriebene Größe des Schnabels setze sich das Tier von vornherein darüber hinweg, für einen Adler gehalten zu werden. Auch seien Flügel und Schwanz derart gebildet, dass dies allen Gesetzen der Anatomie widerspreche. In der Versammlung fand sich niemand, der für den neuen deutschen Reichsadler ein gutes Wort eingelegt hätte“.

 

Auch der SPD-Reichsschatzminister Gustav Bauer (1870-1944) konnte sich „keinesfalls für diesen Entwurf erwärmen, da dieser der Würde des Deutschen Reiches und den Forderungen an Schönheit und künstlerischem Empfinden, die in diesem Zeichen ihren Ausdruck finden sollen, widerspricht. Er wirkt wie eine Karikatur“. Auf der Sitzung vom 1. Juni 1920 beschloss das von Reichskanzler Hermann Müller (SPD) geführte Kabinett, die Beratung des vorgelegten Entwurfs auszusetzen. Es dauerte mehrere Jahre, bis eine Lösung für den Reichsadler gefunden und akzeptiert wurde. Der Holzschnitt von Karl Schmidt-Rottluff wurde bei der endgültigen Auswahl nicht berücksichtigt.

 

Niedstraße Nr. 14

Uwe Johnson (1934-1984)

 

Um an Uwe Johnson und sein literarisches Werk näher heranzukommen, müssen Stichpunkte zu seiner Biografie vorausgeschickt werden: Geboren 1934 in Pommern. 1945 Flucht der Familie nach Mecklenburg. Verhaftung des Vaters, Sowjetisches Speziallager, Deportation in die Sowjetunion, 1946 Tod. Die Mutter zieht mit Sohn und Tochter nach Güstrow. Johnson studiert von 1952 bis 1956 Germanistik in Rostock und Leipzig. 1956 ziehen Mutter und Schwester nach Westberlin. Der 22jährige Uwe bleibt. 1959 nimmt Johnson Kontakt mit dem Suhrkamp-Lektor Hans Magnus Enzensberger auf.

 

Im Herbst 1959 erscheinen mit der „Blechtrommel“ von Günter Grass der wohl wichtigste Roman der deutschen Nachkriegsliteratur und das Romanmanuskript „Mutmaßungen über Jakob“ von Uwe Johnson, in dem er die Probleme der Menschen im geteilten Deutschland thematisiert. Auf der Frankfurter Buchmesse lernen sich die Schriftsteller kennen – der Anfang einer lebenslangen gegenseitigen Wertschätzung und einer zeitweiligen Freundschaft. 1959 übersiedelt nach Westberlin. Im Oktober 1959 wird ihm die „Atelierwohnung“ in der Niedstraße Nr. 14 zugewiesen. 1962 glückt seiner Freundin Elisabeth Schmidt die Flucht aus der DDR. Es wurde geheiratet, Tochter Katharina geboren und zusätzlich die „Familienwohnung“ in der Stierstraße Nr. 3 gemietet.

 

Im April 1964 ziehen Anna und Günter Grass in das Haus Niedstraße Nr. 13. Auch Enzensberger interessiert sich für ein Haus in Friedenau: „ihr hättest nichts dagegen wenn wir in eure Nachbarschaft kämen“. Johnson fand das Haus in der Fregestraße Nr. 19, in das Enzensberger mit Frau Dagrun und Tochter Tanaquil Ende 1965 einzog.

 

 

 

Ab 1966 leben die Johnsons in New York, behalten allerdings ihre Wohnungen Niedstraße Nr. 14 und Stierstraße Nr. 3. Am 8. Januar 1967 teilt Dagrun Enzensberger Johnson mit, dass „Hans Magnus und ich uns für einige Zeit trennen werden“, und fragt an, „ob ich Eure Stierstraßen-Wohnung für eine kürzere Zeit“ mieten könnte. „Liebe Dagrun, natürlich, ja. Brief folgt.“ Auf Bitten von Dagrun und Enzensbergers Bruder Ulrich wird ihnen auch die Wohnung Niedstraße Nr. 14 überlassen. Am 3. Februar 1967 teilt Dagrun Johnson mit: „Wir machen eine Kommune“ – mit dabei Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel und Rainer Langhans. In der Wohnung wurde das „Pudding-Attentat“ auf US-Vizepräsident Hubert H. Humphrey geplant. Bevor es dazu kam, wurden sie verhaftet. Johnson las darüber in der „New York Times“ und schickte Günter Grass umgehend eine Vollmacht:

