Colmar Freiherr von der Goltz

Niedstraße Nr. 5

Colmar Freiherr von der Goltz (1843-1916)

 

Eigentlich sollte er Böttcher werden. Aber auf dem „Gnadenwege“ erhielt der ziemlich mittellose Colmar Freiherr von der Goltz eine Freistelle in der Kadettenanstalt. Dort sollte er die Schlacht bei Preußisch-Eylau von 1807 analysieren. Für seine kritische Sicht bekam er Lob und wurde bereits 1864 an die Kriegsschule in Berlin kommandiert. Da er gewisse Lokalitäten in Uniform nicht betreten durfte, den Versuchungen der Großstadt aber erlegen war, kaufte er sich einen Lodenanzug. In seiner Freizeit gab er sich der Schriftstellerei hin. Unter dem Pseudonym „W. v. Dünheim“ veröffentlichte er Romane wie „Begrabene Liebe“ und die illustrierte Zeitschriftenserie „Jagdbilder aus der Mark“. Die Geschichten verkauften sich gut und die Einnahmen ermöglichten ihm noch vor dem Examen 1867 die Heirat mit Therese Auguste Wilhelmine Dorguth (1843-1922). Es muss eine ziemlich harmonische Ehe gewesen sein, da selbst Prinz Friedrich Carl im Jahre 1870 anerkennend erklärte: „Goltz, Sie sind eigentlich der einzige Mann, den ich kenne, dem das Heiraten nicht geschadet hat.“

 

Mit Ehefrau Therese und den Kindern Katharina (geb. 1869), Gertrud (1872), Friedrich (1873) und Eva (1875) zog er 1876 in das eigene Landhaus in der Niedstraße. Ab 1878 war Goltz Lehrer für Kriegsgeschichte an der preußischen Kriegsakademie. Preußen war ein geachteter Militärstaat und außereuropäische Länder griffen bei der Reorganisation ihres Heeres gerne auf deutsche Offiziere zurück. Bei ihnen waren sie sicher, dass sich diese nicht in die inneren Angelegenheiten ihres Staates einmischen würden. So erhält Oberstleutnant Colmar Freiherr von der Goltz einen Ruf in die Türkei.

 

Er gibt das Haus in der Niedstraße auf, kauft 1881 in der Nachbarschaft von Rechnungsrat und Kommunalpolitiker Wilhelm Fröauf (Nr. 3) sowie Kanzleirat und Friedenauer Gemeindeschöffen Ludwig Blankenberg (Nr. 4) das größere Haus Saarstraße Nr. 1/2. Im Jahr 1883 zieht er mit Familie an den Bosporus. Er blieb zwölf Jahre, reformierte die Offiziersschule, schickte türkische Offiziere zur Ausbildung nach Preußen und zog eine Offiziersgeneration heran, die später die Reformen Atatürks in Gang setzte. Er stieg zum stellvertretenden Stabschef der Armee auf, griff in die Politik des osmanischen Staates ein und schlug vor, die Hauptstadt in das Landesinnere zu verlegen – ein Gedanke, den Atatürk 1923 mit der Hauptstadt Ankara realisierte.

 

1895 kehrte von der Goltz nach Deutschland zurück. Bevor er 1913 in den Ruhestand trat, wurde er noch zum Generalfeldmarschall ernannt. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs war Goltz schon über siebzig. Dennoch wurde er wieder in das Osmanische Reich geschickt. Am 12. Dezember 1914 traf er in Konstantinopel ein. Er wurde zunächst militärischer Berater des Sultans, dann Oberbefehlshaber der 1. und 6. osmanischen Armee und verhalf damit in Bagdad zum Sieg über die britischen Truppen.

 

Schon im Frühsommer 1915 hatten die im Osmanischen Reich tätigen deutschen Diplomaten die deutsche Botschaft in Konstantinopel über den Genozid an den Armeniern informiert. Im Spätsommer 1915 traf sich der Theologe und Orientalist Johannes Lepsius mit Kriegsminister Enver Pascha und versuchte, ihn zum Umdenken in der armenischen Frage zu bewegen.

