Name seit dem 30. Dezember 1901, benannt nach dem Architekten Wilhelm Stier (1799-1856), dessen Grab sich auf dem Alten Kirchhof von Schöneberg an der Hauptstraße befindet. Bis 1940 gehörte die 315 Meter lange Straße zu Schöneberg, ab 1940 zählten die Häuser 9 bis 21 zu Friedenau. Mitte der 1950er Jahre kam die ganze Straße zum Ortsteil Friedenau. Die außergewöhnlich schmalen Bürgersteige vor den Häusern Nr. 7 bis Nr. 11 gehen auf die Ortspolizeiverordnung von 1899 zurück. Damals war festgelegt worden, dass parallel zur Hausfront angelegte Wege eine Breite von 1,25 m nicht überschreiten dürfen. Vorgärten waren „gegen den Bürgersteig und das Nachbarterrain mit einem eisernen Gitter von mindestens 1,0 m Höhe auf massivem Sockel, dessen Höhe nicht weniger als 0,50 und nicht mehr als 0,75 m betragen darf, einzufrieden.“

 

In der Stierstraße wohnten u.a. die Schriftsteller Max Herrmann-Neiße (Nr. 14/15) und Uwe Johnson (Nr. 3). Die Wohnhäuser auf den Grundstücken Nr. 17 bis Nr. 19 wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. In dieser Baulücke entstand 1959/62 nach einem Entwurf des Architekten Hansrudolf Plarre (1922-2008) die evangelische Philippus-Kirche.

Grab von Wilhelm Stier auf dem Alten Kirchhof Schöneberg in der Hauptstraße. Foto H&S 2015

FRIEDRICH LUDWIG WILHELM STIER

DEM FREUNDE - DEM LEHRER

DIE ARCHITEKTEN DEUTSCHLANDS

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mehr Ehre als mit diesem von sechs Säulen getragenen dorischen Tempelbaldachin aus hellgrauem Marmor konnten die Architekten Deutschlands ihrem Freund und Lehrer Friedrich Ludwig Wilhelm Stier wohl kaum erweisen. Das Grab nach einem Entwurf von August Stüler auf dem Alten Kirchhof der Gemeinde Schöneberg an der Hauptstraße (Abteilung 4 R. 6 Nr. 12) sucht man in der Ehrengräberliste des Landes Berlin vergeblich. Wohl deshalb setzte sich 1996/97 die Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin-Brandenburg mit Unterstützung der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin für die Reinigung und Sicherung des künstlerisch hervorragenden Grabdenkmals ein.

 

Friedrich Ludwig Wilhelm Stier gehört zur Architektengeneration um Karl Friedrich Schinkel. Er wurde am 8. Mai 1799 in Błonie bei Warschau geboren und lebte seit 1813 in Berlin. Er besuchte das Gymnasium zum Grauen Kloster und studierte ab der Berliner Bauakademie. Nach dem Studium begab er sich auf Reisen: Rheinland, Frankreich und Italien. In Rom begegnete er Schinkel. 1828 erhielt er eine Anstellung an der Bauakademie. Stier legte die Baumeisterprüfung ab und wurde Akademieprofessor. Er verfasste zahlreiche Studien- und Lehrentwürfe, darunter für den Berliner Dom und für das Parlamentsgebäude in Pest, nicht unerheblich auch sein Anteil am Neubau der Bauakademie (1831/36), der hoffentlich im Rahmen des geplanten Neubaus am Schinkelplatz gewürdigt werden wird. 

 

1838 nahm der Bauingenieur am Wettbewerb zum Wiederaufbau des 1837 in St. Petersburg abgebrannten Winterpalais teil. Seine Pläne sahen den Wiederaufbau in historistischer Formensprache vor. Die im Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin erhaltenen Entwürfe dokumentieren Stiers Versuch, mit einer historischen Stilsynthese einen neuen zeitgemäßen Stil zu finden. Zar Nikolai I. entschied jedoch, das Winterpalais in Anlehnung an den ursprünglichen Bau aufzubauen.

