Name seit 1914, benannt nach dem Baumeister Gottfried Semper (1803-1879). Die Semperstraße liegt nach den festgelegten Grenzen von 1874 nicht in Friedenau, sondern auf dem Gebiet des Ortsteils Schöneberg. Die Gegend wird mitunter auch als „Gefühltes Friedenau“, „Neu-Friedenau“ und „Hinter der Wannseebahn“ bezeichnet.

 

Der Atelierturm von Hans Baluschek Ceciliengärten 27, Semperstraße 15. Foto H&S, 2004

Semperstraße Nr. 15/Ceciliengärten Nr. 27

Hans Baluschek (1870-1935)

 

Hans Baluschek war der Sohn des Eisenbahningenieurs Franz Baluschek. 1876 zog die Familie von Breslau nach Berlin. Ab 1889 studierte er Malerei an der Königlichen Akademie der bildenden Künste. In dem Kommilitonen Martin Brandenburg (1870-1919) fand er einen lebenslangen Freund, von dessen „phantastischen“ Malereien er fasziniert war. Er unterhielt eine freundschaftliche Beziehung zum Dichter Arno Holz (1863-1929). Als Holz 1897 die Uraufführung seines Dramas „Sozialaristokraten“ im Berliner Central-Theater selbst finanzieren musste, überredete er Hans Baluschek, die Rolle des Schneidergesellen Sprödowski zu spielen. Baluschek willigte ein – unter dem Pseudonym Fritz Gieseke. Der Kritiker Maximilian Harden (1861-1927) fand das satirische Spektakel „erbärmlich und zusammengestoppelt“. Für den Maler blieb es die erste und einzige Theaterrolle.

 

 

 

Als die Jury der „Großen Berliner Kunstausstellung“ 1500 eingereichte Arbeiten abgelehnt hatte und deutlich wurde, dass „moderne Kunst“ von dem alteingesessenen Künstlerverein keine Unterstützung zu erwarten hatte, schlug sich Baluschek auf die Seite der „Abspalter“. Mit Walter Leistikow, Max Liebermann, Käthe Kollwitz, Max Slevogt und Lovis Corinth entstand 1898 die „Berliner Secession“ als Gegenveranstaltung.

 

Seine kuriosen Erfahrungen mit dem Theater hielten ihn nicht davon ab, der Schauspielerin Charlotte von Pazatka-Lipinski (1878-1969) den Hof zu machen. 1902 wurde aus dem Fräulein von Pazatka-Lipinski Frau Charlotte Baluschek mit gemeinsamer Wohnung Klopstockstraße 24 in Tiergarten, Gartenhaus, III. Stock. Das „große Talent“ machte Karriere und spielte in Berlin, Hamburg, München, Weimar und Putbus Johanna, Käthchen, Julia, Luise und Gretchen. Hans Baluschek malte, zeichnete und schrieb ihr unendlich viele Karten und Briefe. Romantik wich der Realität. Beide fanden nicht zusammen. Kinder wurden nicht geboren. 1913 erfolgte die Scheidung.

 

Angeregt durch die „Zeichen- und Malschule des Vereins der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen zu Berlin“, in der Bettina Encke von Arnim (1895-1971), Jeanne Mammen (1890-1976) und Renée Sintenis (1888-1965) schließlich zur Kunst fanden, und wohl auch zur eigenen Absicherung, hatte Baluschek 1908 die „Privatschule für Damen“ für Zeichnen, Malerei und Lithographie in der Steglitzer Straße Nr. 23 (Pohlstraße im Tiergarten) eröffnet. Zu den Schülerinnen gehörte Irene Drösse. Kaum war die Ehe mit Charlotte geschieden, gab es 1913 die Hochzeit mit Irene. Er 43, sie 18. In den Kriegsjahren wurden die Töchter Regine (1916) und Renate (1918) geboren. Irene Drösse-Baluschek blieb die Frau an seiner Seite – bis zu seinem Tod.

 

Der Krieg, die Einberufung zum „Landsturm“ und die Tragödie seines Freundes Martin Brandenburg, der 1915 durch einen Kopfschuss verwundet wurde, ein Auge verlor und schließlich an den Folgen dieser Kriegsverletzung starb, führten bei Baluschek zu einer künstlerischen Krise. Mit der Weimarer Republik kam Hoffnung auf. Er wandte sich den Sozialdemokraten zu, wurde Mitbegründer der Volkshochschule Groß-Berlin, dort auch Lehrbeauftragter, gehörte zum literarischen Beirat der Zeitschrift „Der Bücherkreis“, initiierte die „Unterstützungskasse für Berliner Künstler“. Eine SPD-Mitgliedschaft von Baluschek gehört immer noch in den Bereich „Vermutungen“.

