Die 985 Meter lange Rheinstraße zwischen Breslauer Platz (vorher Lauterplatz) und Walter-Schreiber-Platz (vorher Rheineck) war ursprünglich Teil der „Provinzialchaussee Berlin-Potsdam“ bzw. der Reichsstraße 1 (Bundesstraße 1). Im Bereich der Gemarkung Berlin wurde die Trasse Potsdamer Straße genannt. Im Bereich der Schöneberger Gemarkung hatte der Straßenzug die Namen Dorfstraße, Gartenstraße und Potsdamer Straße, die 1881 auf der gesamten Länge in Hauptstraße umbenannt wurden. Der später zu Friedenau gehörende Straßenteil hieß von 1791 bis 1872 Potsdamer Chaussee und von 1872 bis 1875 Schöneberger Straße. Nach der Gründung von Friedenau wurde der Straßenabschnitt (in Erinnerung an den „Friede von Frankfurt“ von 1871) am 22. Oktober 1875 in Rheinstraße umbenannt. Ihre heutige Nummerierung erhielt die Rheinstraße etwa um 1893. Zu Friedenau zählen die Häuser 1 bis 38 und 43 bis 66. Die Häuser 40 bis 42 gehören zu Steglitz.

 

Die Häuser besaßen entsprechend den Carstennschen Plänen einer Landhaussiedlung ursprünglich Vorgärten. 1890 mussten sie mit der Einrichtung der Straßenbahnlinie von Steglitz zum Alexanderplatz weichen. Am 2. Mai 1963 wurde der Straßenbahnverkehr eingestellt. Es entstand der grüne Mittelstreifen, der teilweise in Parkflächen umgewandelt wurde. Seit 2016 gibt es (auf dem Papier) das „Bündnis Pro Straßenbahn“. Es fordert „den zügigen und umweltschonenden Ausbau des Straßenbahnnetzes für ganz Berlin“. Eine Strecke vom Alexanderplatz über Leipziger Straße, Potsdamer Platz und Innsbrucker Platz zum Rathaus Steglitz soll die Buslinien M48 und M85 ersetzen.

 

 

 

C.P.Goerz, 1905. Archiv Barasch

Rheinstraße Nr- 45-46

C. P. Goerz

 

Ohne Ottomar Anschütz kein Carl Paul Goerz. Dieser Zusammenhang ist Müllers Senatskanzlei nicht bewusst. Anschütz hatte den Schlitzverschluss mit kurzen Belichtungszeiten erfunden und Goerz produzierte den „Goerz-Anschütz-Moment-Klapp-Apparat“. Der Senat bewilligte Goerz 1978 ein Ehrengrab, das 1999 um 20 Jahre verlängert wurde. Das Grab von Anschütz wurde 1987 Ehrengrab und 2009 von der Liste gestrichen. Ein Grund könnte am Friedhof liegen. Das Grab von Goerz befindet sich auf dem Friedhof Grunewald und für den ist das Bezirksamt Zehlendorf zuständig. Das Grab von Anschütz ist auf dem Friedhof Stubenrauchstraße - zuständig Bezirksamt Schöneberg.

 

 

Bleiben wir bei Carl Paul Goerz (1854-1923). Er hatte 1886 in Berlin einen Versandhandel für Reißzeuge und Rechenschieber gegründet, der alsbald um Produktion und Vertrieb von fotografischen Apparaten nebst Zubehör erweitert wurde. Dafür brauchte er Platz. In der Rheinstraße Nr. 44 stand direkt an der Straßenfront ein einstöckiges Landhaus aus der Gründerzeit von Friedenau. Im Jahr 1898 setzten die Architekten Waldemar Wendt und Paul Egeling (1856-1937) auf das Grundstück Nr. 46 in erster Baulinie ein viergeschossiges Mietshaus im neogotischen Stil. Genau dahinter, in zweiter Baulinie, ließen Wendt und Egeling im selben Jahr das viergeschossige Fabrikgebäude als Rohziegelpfeilerbau mit großzügigen Segmentbogenfenstern und Schmuckgiebeln entstehen. Das sah schon komisch aus, da die Fläche zwischen Nr. 46 (Mietshaus) und Nr. 44 (Landhaus) unbebaut blieb.