 

Stier, der dem Schöneberger Schulvorstand angehörte, baute sich in den Jahren 1834 bis 1837 in der Straße Auf dem Carlsbade (heute Am Karlsbad) sein eigenes Wohnhaus, das wegen seiner geradezu malerischen Aufbauten im Volksmund „Stierburg“ genannt wurde. 1841 wurde Stier Mitglied der Wissenschaften in Berlin und 1853 in München. Am 18. Januar 1851 wurde ihm von König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen das Ritterkreuz des Roten Adlerordens verliehen. Wilhelm Stier starb am 19. September 1856 in Schöneberg,

 

Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass Studenten der Baukademie am 8. Mai 1847 vor die „Stierburg“ zogen und ihrem verehrten Lehrer zu seinem Geburtstag ein Ständchen „mit einem dreifach besetzten Quartett“ darboten. Daraus wurde am 5. Juni 1847 der „Verein zur Ausbildung und Pflege des Männergesangs“, der später – nach einem Lieblingsbegriff Stiers – den Namen „Akademischer Verein Motiv“ erhielt, bis heute existiert und alljährlich den Gründungsvater an seinem Grab auf dem Alten Kirchhof Schöneberg ehrt. Seit dem 30. Dezember 1901 gibt es in Friedenau die Stierstraße.

 

Entwürfe von Wilhelm Stier für den Wiederaufbau Winterpalais St. Petersburg

Entwürfe von Wilhelm Stier für das Parlament in Pest

Neues zum Grab von Max Herrmann Neiße in London

 

Trevor Davis, Cemeteries Manager, Continental Landscapes Ltd on behalf of City of Westminster, East Finchley (St Marylebone), Mill Hill (Paddington New), and Hanwell (St George’s) Cemeteries, 38 Uxbridge Road, London W7 3PP, teilte uns mit, dass in den Akten eine Bestattung von Max Hermann am 15. April 1941 in Grab P3 / 31 eingetragen ist.

 

Die beigefügten Fotos der Grabstätte machen deutlich, dass sich seit Jahren niemand um das Grab kümmert. Wir haben daher das Auswärtige Amt gebeten, gemeinsam mit der Deutschen Botschaft in London nach Möglichkeiten zu suchen, wenigstens die Inschrift wieder lesbar zu machen. Dr. Andreas Görgen, Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amts, bedankte sich für den Hinweis und teilte uns am 4. Dezember 2017 mit, dass „wir mit den Kolleginnen und Kollegen in London sprechen werden“.

 

MAX HERRMAN-NEIßE (1886-1841)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als die schlesischen Verehrer im Jahr 2001 zum 60. Todestag an ihren in Neiße geborenen „schlesischen Dichter" Max Herrmann-Neiße erinnern wollten, fragten sie bei der Deutschen Botschaft in London an, wie es denn um die Pflege seines Grabes auf dem Londoner East Finchley Cemetery stehen würde. Mitgeteilt wurde ihnen, „dass die Kosten für die Pflege des Grabes von Max Herrmann-Neiße in diesem Jahr [wie bereits schon seit dem Jahr 1999] nicht vom Auswärtigen Amt getragen wurden. Wegen der angespannten Haushaltslage und den immer größer werdenden Einsparungen muss sich das Amt bedauerlicherweise aus Grabpflegeverpflichtungen zurückziehen. Ich möchte Sie bitten zu prüfen, ob nicht private Förderer wie Literaturzirkel oder Stiftungen bereit wären, die Kosten für die Grabpflege zu übernehmen“.