 

Am 18. Dezember 1915 stellte Karl Liebknecht im Reichstag seine Anfrage: „Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, dass vor mehreren Monaten im verbündeten türkischen Reiche die armenische Bevölkerung zu Hunderttausenden aus ihren Wohnsitzen vertrieben und niedergemacht worden ist?“ Am 11. Januar 1916 bekam er die Antwort der politischen Abteilung im Auswärtigen Amt: „Dem Herrn Reichskanzler ist bekannt, dass vor einiger Zeit, durch aufrührerische Umtriebe unserer Gegner veranlasst, die armenische Bevölkerung in bestimmte Gebietsteile des türkischen Reiches ausgesiedelt und ihr neue Wohnstätten angewiesen hat. Wegen gewisser Rückwirkungen dieser Maßnahme findet zwischen der deutschen und der türkischen Regierung ein Gedankenaustausch statt. Nähere Einzelheiten können nicht mitgeteilt werden.“

 

Zu welchem Zeitpunkt die Vernichtung der Armenier beschlossene Sache war, lässt sich nicht mit letzter Bestimmtheit ermitteln. Am 24 April 1915 kam es in Konstantinopel zu Massenverhaftungen hunderter armenischer Intellektueller, die zusammengetrieben, getötet oder in das Innere Anatoliens abtransportiert wurden. Am 27. Mai erließ Innenminister Talaat Pascha den Befehl zur Deportation der Armenier. In Artikel 2 des „Provisorischen Gesetzes über die Verschickung verdächtiger Personen“ heißt es: „Die Kommandanten der Armeen, Armeekorps und Divisionen können, wenn militärische Bedürfnisse es fordern, die Bevölkerung von Städten und Dörfern, die sie der Schuld des Verrats oder der Spionage für verdächtig halten, dislozieren und in anderen Orten ansiedeln.“

 

Hans Freiherr von Wangenheim (1859-1915), seit 1912 deutscher Botschafter in Konstantinopel, zögerte zunächst, die Deportationen und Massaker an der armenischen Minderheit zu thematisieren. Als es für ihn keinen Zweifel mehr gab, sandte er im Juli 1915 ein Telegramm an das Auswärtige Amt: „Die Umstände und die Art, wie die Umsiedlung durchgeführt wird, zeigen, dass die Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse zu vernichten.“ In dieser Zeit befehligten deutsche Generäle osmanische Armeen, in türkischen Provinzstädten residierten deutsche Konsuln, deutsche Geschäftsleute, Lehrer oder Krankenschwestern waren in Anatolien tätig. Tausende Deutsche wurden unmittelbar Augenzeuge. Die Reichsregierung in Berlin wusste, was sich abspielte – und sie tat nichts.

 

Für den Schweizer Militärhistoriker Carl Alexander Krethlow spielte der bedeutendste deutsche Offizier im Osmanischen Generalstab Colmar von der Goltz eine unrühmliche Rolle. Schon früher hatte Goltz vorgeschlagen, eine halbe Million Armenier, die in an der russischen Grenze leben, nach Mesopotamien umzusiedeln. Als ihm Enver Pascha im März 1915 den Deportationsbefehl vorlegte, stimmte er dem zu. Tatsache ist, dass im Ersten Weltkrieg das Osmanische Reich der wichtigste Bündnispartner der Deutschen gegen die Russen war. Und Tatsache ist auch, dass Hunderte deutscher Offiziere im Dienst der Türkei gestanden und einige Offiziere der mittleren Befehlsebene an der Planung und Durchführung der Deportationen teilgenommen haben. Goltz, der in Berlin als „völlig vertürkt“ galt, schrieb unverblümt, man müsse „die gefährlichen Majoritäten in Minoritäten verwandeln“. Obwohl ihn seine Untergebenen detailliert über die „bewusste und gewollte Vernichtung der Armenier“ informierten, drängte Goltz Berlin nicht zum Handeln.

 

Colmar Freiherr von der Goltz starb am 19. April 1916 in Bagdad an Typhus. Sein Sarg wurde im Juni 1916 nach Konstantinopel überführt und im Garten der Sommerresidenz der deutschen Botschaft in Tarabya am Bosporus beigesetzt.