 

Beide Bauten in der ursprünglich als Landhauskolonie gedachten Siedlung waren durch die Bauordnungen von 1887 und 1892 gedeckt, mit denen die Gestaltungsordnungen von Berlin und Vororten über einen Kamm geschert wurden. Interessant ist, dass zur Bauzeit die Gemarkungsgrenze zwischen Steglitz und Friedenau mitten durch das Grundstück Rheinstraße Nr. 44 bis Nr. 46 führte. Die Peschkestraße (einst Straße 25) gehörte ebenso wie die Holsteinische Straße (einst Straße 22 und Straße 26) zu Steglitz. Erst seit der Neuordnung der Verwaltungsgrenzen für die Reichshauptstadt Berlin von 1938 gehören die Gebäude der Optischen Anstalt C. P. Goerz in der Rheinstraße zu Friedenau.

 

In den Jahren zwischen 1899 und 1915 vervollständigten die Architekten Egeling, Wendt, Schmidt, Paeseler und Mitnacht das Goerzsche Areal in mehreren Bauabschnitten. 1899 kam ein Werkstattflügel quer zum Fabrikgebäude, 1901 ein langgestreckter viergeschossiger Klinkerbau mit reichem Dekor im Stil der Märkischen Backsteingotik und zwischen 1905 und 1908 die Hofrandbebauung hinter dem Erstbau bis zur Holsteinischen Straße. Zwischen 1913 und 1915 entstand der fünfgeschossige Verwaltungsbau mit Tonnendach, dem obendrein ein Observatorium aufgesetzt wurde, zeitgleich auf Nr. 44 eine zweigeschossige Werkstatt (heute Tanzschule). Glanzstück der Goerz-Höfe ist zweifellos der 1915 über dem Fabrikbau errichtete 31 Meter hohe verglaste Stahlskelett-Turmbau mit Kranausleger und auskragenden Terrasse – damals notwendig für den Test von Fernrohren und Entfernungsmessern.

 

Noch während des Ersten Weltkriegs wurde ein modernes Fabrikgebäude in Eisenbetonkonstruktion in Schönow am Zehlendorfer Stichkanal errichtet – mit Hafen und Eisenbahnanschluss (Goezbahn). Ab 1918 wurden dort 12.000 Mitarbeiter beschäftigt – ausschließlich für militärische Produkte.

 

Der Aufstieg der Firma C. P. Goerz wäre ohne die Aufträge des Preußischen Kriegsministeriums nicht möglich gewesen. Goerz stellte zwar Kameras her, Westentaschen-Kamera TENAX, Klapp-Kamera ANGO, auch Entfernungsmesser und Linsenfernrohre für Sternwarten, aber auch Periskope und Scherenfernrohre, mit deren Hilfe aus Bunkern, Schützengräben und U-Booten Ausschau gehalten werden konnte. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Versailler Vertrag kam das Geschäft zum Erliegen. 1926 wurde die „Optische Anstalt C. P. Goerz“ von der „Zeiss Ikon AG Dresden“ übernommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es dann die „Zeiss Ikon AG Stuttgart“ und den „VEB Zeiss Ikon Dresden“, der später mit dem Namen „VEB Pentacon Dresden“ versehen werden musste.

 

Die Immobilie „Goerz-Höfe“ ging 1961 in den Besitz der „Becker & Kries Holding GmbH & Co. KG“ über. Sie wurde restauriert. Heute stehen 161 m² Wohnfläche und 21.009 m² Gewerbefläche von 20 bis 1005 m² zur Verfügung. Die Vermietung bereitet offensichtlich keine Sorgen. 70 Mieter soll es geben, darunter Ingenieure, Architekten, Verlage, Agenturen, Designer, Vertreter und Studios für Sport, Tanz, Theater.

