Name seit dem 22. Oktober 1875, vorher seit 1872 Bahnstraße. Die Straße, die ab 1874 zur Wannseebahn und zur Station Friedenau führte, gehörte zu den ersten Straßen in Friedenau. Um Verwechslungen mit Schöneberg zu vermeiden, wurde die Straße in Saarstraße umbenannt. Mit der Zugehörigkeit einzelner Grundstücke ging es lange Zeit hin und her. Mal gehörten sie zur Mosel-, Ring- oder Rheinstraße, mitunter auch zu Schöneberg. Aktuell gehören die Häuser Nr. 1-9 und 13-21 zu Friedenau, das Haus Nr. 11A zu Steglitz.

 

Mit dem „Friede von Frankfurt“ wurden Elsass und Lothringen 1871 dem Deutschen Reich angegliedert. Die Gemeinde „würdigte“ diesen Akt mit der Umbenennung in Saarstraße. Dieser Fluss schlängelt sich als Sarre durch Frankreich, als Sarr durch Luxemburg und mündet als Saar in die deutsche Mosel.

 

Die Saarstraße war von Anfang an eine gefragte Adresse. Je weiter man an die Trasse von Stamm- und Wannseebahn heranbaute, je besser war die Aussicht auf den in der Niederung liegenden Ortskern. Die Gemeindemitarbeiter Rechnungsrat Wilhelm Fröauf und Kanzleirat Ludwig Blankenberg waren seit 1874 Eigentümer der Häuser Saarstraße (Bahnstraße) Nr. 3 bzw. Nr. 4. Damals waren im Liegenschaftskataster gerade mal zwölf Anwesen eingetragen. Der Aufschwung von Friedenau hielt an. Im Jahr 1885 waren schon 31 Grundstücke registriert. Eine neue Hausnummerierung war erforderlich. Aus Nr. 3 wurde Nr. 14 und aus Nr. 4 die Nr. 15.

 

Mit den Bauordnungen von 1887 und 1893 konnten Landhäuser aus der Gründerzeit abgebrochen, Grundstücke geteilt und darauf mehrstöckige Mietswohnhäuser errichtet werden. Der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ beklagte am 20. Mai 1901, dass „die Saarstraße im nächsten Jahr ihren Charakter als Villenstraße wohl gänzlich verlieren wird.“ Es wurde verkauft, hinzugekauft, abgerissen und neugebaut. Im Jahr 1903 hat die Gemeinde die Hausnummerierung noch einmal verändert. Homuth war plötzlich Eigentümer von Saarstraße Nr. 8-10 und Saarstraße Nr. 14. Das Anwesen von Kanzleirat Blankenberg (Nr. 4) gehörte nun den Blankenberg’schen Erben bekam die Nr. 5. Nr. 15 war nun als Mietswohnhaus mit neun Parteien ausgewiesen. Eigentümer von Saarstraße Nr. 14 war Johannes Homuth.

 

In sechs Jahren wird Friedenau sein 150-jähriges Bestehen als Gemeinde feiern. Es ist an der Zeit, sich gründlich mit der Geschichte dieses Vororts zu beschäftigen.

 

 

Saarstraße 14. Foto H&S

Saarstraße Nr. 14

Luise & Karl Kautsky-Haus

 

