Name seit dem 1. April 1970, benannt nach der Bildhauerin Renée Sintenis (1888-1965)vorher ab 1872 Wilmersdorfer Platz. Die seinerzeit als Rondell angelegte Anlage markiert den südöstlichen der vier Plätze der Friedenauer Straßenstruktur, der sogenannten Carstenn-Figur.

 

 

 

Kaiserliches Postamt I. Klasse

 

Als nach 1908 begonnen wurde, den kreisrunden Wilmersdorfer Platz (heute Reneé-Sintenis-Platz) mit Mietshäusern zu bebauen, blieb das Grundstück an der Ecke Handjerystraße Nr. 33-36 und Schmargendorfer Straße Nr. 27-29 frei. Hier hatte die Gemeinde ursprünglich den Bau des Rathauses Friedenau vorgesehen. Da dieses dann am Lauterplatz (heute Breslauer Platz) entstand, wurde das Gelände 1914 der Reichspost verkauft.

In seinem Buch Posthorn & Reichsadler berichtet der Architekturhistoriker Falk Jaeger (geboren 1950) über den Postbau: Im Vordergrund stand beim Entwurf eindeutig die städtebauliche und architektonische Erscheinung des Gebäudes, der sich die Grundrissorganisation anzupassen hatte. Eine wesentliche Vorgabe stellte natürlich die Kreisform des Wilmersdorfer Platzes dar, von der die Hauptfassade des Postamts ein Segment bilden sollte.

 

 

 

 

Durch die Grundform des Gebäudes sah sich der Architekt und Postbaurat Ludwig Meyer bereits auf eine Stilepoche festgelegt, wollte er nicht einen vorgegebenen Baukörper mit einem artfremden Stilmantel umkleiden: die geschwungene Hauptfassade war eigentlich nur im Spätbarock und Frühklassizismus möglich. Meyer entwarf einen kräftigen Rustika-Sockel mit Rundbogenfenstern, setzte darüber zwei Normalgeschosse, abgeschlossen vom mehrteiligen Hauptgesims. Das dritte Stockwerk erscheint als vergrößertes Attikageschoss. Beherrscht wird die Hauptfassade von der Kolossalordnung der fünf Mittelachsen. Stark kanellierte ionische Pilaster fassen drei Geschosse zusammen und tragen das als Gebälk ausgebildete Hauptgesims. Eine spätbarocke Kolossalfassade wäre nicht vollständig ohne eine Balustrade mit ordentlichen Vasen auf dem Dach. Das mittlere Feld blieb frei für die lorbeerumkränzte Reliefkartuche mit dem Reichsadler. Gleichfalls unverzichtbar das Belvedere auf dem Dachfirst, hier in der besonders aufwendigen Form eines sechssäuligen Monopteros, also eines griechischen Rundtempels ...

 

Die Schaufassade zum Wilmersdorfer Platz zeigte einen ausgewogenen Aufbau. Zu ihrer gelungenen Proportionierung gehörte unverzichtbar der Belvedere-Turm als Pointe und krönender Abschluss. Klassizistisches Schmuckdekor in Form von Rosetten in den Brüstungsfeldern der Erdgeschossfenster, ein Merkurkopf auf dem mittleren Schlußstein (Merkur der Götterbote, als Patron des Handels und Warenverkehrs auch für das Postwesen zuständig), Fahnen- und Waffenreliefs auf dem Architrav und Fruchtsträuße auf den Pilasterspiegeln des Obergeschosses zieren zusätzlich die Hauptfassade ... Nur bei genauem Hinsehen fällt an der Nordfassade, rechts der Toreinfahrt, eine Baugrenze auf. Hier setzt der Erweiterungsbau an, mit dem Postbaurat Meyer 1926-29 das Gebäude in unveränderter Formensprache verlängert hat.

 

Im Innern wusste der Architekt Ludwig Meyer mit der konkaven Fassade nichts anzufangen. Die zum Platz orientierten Räume haben lediglich eine gebogene Außenwand, die übrige Raumeinteilung und mit ihr das Konstruktionssystem gehorchten dem rechten Winkel. Am deutlichsten wird das in der Schalterhalle, die aus der besonderen Form keinen gestalterischen Nutzen zu ziehen vermag. Für eine Vorhalle und den Windfang gibt es keinen Raum, stattdessen ragt der Windfang als Einbau in die Halle hinein. Die normale Gebäudetiefe reicht für den Saal nicht aus, weshalb er um knapp drei Meter nach hinten aus dem Baukörper hinausgeschoben wurde ...

 

Keine glücklichere Hand hatte der Architekt mit der Unterbringung der Funktionen in den Obergeschossen. Der Zuschnitt und die Erschließung der Räume ergaben sich bei der Verteilung auf die Stockwerke eher zufällig. Im Südflügel des zweiten Obergeschosses war neben der Hauptkasse des Telegraphenamts und der Anmelde- und Rechenstelle noch Platz für die Dienstwohnung des Postdirektors (sechs Zimmer, Mädchenkammer, Bad und Küche, am Mittelflur aufgereiht wie die Büroräume). Der Mitteltrakt war im ersten Obergeschoss in Amtsstuben aufgeteilt, darüber lag der Umschalterraum der Telefontechnik, darüber wiederum der große Saal des Vermittlungsamts. Dieser Saal erreichte mit seinem Zwischenboden für die Leitungsführung und dem notwendigen Luftraum für die zahlreichen Gehilfinnen, wie die Fräuleins vom Amt offiziell genannt wurden, eine überdurchschnittliche Raumhöhe ...