 

„Ich, Uwe Johnson, gegenwärtig wohnhaft 243 Riverside Drive, Apt. 204, New York, N.Y. erteile hiermit Herrn Günter Grass, wohnhaft in Berlin-Friedenau, Niedstraße 13, Vollmacht, mich in allen Angelegenheiten zu vertreten, welche meine Vier-Zimmer-Wohnung in Berlin-Friedenau, Stierstraße 3, 2 Treppen rechts und/oder mein Atelier im Hause Berlin-Friedenau, Niedstraße 14 betreffen, insbesondere die Räumung der Wohnung und des Studios von meinen früheren Gästen, Herrn Ulrich Enzensberger und Frau Dagrun Enzensberger, sowie von allen Personen, die sich sonst dort aufhalten, zu betreiben ... Der Bevollmächtigte ist insbesondere ermächtigt, Untervollmächten zu erteilen und zu widerrufen und alle Maßnahmen zu treffen, die er für erforderlich hält, um die Befreiung meiner vorerwähnten Räume von der Benutzung durch andere Personen durchzusetzen und diese Wohnungen gegenüber jedem Eindringen solcher Personen zu schützen. Uwe Johnson.“

 

Nachbar Günter Grass ließ die Wohnungen von der Polizei räumen. Die Tage der Kommune in Friedenau waren am 5. April 1967 beendet. Im August 1968 kehrt Johnson mit seiner Familie zurück. 1974 ziehen die Johnsons nach in Sheerness on Sea auf der Themse-Insel Sheppey in Kent. 1978 trennte sich Elisabeth Johnson von ihrem Ehemann. Am 13. März 1984 wird Uwe Johnson in seinem Haus in Sheerness tot aufgefunden.

 

Kommune 1

Niedstraße Nr. 14

Kommune 1 (Januar 1967- November 1969)

 

Es geschah am 19. Februar 1967. Da belegte die Kommune I das leerstehende Haus von Hans Magnus Enzensberger in der Fregestraße 19 und die Atelierwohnung des sich in New York aufhaltenden Schriftstellers Uwe Johnson in der Niedstraße Nr. 14.

 

Die Große Koalition in Bonn bot ein immer beklemmenderes Bild. Sie verstärkte den Eindruck von Gleichschaltung und Oppositionslosigkeit. Was die entscheidenden Fragen der westdeutschen Politik betraf, so waren kaum Fortschritte zu erkennen. Auch das Verhältnis zu den USA erfuhr keine entscheidende Verbesserung. Also wollten sich die Kommunarden etwas einfallen lassen für ein politisches oder unpolitisches Happening, schließlich stand die Visite des US-Vizepräsidenten Hubert H. Humphrey bevor.

 

 

 

Am 2. April 1967 verzeichnete das Kommune-Protokoll: Humphrey-Aktion: Martin-Luther-Str. oder Rathaus. Rote Rauchbomben, möglichst viele. Zum Auto laufen, Superbälle werfen. Sachen werfen (Schlagsahne etc. oder tutti frutti). Wenn das Auto angehalten ist, Lieder singen (Hoch soll er leben backe backe Kuchen Berlin ist eine Reise wert) PUDDING Superbälle genaue Lagebesprechung kleine Superbälle kaufen.

 

Sie besorgten sich 100 g Ammoniumchlorid (einen für Rauchbomben typischen Stoff), 60 g Kaliumchlorat und 20 g Milchzucker (eine explosive Mischung) sowie 10 g Kieselgur. Bei den roten Bomben fügten wir noch 25 g Sudan III hinzu. Andere drehten mit Hilfe eines Besenstiels 17 Papphülsen, fertigten Zündschnüre, tränkten die Dochte mit einer Kaliumchloratlösung und füllten zunächst fünf davon mit einem weißen und eine mit einem roten Gemisch. Mit der ersten weißen Rauchbombe fuhren Dorothea Ridder, Hans-Joachim Hameister, Fritz Teufel, Dagrun Enzensberger und Dagmar Seehuber in den Grunewald. Der Rauchsatz funktionierte, er entwickelte starken Qualm.

