Name seit 1889, benannt nach Ernst von Stubenrauch (1853-1909), ab 1885 Nachfolger von Prinz Handjery als Landrat des Kreises Teltow. Auf seine Initiative hin enstand zwischen 1902 und 1906 der Teltowkanal.

 

Landrat Ernst von Stubenrauch, Denkmal in Teltow. Foto H&S, 2005

Ernst von Stubenrauch (1853-1909)

 

Am Ende seiner 23-jährigen Amtszeit als Landrat hinterließ Ernst von Stubenrauch 1908 seinem Nachfolger einen Schuldenberg von 65 Millionen Reichsmark. Kaum auszudenken, mit welcher Häme man heute eine solche „Erbschaft“ kommentieren würde und welche Verwünschungen sich der dafür Verantwortliche anhören müsste. Nicht so bei Stubenrauch: In der Bevölkerung lebte er fort als „Vater des Kreises Teltow“, als Visionär, dem selbst Historiker „Weitblick und sogar eine gewisse Genialität“ nicht absprechen können.

 

Hineingeboren wurde Ernst Leberecht Hugo Georg Colmar Stubenrauch am 19. Juli 1853 in eine Familie, die bereits seit dem 15. Jahrhundert zahlreiche kommunale und städtische Verwaltungsbeamte hervorgebracht hatte. Sein Vater Hugo war Kreisrichter im Regierungsbezirk Frankfurt (Oder), die Familie mit Mutter Pauline, der gleichnamigen Schwester und dem jüngeren Bruder Georg lebte damals in Sagan, das heutige Zagan.

 

 

 

Der Umzug nach Berlin, wo der Vater eine Praxis als Rechtsanwalt eröffnete, erfolgte 1860. Ernst besuchte das Friedrichswerdersche Gymnasium und nahm im Frühjahr 1870 das Studium der Kameralistik, Volkswirtschaft und Rechtswissenschaft an der Universität Heidelberg auf. Doch bereits am 19. Juli trat er den einjährig-freiwilligen Militärdienst im Garde-Füsilier-Regiment an und nahm im deutsch-französischen Krieg an der Belagerung von Paris teil. Der knapp 18-Jährige setzte 1871 sein Studium an der Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin fort und bestand 1875 in der Wiederholungsprüfung das Referendarexamen. Nach der großen juristischen Staatsprüfung im November 1879 konnte die Karriere starten. Den entscheidenden Schritt tat Stubenrauch im August 1880. Er wurde Regierungsassessor der allgemeinen Verwaltung in Potsdam. Als Leutnant der Reserve wurde er dem 1. Garde-Regiment zugeteilt und gewann auf diese Weise Zutritt zu den Kreisen des adligen Offizierskorps. In dieser Zeit soll Stubenrauch den jungen Prinzen Wilhelm kennen gelernt haben, den späteren Kaiser Wilhelm II, der ihm zeitlebens in Freundschaft verbunden blieb und seine Projekte stets förderte.

 

Gegen den Willen des Kreistages, der mit dem Amtsvorsteher von Oppen aus Adlershof einen eigenen Kandidaten präsentierte, schlug der Potsdamer Regierungspräsident den 32-jährigen Stubenrauch 1885 als Landrat des Kreises Teltow vor. Den schwankenden Innenminister Robert von Puttkammer ließ der junge Regierungsassessor wissen: „Wenn Eure Exzellenz den Mut haben, mich hinzuschicken, ich habe den Mut, hinzugehen.“ Aus den Händen des alten Kaisers Wilhelm I. empfing Stubenrauch im Schloss Babelsberg am 18. August 1885 seine Bestallung zum Landrat. Was der energiegeladene, im Volksmund familiär, aber respektvoll als „Budenqualm“ titulierte, Verwaltungschef in den folgenden zwei Jahrzehnten im Kreis Teltow vollbrachte, hat die Erwartungen seiner Vorgesetzten weit übertroffen.