 

Aus dem gebürtigen Breslauer war längst ein Schöneberger geworden, mit Wohnadressen Cheruskerstraße Nr. 5 (1900), Vorbergstraße Nr. 15 (1906), Akazienstraße Nr. 30 (1915) und Hauptstraße Nr. 34-35 (1920). Mit der Wahl am 23. Februar 1919 zog ins Rathaus Schöneberg als stärkste Fraktion die SPD ein, gefolgt von der sozialliberalen „Deutschen Demokratischen Partei“ (DDP) mit dem Stadtverordneten Theodor Heuss. Wenig später wurde Hans Baluschek Vorsitzender der „Städtischen Kunstdeputation Schöneberg“.

 

Mit knapper Mehrheit von 164 zu 148 Stimmen bei fünf Enthaltungen wurde das Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin beschlossen. Damit wurden Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg, Neukölln, Schöneberg, Wilmersdorf und Spandau sowie 59 Landgemeinden (darunter auch Friedenau) und 27 Gutsbezirke am 1. Oktober 1920 eingemeindet. Kurz vor „Toresschluss“, bevor „Schöneberg in die neue Groß-Berliner Einheitsgemeinde aufgeht“, dämmerte es der „Städtischen Kunstdeputation“, dass ein „volkstümlicher Abriss der Geschichte unserer Stadt bisher fehlte“. So kam es im Herbst 1920 zur kommunal-historischen Ausstellung „Das alte Schöneberg im Bilde“. Hans Baluschek fungierte als Kurator und lieferte – mit fachlicher Unterstützung der „alteingesessenen Schöneberger Bürger Wilhelm Speck und Hermann Hecht“ – den Einführungstext zu dieser Ausstellung. Schöneberg bedankte sich für dieses Engagement mit einer kostenfreien Atelierwohnung derWohnstättengesellschaft mbH“ in den „Ceciliengärten“, die Stadtbaurat Heinrich Lassen mit Wohnungen für Angestellte und Beamte von Reichsbahn und BVG realisiert hatte.

 

Dann ging das Gerangel mit der „Großen Berliner Kunstausstellung“ los. Für 1924 wurde eine Kommission aus dem „Verein Berliner Künstler“ (darunter Hans Baluschek), der „Novembergruppe“ und dem „Bund Deutscher Architekten“ festgelegt. Baluschek wurde zugleich zum Vorsitzenden der Ausstellung bestimmt. 1925 wurde der Maler Carl Langhammer (1868-1943) zum Vorsitzenden gewählt. 1927 ging der übliche Künstlerstreit voraus. Die Veranstaltung des „Vereins Berliner Künstler“ wurde nun erstmals vom „Kartell der Vereinigten Verbände Bildender Künstler Berlins e.V.“ unter dem Vorsitzenden Eugen Spiro (1874-1972) organisiert: „Im Rahmen dieser Ausstellung haben sich alle Künstler, ohne Rücksicht auf ihre persönliche Einstellung zu irgendeinem ‚Ismus‘, in gemeinsamer Arbeit zusammengefunden. Jede einzelne Gruppe wird weiter für ihre Ideen kämpfen und so zur allgemeinen Entwicklung der Kunst beitragen.“ Hans Baluschek stellte 12 Grafiken aus. 1929 wurde Baluschek zum Vorsitzenden des „Kartells“ und Leiter der Kunstausstellung gewählt. Dokumentiert sind seine Eröffnungsreden im Schloss Bellevue von 1931 und 1932. Noch vor der nationalsozialistischen Machtübernahme am 30. Januar 1933 hatte er diese Ämter wieder los. Die nach 1945 in Umlauf gebrachte Behauptung, „die Nationalsozialisten setzten Baluschek 1933 als ‚marxistischen Künstler‘ von seinen Ämtern ab und schlossen ihn von allen Arbeitsmöglichkeiten aus. Seine Werke brandmarkten sie als ‚Entartete Kunst‘“, sind nicht nachweisbar. Mit dieser Formulierung wird nahegelegt, dass Baluschek in der Liste „Entartete Kunst“ aufgeführt wurde. Dem ist nicht so. 1933 und 1934 wurden seine Bilder sowohl auf der „Großen Berliner Kunstausstellung" als auch im „Verein Berliner Künstler“ im Künstlerhaus Bellevuestraße ausgestellt.

