Niedstraße Ecke Lauterstraße, rechts das spätere Kaufhaus Leo Bry, 1904. Archiv Barasch

Niedstraße Nr. 27

Leo Bry (1881-1942)

Clara Bry geb. Rosendorff (1887-1942)

 

Das Biographische Handbuch des Auswärtigen Amtes enthält mitunter verkürzte Einträge. So auch für Ministerialrat Dr. jur. Walter Stahlecker (1900-1942), Mitglied der NSDAP seit 1. Mai 1932, der nach einer informatorischen Beschäftigung im Büro von Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop im Juni 1941 „Beauftragter des Chefs der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes beim Befehlshaber des rückwärtigen Heeresgebietes Nord und Führer der Einsatzgruppe A (Baltikum)“ wurde. Nicht erwähnt wird, dass Stahlecker im Herbst 1941 nahe der Bahnstation Skirotava das Konzentrationslager Riga-Jungfernhof einrichten ließ.

 

 

 

Auf seinen Befehl hin wurden im November und Dezember 1941 Transportzüge mit 1053 Berliner Juden und weiteren mit 3984 Juden aus Stuttgart, Hamburg, Lübeck, Nürnberg und Wien nach Jungfernhof umgeleitet. Kommandant war SS-Oberscharführer Rudolf Seck (1908-1974), ihm zur Seite stand der SS-Sturmbannführer Dr. jur. Rudolf Lange (1910-1945), der neben Heydrich, Eichmann und Unterstaatssekretär Martin Luther vom Auswärtigen Amt „in Vertretung seines Befehlshabers“ an der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 teilgenommen hatte. Nach Langes Rückkehr fanden im Februar, aber vor allem am 26. März 1942, sowohl in Jungfernhof als auch im Rigaer Ghetto Selektionen statt. Die deportierten Juden wurden in den Wald von Bikernieki transportiert. Nach Recherchen des lettischen Historikers Margers Vestermanis (geboren 1925) wurden „im südlichen Teil des Waldes 42 Gruben mit einer Fläche von 2.338 Quadratmetern ausgehoben. Hier erfolgten die Massenerschießungen von 1942 bis 1944“ – darunter Leo und Clara Bry.

 

Leo und Clara Bry lebten über drei Jahrzehnte in Friedenau, sie waren ganz und gar Friedenauer, obwohl Leo am 20. Januar 1881 in Schrimm (Provinz Posen) und seine Frau Clara geb. Rosendorff am 31. Januar 1887 in Usch (Provinz Pommern) geboren wurden. Es muss im Jahr 1907 gewesen sein, so genau lässt sich das nicht mehr herausfinden, als das frischvermählte Ehepaar die Mietwohnung in der Niedstraße Nr. 7 bezog. Dort wurde am 10. Januar 1908 Sohn Bruno geboren. 1914 zogen sie in das Haus Niedstraße Nr. 25 und 1921 war die Adresse Niedstraße Nr. 27. An der Ecke Lauter- und Niedstraße wurde ein Ladengeschäft angemietet. Kurz zuvor hatte sich Leo Bry in das Handelsregister eintragen lassen: „Kaufhaus Leo Bry. Manufaktur- und Modewaren. Lauterstrasse Nr. 12/13.“ Angeboten wurden Kurz-, Weiß- und Wollwaren, Gardinen, Teppiche, Damen- und Kinder-Konfektion und Herren-Artikel. Anfang März 1908 war die Eröffnung: „Für Friedenau ein wahrer Schatz ist Kaufhaus Bry am Lauterplatz.“ Johannes Löbner von Löbner‘schen Erben, Eigentümer der Anwesen Niedstraße Nr. 4 und Lauterstraße Nr. 12/13 bekundete 1955, dass „die Geschäfte sehr gut gingen und ca. 80 Angestellte beschäftigt waren“.