 

Radiofrequenz GmbH

Niedstraße Nr. 5

Radiofrequenz GmbH - Loewe Opta (1923-1939)

 

Für das Grundstück Niedstraße Nr. 5 werden laut Adressbuch ab 1893 diverse Nutzer genannt, darunter die Marmorfabrik Banelli &Co, Ingenieur Denecke Kühlanlagen und das bahnamtliche Rollfuhrunternehmen „Friedenauer Gepäckfahrt Kopania & Co“. Immer wieder erscheint aber ab 1900 als Eigentümer der Name Denecke. Die Brüder Siegmund und David Loewe müssen das Haus also gepachtet haben als sie am 22. Januar 1923 dort ihre „Radiofrequenz GmbH“ gründeten – die Geburtsstätte von „Loewe Opta“. Ab April wurden dort Rundfunkröhren und Apparate gefertigt. Im Oktober desselben Jahres entsteht die „Loewe Audion GmbH“ zur Herstellung der Elektronenröhren. Zwei Jahre danach übernahm die inzwischen in „D.S. Loewe AG“ umbenannte Firma die „AstroWerke“ in der Steglitzer Wiesenweg Nr. 10. Auf der 10. Funkausstellung in Berlin 1933 wurde von der „Loewe Radio AG“ der erste serienreife „Volksfernseher“ vorgestellt.

 

 

 

 

Die beiden Brüder wuchsen in einer jüdisch-christlichen Familie auf, Vater jüdisch, Mutter evangelisch. Während der erstgeborene Sohn David evangelisch getauft wurde, war der ein Jahr später geborene Siegmund formal Mitglied der jüdischen Gemeinde, allerdings ohne rituelle Aufnahme. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden die Gebrüder Loewe und ihr Unternehmen vom Regime in der Öffentlichkeit angegriffen. Ein Boykott der Produkte drohte. Die Attacken der NS-Betriebszelle richteten sich zunächst gegen David Loewe. Dieser legte am 27. April 1933 die Geschäftsführung der Radio AG D. S. Loewe und von Audion-Werk Dr. S. Loewe nieder. David Loewe emigrierte noch 1933. Siegmund Loewe wurde geduldet, galt aber nach den Nürnberger Gesetzen als „jüdischer Mischling“. Um die Firmenpatente für den amerikanischen Markt zu sichern, reiste er 1936 und 1937 in die USA und gründete die Loewe Radio Inc. Um eine drohende „Arisierung“ zu erschweren, wurden Aktien an der Radio AG D. S. Loewe an die Loewe-Auslandsgesellschaften in der Schweiz und England übertragen.

 

Die Enteignung der Firma erfolgte 1938, nachdem das Reichsinnenministerium zu der Bewertung gekommen war, Loewes Austritt aus der jüdischen Gemeinde sei unwirksam, weil dieser nicht vor dem zuständigen Amtsgericht erklärt worden war. Siegmund Loewe wurde als „Geltungsjude“ angesehen. Als Siegmund Loewe während einer Geschäftsreise aus dem Vorstand entlassen wurde, kehrte er nicht nach Deutschland zurück. Er ließ sich in den USA nieder.

 

1949 wurden die Westberliner und westdeutschen Unternehmensteile vollständig in das Eigentum der Familie rückübertragen und bis 1962 als Familienunternehmen „Loewe-Opta AG“ geführt. Der Sitz des Unternehmens ist Kronach in Oberfranken.

 

Elfriede Mechnig

Niedstraße Nr. 5

 

Elfriede Mechnig (1899-1986)

Erich Kästner (1899-1974)

 

Das fünfgeschossige Mietshaus mit einer Tiefgarage unter dem Hof wurde 1935 nach Plänen des Architekten Hermann Mohr (1883-?) für den Bauherrn Heinrich Denecke (Dahlem, Falkenried 4) errichtet. An dieser Stelle stand einst das eingeschossige Landhaus von 1880, dass Freiherr Colmar von der Goltz für seine Familie errichten ließ und in dem 1923 mit der „Radiofrequenz GmbH“ die Firma Loewe-Opta gegründet wurde. Das Grundstück war seit dem Jahr 1900 im Besitz der Familie Denecke.