 

Kaisereiche, 1900

Kaisereiche

Gustav Schenck

 

Ist es die erste, die vierte oder gar die fünfte Eiche? So ganz klar ist das nicht. Einigermaßen belegt ist, dass die erste 1873 von Gustav Schenck gepflanzt wurde. Da sie „nach wenigen Tagen von ruchloser Hand durchschnitten“ wurde, setzte er sogleich eine neue. Diese zweite ging ein. 1879 wurde eine dritte gesetzt und Kaiser Wilhelm I. gewidmet – die Kaisereiche. 1883 soll eine Nachpflanzung vorgenommen worden sein – die vierte Eiche? Unmittelbar neben dem Baum wurde das Eckhaus Rheinstraße/Illstraße von Weltkriegsbomben zerstört. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass dieses Exemplar nicht überlebt hat und nach dem Krieg ersetzt wurde. Die fünfte „Kaisereiche“?

 

 

Der einst halbkreisförmige Platz vor Mosel-, Saar- und Illstraße soll „Rondell“ genannt worden sein. Auf den gängigen Plänen von anno dazumal gibt es dafür keinen Hinweis. Eingebürgert hat sich die Bezeichnung „Kaisereiche“ – schon zu Zeiten der Straßenbahn, die hier in Richtung Friedenauer Brücke abbog. Die BVG hat den Begriff „Kaisereiche“ für die Bushaltestelle übernommen.

 

Es ist nicht mehr als recht und billig, ein bisschen bei Gustav Schenck (1830-1905) zu verweilen. Der Berliner folgte dem Werben von Grundstücksspekulant David Born und erwarb im „Wilmersdorfer Oberfeld“ ein Doppelgrundstück. Im März 1873, also noch vor der eigentlichen Gründung von Friedenau, bezog er auf dem Doppelgrundstück Ringstraße Nr. 33/34 (Dickhardtstraße) sein Landhaus und gehörte damit zu den ersten Siedlern. Obwohl nicht nur in den Adressbüchern von 1873 bis 1886 als Eigentümer immer „Schenck“ mit „ck“ aufgeführt ist, wurde in der gesamten bisher erschienenen Friedenau-Literatur sein Name ohne „c“ (ab)geschrieben.

 

So ganz durchdacht war sein Umzug nach Friedenau wohl nicht. Gustav Schenck war Redakteur beim „Berliner Fremden- und Anzeigeblatt“ mit Sitz in der Wilhelmstraße Nr. 75. Das Unternehmen gehörte der Verlegerdynastie Decker, die von 1763 bis 1816 als preußische Hofbuchdrucker nicht nur das Monopol für amtliche Drucke besaß. Die „Königliche Geheime Oberhofbuchdruckerei (R. v. Decker)“ gab auch die „Allgemeine Preußische Zeitung“ und den „Königlich Preußischen Staats-Anzeiger“ heraus. Im Verlag erschienen auch die Werke von Theodor Fontane, darunter die höchst fragwürdigen Titel „Der Schleswig-Holsteinische Krieg“ (1866), „Aus den Tagen der Occupation“ (1871) und „Der Krieg gegen Frankreich“ (1873).

 

Das politisch farblose „Berliner Fremdenblatt“, für das Gustav Schenk zuständig war, hatte eine Auflage von 40.000 Exemplaren. Was dort wiedergegeben wurde, wäre heute aus Datenschutzgründen nicht mehr möglich. Historiker bedauern das, weil Recherchen damit immer schwieriger werden. Die Lektüre dieser „Mitteilungen“ ist köstlich. Informiert wurde über „Fremde in Berlin“. Bei den „Angekommenen“ wurden neben Namen und Titeln Herkunftsort und Unterkunft angeführt, bei den „Abgemeldeten“ das Reiseziel. Obwohl die Abkürzungen manchmal auch unverständlich sind, sollen – „aus Freud an der Sach“ – einige Beispiele aufgeführt werden:

 

