Name seit 1910, benannt nach dem Friedenauer Kommunalpolitiker Willy Retzdorff (1856-1910).

 

 

Ferdinand Bonn, 1900

Retzdorffpromenade Nr. 4

 

In Friedenau vergessen, in Bernau verehrt – der eigensinnige, exzentrische und letztlich auch skandalumwitterte Ferdinand Bonn (1861-1933). Er wollte alles auf einmal und er war alles auf einmal: Schauspieler, Regisseur, Theaterdirektor, Bühnenautor, Filmproduzent.

 

Ferdinand Bonn wohnte in der Retzdorffpromenade Nr. 4. Im Jahre 1905 gründete er in der Charlottenstraße Ferdinand Bonns Berliner Theater. Gespielt wurden hauptsächlich seine eigenen Stücke, darunter die Tragödie Ludwig der Zweite, die zum Theaterskandal des Jahres geriet und umgehend verboten wurde. 1907 musste Bonn Konkurs anmelden. Fluchtartig verließ er Preußen. Mit seiner ersten Frau Maria (1871-1909) erwarb er ein großzügiges Landhaus in Bernau am Chiemsee. Das Anwesen existiert noch heute – seit 1965 ist es das Hotel Bonnschlössl. Dieses Haus wurde sein Filmstudio. Hier entstand im Jahre 1913 der erste Spielfilm über Ludwig II. von Bayern – mit Ferdinand Bonn als Hauptdarsteller, Regisseur und Produzent und unter Mitwirkung der Einheimischen. Unerlaubt gedreht wurde auf Herrenchiemsee, was ihm eine Klage der Krongutverwaltung einbrachte.

 

Vor den Feierlichkeiten zum 125. Todestag von König Ludwig II. im Jahre 2011 kam einiges zusammen. Weil auch noch der 150. Geburtstag von Ferdinand Bonn bevorstand und sich die Gräber von Ferdinand und seiner dritten Ehefrau Ida Henriette geborene Homberg (1892-1982) obendrein auf dem Kirchhof von Bernau befinden, kamen die Chiemgauer auf die Idee, den Preißn in seiner Wahlheimat Bernau zu würdigen.

 

 

 

 

 

Das war in der Tat eine Tat, weil über ihn ein Stück deutscher Stummfilmgeschichte entdeckt wurde. Gelegen kam den Oberbayern, dass Bonn bereits als Knabe eine außergewöhnliche Verehrung für den bleichen Märchenkönig und seiner Mensch gewordenen Schönheit aufbrachte. In seinen Memoiren Mein Künstlerleben gesteht er 1920 seine Faszination: Als Kind sah ich Ludwig den Zweiten, den königlichen Jüngling vorüberschreiten, göttlich, voll Majestät und Anmut. Hinter goldgleißenden Priestern, die bei der Prozession die blitzende Monstranz in Weihrauchwolken trugen, wandelte er – die menschgewordene Schönheit. Kein Gemälde, kein Drama, kein Naturereignis hat jemals stärker auf mich gewirkt.

 

Dort verrät er schließlich auch, wie sein nicht erhaltener Film Ludwig II. von Bayern ausgesehen haben könnte: Wie die Welt ihn verriet und verwundete und ihn immer einsamer werden ließ, davon sollte der Film erzählen. Wie in meinem Drama wollte ich ihn noch einmal lebendig machen und zusammenfassen den Titanenkampf dieses Märtyrers der Schönheit, der sich in bewussten Gegensatz stellte zu einer Zeit, die die Hässlichkeit auf den Thron erhoben und die rohe Massenwirtschaft als Lebensprinzip verkündet hat. Zu einer Zeit deren Profitgier die Freude zerstört und das Dasein arm gemacht hat an edleren Werten. Einer Zeit, die schließlich jetzt das einzige Volk erwürgen will, in dem noch Ideale leben, das noch einen Geist bewahrt an dem die Menschheit genesen kann, wenn es erst selbst wieder genesen sein wird. Und wenn auch die schwarzen Fittiche des Wahnsinns zum Schluss dies königliche Künstlerhaupt umschattet haben, so hat ein gnädiges Schicksal Ihn durch jähes tragisches Ende bewahrt vor jahrelangem Verdorren und Versumpfen. Auf der Zinne des Lebens und Schaffens folgte der jähe Absturz der uns trotz tiefsten Mitgefühls doch befriedigt und tröstet, da er unsern Helden dadurch zum Sieger werden ließ.

 

Für Bonns Ludwig-Drehbuch mag entscheidend gewesen sein, dass sein Vater Franz (1830-1894) Staatsanwalt am Oberlandesgericht in München war und als Mitglied des Bayerischen Landtags am 26. Juni 1886, zwei Wochen nach dem Tod Ludwigs II. im Starnberger See, den Abgeordneten einen Bericht über die Regentschaft des Königs und die dramatischen Ereignisse der letzten Wochen abliefern musste. Der Ludwig-Film von Bonn konnte bisher nicht aufgefunden werden. Eine Erklärung der im Besitz von Rolf Raffé (1895-1978)befindlichen Indra-Film München aus dem Jahre 1920 könnte Auskunft geben:

 

Der Ferdinand Bonn Film wurde von uns erworben, weil er unseren Film gefährdete. Derselbe wurde von uns, trotz seines hohen Anschaffungswertes bis auf wenige Bilder glatt ausgeschaltet, da sein Inhalt nicht unserer Tendenz und unseren Qualitätsansprüchen nahe kam. Herr Ferdinand Bonn hat nicht den geringsten Einfluß auf den Inhalt und Tendenz unseres Filmes ausgeübt. Im Gegenteil haben wir, wie bereits oben erwähnt, eine vollständig verschiedene Auffassung vertreten, die wir den Aufzeichnungen der Gräfin Marie-Louise Larisch (1858-1940) verdanken. (Wenn wir Herrn Bonn die Rolle des älteren Königs, wie in seinem eigenen früheren Film, übertrugen, so geschah es seiner im obigen Film bewiesenen glänzenden Eigenschaften als Darsteller wegen, die ihm stets Ehre eintrugen.)

 

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