Die Recherche über die heutige Saarstraße Nr. 14 bereitet Probleme. In der relevanten Friedenau-Literatur der Jahre 1996, 2000 und 2007 heißt es, dass „das freistehende Landhaus Saarstraße 14 im Jahr 1884 von dem Architekten W. Spieß für Johannes Homuth errichtet wurde“. Das Erbauungsjahr ist fragwürdig. Der bisherige „Geheime Registrator“ des Preußischen Ministeriums Johannes Homuth (1839-1922) zog 1881/82 von Berlin Lothringerstraße Nr. 19 nach Steglitz Körnerstraße Nr. 3, trat seinen Dienst als Kanzleirat in der Gemeindeverwaltung von Friedenau an und erwarb das Grundstück Saarstraße Nr. 17. Im Adressbuch von 1884 ist noch Körnerstraße Nr. 3 angegeben, allerdings mit den Anmerkungen „ab 1. April 1885 Saarstraße Nr. 17“ und „Geh. z. Ringstr. 33-34“ – dieses wiederum im Besitz vom Redakteur des „Berliner Fremden- und Anzeigeblatt“ Gustav Schenck (1830-1905). 1886 ist Homuth offiziell als Eigentümer der Saarstraße Nr. 17 eingetragen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei dem Architekten W. Spieß kann es sich eigentlich nur um den Zimmermeister Wilhelm Spieß handeln, der 1884 Mitinhaber des Baugeschäfts Kreuschmer & Co. in der Rheinstraße Nr. 8 wurde. Kreuschmer und Spieß reagierten beim Bau auf die „Sünden“ der Gründerjahre. Der „Putzbau“ hatte sich nicht bewährt, da die Fassaden der Wetterseite alsbald Schäden aufwiesen. Da inzwischen rings um Berlin diverse Hoffmann‘sche Ringöfen wetterfeste Ziegel herstellten, wurde die Außenfront mit gebrannten gelben Sichtziegel hochgemauert, die aus der Ziegelei Glindow stammen dürften. „Garniert“ wurde das Haus mit spätklassizistischem Dekor. Im Innern zeugen die noch heute vorhandenen Holzarbeiten (Treppen, Geländer, Dielen, Fenster, Türen, Ziergiebel) für bestes Handwerk. Homuths Haus behielt bis 1891 die Adresse Saarstraße Nr. 17.

 

Mit den Bauordnungen von 1887 und 1893 konnten Landhäuser aus der Gründerzeit abgebrochen, Grundstücke geteilt und darauf mehrstöckige Mietswohnhäuser errichtet werden. Der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ beklagte am 20. Mai 1901, dass „die Saarstraße im nächsten Jahr ihren Charakter als Villenstraße wohl gänzlich verlieren wird. Herr Bauunternehmer Stöckel hat bekanntlich schon lange das Kriegelsche Grundstück, Ecke Ring- und Saarstraße Nr. 15, gekauft und das daneben liegende Grundstück (Saarstraße Nr. 20) jetzt hinzugekauft. Die Häuser dieser Grundstücke sollen Michaeli abgerissen werden und Neubauten Platz machen. Ferner hat Herr Lichtheim sein Grundstück Saarstraße Nr. 12 an einen Bauunternehmer in Steglitz für 850 M. die Ruthe verkauft. Auch hier werden Neubauten entstehen. Herr Geh. Kanzleirath Homuth hat sein Grundstück Ecke Saar- und Fregestraße schon im Winter verkauft und jetzt wird dort ausgeschachtet. Wenn hier der Hochbau fertig sein wird, glauben wir, wird Herr Homuth sich nicht mehr heimisch fühlen und sein altes trautes Heim dann auch wohl verkaufen“. Gemeint kann damit nur das Grundstück Saarstraße Nr. 8-10 sein, dass Homuth 1893 erworben hatte. Nach den Akten hatte er damals allerdings nur Nr. 8 verkauft.

 

Auf Grund dieser Bautätigkeiten war die Gemeinde gezwungen, 1903 eine neue Hausnummerierung vorzunehmen. Nun gab es das Mietswohnhaus Saarstraße Nr. 15 mit neun Parteien und als Saarstraße Nr. 14 das Haus Homuth. Es blieb bis 1928 nachweislich im Besitz der Familie Homuth.

 

Für Irritationen in der Saarstraße sorgt der Geheime Rechnungsrat Wilhelm Fröauf (1814-1899). Wir geben unsere bisherigen Recherchen mit der Hoffnung weiter, in dieser Angelegenheit abschließend neue Erkenntnisse zu erzielen.

 

Fröauf hatte 1874 die Adresse Bahnstraße Nr. 3, aus der 1875 Saarstraße Nr. 3 wurde. 1885 wurde aus der Nr. 3 die Nr. 14. Der 78-jährige Fröauf verkaufte 1891/92 sein Grundstück und zog in die Steinmetzstraße Nr. 2. Die Liegenschaft wurde offensichtlich in Nr. 13 und Nr. 14 aufgeteilt. Eigentümer für beide Anwesen wurde der Buchdruckereibesitzer Albert Mann. Von 1894 bis 1900 wird für Nr. 13 und Nr. 14 als Eigentümer Ingenieur Gerson (später das „Patentbureau Gerson & Sachse“) genannt. Nr. 13 geht 1901 in den Besitz von Fabrikant Klemme.