 

Nachdem sich Menschen gefunden hatten, die Kosten für die Grabpflege zu übernehmen, ging die Geschichte erst richtig los. Die Botschaft fragte erst einmal beim Auswärtigen Amt an, ob dazu die Erlaubnis gegeben würde. Am 19. Februar 2002 kam die Antwort: „Eine regelmäßige Pflege des Grabes würde in den kommenden Jahren einzig auf dem gelegentlichen Waschen des Steines und dem Wegräumen von Laub beruhen. Der allgemeinen Verfassung der Grabstätte würde hierdurch jedoch nicht aufgehalten werden können. Im Interesse einer dauerhaften und angemessenen Sicherung sollte jedoch dringend eine umfassende, hinsichtlich der anfallenden Kosten vergleichbare einmalige Sanierung ins Auge gefasst werden. Ich hoffe, Sie stimmen mit mir überein, dass mit einer grundlegenden Sanierung der Grabstätte von Max Herrmann-Neiße die Voraussetzung geschaffen ist, dem Andenken des Dichters eine angemessene und würdige Dauer zu verleihen."

 

Eine Antwort, mit der wir auch heute nichts anfangen konnten. Da im Jahre 2016 sowohl der 130. Geburtstag als auch der 75. Todestag von Max Herrmann-Neiße ansteht, wollten wir es genauer wissen. Wir fragten den Leiter der Abteilung für Kultur und Kommunikation im Auswärtiges Amt Dr. Andreas Görgen und bekamen eine prompte Antwort aus London: „Die Grabstätte von Max Herrmann-Neiße (East Finchley Cemetery, Grab-Nr. P3/31) wurde im Jahr 2002 einer ausführlichen Instandsetzung unterzogen. Die Deutsche Botschaft London war damals in Kontakt mit der Friedhofsverwaltung. Für die Kosten kamen zwei private Sponsoren auf. Ob die beiden Herren sich weiterhin um die Grabpflege kümmern, ist uns nicht bekannt.“ Wir waren so klug wie zuvor.

 

Max Herrmann-Neiße war nach dem Reichstagsbrand 1933 mit seiner Frau Leni in die Emigration gegangen und hatte sich schließlich in London niedergelassen. 1938 haben ihm die Nationalsozialisten offiziell die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Er beantragte die englische – ohne Erfolg. 1941 ist er gestorben, an „Heimweh und Herzeleid“, ohne Nachkommen. Auf unsere Nachfrage, ob Max Herrmann-Neiße nun als Deutscher oder Staatenloser einzustufen ist, bekamen wir von der Deutschen Botschaft in London folgende Antwort:

 

„Die NS-Zwangsausbürgerungen, von denen auch Max Herrmann-Neiße betroffen war, sind nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zu Artikel 116 Absatz 2 des Grundgesetzes (Entscheidungen vom 14. Februar 1968 - 2 BvR 557/62 - und 15. April 1980 - 2 BvR 842/77 -) als nichtig anzusehen. Verfolgte haben durch diese Zwangsausbürgerungen ihre deutsche Staatsangehörigkeit nicht verloren, soweit sie nicht zu erkennen geben, dass sie die deutsche Staatsangehörigkeit nicht besitzen wollen. Da die Zwangsausbürgerungen nichtig sind, haben auch Verfolgte, wie Max Herrmann-Neiße, die den 8. Mai 1945 nicht überlebt haben, ihre deutsche Staatsangehörigkeit nicht verloren.“

 

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,

die Heimat klang in meiner Melodie,

ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,

das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.

 

Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,

sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,

so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,

der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.

 

In fremder Ferne mal ich ihre Züge

zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,

die Abendgiebel und die Schwalbenflüge

und alles Glück, das einst mir dort geschah.

 

Doch hier wird niemand meine Verse lesen,

ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;

ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,

jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.

