Name seit 31.7.1947, vorher ab 1872 Carlsruher Straße, ab 1884 Bismarckstraße, ab 1937 Hänischallee. Benannt nach dem Ingenieur und Herausgeber der Fachzeitschrift „Centralblatt der Bauverwaltung“ Otto Sarrazin (1842-1921).

 

 

 

Otto Sarrazin. Quelle Centralblatt der Bauverwaltung

Verdeutschungs-Wörterbuch

 

Otto Sarrazin war ein Mann der Technik und der Sprache, einer, der kein Blatt vor den Mund nahm, ein unbequemer Zeitgenosse wie heute Urgroßneffe Thilo mit seinem Sachbuch „Deutschland schafft sich ab“. Als Herausgeber des „Centralblatt der Bauverwaltung“ und als Autor des „Verdeutschungs-Wörterbuchs“ hatte er immer wieder wesentliche Denkanstöße gegeben. Sarrazins „Centralblatt“ ist ein grandioser Fundort. Die Ausgaben der Jahre 1881 bis 1931 wurden zu recht von der Zentral- und Landesbibliothek Berlin digitalisiert.

Dr. Ing. und Dr. phil. Otto Sarrazin (1842-1921) lebte von 1899 bis zu seinem Tod im eigenen Haus Kaiserallee Nr. 81 (heute Bundesallee). Von 1881 bis 1912 sorgte der Geheime Oberbaurat im Ministerium für Öffentliche Arbeiten als Herausgeber des Centralblatt für die geachtete Stellung des Journals. Da er wohlweislich nicht allein auf die Verlautbarungen seines Amtes setzen wollte, suchte er die Verbindung mit Fachleuten, sorgte dafür, dass ihre Beiträge auch in ansprechender Form mit Bauplänen, Zeichnungen und Fotos erschienen.

 

 

Da Sarrazin ebenso ein hohes Gefühl für Reinheit und Feinheit der Sprache hatte, brachte er 1886 sein „Verdeutschungs-Wörterbuch“ heraus, in dem er sich gegen das Überhandnehmen von Fremdwörtern im Wortschatz der deutschen Sprache aussprach. Die Kritik kam postwendend. Deutschthum und Deutschthümelei wurden ihm vorgeworfen. Sarrazin, der sich durchaus bewusst war, dass Latein, Griechisch und Französisch auch die deutsche Sprache geprägt haben, war nicht prinzipiell gegen das Fremde. Seine löbliche Absicht war, eine zutreffende deutsche Übertragung des Fremdworts anzubieten. Die Auswahl des deutschen Ausdrucks sei die Sache des Wörterbuchbenutzers, der sich immer von eigenem Verständnis und Sprachgefühl leiten lassen solle. In Anbetracht dessen, dass heute darüber diskutiert wird, wie viele Anglizismen die deutsche Sprache noch vertragen kann, war seine Auflistung sinnverwandter deutscher Bezeichnungen für Fremdwörter durchaus nachvollziehbar. Natürlich war Sarrazin klar, dass über die in seinem Wörterbuch gemachten Vorschläge letztendlich das öffentliche Urteil zu entscheiden habe. Das hat die Leserschaft dann wohl auch getan. Einige Beispiele:

 

Allee (Baumgang), Abiturient (Abgangsschüler), Album (Einschreibebuch), Biograph (Lebensbeschreiber), Feuilletonist (Unterhaltungsschriftsteller), Lapsus (Fehler, Versehen, Irrtum, Schnitzer), Plagiat (Abschreiberei, Ausschreiberei, Schriftfreibeuterei), Trottoir (Bürgersteig, Fußweg, Fußsteig, Gehweg, Gehsteg), Velociped (Fahrrad, Reitrad, Zweirad, Dreirad), Water Closet (Spülabort).