 

Für die Uraufführung der Operette „Die lockende Flamme“ von Eduard Künneke am 25. Dezember 1933 im Theater des Westens schuf er die Bühnenbildentwürfe, und 1935 erhielt er sogar vom „Reichsbahn-Werbeamt Berlin“ den Auftrag, die 40-seitige Broschüre „Hundert Jahre Deutsche Eisenbahnen“ zu illustrieren. Neben dem farbigen Titelbild des Gemäldes „Über Dächern“ finden sich dort mehr als drei Dutzend Federzeichnungen, die teilweise speziell für diese Publikation entstanden sind.

 

Nach dem Amtsantritt des Schöneberger Bezirksbürgermeisters Oswald Schulz (NSDAP) gab Baluschek die Atelierwohnung in der vierten und fünften Etage der Ceciliengärten Nr. 27/Semperstraße Nr. 15 auf und wohnte fortan mit Frau Irene und den Töchtern Regine und Renate in der Bozener Straße Nr. 13-14. Bereits im September 1929 ließ er in einem Brief an den Maler Otto Nagel wissen, dass er „eine schwere Krankheit mit 5 Wochen Klinik hinter sich hat, bin zwar jetzt zu Haus, aber noch arbeitsunfähig. Ende September soll ich nach ärztlicher Versicherung wieder in Ordnung sein“.

 

Hans Baluschek starb am 28. September 1935 in Berlin an Nierenversagen. Begraben wurde er aus bisher unerklärbaren Gründen nicht auf den nahegelegenen Schöneberger Friedhöfen, sondern jotwede auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof in Stahnsdorf (Grablage Abteilung L I - S III - 334). Zu den Kondolenzschreiben an Witwe Irene gehört ein Brief von Gerhart Hauptmann (1862-1946) aus Agnetendorf vom 4. Oktober 1935.

 

1948 organisierte der Magistrat von Groß-Berlin die erste Ausstellung nach der Nazi-Zeit mit 62 Werken von Baluschek. 1955 präsentierte die Deutsche Akademie der Künste im Haus am Robert-Koch-Platz 95 Arbeiten. 1974 folgten Ausstellungen im Osten und Westen von Berlin: Das Märkische Museum mit „150 Originalwerken“, das Kunstamt Kreuzberg unter dem Titel „Hans Baluschek. Sein Werk - ein Spiegelbild seiner Zeit“ mit Gemälden, Zeichnungen und Graphiken aus der Sammlung Bröhan. Über den Nachlass von Hans Baluschek gab das Märkische Museum Berlin 1974 Auskunft: „Der Nachlass wurde 1947 vom Magistrat von Groß-Berlin von der Witwe angekauft. In den Jahren 1951 bis 1956 wurden 324 Werke aus dem Nachlass vom Magistrat an das Märkische Museum übergeben, 12 Werke an die Staatlichen Museen Berlin.“ Es ist davon auszugehen, dass seinerzeit auch die Gemälde von Irene Drösse-Baluschek an das Märkische Museum gingen, da dieses Konvolut heute zum Bestand der Nachfolgerin „Stadtmuseum Berlin“ gehört. Baluscheks Bilder, ob Alltag, Menschen, Bahnhöfe oder die dominierenden Eisenbahnen, befinden sich heute auch in den Sammlungen des Bröhan-Museums und der Berlinischen Galerie.

 

Am 18. November 1980 gewährte das Land Berlin diesem Maler eine Ehrengrabstätte, die am 21. August 2001 um weitere 20 Jahre verlängert wurde und damit erst einmal bis 2021 gesichert ist. Da auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof in Stahnsdorf seit 2005 keine Neubestattungen möglich und nach dem „Friedhofsentwicklungsplan“ diese 65,71 ha als „Grünfläche/Wald“ ausgewiesen sind, stellt sich die Frage, was dort aus den Gräbern von Hans Baluschek, Gartendirektor Erwin Barth, Schriftsteller Arthur Eloesser, Politiker Ernst Heilmann, Maler Willy Jaeckel, Anwalt Paul Levi und dem Schauspieler Hans Otto werden wird. Die Verlautbarungen des Senats, dass die Begräbnisfläche „auf Grund ihrer historischen Bedeutung und der hohen Anzahl von Gedenkstätten, Opfergräbern und Denkmalen dauerhaft als Friedhof gewidmet bleibt und künftig als Friedhofpark geführt wird“, sind wenig überzeugend. Schon innerhalb Berlins werden die städtischen Friedhöfe nur mangelhaft betreut. Wie erst wird es demnächst der Anlage vor den Toren der Stadt ergehen?