 

Max Herrmann-Neiße war nach der Hochzeit am 14. Mai 1917 mit seiner Frau Leni geborene Gebek in die Gartenhaus-Wohnung Stierstraße Nr. 14/15, Parterre links, eingezogen. In Friedenau schrieb er nieder, was er erlebt und erlitten hatte. Als 1918/19 drei Verlage seine offenherzigen autobiographischen Gedichte herausbrachten, wurde er als Dichter gefeiert, wurde zum bekanntesten Berliner Literaten der Goldenen Zwanziger. 1926 zog das Ehepaar an den Kurfürstendamm Nr. 215. Nach sechs Ehejahren kam er gegen Lenis Liebe zum Juwelier Alphonse Sondheimer (1881-1960) nicht mehr an. Er ging in Bordelle, suchte Zuwendung aller Art, und schrieb: „Also, ich werde auch ungefickt, ja sogar ungeküßt und ungerammelt von dannen schreiten.“ Im Londoner Exil nahm „die Ehe zu dritt“ ihren Lauf. Seine letzten Zeilen entstanden in der vorletzten Nacht seines Lebens: „Da ist die Frau, die ich geliebt und geheiratet habe. Wie seltsam sind wir uns im Laufe der Jahre entglitten! Ich kann nicht einmal sagen, wie es gekommen ist. Eigentlich lieben wir uns noch, wenigstens in den besseren Stunden unseres Selbstbewusstseins. Wir küssen uns vor dem Einschlafen und liegen dann Hüfte an Hüfte, eins dem andern vertrauend. Aber wir schlafen nicht, heucheln nur voreinander Schlummer, und jedes ist mit seinen eigenen Gedanken, Ängsten, Lüsten und Wünschen unlösbar allein.“

 

 

Mietshaus Stierstraße 14-15, 1910, BA Schöneberg

Post von George Grosz in die Stierstraße 14-15

Wir danken Rüdiger Barasch aus der Stierstraße 13 für nachfolgende Dokumente.

 

 

Nach dem Tod von Max Herrmann-Neiße heiratete Leni Herrmann Alphonse Sondheimer. Als Sondheimer starb, nahm sie sich am 3. September 1960 das Leben. Den Nachlass vermachte sie dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach, zu dem auch jene drei Photographien aus den Friedenauer Jahren gehören, die Klaus Völker 1991 in seinem Buch „Max Herrmann-Neiße – Künstler, Kneipen, Kabaretts – Schlesien Berlin, im Exil“ in der Edition Hentrich veröffentlichte:

 

Das Ehepaar Max und Leni Herrmann im Garten der Friedenauer Wohnung, Sommer 1919

 

Max Herrmann-Neiße am Treppenaufgang seiner Friedenauer Gartenhaus-Wohnung

 

Max Herrmann-Neiße, 1924 in seiner Friedenauer Wohnung Stierstraße 14/15

 

Aus dokumentarischen Gründen hätten wir diese Photographien aus den Friedenauer Jahren auf dieser Website veröffentlicht. Da die Veröffentlichungsgebühren des vollständig von der Bundesregierung finanzierten Deutschen Literaturarchivs Marbach für unsere nicht kommerzielle Website in keinem Verhältnis zu unserem privaten Engagement stehen, müssen wir auf diese Aufnahmen leider verzichten. Dankbar sind wir der Universitäts- und Landesbibliothek Münster, die uns aus der Sammlung Max Herrmann-Neiße jene acht Photographien aus den Londoner Exiljahren nach 1934 kostengünstig überlassen hat. Danke!

 

http://www.ulb.uni-muenster.de/sammlungen/nachlaesse/nachlass-herrmann-neisse.html

 

 

Max Herrmann-Neiße im Londoner Exil

 

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Brief an Deutsche Botschaft London

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Antwort der Deutschen Botschaft London

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Philippus-Kirche

 

Die Evangelische Philippus-Kirche wurde zwischen 1959 und 1962 nach einem Entwurf von Hansrudolf Plarre (1922-2008) gebaut. Sie entstand auf den Grundstücken Stierstraße 17-19. Dort standen Wohnhäuser, die den Weltkrieg nicht überlebt und eine große Baulücke hinterlassen hatten. Am 24. Juni 1962 konnte der Kirchenneubau geweiht werden. Pfingsten 2010 wurde die Philippuskirche baupolizeilich gesperrt, weil das Dach einzustürzen drohte. 2012 konnte das Gotteshaus wieder geöffnet werden.