 

Sarrazinstraße Nr. 11-15

Sarrazinstraße Nr. 11-15

 

Über das 40 Meter lange und viergeschossige Gebäude in der Sarrazinstraße Nr. 11-15 rätselt auch so mancher Friedenauer. Das Haus wurde 1939 nach Entwürfen der Architekten Fritz Fuß (1889-1945) und Cornelius van der Hoeven errichtet. Bauherr war die 1895 gegründete Firma „Beton- und Monierbau AG“, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg auf Rüstungsbauten spezialisierte. In dem dreizehnachsigen Verwaltungsgebäude haben sich einige Büros eingemietet. Das Haus steht unter Denkmalschutz und gehört zu den seltenen Bauten aus der NS-Zeit in Friedenau. Hinter dem 10 Meter tiefen Bau befindet sich im Hof ein T-förmig zum Hauptbau gesetztes zweigeschossiges Gebäude mit einem Saal. Bemerkenswert ist das Portal an der Straßenfassade: Über einem Rahmen aus rotem Sandstein wurde ein überlebensgroßer Jünglingskopf als Schlußstein gesetzt. Dem Portal ist eine flache Freitreppe vorgelagert mit den für diese Zeit typischen flankierenden Standleuchten.

 

 

 

Die Geschichte des Hauses ist ungewöhnlich und – wie so oft in Friedenau – aus der Geschichte des „Altkreises Teltow“ zu erklären. Dessen Landrat Ernst von Stubenrauch (1853-1909) setzte den Bau des Teltowkanals mit Griebnitzkanal und Britzer Verbindungskanal durch. Mit der Weimarer Republik gingen die Wasserstraßen 1921 an das Reich. Das Unternehmen zog vor Gericht. Die Republik blieb Eigentümer. Der Kreis Teltow durfte den Kanal betreiben und Nutzungsgebühren erheben. 1924 gründeten Deutsches Reich und Kreis Teltow die „Teltowkanal AG“ – eingetragen im Handelsregister beim Amtsgericht Teltow. Treidelbetrieb, Teltowwerft, Bauhof und Personenschifffahrt verblieben im Alleineigentum des Landkreises Teltow bzw. der Teltowkanal AG. Am 29. Mai 1929 wurde die „Teltower Kreiswerke GmbH“ gegründet. Nachdem die „Spree-Havel-Dampfschifffahrts-Gesellschaft“ 1934 ihren Betrieb einstellen mußte, übernahm die „Teltowkanal AG“ Schiffe und Anlegestellen für ihre „Stern und Kreisschiffahrt“. 1938 wurde es Eigentum der „Teltower Kreiswerke GmbH“.

 

Nach dem Weltkrieg gehörte der Kreis Teltow zur Sowjetischen Besatzungszone. 1950 ließ die „Teltowkanal AG“ den Eintrag im Teltower Handelsregister löschen und Monate später beim Amtsgericht Charlottenburg eintragen – mit einem Grundkapital von 750.000 DM und den Aktionären Bundesrepublik Deutschland (60 %), Land Berlin (33,3 %) und Lastenausgleichsbank Bad Godesberg mit Berliner Niederlassung in der Sarrazinstraße 11-15(6,7 %) als Treuhänder für den ehemaligen Kreis Teltow (Teltower Kreiswerke GmbH). Der Geschäftsbetrieb in der Sarrazinstraße wurde 1973 wieder aufgenommen.

 

Dabei ist es im Prinzip geblieben. Nach der Wiedervereinigung wurde aus der „Teltower Kreiswerke GmbH“ eine Eigentümergemeinschaft mit den Nachfolgern des ehemaligen Kreises Teltow, bestehend aus dem Landkreis Dahme-Spreewald (40,7 %), dem Landkreis Teltow-Fläming (39,5 %) und dem Landkreis Potsdam-Mittelmark (19,8 %). Die bis heute existierende Gesellschaft hat ihren Sitz inzwischen in der Berliner Wallstraße und verwaltet von dort u.a. die Immobilien  Sarrazinstraße 11-15 (eingetragen im Grundbuch von Friedenau des Amtsgerichts Schöneberg, Blatt 1991, Flur 1, Flurstück 96/9), das Gelände der Gartenkolonien am Zehlendorfer Stichkanal, einen Anteil am Stölpchensee sowie Teile der ehemaligen Teltowwerft in der Sachtlebenstraße. Auf diesem Gelände plant der Bezirk Zehlendorf-Steglitz eine Wohnbebauung unter Erhalt der denkmalgeschützten Anlagen.