„I. Angemeldete Fremden vom 23. Februar 1826. Den 22. Febr.: Fr. Bar. v. Blome, Stiftsdame, a. d. Holsteinischen u. d. K. Russ. Gen. Maj. u. Gen. Adj. v. Strekaloff a. d. Haag, St. Rom; Hr. Landrath v. Wedell-Parlow a. Greiffenberg, s.g. Adl. i.d. Hause; Hr. Gutsb. Bar. v. Platen a. Benzig ... u. Hr. Part. v. Waldow a. Potsdam, s. H.d.Prusse;

II. Abgemeldete Fremden vom 23. Februar 1826: Den 21. Febr.: Herr Gutsd. v. Massow n. Treten ... Hr. Part. v. Pfuhl n. Calau; Hr. Gutsb. v. Diedrichs n. Potsdam; ... Den 22.: Hr. Gutsb. v. Graevenitz n. Halle; d. Hrn. Ltns. v. Winnung n. Glogau u. v. Brause n. Leipzig.“

 

Die Auskünfte wurden mitunter sehr unterschiedlich verarbeitet. Im Jahr 1848 hieß es: „Hotel Stadt London: v. Bergern, Partikulier aus Wesel; Meinhardt`s Hotel: Frhr. v. Fabrice, Rittergutsbesitzer, und Frfr. v. Fabrice aus Dresden; Rittergutsbesitzer v. Bülow aus Schwerin und v. Klitzing aus Grasse; Mylius-Hotel: v. Bülow, Partikulier aus Aschersleben; Hotel de France: v. Münchhausen, Partikulier aus Magdeburg. In Privathäusern: Baron v. Spilcker aus Stade, Puttkamerstr.1 bei v. Spilker; Frau v. der Ahi aus Woldenberg, Stallschreiberstr.59 bei v. Jangow“.

 

Nach dem Tod von Verleger Rudolf Ludwig Decker (1804-1877) wurde die „Königliche Geheime Oberhofbuchdruckerei“ aufgeteilt. Das Deutsche Reich kaufte 1877 die Druckerei, aus der später die Reichs- und Bundesdruckerei wurden. Den Verlag erwarben Redakteur Gustav Schenck und Buchhändler Otto Marquardt. Sie firmierten fortan als „R. von Decker, Marquardt & Schenck“ Berlin. „Da mich mein Berliner Beruf immer mehr in Anspruch nahm“, musste Schenck Friedenau wieder in Richtung Berlin verlassen. Sein Haus in der Ringstraße (später Dickhardtstraße) erwarb 1888 der Kaufmann Julius Möller, Mitinhaber der Berliner Hufnagelfabrik Möller & Schreiber.

 

Nach 1890 hat Schenck unweit der Bahnstation Werder an der Havel und direkt am See Grundstück und Villa Am Zernsee Nr. 5 erworben. Dort starb Gustav Schenck „nach langem, schwerem Leiden“ am 27. März 1905. Die Witwe Bertha geb. Schunke ließ ihn auf dem Friedhof der Jerusalems- und Neuen Kirche an der Bergmannstraße in Kreuzberg begraben. Über das Ende des „Berliner Fremdenblatt“ sind die Angaben vage. Geblieben ist seine Idee – die „Kaisereiche“ in Friedenau.

 

 

Todesanzeige Albert Hirt. Friedenauer Lokal Anzeiger, 1905

Rheinstraße Nr. 16

Albert Hirt und die Adler-Apotheke

 

