Name seit dem 30. September 1927, benannt nach dem Architekten Johannes Otzen (1834-1911). Johannes Otzen entwickelte den Bebauungsplan für Friedenau. Sein Grab befindet sich auf dem Landeseigenen Friedhof Wannsee, Lindenstraße. Die Otzenstraße liegt nach den festgelegten Grenzen von 1874 nicht in Friedenau, sondern auf dem Gebiet des Ortsteils Schöneberg. Die Gegend wird mitunter auch als „Gefühltes Friedenau“ bzw. „Neu-Friedenau“ bezeichnet.

 

 

Situationsplan Wilmersdorfer Oberfeld von Johannes Otzen, 1874
Johannes Otzen, um 1900

Johannes Otzen (1834-1911)

 

76 Jahre nach seinem Tod erkannte die damals regierende CDU 1987, dass der Architekt Johannes Otzen „zu Lebzeiten hervorragende Leistungen mit engem Bezug zu Berlin erbracht“ hat. Die Erkenntnis kam spät und war eigentlich nur der 750-Jahr-Feier geschuldet. Der Senat gewährte ihm eine „Ehrengrabstätte“ – für vorerst zwanzig Jahre. Als diese 2007 um waren, amtierte Rot-Rot. Nun gab es eine „Checkliste“ für die Ermittlung von Ehrengrab-Kandidaten, die mit ihrem Punktesystem so hanebüchen ist, dass sie hier vorgestellt wird:

 

Andenken an Person in der breiteren Öffentlichkeit deutlich präsent? (maximal 120 Punkte)

Schwerpunkt der Verdienste mit engem Berlin-Bezug? (90 Punkte)

Andenken in der Fachöffentlichkeit präsent? (30 Punkte)

Wirken und Werke in der breiten Öffentlichkeit deutlich präsent? (30 Punkte)

Persönlichkeit von stadthistorischem Interesse? (30 Punkte)

Persönlichkeit von historischem Interesse? (30 Punkte)

 

Zudem gibt es noch eine „gutachterliche Stellungnahme“ der zuständigen Senatsverwaltung, die laut Senatskanzlei vom 23. September 2016 „dem Grundsatz der Vertraulichkeit unterliegt und daher der interessierten Öffentlichkeit nicht zur Verfügung gestellt werden kann“. Ab 220 von maximal 330 Punkten erscheinen die Voraussetzungen für ein Ehrengrab gegeben. Da im Fall Johannes Otzen die erforderliche Punktezahl wohl nicht erreicht wurde, und „unter den insgesamt 667 Ehrengrabstätten der Hauptstadt sowieso nur 66 Frauen vertreten sind – weniger als zehn Prozent“, beschloss der Senat 2009 die Aufhebung als Ehrengrabstätte. DIE LINKE, 2013 wieder Opposition, stellte fest: „Hierbei habe offenbar die Verwaltung das Sagen, wobei auch der Eindruck entstehe, es würde ein wenig willkürlich und nicht nachvollziehbar entschieden.“

 

Für Johannes Otzen trifft das ebenso zu wie auf die „Friedenauer“ Ottomar Anschütz, Carl Bamberg, Heinrich Sachs, ganz zu schweigen von Georg Graf von Arco, Carl Blechen, Hugo Conwentz, Friedrich Adolf Diesterweg, Gustav Eberlein, Günter Bruno Fuchs, Otto Gebühr, Maximilian Harden, Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, Albert von Maybach, der Familie Mendelssohn Bartholdy, Franz Xaver Scharwenka, Karl Ludwig Schleich oder Heinrich von Sybel, denen der Ehrengrabstatus in jüngster Zeit aberkannt wurde.

 

Das Grab von Johannes Otzen (1834-1911) befindet sich auf dem von ihm selbst 1887/88 konzipierten Friedhof Wannsee an der Lindenstraße. Die Anlage ist unverändert erhalten. Viele Grabstätten zeigen sich in ihren originären Ausstattungen. Dazu gehört das vom Bildhauer Curt Stoeving (1863-1939) gestaltete Wandgrab der Familie Otzen in der Abteilung AT 22. In das Zentrum dieser prächtigen, neugotischen Kalksteinarchitektur setzte Stoeving einen hohen Giebel mit gotischen Ornamenten, der zu beiden Seiten von Engeln flankiert ist. An einem der seitlichen Pfeiler ist ein Reliefbildnis von Johannes Otzen zu sehen. Für dieses filigrane Grab, längst zum Denkmal erhoben, fühlt sich Berlin nicht mehr verantwortlich.