 

Eigentümer des 1901 unter Saarstraße Nr. 14 aufgeführte Grundstücks ist laut Adressbuch Rendant K. Lehment mit acht Mietern, darunter „Redacteur Karl Kautsky“ und Ehefrau Luise geb. Ronsperger (1864-1944) nebst Söhnen Felix (1891-1953), Karl (1892-1978) und Benedikt (1894-1960) Saarstraße Nr. 19. Da Rosa Luxemburg 1899 nach Friedenau gezogen war (erst Wielandstraße Nr. 23, dann Cranachstraße Nr. 53) kann es durchaus sein, dass es schon in dieser Wohnung politische Gespräche zwischen Kautsky und Luxemburg gegeben hat.

 

1903 ist in der Saarstraße wieder alles ganz anders. Homuth erscheint unter Saarstraße Nr. 14 und Lehment ist Eigentümer von Saarstraße Nr. 19 weiterhin mit acht Mietern, darunter die Familie Kautsky. 1908 zogen die Kautskys in das gerade fertiggestellte Mietswohnhaus Niedstraße Nr. 14. Hier fand Rosa Luxemburg (1871-1919) mitunter Zuflucht, wenn sie sich während ihrer heimlichen Liaison mit dem vierzehn Jahre jüngeren Kostja Zetkin (1885-1980) vor den Eifersuchtsattacken „ihres Mannes“ Leo Jogiches (1867-1919) retten musste.

 

1929 erwarb der Malermeister Hans Walldorf das Anwesen Saarstraße Nr. 14. Er setzte den Anbau zwischen Nr. 14 und Nr. 13 durch. Zur Saarstraße entstand eine Garage und im schmalen Hinterhof ein „Schuppen“. Laut Adressbuch war Walldorf bis 1954 Eigentümer. Die Eigentumsverhältnisse für die Jahre danach sind unklar. Im „Grundbuch von Friedenau, Blatt 1872“ finden sich nach dem Zweiten Weltkrieg folgende Eintragungen:

 

„1. Frau Elisabeth Batzer in Berlin, neu eingetragen ohne Eigentumswechsel am 21.09.1999;

2. Ursula Bußmann geb. Kreetz, geb. am 08.08.1921, Erbschein, eingetragen am 20.01.2000;

3. Hans Bußmann, geb. 14.02.1917, Erbvertrag, eingetragen am 14.09.2004;

4. Martina Saddey, geb. 19.07.1963, Auflassung (Übereignung), eingetragen am 26.11.2004;

5. Zeltlagerplatz e. V., Bonn, Auflassung (Übereignung) vom 02.10.2009, eingetragen am 24.11.2009.“

 

Der gemeinnützige Verein „Zeltlagerplatz“ ist der Vermögensträger der „Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken“, in dessen Besitz sich in Deutschland 29 Zeltlagerplätze nebst Immobilien von Schwangau in Bayern bis zur Insel Föhr in Schleswig-Holstein befinden. 2009 konnte der Verein das Anwesen Saarstraße Nr. 14 erwerben. Der Architekt Martin Beisenwenger übernahm Umbau und Modernisierung des denkmalgeschützten dreigeschossigen Landhauses. Am 12. März 2011 wurde das „Luise & Karl Kautsky-Haus“ als Bildungs- und Begegnungsstätte und Sitz der SJD-Bundesgeschäftsstelle eröffnet.

 

Wer sich die Fotos von vorher ansieht und das Haus heute außen und innen betrachtet, kann dem Architekten nur Hochachtung zollen. Was er bei einer Geschossflächenzahl von 604 m² geschickt untergebracht hat, nötigt Respekt ab, weil all das heute Erforderliche und Vorgeschriebene eingebracht und dabei das ehrwürdige Haus respektiert wurde. Ob die steilen Stufen im Treppenhaus, Geländer, Fenster, Türen oder an der Straßenfront der Ziergiebel im „Schweizer Stil“, alles wurde umsichtig restauriert – selbst das „Bidet“ von anno dunnemals wurde erhalten. Auf den vorhandenen Flächen im Innern wurden Seminarräume, Ausstellung und Bibliothek untergebracht.