Wer in Friedenau ein Baugrundstück erwarb, suchte die Ruhe und möglichst eine große Distanz zur Chaussee, die Berlin mit Potsdam verband. So kam es, dass zehn Jahre nach der Gründung von Friedenau die Rheinstraße noch ziemlich unbebaut war. Wenn Häuser entstanden waren, dann konzentrierte sich das auf die Ecken an der Schmargendorfer Straße und an der Kaisereiche. Beiderseits der Kreuzung von Chausseestraße (Schmiljanstraße) und Saarstraße waren zwischen 1891 und 1893 die viergeschossigen Mietwohnhäuser mit Vorderhaus nebst Ladenzone, Seitenflügel und Quergebäude Rheinstraße Nr. 16-20 entstanden. Geblieben sind die gelb-roten Ziegelbauten der Häuser Nr. 17-20.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rheinstraße Nr. 16 wurde von Bomben getroffen, später abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt. 1893 war dort als Eigentümer Albert Hirt eingetragen. Er war der Sohn von Julius Franz Hirt (1811-1882), dem höchsten Richter im Fürstentum Reuß-Gera, der mit Louise Francisca geb. Raithel (1814-1881) verheiratet war. Das Ehepaar hatte sieben Kinder, darunter der am 5. April 1849 geborene Albert Hirt. Er wurde Apotheker und erhielt 1893 die Lizenz für die Adler-Apotheke in der Rheinstraße Nr. 16. Kurz danach trat er in den 1877 gegründeten „Krieger- und Landwehr-Verein Friedenau“ ein, in dem er es bis zum Kgl. Ober-Apotheker der Landwehr brachte. 1896 ließen die deutschen Kriegerverbände das Denkmal am Kyffhäuser errichten, in dessen Höhle der Sage nach Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) schläft und nur darauf wartet, das Reich zu neuer Herrlichkeit zu führen.

 

Es war die Zeit der Denkmale. 1895 hatte Kaiser Wilhelm II. verkündet, im Tiergarten eine Siegesallee mit 32 Marmor-Standbildern der Fürsten Brandenburgs und Preußens von „seinen“ Bildhauern schaffen zu lassen. Akademiemitglied Reinhold Begas prophezeite, dass seine Kollegen „von der handwerksmäßigen Technik kaum eine Ahnung haben, da sie ja nur Modelleure sind“, und jedes Modell daher zum Steinmetz wandern musste“. Da schlug die Stunde von Valentino Casal. Der mit einer Ostpreußin verheiratete Italiener hatte in Carrara den Umgang mit Marmor gelernt, konnte mit dem Punktierkreuz die Maße vom Gipsmodell auf den rohen Stein übertragen, beherrschte Konturieren und Ziselieren, und wusste die Qualitäten von Statuario, Bianco und Ordinario zu unterscheiden.

 

Casal hatte 1899 das große Grundstück von der Wilhelmstraße Nr. 7 (heute Görresstraße) bis zur Bachestraße Nr. 10 erworben. Dort ließ er ein Haus für seine Familie und eine Reihe von Ateliers errichten – das „ATELIER V. CASAL“. Zwischen 1899 und 1901 entstanden in diesem Bildhauerhof elf von 32 Monumenten für die Siegesallee. Valentino Casal stand als Steinmetz und Bildhauer in der Gunst von Kaiser Wilhelm II, der sich in Friedenau immer wieder sehen ließ und die Gegend schließlich als „Klein-Carrara“ bezeichnete. Casal gehörte fortan zur „Friedenauer Gesellschaft“.

 

1903 verkaufte der erst 54-jährige Hirt die „Adler-Apotheke“ in der Rheinstraße Nr. 16 an den Apotheker Paul Sadée. Mit dem Erlös erwarb er von der Witwe G. Hildebrand die vor 1890 errichtete Landhausvilla in der Wielandstraße Nr. 15. Schon zwei Jahre später verstarb Albert Hirt am 26. November 1905. Vier Tage nach Totensonntag wurde er auf dem Friedhof Stubenrauchstraße begraben. Der „Friedenauer Lokal Anzeiger“ berichtete: „Dem Zuge, der sich von der Wohnung Wielandstraße Nr. 15 aus bewegte, ging der Krieger- und Landwehrverein, dessen Mitglied der Verstorbene war, voraus. Die Trauermusik führte die Schützengilde aus. Außer den Familienangehörigen hatten sich eine große Anzahl Leidtragender dem Trauerzuge angeschlossen. Äußerst unangenehm berührte es, dass durch unverzeihliche Nachlässigkeit des Berliner Fuhrherrn, der den Leichenwagen stellte, das Trauergefolge eine volle Stunde unnütz der Kälte ausgesetzt war; allgemein war man mit Recht über die unerhörte Unpünktlichkeit dieses auswärtigen Fuhrunternehmers entrüstet.“

 