 

In der im Jahr 2000 von Peter Lemburg, Gabriele Schulz und Dietrich Worbs im Verlag Willmuth Arenhövel veröffentlichten Dokumentation „Denkmale in Friedenau“ heißt es u.a.: „Außergewöhnlich an diesem Haus ist - neben der Tiefgarage - vor allem die Grundrisslösung: Die vier Wohnungen pro Geschoß im Vorderhaus und in den kurzen Seitenflügeln werden durch zwei separate Treppenhäuser erschlossen; die eine Treppe erschließt die beiden Wohnungen in der Westhälfte des Hauses (im Vorderhaus und im kurzen Seitenflügel), die andere die beiden Wohnungen in der Osthälfte. Der Architekt versuchte, in seinem Grundriss das Konzept des Berliner Mietshauses mit Vorderhaus und Seitenflügeln durch zwei Treppen anstelle des "Berliner Zimmers" neu zu lösen. Das Wohnhaus zeigt über dem Rustika-Sockelgeschoß eine schlichte, wirkungsvolle Fassade. Seitlich befinden sich tiefe Loggien mit leicht vorspringenden gerundeten Brüstungen und zwischen ihnen drei breite, dreiflügelige Fenster pro Geschoß, die bündig in die Fassade eingefügt sind. Die Loggien und Fenster sind alle gleich groß. Die Fassade zeigt die Eleganz der Neuen Sachlichkeit.“

 

In diesem Haus hatte Erich Kästner ab 1935 ein Büro, das seine Sekretärin, Elfriede Mechnig (1901-1986) betreute. Ihre Eltern, der Städtische Oberinspektor Arthur Mechnig und seine Frau Bianka, lebten seit 1926 in Friedenau, zuerst Sponholzstraße Nr. 26, später in der Niedstraße Nr. 5.

 

 

Um sich ganz seiner schriftstellerischen Tätigkeit widmen zu können, merkte Erich Kästner bald, dass er eine geschickte Sekretärin brauchte. So kam Elfriede Mechnig 1928 als neugebackene Stenotypistin in sein Leben. Das Bewerbungsgespräch fand auf der Terrasse im Café Carlton statt. Die „treue Mechnig”, wie Erich Kästner sie gern nannte, blieb während der ganzen Berliner Zeit an seiner Seite. Zuerst als Sekretärin, später als Leiterin seines Vertriebsbüros.

 

Die gemeinsame Zusammenarbeit begann mit „Emil und die Detektive” und von da an schrieb sie seine sämtlichen Werke auf der Maschine. Auch wenn ihr Herz und ihre Seele eigentlich am Klavierspiel hingen und nicht beim Tippen. Er war 45 Jahre lang ihr Chef und sie half ihm, in der wahren Bedeutung des Wortes, berühmt zu werden. Ihr Gehalt regelte sich im Verlauf der Zusammenarbeit: es waren anfangs 150 Reichsmark für Halbtagsarbeit, später wurde es erheblich mehr. Kästner richtete bald, neben seinen Verlagsverbindungen, mit Unterstützung seiner Sekretärin ein eigenes Vertriebsbüro für die gemeinsame deutsche, österreichische und schweizer Presse ein, an die Elfriede regelmäßig Gedichte und andere Arbeiten versandte. Mit dem Antritt ihrer Stellung beim Herrn Dr. phil. Kästner war Elfriede Mechnig vollauf beschäftigt.

 

Am 1. Oktober 1928 nahm sie den Dienst auf, tippte das Manuskript zu „Emil und die Detektive”, die Gedichte und sonstiges für die Behörden und Verlage. Kästner arbeitete zu dieser Zeit für viele Zeitungen, Illustrierte und verschiedene Magazine. Bald kamen auch Film, Kabarett, Bühne und Rundfunk dazu. Und Elfriede tippte unermüdlich. Sie bekam so viel Übung, dass sie ihre eigene Stenoschrift, zur Zufriedenheit Kästners, bald flüssig und fehlerlos lesen konnte. Sehr komplizierte Ausdrücke ließ er sie aber in Langschrift aufnehmen. Dies galt speziell Anspielungen aus dem erotischen Milieu, die nicht gerade zum Wortschatz eines jungen Mädchens gehörten. Während des Krieges arbeitete Elfriede sogar eine Zeit als Kästners Putzfrau um nicht in die Rüstungsindustrie einberufen zu werden. In der Niedstraße Nr. 5 saß Elfriede Mechnig an der Schreibmaschine oder repetierte am Flügel Sonaten. Von hier schickte sie 45 Jahre lang die Kästner-Verse an die Zeitungen und Redaktionen in alle Städte zwischen Zürich, Wien und Berlin.