 

Max Frisch 1973 auf dem Balkon Sarrazinstraße Nr. 8. Foto Renate von Mangoldt

Sarrazinstraße Nr. 8

 

Mit Berlin war Max Frisch (1911-1991) in besonderer Weise verbunden. 1935 und 1936 war er erstmals hier, erlebte Nationalsozialisten und Antisemiten. 1947 und 1948 ist er wieder da, und erlebte nun Blockade und Luftbrücke. 1950 besuchte er Bert Brecht und das Berliner Ensembles. Ein Jahr vor Brechts Tod sitzt Frisch in dessen Wohnung an der Chaussee-Straße. Er lernte den Literaturwissenschaftler Walter Höllerer kennen, Günter Grass, Uwe Johnson, Hans Magnus Enzensberger, Christa Wolf. 1968 heiratete der 51-jährige Frisch zum zweiten Mal – die 28 Jahre jüngere Germanistik-Studentin Marianne Oellers. 1972 kaufte er die Wohnung in der Sarrazinstraße Nr. 8, in der die längst geschiedene Marianne Frisch geborene Oellers noch heute lebt. Dort führte er ein Tagebuch. Zwanzig Jahre nach seinem Tod durfte es veröffentlicht werden, wegen der Beteiligten, die dann weiter davon weg sind. Das Buch erschien im Januar 2014 bei Suhrkamp unter dem Titel "Aus dem Berliner Journal". Arg enttäuscht war die Journaille, da nicht alles und schon gar nicht die Szenen einer Ehe preisgegeben wurden.

 

 

 

 

Die Aufzeichnungen aus dem "Berliner Journal" beginnen 1973:

 

6.2. Übernahme der Wohnung und Abend bei Grass. Nieren.

 

7.2. Anna Grass leiht uns zwei Betten, wir wohnen noch nicht. Lieferfristen. Ein Arbeitstisch, von Uwe Johnson vorbestellt, ist da, dazu die erste Lampe. Die technischen Einrichtungen (Kühlschrank, Spiegel und Licht im Bad, Türschlösser usw.) sind im Anzug. Kein Telefon. M. findet einen schönen Tisch antik, ferner Gläser und etwas Geschirr. Noch kein Warmwasser. Der erste Stuhl. Jeder Schritt, jede Stimme hallt in den leeren weissen Räumen. Was braucht man. Kein Mangel an Geld, im Gegenteil.

 

10.2. Erste Einkäufe auf dem Wochenmarkt, der in Zukunft unser Markt sein soll, Breslauer Platz, eingeführt durch Günter Grass; Fischkunde.

 

12.2. Uwe Johnson bringt ein kleines gerahmtes Bild, verpackt, zum Einstand in der neuen Wohnung. Was mag es sein? Am 5.10.1972, als ich den Kaufvertrag unterzeichnet hatte, überreichte er mir eine Mappe, enthaltend: Plan von Friedenau, eine lexikalische Notiz über Sarrazin, dessen Name diese Strasse trägt, eine kurze Historie über Friedenau, ein Formular für Postcheck-Konto, ein Formular für Telefon-Anmeldung. Ob ich die Wohnung, kaum eine Viertelstunde lang besichtigt, denn im Gedächtnis habe, fragte er und nötigte mich, jetzt den Grundriss auf ein Blatt zu zeichnen. Das geschenkte Bild heute: meine Grundriss-Skizze von damals, gerahmt, Zeichnung mit Filzstift auf den ersten Blick wie eine inspirierte Handschrift, die ich nicht sofort erkenne; Fehler betreffend Vorraum und WC.