 

In der Niedstraße Nr. 14 wurde am 5. April 1967 fieberhaft weitergearbeitet, bis es gegen 18.20 Uhr an die Tür klopfte. Wir schoben die Küchenwaage unter das Bett und öffneten. Ein Schwarm ziviler Beamter stürmte herein. In Handschellen wurden wir in zivilen Pkws zur Politischen Polizei im Tempelhofer Flughafen-Komplex gebracht. Die Tester vom Grunewald wurden ebenfalls um 18.20 Uhr in Nikolassee auf dem Weg zur S-Bahn, zum Teil in einer S-Bahn-Gaststätte, festgenommen, wo sie sich nach ihrem Experiment aufwärmten. Noch in den Nachtstunden des 5. April wurden wir erkennungsdienstlich behandelt.

 

Am 6. April 1967 erschien BILD: Bombenanschlag auf US-Vizepräsidenten - Elf Verschwörer gefasst. Verschwörung gegen den amerikanischen Vizepräsidenten Humphrey: Mit Bomben und hochexplosiven Chemikalien, mit Sprengstoff gefüllten Plastikbeuteln - von den Terroristen ‚Mao-Cocktail‘ genannt - und Steinen haben Berliner Extremisten einen Anschlag auf den Gast unserer Stadt vorbereitet.

 

Nachdem der kriminaltechnische Sachverständige der Polizei erklärt hatte, dass die mir vorgehaltene Mischung ungeeignet war, Explosivkraft herbeizuführen; sie war sogar ungeeignet zur Zündung von Rauchbomben, wurden die Pudding-Attentäter aus der Haft entlassen.

 

In der Zwischenzeit war in Friedenau Post angekommen: Ich, Uwe Johnson, gegenwärtig wohnhaft 243 Riverside Drive, Apt. 204, New York, N.Y. erteile hiermit Herrn Günter Grass, wohnhaft in Berlin-Friedenau, Nied-Strasse 13, Vollmacht, mich in allen Angelegenheiten zu vertreten, welche meine Vier-Zimmer-Wohnung in Berlin-Friedenau, Stier-Strasse 3, 2 Treppen rechts und/oder mein Atelier im Hause Berlin-Friedenau, Nied-Strasse 14 betreffen, insbesondere die Räumung der Wohnung und des Studios von meinen früheren Gästen, Herrn Ulrich Enzensberger und Frau Dagrun Enzensberger, sowie von allen Personen, die sich sonst dort aufhalten, zu betreiben ... Der Bevollmächtigte ist insbesondere ermächtigt, Untervollmächten zu erteilen und zu widerrufen und alle Maßnahmen zu treffen, die er für erforderlich hält, um die Befreiung meiner vorerwähnten Räume von der Benutzung durch andere Personen durchzusetzen und diese Wohnungen gegenüber jedem Eindringen solcher Personen zu schützen. Uwe Johnson. Günter Grass überwachte am 8. April 1967 den Auszug der Kommune I.

 

Vier Jahrzehnte später beleuchtete Gründungsmitglied Ulrich Enzensberger in Die Jahre der Kommune I, erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, die Berliner Zeit zwischen 1967 und 1969: Wir sind das Schlangenei, aus dem die Rote-Armee-Fraktion gekrochen ist. Wir sind die Erfinder der Spaßgesellschaft. Wir wollten schockieren. Wir waren brave Bürgersöhnchen. Wir wollten die deutsche Familie zerstören. Wir waren restlos verklemmt. Wir haben als erste gefixt. Wir haben mit den Medien gespielt ...

 

Wir waren wahnsinnige Idealisten. Ewige Kinder. Terroristen. Wir sind jetzt alle verbürgerlicht. Wir waren alle lieb. Wir haben es gut gemeint. Alle amnestiert. Wir leben jetzt in der Toskana. Ideal für eine Vorabendserie. Alle verblödet. Wir fahren alle nur noch rad. Wenn es der Wahrheitsfindung dient. Alle Professoren geworden. Heute absolut unpolitisch. Solche wie wir sind jetzt am Drücker. Regierungsberater. Esoterische Spinner. Alles Sozialfälle. Ehemals Protagonisten der Jugendrevolte. Terroristen. Elemente der Alterslawine. Das ist die Wahrheit. Alles Lüge. Wir sind ein ganz, ganz toller Mythos, ‚eine Überlieferung aus vorhistorischer Zeit‘.

 

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