 

Goldener Bär

Der Goldene Bär von Berlin

 

Erstaunlich ist, dass nicht wenige Friedenauer weder vom Renée-Sintenis-Platz noch von der Bildhauerin Renée Sintenis wissen. Das liegt auch an der Berlinale, der es bei all dem Glamour nicht gelungen ist, die Kunst der Renée Sintenis ins Scheinwerferlicht zu rücken. Erinnert sei daran, dass 1951 im Titania-Palast die ersten Internationalen Filmfestspiele Berlin eröffnet wurden, und am Ende der Schweizer Regisseur Leopold Lindtberg für seinen Film Die Vier im Jeep den ersten Goldenen Berliner Bär entgegennahm.

 

Diese Skulptur hatte Renée Sintenis bereits 1932 unter dem Titel Junger Bär geschaffen. Ein Jahr zuvor war sie in die Akademie der Künste aufgenommen, aber schon 1934 wegen ihrer jüdischen Mutter Elisabeth Margarethe geborene Friedländer aus rassistischen Gründen ausgeschlossen worden. Nach dem Ende des Nazi-Regimes vergingen zehn Jahre, bevor sie wieder in den akademischen Kreis gebeten wurde. Erst danach wurde sie mit zwei staatlichen Aufträgen bedacht: Neugestaltung des Bären für die Filmfestspiele und Herstellung der lebensgroßen Plastik für das Zehlendorfer Kleeblatt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Familie von Renée Sintenis (1888-1965) ist hugenottischer Herkunft. Geboren wurde sie als Renate Alice Sintenis im niederschlesischen Glatz, aufgewachsen ist sie in Neuruppin, Stuttgart und ab 1905 in Berlin, wo ihr Vater Franz Bernhard als Jurist am Kammergericht tätig war. 1908 kam sie an die Kunstgewerbeschule Berlin. In der Bildhauerklasse von Wilhelm Haverkamp avancierte sie zur Meisterschülerin. Bereits 1913 war Renée Sintenis in der Ausstellung der Berliner Sezession mit der Bronze Tänzerin vertreten – im Katalog aufgeführt zwischen Karl Schmidt-Rottluff und Max Slevogt. Renée Sintenis war eine wichtige Bildhauerin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie schuf kleinformatige Skulpturen, vor allem aber Tierplastiken. Tiere ständen ihr näher als Menschen, bekundete sie 1931, und so modellierte sie bis zu ihrem Tod über hundert verschiedene Tiere – Pferde, Hunde, Ziegen, Rehe – darunter 1929 das Grasende Fohlen, dem seit 1970 auf dem Renée-Sintenis-Platz vom Schöneberger Grünflächenamt nicht mehr als ein Gnadenbrot gewährt wird.

 

Die Sintenis hat das nicht verdient, und wenn sie noch wäre, diese große, burschikose, aufsehenerregende, emanzipierte Frau, dann hätte sie ihr Fohlen längst eigenhändig abgeholt und dahin geschafft, wo ihre Arbeiten würdevoll präsentiert werden – in der Skulpturensammlung des Georg Kolbe Museums.

 

Der Lebensweg von Renée Sintenis gab Anlass zu allerlei Spekulationen. 1917 heiratete sie den 13 Jahre älteren Typografen Emil Rudolf Weiß (1875-1942), der die sogenannten Weißschen Schriften Fraktur (1913), Antiqua (1928), Gotisch (1936) und Rundgotisch (1937) schuf. Mit ihren Freunden, dem Kunsthändler Alfred Flechtheim, Rainer Maria Rilke und Joachim Ringelnatz zog sie durch angesagte Lokale, dem Bildhauer Georg Kolbe stand sie für einen Frauenakt Modell. Nach dem Tod ihres Ehemannes lebte sie zusammen mit ihrer Lebensgefährtin und späteren Nachlassverwalterin Magdalena Goldmann (1900-1981) in der Innsbrucker Straße Nr. 23. Ihre letzte Ruhe fanden die beiden in einem gemeinsamen Grab auf dem Waldfriedhof in Dahlem – mit einer Grabinschrift in der Weiß'schen Antiqua.

 

Abschied von Renée

Von Joachim Ringelnatz

 

Wann sieht ein Walfisch wohl je

Ein Reh? —

Ach du! Renée!

Und führen wir zusammen zur See,

Wir landeten bei den Wilden. —

Sag: Ist es nicht noch schöner, in Schnee

Als in Erde zu bilden?

Und sei auch kein Fuß an dem Sinn;

Es schweben auf tanzender Melodie

Zwei Federn einer Indianerin

Fort, fort in die weite Prärie.

Ade Renée!

Wie dunkelschön war unser Dach,

Als leise wir viere

Zusammenrückten vor Blitz und Krach. —

Ich streichle euch guten Tiere,

Nun ich geh.

Mir ist so dienstmädchen-donnerstagweh,

Weil ich nun weiterfahre.

Und ich war hundert Jahre

Mit dir zusammen,

Renée.

 

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