 

15.2. Ich schraube fünf Garderobenhaken an, damit man endlich die Mäntel aufhängen kann, und es ist eigentlich schon schade. Alle andern Wände sind weiss und leer. Braucht man denn wirklich ein Telefon? Eigentlich froh um die langen Lieferfristen. Noch vorgestern sagten wir: Ich gehe jetzt in die Wohnung. Heute sagen wir: Ich gehe jetzt nachhause. Eigentlich wohnen wir schon ...

 

Ausführlicher berichtet Max Frisch in der 1975 bei Suhrkamp erschienenen Erzählung Montauk über die Friedenauer Jahre:

 

Warum grad dieses Wochenende? - statt zu beschreiben die ersten Einkäufe auf dem kleinen Wochenmarkt in Berlin, die leere Wohnung, wo ich tagsüber auf die Handwerker warte. Morgen soll es auch warmes Wasser geben. Straßen in diesem halben Berlin und seine Kneipen, seine halbe Havel, seine Kiefern unter nordischem Himmel. Nachmittag in der Stadt, um Geräte für die Küche zu kaufen; es ist das siebente Mal, daß wir eine Küche einrichten. Die Wohnung liegt in der Flugschneise Tempelhof; die Flugzeuge kommen niedrig, so daß es im Hinterhof dröhnt, von Westen her und starten gegen Westen; dazwischen Stille, Friedenau. Man braucht doch mehr als vermutet: Lamellen-Vorhang wegen Morgensonne auf dem Arbeitstisch. Ich schraube fünf Garderobenhaken an. Noch vorgestern haben wir gesagt: Ich gehe jetzt in die Wohnung. Heute sagen wir: Ich geh nach Haus. Allerlei Pappschachteln benehmen sich wie Möbel; Bücher auf dem Boden. Ein alter Schrank, der jedem Besucher sofort gefällt: wer hat ihn gefunden? Du hast ihn gefunden. Wer hat den langen Tisch gefunden? Ich kümmere mich um Dübel. Es hallt in den leeren weißen Zimmern; Musik aus dem kleinen Transistor. Genau die Art von Wohnung, die wir in Zürich vergeblich gesucht haben: einfach, aber mit hohen Zimmern. So sind wir denn in Berlin. Die Begründungen dafür ergeben sich: Leben mit der Mauer, ein paar Freunde auch drüben, der eine und andere beschämt mich durch Tapferkeit, eine lange Tapferkeit. Sonntag am Kleist-Grab. Der beste Innenraum der neuen Architektur, den ich kenne: die Philharmonie von Scharoun. Ein kalter Februar; die leichte Luft. Zuerst bewohnbar wird die Küche; Herd mit Gas. Die Wohnung soll nicht voll werden, so meine ich auch, aber Stühle braucht man. Das Telefon steht auf dem Parkett. Ein kleiner Rundtisch erinnert an Gartenwirtschaft oder Bistro. Ein Jugendstil-Leuchter, den Jurek aus der DEUTSCHEN DEMOKRATISCHEN REPUBLIK gebracht hat, und ein andrer Jugendstil-Leuchter, der auch Dir gefällt. Oswald Wiener führt eine Kneipe, EXIL, wo wir uns wohlfühlen. Du hast Stühle gefunden, das Stück zu 50 Mark, und bist begeistert von dem Laden, den zwei bärtige Studenten führen; da stehe ich, um die Stühle zu prüfen, und Du wendest Dich ab, als gehörte ich nicht zu den Stühlen; ein anderer Kunde. Die Bärtigen, die einen Wein anbieten, wenden sich an uns beide als Kundschaft, dieselbe Kundschaft. Ein Nachmittag am Schlachtensee; wenn Du fröhlich bist, vergesse ich für eine Weile wieder Dein Unglück mit mir ...

 

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