 

In Erinnerung sei daher gerufen, dass Johannes Otzen am 8. Oktober 1839 in Sieseby (Schleswig-Holstein) als Sohn eines Dorfschullehrers geboren wurde. Er wurde nicht Kaufmann, wie es der Vater wollte, sondern Zimmermann. Es folgten Baugewerkschule Eckernförde und Polytechnikum Hannover. 1864 trat er in das Atelier von Kirchenbaumeisters Conrad Wilhelm Hase (1818-1902) ein und führte für ihn den Bau der Stiftskirche St. Georg-Marien in Ilfeld aus – Otzens erstes eigenes Werk. Als nach dem Deutsch-Dänischen Krieg Schleswig-Holstein 1866 an Preußen fiel, wurde Otzen als Königlicher Baumeister in die Verwaltung aufgenommen. 1869 schied er aus und wurde in Hamburg Generalbevollmächtigter des Unternehmens Johann Anton Wilhelm von Carstenn (1822-1896). Der Hamburger Kaufmann hatte 1865 die bei Berlin gelegenen hoch verschuldeten Güter Lichterfelde, Giesensdorf und Wilmersdorf erworben, um dort als privater Stadtentwickler Villenkolonien zu gründen. In dieser Zusammenarbeit plante Johannes Otzen die städtebaulichen Gesamtanlagen von Lichterfelde (1865), Wilmersdorf (1870) und schließlich das bis heute anerkannte Erfolgsmodell Friedenau (1874).

 

Schaut man sich die wohl überlegten Bauwerke von Otzen an, vor allem auch seine protestantischen Gotteshäuser, darunter die Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg (1884-1888) und die Lutherkirche am Dennewitzplatz in Schöneberg (1891-1894), wird deutlich, dass die sogenannte Friedenauer „Carstenn-Figur“ mit ihrer regelmäßigen Anordnung von Straßen und Plätzen eigentlich Johannes Otzen zugeschrieben werden müsste. 1878 wurde er Professor an der neu gegründeten Technischen Hochschule Charlottenburg, 1885 wechselte er an die Akademie der Künste in Berlin, der er von 1904-1907 als Präsident vorstand. Am 8. Juni 1911 starb Johannes Otzen in seinem Grunewalder Haus in der Hagenstraße 39. Erst am 30. September 1927 kam der Berliner Verwaltungsbezirk Schöneberg auf die Idee, die Straße 48 außerhalb des von ihm geplanten Friedenau in Otzenstraße umzubenennen.

 

Friedhöfe sind nicht nur eine letzte Ruhestätte für Verstorbene, sie sind Orte der Einkehr, aber auch Denkmäler der Geschichte – gewissermaßen ein Querschnitt durch das Geistesleben der Stadt. Wir meinen, dass es eine gesellschaftliche Aufgabe ist, das Grab von Johannes Otzen zu hegen und zu pflegen – ganz egal unter welcher Formulierung, ob Ehrengrab, Historisches Grab, Kulturgeschichtlich bedeutendes Grab oder Handwerklich hochwertiges Grab. Die Mittel dafür müssen bereitgestellt werden. Überheben tut sich Berlin damit nicht. Im Jahr 2013 wurden für 746 Ehrengräber 421.000 Euro für die Pflege ausgegeben – das sind im Schnitt 554 Euro für jedes Ehrengrab pro Jahr. Der neue und wohl auch kompetente Kultur-Mann der Berliner LINKEN fordert „eine Politik, die bereit ist, die Stadt Schritt für Schritt den Bürgerinnen und Bürgern zurück zu geben“. Dazu gehören auch die Ehrengrabstätten jener, die „zu Lebzeiten hervorragende Leistungen mit engem Bezug zu Berlin erbracht haben“.

 

Denn: „Wir leben, solange sich jemand an uns erinnert.“ (Dante, Divina Comedia).

 

Nachruf Johannes Otzen. Berliner Architekturwelt, 1912

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Nachruf Johannes Otzen. Zentralblatt der Bauverwaltung, 1911

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