Der Bau erhebt sich über einem sechseckigen Grundriss mit leicht ausgestellten Längswänden, der in kirchlicher Tradition nach Osten ausgerichtet ist. Von den zwei Stirnwänden ist jene zum Gemeindehaus klar verglast, die andere – östliche - Altarwand, von Florian Breuer (1916-1994) großflächig in leuchtend blauen und grünen Farben gestaltet. Wie in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ist auch diese zu etwa 60 Prozent in Licht aufgelöste und durch die blau-grüne Farbglasfläche dynamisierte Stirnwand gleichsam „selbst-leuchtend“. Der Raumeindruck wird wesentlich von dieser Farbverglasung geprägt, die den um zwei Stufen erhöhten Altarraum hinterfängt. Der Altar ist flankiert von Kanzel und Taufbecken. Die in der Mitte geknickte Bankreihe nimmt die Besonderheit des Grundrisses auf. Bemerkenswert ist auch das Kreuz von Waldemar Otto (geb. 1929). Die Licht- und Schattenwirkung erinnert an Golgatha! Das klarglasige Fenster auf der Westseite erhellt das Foyer. An den Kirchenraum - mit der Schuke-Orgel auf der frei in den Raum gestellten Empore - schließen sich auf der Nordseite der Seminarraum und auf der Südseite eine Folge kleinerer Räume an.

 

Prominentester Nachbar der Philippus-Kirche mit Wohnung Stierstraße Nr. 3 war in den 1960er Jahren der Schriftsteller Uwe Johnson (1934-1984). der die DDR 1959 verlassen musste. Am 19. November 1969 schrieb er eine „Rede zum Bußtag“:

 

Ich lebe in einer Berliner Straße, aus der die Bomben drei Miethäuser herausgetrennt haben, gegenüber der einstmals leeren Fläche, auf der die evangelische Kirche ein Haus für den Dienst an Gott und eins für die Geselligkeit hat hochziehen lassen, in einer recht modeseligen Auffassung von Baukunst, und nicht nur die auswärtigen Besucher stehen versonnen an meinem gemieteten Fenster und sprechen unverhofft von einem Ski-Übungshang. Dennoch sind unsere Beziehungen zu dieser Niederlassung Gottes verblüffend innig. Das kommt von dem frei stehenden Glockenturm, der, besonders am Freitag, zu oft knalligen Lärm in die Schallkanäle zwischen den vierstöckigen Häusern drückt, die Fenster dröhnen macht und nicht nur Kleinkindern Ohrenschmerzen bereitet. Einer Fluggesellschaft würde die Bürgerschaft zumindest fahrlässige, wahrscheinlich vorsätzliche Körperverletzung vorwerfen. Aber diese Körperschaft des öffentlichen Rechts nimmt ein jungmädchenhaft gekränktes Wesen an, wenn man sie behandelt wie eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, und ich habe nicht angefangen, Unterschriften zu sammeln. Und wenn diese Kirche nicht nach mir ruft in ihrer grobianischen Manier, traue ich mich in ihre Nähe und lese die Ankündigungen im Schaukasten, die Farblichtbildervorträge über die Seilstraßenbahnen in San Francisco oder die Erstickung des Individuums in den Zwängen und Isolierungen der modernen Industriegesellschaft, mit Diskussion, und bin regelmäßig verdutzt durch die Hartnäckigkeit, mit der dies Institut die feuilletonistischen Entwicklungen verfolgt, nicht nur in der Architektur, auch in der zeitgemäßen Reform seines Betriebsauftrags, der in der Erklärung der Welt für Mitglieder und Schwankende besteht. Und wie viele meiner Nachbarn drücke ich meine Hochachtung schweigend aus, und gehe nicht hinein.

 

 

 

 

 

 

 

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