 

Den Gewinn legten die Bry‘s in Immobilien an: Gritznerstaße Nr. 37/39 in Steglitz, Cranachstraße Nr. 12 in Friedenau, Jagowstraße Nr. 39 in Moabit sowie ein „ca. 1.500 bis 2.000 qm großes Grundstück am See, bebaut mit einem Einfamilienhaus mit großer Terrasse, Bootssteg und Bootshaus“ in der Uferstraße Nr. 14 in Bad Saarow, das Leo Bry laut Schreiben vom 11. Oktober 1930 an den Gemeindevorstand von Bad Saarow „am 14. Januar 1930 von Herrn Alfons Bernstein lt. Vertrag erworben habe, während mir der Besitztitel erst am 28. Mai 1930 vom Amtsgericht Beeskow zuging“. Vorab hatte er bereits Grundstückszubehör-, Grunderwerbs- und Gemeindesteuern für ein ganzes Jahr bezahlt. Noch am 23. September 1938 erschien in der „Jüdischen Rundschau“ eine Annonce des Kaufhauses Bry. Geworben wurde für Betten, Wäsche, Aussteuern, Gardinen und die Aufarbeitung für Daunendecken. Zwei Wochen später feierten die Nationalsozialisten die Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938. Hauseigentümer Johannes Löbner und seine Frau bestätigten 1955, dass „in der Kristallnacht das Geschäft völlig demoliert wurde und die Waren geplündert wurden. Das Geschäft wurde nach der Kristallnacht nicht mehr geöffnet“. Im Handelsregister des Jahres 1939 stehen für das Kaufhaus Bry nur drei Buchstaben „Liq.“ – die Liquidation, das Ende.

 

Mit der Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3. Dezember 1938 wurde Juden auch auferlegt, ihren Grundbesitz zu veräußern. Dementsprechend genehmigte der Landrat des Kreises Beeskow-Storkow mit Schreiben vom 3. August 1939 „den am 2. Februar 1939 vor dem Notar Dr. Walther Ulrich in Berlin-Friedenau, Rheinstraße Nr. 5, unter Nr. 60 Jahr 1939 der Urkundenrolle zwischen dem Juden Kaufmann Leo Israel Bry in Berlin-Wilmersdorf, Rüdesheimer Platz Nr. 7, und der Ehefrau Martha Schulze geborene Jäger in Berlin-Friedenau, Taunusstraße Nr. 15, abgeschlossenen Grundstückskaufvertrag. „Gegenstand des Kaufvertrages ist das in Saarow, an der Uferstraße Nr. 14, belegene, im Grundbuche des Amtsgerichts Beeskow vor Saarow im Band 8 Blatt 199 verzeichnete Grundstück. Die Genehmigung wird mit der Maßgabe erteilt, dass der etwa noch bar zu entrichtende Teil des Kaufpreises auf ein Sperrkonto bei einer Devisenbank einzuzahlen ist, über das nur mit Genehmigung des für den Veräußerer zuständigen Oberfinanzpräsidenten verfügt werden darf“.

 

Für den Aufenthalt von Leo und Clara Bry werden zwischen 1939 und 1942 die Anschriften Rüdesheimer Platz Nr. 7, Konstanzer Straße Nr. 7 und eine Pension in der Schlüterstraße genannt. Sohn Bruno Barton Bry (1908-1985) emigrierte 1939 mit seiner Frau Irina geb. Wiebering (1913-1991) in die USA – letzte Adresse 53 West 73 rd Street, New York 23 N. Y. Leo und Clara Bry wurden für den 19. Januar 1942 in die Große Hamburger Straße Nr. 27 bestellt. Im Gebäude der Jüdischen Oberschule erhielten sie das Dokument zur richterlichen Verfügung über den Einzug ihres Vermögens durch den Fiskus. Die Gedenkstätte von Yad Vashem vermerkt: „Deported from Berlin on 19.1.1942.“ Die Initiative Jüdische Spuren in Bad Saarow verlegte am 22. Oktober 2010 vor dem Haus Uferstraße 14 zwei Stolpersteine.

 

Entschädigungssache Bry, 1954

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Ermittlungsbericht Bry, 1955

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Wiedergutmachungsverfahren Bry, Landhaus Bad Saarow

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