 

***

 

Das Ehepaar Blandine Ebinger und Helwig Hassenpflug. Archiv Hassenpflug

Der Verleger Helwig Hassenpflug

Rede anlässlich der Übergabe des Originalmanuskripts von „Emil und die Detektive" am 25. Oktober 1987 an die Akademie der Künste Berlin.

 

Schuld an allem, an dieser Situation heute ist meine Frau Blandine Ebinger. Einmal abgesehen von Erich Kästner, von Elfriede Mechnig und von mir selbst. Denn natürlich war sie es, die mir die Wirklichkeit dieser Welt nahegebracht hat. Als wir in den sechziger Jahren gemeinsam in München lebten, trafen wir natürlich gelegentlich EK, den Blandine Ebinger seit langen Jahren kannte. Ich erinnere mich noch lebhaft der Begegnungen in dem kleinen aber feinen Restaurant DIE KANNE an den Maximilianstraße. Gleich vorn neben dem Eingang war der Stammtisch, an dem man EK finden konnte. Seine angenehme Stimme mit dem leicht sächselnden Tonfall habe ich noch im Ohr. Und dann wird die Beziehung zu Geschriebenem eben doch anders, als wenn man es nur gelesen hat.

 

Erich Kästner lernte ich eigentlich viermal kennen: Als Kind, wie wir wohl alle und ausnahmslos durch seine hinreißenden Geschichten, da begann ich ihn schon innig zu lieben. Später (zweite Begegnung) eröffnete sich mir eine völlig neue Kästner-Welt in seinen Gedichten und satirischen Arbeiten, in den Romanen und Erzählungen. Seine kritischen, aber auch seine lyrischen Gedichte wurden mein liebster Kästner.

 

Nach den (dritte Gelegenheit) persönlichen Begegnungen zusammen mit meiner Frau in München gab es eine vierte, die nachdrücklichste Begegnung mit Erich Kästner und zwar nach seinem Tode: In Berlin gab es eine Wohnung in der Niedstraße im tiefsten Friedenau, an deren Türschild zu lesen war: DR. KÄSTNER/MECHNIG. In dieser Wohnung lebte seit 1936 Elfriede Mechnig, die irgendwann im Jahre 1928 beschlossen hatte, entgegen alles Wünschen der Familie, Erich Kästners Frage, ob sie ihm helfen wolle, berühmt zu werden, mit einem lebenslangen, überzeugten JA zu beantworten und sich auch daran zu halten. Mit Anstellungsvertrag, bescheidenem Gehalt, mit Herz und Seele. Sie ist sein „Compagnon“ geworden, jene „& Co”, die oft in seinen Briefen auftaucht, wenn es darum geht, sich verlassen zu können.

 

 

Ich lernte Elfriede Mechnig in den siebziger Jahren kennen, als ich mit meiner Frau nach Berlin gezogen war. Da Elfriede Mechnig eine Art Agentur betrieb, in der sie nicht nur die Abdruck- und Aufführungsrechte der Werke ihres „Meisters“ vertrat, sondern auch noch die anderer Schriftsteller (Marieluise Kaschnitz und Hermann Kesten zählten zu ihnen ebenso wie Eugen Roth, RodaRoda, Hans Weigel und andere), hatte sie gelegentlich auch mit Blandine zu tun gehabt, wenn es um Kästner-Rezitationsabende ging. Ich kannte sie also schon aus Erzählungen und fand Blandines Hinweise voll bestätigt: Wenn es um Kästner ging, ließ sie jedermann und alles stehen und liegen und folgte der Stimme, dem Wunsche ihres Herrn. Mich hat diese Verbundenheit, dieser Einsatz, ja diese Hingabe an das Werk (sie hat immer wieder geschworen, dass es nur das Werk gewesen sei) sehr beeindruckt. Eigentlich gab es für sie nur erst einmal EK, dann kam wieder EK, dann folgte EK und dann gab es noch die Oper, die PhiIharmonie, den Flügel in der Wohnstube, Reisen vor allem an das Meer, und einige enge und für sie wichtige Freunde, die für sie da waren und sich um sie kümmerten bis hin zu ihrem schweren Ende.