Es lag nahe, dass Valentino Casal von der Familie gebeten wurde, das Grabmal zu gestalten. Er entwarf ein Wandgrab, verkleidete es mit Marmor und stellte das Ganze auf einem Granitsockel. In den erhöhten Mittelteil wurde eine flache Rundbogennische eingearbeitet und dazu eine Engelsfigur aus Carrara-Marmor gestellt. Die Inschriften auf dem Grabstein sind verwittert und heute nur noch unvollständig zu entziffern:

 

„Apotheker Albert Hirt (*5. April 1849; †26. November 1905) und seine Ehefrau Marie Hirt geb. Bräunlich (*2. Juli 1863; †23. Februar 1930), die Töchter Gabriele Hirt (*3.Juli 1897; †11. Juli 1958) und Charlotte Hirt (*1.Mai ?; †19. November ?) sowie Tochter Ruth Heilgendorff (Fotografin) geb. Hirt (*11. März 1894; †28. Januar 1965) und ihr Ehemann Fritz Heilgendorff (*9. Juli 1880; †26. Februar 1957).“

 

Das Wandgrab Hirt ist als „Grabmalkunstwerk“ eingestuft. Das Nutzungsrecht wird noch heute von der Familie wahrgenommen. Auf der Grabfläche ist inzwischen ein quadratischer Stein mit Inschriften hinzugekommen: „Waldtraut Unsoeld geb. Große, 1918-2009“ und „In Memoriam Jakob und Martha von Leitis“. Da wir diese Namen nicht einordnen konnten, führten uns die Recherchen zu „Gregorij H. von Leitis“. Er ist der Sohn von Charlotte Hirt und damit der Enkel von Albert Hirt. Der „Theatermann“, der 1983 in New York die „Elysium Theater Company“ und 1985 die „Erwin Piscator Award Society“ gründete, klärte auf: „Da die Linie von Landgerichtspräsident Franz Hirt ausgestorben wäre, nahmen Mutter Charlotte Leitis geb. Hirt und Sohn Gregorij den Namen Hirt zusätzlich auf“- daher das „H.“ Bei der 2009 verstorbenen Waltraud Unsoeld handelt es sich um seine Cousine.

 

Die Landhausvilla in der Wielandstraße Nr. 15 blieb bis 1930 im Besitz der Witwe Marie Hirt. Nach ihrem Tod sind von 1931 bis 1943 die Gymnastiklehrerin Charlotte Hirt und die Kindergärtnerin Gabriele Hirt als Besitzerinnen eingetragen. Die spätere Alleinerbin Gabriele Hirt, die vor dem Weltkrieg in der Wielandstraße einen Kindergarten betrieb, hat das Anwesen Ende der 1950er Jahre verkauft haben. Ab 1959 lautet ihre Adresse Homburger Straße Nr. 21 in Wilmersdorf, der Wohnung von Fritz und Ruth Heilgendorff geb. Hirt.

 

Um die Geschichte der Adler-Apotheke zu einem guten Ende zu bringen, sei der Friedenauer Antiquar Rüdiger Barasch zitiert: Die Apotheke wurde 1903 von Paul Sadée (der Name weist auf hugenottische Herkunft) übernommen und blieb siebzig Jahre im Familienbesitz. Sadée war langjährig als Gemeindeschöffe und Gemeindeältester tätig. Eine „important person“ im politischen Geschehen der expandierenden ehrgeizigen Kommune. Welcher Richtung er zugehörte, zeigt folgendes schnuckeliges Curosium: Dieses handgearbeitete Pillenschächtelchen, geziert mit dem reichsdeutschen Kaiseradler wurde noch (siehe Aufschrift per Hand) anno 1950 an Kunden/Patienten ausgegeben. Nach Weltkrieg I, Inflation, Weltkrieg II, Besatzung, Gründung der BRD/DDR. Selige Insellage Berlin-West: Kaiserreiche & Systeme kommen & gehen, nützliche Schächtelchen bleiben bestehen. Ein anrührender wie seltener Kontinuitätsbeitrag wird hier geliefert! Museumswürdig! In Treue fest zum harmlos dienenden Ding“.

 

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