Name seit dem 27.3.1909. Die Häuser Nr. 1-17 und Nr. 60-77 gehören zu Friedenau, die übrigen zu Wilmersdorf. Der Mittelstreifen wurde einst für die Straßenbahn der Linien O nach Kupfergraben und 69 nach Friedrichsfelde über Bayerischer Platz, Nollendorfplatz, Spittelmarkt und Alexanderplatz genutzt.

 

 

Südwestkorso mit Sintflutbrunnen, 1910. Archiv Barasch

Südwestkorso Nr. 64

 

„Keine dreißig Wochen wird das Kleine Theater am Südwestkorso überleben“, prophezeite der Theaterkritiker Dietrich Steinbeck (1937-2011) nach der Eröffnung am 14. November 1973 im SFB (Sender Freies Berlin). Sein Kollege Friedrich Luft (1911-1990) vom RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) war anderer Meinung: „Lassen Sie sich vom schlechterzogenen Wotan (so nannte er Steinbeck) nicht herunterkriegen! Dieses Haus hat Zukunft.“ Er behielt Recht, obwohl die Spatzen Jahr um Jahr von den Dächern pfiffen, dass es um die Finanzen des Etablissements gar nicht so gut bestellt war.

 

Das Doppelhaus Ecke Südwestkorso und Taunusstraße wurde 1910/11 nach Plänen des Architekten Franz Helding errichtet. Es besteht aus zwei aufeinanderstoßenden Bauten, die mit einem Zwischenbau verbunden sind. Dort entstand ein Raum, in den 1956 die Korso-Lichtspiele einzogen. Als das Kino 1973 dichtmachte, erfüllten sich die Dramaturgin Sabine Fromm (1946-2001) und der Regisseur Pierre Badan (geboren 1942) einen Lebenstraum, das eigene Theater.

 

Aller Anfang ist schwer. Die Idee war gut, aber Friedenau war kein Theaterstandort. Kurzum, es musste geholfen werden. Da fügte es sich, dass sich die Berliner Festwochen im Jahr 1977 die Zwanziger Jahre vorgenommen hatten. Veranstalter war die Berliner Festspiele GmbH, gegründet 1967, finanziert von der Bundesrepublik Deutschland und dem Land Berlin. Geld spielte auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges (fast) keine Rolle. Berlin musste Schaufenster des Westens sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

Zwanziger Jahre, das war auch Kabarett, Chanson, Sketche, Rezitation und anderes mehr, das war Solo, Duo, Trio, mit und ohne Musik, geringer Aufwand, intime Atmosphäre. Das „Kleine Theater am Südwestkorso“ in Nr. 64 mit 99 Plätzen (und Bar) lieferte den Raum für Künstler, denen der Erfolg noch bevorstehen würde. Einen Monat lang gab es Festwochen-Gastspiele in Friedenau. Und das Publikum kam in Scharen. Sabine Fromm sorgte für zusätzliche (nicht genehmigte) Klappstühle, verlegte ihren Ausschank in den Vorgarten – die Nächte am Südwestkorso waren ziemlich lang.

 

Die Katakombe Frankfurt servierte das Tucholsky-Porträt eines Demokraten und Walter Mehrings Golden Twenties. Ernst Schwitters entwickelte mit MERZ noch einmal das dadaistische Gesamtweltbild seines Vaters Kurt. Der Satiriker Dietrich Kittner erwies sich mit seiner Erich-Weinert-Revue als würdiger Erbe seines großen Vorbildes. Aus Wien brachte Lore Krainer ihre Kabarettlieder mit. Susan Avilés und Peter Ludwig kamen mit den Schöpfungen von Peer Raben und Rainer Werner Fassbinder. Die Schweizer Schauspielerin Silvia Jost kredenzte Lieder und Texte von Kurt Tucholsky, eigentlich aber Faux Pas de Deux, jenes Programm, das sie mit ihrem damaligen Lebenspartner Hanns Dieter Hüsch kreiert hatte. Der Steiermärker Wolfram Berger brillierte mit Sketchen des Wortzerklauberers Karl Valentin. Carola Regnier nahm sich zusammen mit dem Gitarristen Leonard Regnier die sittenwidrigen Lieder ihres Großvaters Frank Wedekind vor. Susanne Tremper, deren Stimme mit der Synchronisation von Walt-Disney-Filmen bekannt geworden war, gab nun nicht mehr Schneewittchen oder Bambi, sondern die Gassenhauer von Claire Waldoff zum Besten. Und dann gab es noch Klaus Hoffmann, damals Geheimtipp der Szene, der in seinen Chansons über das geteilte Berlin immer wieder Fragen stellte: Was fang ich an in dieser Stadt?

 

Ein bisschen waren die Festwochen von 1977 daran beteiligt, dass Künstler und Theater bekannt(er) wurden. Jahre später gelang dem Kleinen Theater am Südwestkorso ein Dauerbrenner: „Das Küssen macht so gut wie kein Geräusch“. Die musikalische Revue durch 100 Jahre Berliner Geschichte erlebte zwischen 1986 und 1994 insgesamt 2222 Vorstellungen. Mittlerweile besteht die Bühne über 40 Jahre, allerdings, nach dem frühen Tod der Prinzipalin Sabine Fromm, unter neuer Leitung. Gemacht wird das, was hier immer gemacht wurde – Nischentheater. (Website http://kleines-theater.de).

 

 

 

 

Berliner Festwochen 1977 im Kleinen Theater am Südwestkorso

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