 

Ich lernte EM kennen bei gelegentlichen Besuchen, die sie uns abstattete oder wenn wir ihren Einladungen folgten. Immer ging es ihr sehr und viel um Kästner, sie hat uns so unendlich viel Lebendiges berichtet. Und irgendwann wurde ich auch um den einen oder anderen Rat gefragt, konnte ihr in der einen oder anderen Weise behilflich sein. Juristisch oder auch bei Verhandlungen. Schließlich auch in Sachen Kästner. Da war nämlich ein Problem ihrer Versorgung zurückgeblieben, es gab Umstande, die es mir richtig erscheinen ließen, mich mit dem (damals gerade neu bestellten) Testamentsvollstrecker des Nachlasses Kästner in München in Verbindung zu setzen. Es gab lange und mühevolle Verhandlungen um eine kleine Rente für Elfriede Mechnig.

 

Der Preis war für sie unvorstellbar hoch: Sie sollte sich von einem Teil von Erich Kästner trennen, nämlich die Agenturtätigkeit, also die Verwaltung der „kleinen Rechte“ an den Werken Kästners einstellen. Und einige der Unterlagen zu Kästner sollte sie schon jetzt nach München geben, andere sollten ihr zwar lebenslang bleiben, dann aber auch nach München gehen. In langen Gesprächen machte ich den unglaublich schweren Versuch, ihr klarzumachen, dass die Kästner-Unterlagen doch nicht ihr Privateigentum seien. Schließlich ergab sie sich in die Situation, hat es aber wohl nie so recht verwunden.

 

Und als sie dann am 22. August 1986 starb, oblag es nach ihrem Willen mir, mich der Dinge anzunehmen, die sie in ihrem 50 Jahre lang benutzten Arbeitszimmer angesammelt hatte. Was ihr gehörte, sollte an die Akademie der Künste gehen. So weit, so gut. Ich konnte also all die Korrespondenz mit den Literaten außer Kästner an die Akademie geben, habe sicher auch in ihrem Sinne gehandelt, als ich auch die Bibliothek mit zahlreichen ihr gewidmeten Erstausgaben der betreuten Schriftsteller einbezog. Diese Bücher lagern hier im Hause (AdK).

 

Es gab ja eben auch noch etwas von Kästner. Der Ordner mit der Korrespondenz mit ihm wurde ausgesondert, mancherlei Offensichtlichkeiten ebenso. Diese Arbeiten haben mich im Herbst des vergangenen Jahres manchen Abend und einige Wochenenden in der leeren Wohnung in Anspruch genommen.

 

Dann aber ging es daran, die Ecken zu untersuchen, die Kartons auf dem Schrank, im Schrank, unter den Tischen, die Stapel auf dem Sofa, auf den unbenutzten Stühlen, auf der Heizung, auf dem Fensterbrett, den Inhalt des verschlossenen Schreibtisches – vielleicht habe ich einen Platz vergessen. Es war wohl das dritte Wochenende, das ich dort zu brachte. Ich fand in Rama-Kartons Papiervorräte, Kohlepapier für eine Ewigkeit, Zeitungsausschnitte in großen Mengen, ein ganzes Leben an Erinnerungen. In einem Persil-Karton aus den fünfziger Jahren lag zwischen den Theaterprogrammen, zwischen vielen der Zettelchen mit Notizen zu allem und jedem, ein Kästchen, abgegriffen, unansehnlich. Ich vermutete Briefe darin. Bei näherem Hinsehen entdeckte ich Kästners mir nun wohlbekannte Handschrift. Ich begann zu lesen und fand mich alsbald mitten in der Lektüre der ersten Handschrift seiner VERSCHWUNDENEN MINIATUR. Ich erinnere mich so genau, wie ich da in diesem inzwischen so ungemütlich verräumten Zimmer saß und ganz vorsichtig blätterte und las und dann ganz vorsichtig verstaute, was ich gefunden hatte. Und dann suchte ich weiter, fand nacheinander noch die Handschriften der ersten Fassung des DOPPELTEN LOTTCHEN, in einer Schublade voller Kram einen alten, grünen, billigen Briefumschlag mit ihrer Handschrift EMIL IM STENOGRAMM. Kästner hatte also den ersten Entwurf jeweils stenografiert – das kann ich deswegen sagen, weil ich auch von der VERSCHWUNDENEN MINIATUR ein Stenogramm in Händen hielt. All diese Unterlagen habe ich hier in Fotokopien, um sie dem Archiv der Akademie zu übergeben. Schließlich aber hielt ich diesen Karton in den Händen, die Handschrift von EMIL UND DIE DETEKTIVE. Obwohl es an jenem Sonntag erst nachmittags und das Tagespensum noch längst nicht erledigt war, packte ich die entdeckten Schätze zusammen und fuhr heim, um sie meiner Frau zu zeigen. Wir haben den Rest des Tages mit Kästner zu tun gehabt. Ich muß ehrlich sagen, dass mich selten eine Situation so erregt hat wie die Entdeckung dieser Handschriften. Es war, als sei ich Kästner noch einmal persönlich begegnet (das fünfte Mal also).