 

Das Land Berlin und das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, von den Sozialdemokraten dominiert, haben dem Projekt jegliche finanzielle Beteiligung verweigert. Es kam noch ärger: Als das „Luise & Karl Kautsky-Haus“ darum bat, den direkt vor den Hauseingang gesetzten Parkscheinautomaten zu versetzen, weil er auch die Gedenkstelle für Luise und Karl Kautsky verdeckt, teilte das Bezirksamt mit, dass „eine Verlegung ca. 1800 € kosten würde und dieses Geld von der Verwaltung nicht aufgebracht werden kann“. Die Genossen im Rathaus Schöneberg seien daran erinnert, dass die SJD (Sozialistische Jugend Deutschlands) Nachfolger der „Sozialistischen Arbeiter Jugend“ (SAJ) ist, die 1922 während der Weimarer Republik nach dem Zusammenschluss von SPD und USPD gegründet und 1933 von den Nazis verboten wurde. Nachdem die Alliierten parteiungebundene Jugendgruppen zugelassen hatten, wurde 1946 der Grundstein für die „Falken“ gelegt.

 

 

Dokumentation Luise & Karl Kautsky Haus. Quelle: A-plan Beisenwenger

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In der Dokumentation „Denkmale in Berlin, Ortsteil Friedenau“, erarbeitet von Peter Lemburg, Gabriele Schulz und Dietrich Worbs, erschienen im Verlag Willmuth Arenhövel, Berlin 2000, werden weitere Baudenkmale der Saarstraße gewürdigt.

 

 

Am südöstlichen Ende der Saarstraße stehen drei Baudenkmale: ein Rohziegel-Landhaus aus der ersten Bauphase von Friedenau und zwei bemerkenswerte Reformmietshäuser aus der Zeit um 1910. Das viergeschossige Eckhaus Dickhardtstraße 42-43/Saarstraße 7 wurde 1909/10 nach Plänen des Architekten Richard Preuß errichtet. Das Haus hat zwei Eingänge: an der Dickhardt- und an der Saarstraße. Die Baumasse und die Straßenfassaden des Doppel-Mietwohnhauses sind asymmetrisch aufgebaut und gegliedert. Beide Fassaden sind durch deutlich unregelmäßig angeordnete breite Erker mit hohen Quergiebeln vor dem Mansarddach akzentuiert. An die Erker sind offene und geschlossene Loggien angefügt. An der Saarstraße verstärkt ein weiterer schmalerer Erker mit kleinem Turmhelm die Asymmetrie. Die beiden Hauseingänge eröffnen kleine holzvertäfelte Vestibüle, die Treppenaufgänge erschließen jeweils zwei Wohnungen pro Geschoss. Das Haus gehört zum Berliner Reformmietshausbau und erinnert an Mietwohnhäuser von Albert Geßner, etwa an die Einküchenhäuser in der Wilhelmshöher Straße.

 

Das viergeschossige Nachbarhaus Saarstraße 8 auf hohem Souterrain wurde 1908/09 nach den Plänen von Carl Kremser und Albert Weber erbaut. Das Haus ist ein Zweispänner mit Vorderhaus und kurzen Seitenflügeln. Der Grundriss zeigt pro Geschoß eine 4- und eine 6-Zimmer-Wohnung, jedoch können durch die veränderbare Zuordnung des Zimmers in der Mittelachse des Hauses auch zwei 5-Zimmer-Wohnungen mit Küche, Mädchenkammer, Bad und WC entstehen. Diese Variabilität der Wohnungsgröße wird dadurch möglich, dass ein Zimmer von beiden Seiten erschlossen werden kann. Die eigentlich symmetrische Straßenfassade mit Erkern und Loggien beiderseits der Mittelachse wird durch asymmetrische Elemente (ungleich breite Erker, eine kleine zusätzliche Fensterachse in der Mitte, Ausmittigkeit der Mittelachse und so weiter) lebhaft gegliedert. Das Souterrain und das Hochparterre sind verklinkert, das erste und zweite Obergeschoss verputzt und das dritte mit Ziegelbehang und einem Fußwalm versehen. Die Fensterformate wechseln in jedem Geschoss. Die Loggien sind wintergartenartig verglast. Die Fassade des Hauses gehört zu den interessantesten und lebendigsten Fassaden des Reformmietshausbaus in Friedenau.

 

 

 

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