 

Hält der Berliner Wohnungsbauwahn weiterhin an, dann könnte der Senat – wie aktuell für das Gelände des Friedhofparks Pappelallee – irgendwann auch auf die Idee kommen, die 65,71 ha Friedhofsfläche ganz oder teilweise in „günstiges“ Bauland umzuwandeln. Ganz sicher sind die Gräber also nicht. Bleiben würde dann nur die armselige Gedenktafel in den Ceciliengärten: „Hier lebte, malte, zeichnete und schrieb Hans Baluschek 1929-1933“.

 

 

Was bin ich nun eigentlich, uns was will ich? Zunächst bin ich kein Anhänger eines „ismus“. Mir ist die malende Masse, die an demselben Karren zieht und schiebt, ein Greuel. Für mich ist Kunst der Künstler, der Eigenmensch. Kunst die in sich geschlossene persönliche Welt eines Menschen, der diese mit individuellen Mitteln mitteilen soll, kann und muß. Hätte ich je einen Schüler gehabt, der in meine Fußstapfen als Nachahmer treten wollte, so hätte ich ihn wegen Talentlosigkeit entfernt. Ich bin eben Ich; meine Kunst könnte naturalistisch scheinen. Sie soll so wirken – das gebe ich zu – allerdings nur, um die Suggestion meiner Welt recht stark zu gestalten.

 

Im Kampf um meine Kunst. Aus: Die Gartenlaube Nr. 27, 1920

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Aus Schönebergs Vergangenheit

 

Das Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin wurde von der Verfassungsgebenden Preußischen Landesversammlung mit 164 gegen 148 Stimmen bei fünf Enthaltungen beschlossen. Damit wurden Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg, Neukölln, Schöneberg, Wilmersdorf und Spandau sowie 59 Landgemeinden (darunter Friedenau) und 27 Gutsbezirke am 1. Oktober 1920 eingemeindet.

 

Kurz vor „Toresschluss“, bevor „Schöneberg in die neue Groß-Berliner Einheitsgemeinde aufgeht“, dämmerte es der „Städtischen Kunstdeputation“ von Schöneberg, dass ein „volkstümlicher Abriss der Geschichte unserer Stadt bisher fehlte“. So kam es im Herbst 1920 zur kommunal-historischen Ausstellung „Das alte Schöneberg im Bilde“ mit einer Vielzahl historischer Pläne von 1685 bis 1901 über 90 Ansichten nebst jener Bilder, die den „Alt-Schöneberger Saal“ im Rathaus schmückten.

 

Hans Baluschek fungierte als Kurator. Da es kaum vorstellbar ist, dass er zu diesem Zeitpunkt über derart detaillierte Kenntnisse zur Schöneberger Heimatgeschichte verfügte, bedankte er sich in dem von ihm unterschriebenen Einführungstext korrekt bei den „alteingesessenen Schöneberger Bürgern Wilhelm Speck und Hermann Hecht für ihre klärenden Mitteilungen“.

 

 

 

 

Das alte Schöneberg im Bilde. Katalog, 1920

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Hundert Jahre Deutsche Eisenbahnen, 1935

 

Theodor Heuss. Aus: Die Hilfe, 1935

 

Gehört er in die Kunstgeschichte, in die Sozialgeschichte, in die Berliner Lokalgeschichte? Daß diese Frage so gestellt werden kann, mag zeigen, daß das Problem, das an dem Namen dieses Mannes hängt, nicht ganz so einfach ist. Er war Zeichner und Maler, also „Künstler“. Doch scheint mir zweifelhaft, ob der Rang seiner Erscheinung sich geschichtlich nach seinen künstlerischen Qualität und Leistungen ausrichten wird, aber er darf in keiner ernsthaften Betrachtung der Zeit fehlen, um die Jahrhundertwende, da sich ein Geschlecht über seine Gegenwart, des Proletariats, der Mietskaserne, der neuen Technik Rechenschaft abzulegen versuchte.

 

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