 

Der Euphorie folgte dann eine Phase des Nachdenkens, des Verhandelns, der Klärung. Der Beratung. Ich hatte das Problem zu lösen, auf diese Weise in den treuhänderischen Besitz unschätzbarer Werte gelangt zu sein, deren Eigentums- und Besitzerrechte gar nicht einfach zu klären waren. Wenn Frau Mechnig als die Sekretärin von EK etwas in Besitz hatte: Verwahrte sie es für ihn oder gehörte es ihr? Zudem waren alle Manuskripte mit einem Widmungsblatt versehen, das zeigte, dass er sie jeweils seinem „Muttchen“ geschenkt hatte. Hier bei EMIL heißt es etwa: „Für meine Mutter, Weihnachten 1929, von ihrem Jungen.“ Und ich wusste, dass EM nach dem Tode der Mutter, Ida Kästner, für den Sohn den Haushalt in Dresden aufgelöst und bei dieser Gelegenheit diese Autographen wieder zurückgeholt hatte. Aus den Verhandlungen mit dem Vertreter des Nachlasses EK ergab sich dann ein Kompromiss. Ich konnte nicht nachweisen, dass die Handschriften Frau Mechnig zu persönlichem Eigentum gehörten, ich mußte davon ausgehen, dass sie sie in ihrer Eigenschaft als Sekretärin von EK nur für Kästner verwahrt hatte. Dennoch war ja auch darin ein Schuss Unsicherheit, so dass ich mit dem Testamentsvollstrecker schließlich dahin übereinkam, dass das Berlinischste der Bücher in Berlin bleiben sollte, die Handschrift von EMIL UND DIE DETEKTIVE.

 

Und ich freue mich ganz besonders, dass ich es heute, dem Wunsch von Frau Mechnig folgend, der Akademie der Künste übergeben kann. Damit verbindet sich für mich der Wunsch, und die ganz stille Hoffnung, dass vielleicht hiermit sogar der erste Anfang dafür gemacht wird, den gesamten Nachlass von Kästner dahin zu holen, wo er nach meiner Auffassung allein hingehört – nach Berlin. Ich weiß, dass es bisher andere Pläne gab, aber vielleicht sind Emil Tischbein, Gustav mit der Hube, der kleine Dienstag und Pony Hütchen noch immer gewitzt genug, aus den hoffnungsvollen Anzeichen Wirklichkeit werden zu lassen.

 

 

Der Verleger Helwig Hassenpflug kam 1986 mit dem Testamentsvollstrecker von Erich Kästner überein, dass das Berlinischste in Berlin bleiben sollte: Die Handschrift von EMIL UND DIE DETEKTIVE. Das Manuskript befindet sich heute im Archiv der Akademie der Künste Berlin. Helwig Hassenpflug hat uns das Dokument aus dem Archiv von Elfriede Mechnig zur Verfügung gestellt. Wir danken ihm - und Elfriede Mechnig.

 

 

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Emil und die Detektive. Das handschriftliche Manuskript.

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