 

Stubenrauch schöpfte die Kompetenzen, die ihm die Kreisordnung von 1872 als Landrat zubilligte, voll aus. Mit eigenem Etatrecht ausgestattet, ging er daran, Chausseen auszubauen und Krankenhäuser zu errichten. Mit der finanziellen Beteiligung an Verkehrsunternehmen, Wasser- und Elektrizitätswerken sicherte er dem Kreis die Kontrolle in zentralen Versorgungsbereichen. Sein Verständnis von kommunaler Selbstverwaltung ging soweit, dass er den Bau des Teltowkanals, eigentlich eine originär staatliche Aufgabe, allein aus Kreismitteln bestritt. Seinen Kritikern, die vor der gewaltigen Schuldenlast warnten, hielt er die „großen Werte“ entgegen, die „dem Kreis Teltow und seinen Gemeinden reichen Nutzen bringen werden“. Stubenrauch behielt recht: An den Ufern des Kanals entstanden zahlreiche Industriegelände und Werften. Das für den Treidelbetrieb errichtete Elektrizitätswerk in Schönow machte die Stromversorgung für Straßenbahnen und in zahlreichen Gemeinden erst möglich. Außerdem bildete die Wasserstraße die Grundlage für die kreiseigene Dampfschiffahrt, deren Flotte bald über 25 Dampf- und Motorschiffe verfügte und sich zu einem einträglichen kommunalen Unternehmen entwickelte.

 

Kaiser Wilhelm II, der den Landrat bei der Einweihung des Kreishauses in Berlin 1891 und des Teltowkanals 1906 mit seiner Anwesenheit ehrte, verlieh Stubenrauch bereits am 1. Januar 1900 den erblichen Adelstitel. Erst dadurch gelang dem Bürgerlichen, der seit 1891 mit der aus dem Hause Genshagen stammenden Freiin Frida von Eberstein verheiratet war, der endgültige Sprung in die Klasse des Adels. Der Vorgang zeigt, dass Ernst von Stubenrauch trotz seiner modernen Auffassung kommunaler Verwaltung tief im monarchischen System Preußens wurzelte. Er war ein typischer Vertreter eines wilhelminischen Beamten, der zwar die „Hydra der Instanzen“ beklagte, aber eben auch gegen die „demokratische Flut“ und „alle bösen Geister“ antrat, „die an dem gesunden Körper unseres Volkes nagen“.

 

Seiner Beliebtheit in der Bevölkerung tat dies keinen Abbruch. Der hünenhafte, 1,83 Meter große Landrat mit dem aufgezwirbelten Schnurbart strahlte väterliche Autorität aus. Nach dem Zeugnis seines langjährigen Mitarbeiters Adolf Hannemann, erfreute sich Stubenrauch „in allen Schichten der Kreisbewohner und darüber hinaus höchster Verehrung“. Der Abschied aus dem Landratsamt, den seine Berufung zum Berliner Polizeipräsidenten am 6. Januar 1908 mit sich brachte, fiel Stubenrauch schwer. Kurz danach verstarb der erst 56-Jährige während eines Kuraufenthaltes an Kehlkopfkrebs. Die Trauerfeier fand in der Berliner Garnisonkirche am 8. September 1909 statt. An der damaligen Kreisgrenze, dem Tempelhofer Feld, erwartete eine Abteilung berittener Gendarmen den Trauerzug. Auf dem Weg nach Genshagen, wo Ernst von Stubenrauch auf dem Kirchhof gegenüber dem Gutshaus seine letzte Ruhe fand, nahmen Hunderte Abschied. Zwischen Tempelhof und Mariendorf überquerte das Geleit den Teltowkanal – Gelegenheit, das mutige Werk noch einmal zu grüßen.

 

Ein denkwürdiger Abend: Der 6. September 1977 im Renaissance-Theater - ein denkwürdiger Abend. Auf dem Foto von Erika Rabau von links Wolfgang Stresemann, Gabriele Tergit, Max Colpet, Walther Schmieding, Valeska Gert, Alexa von Boremski, H. H. Stuckenschmidt, Werner Finck, Erwin Bootz, Käte Haack, Mischa Spoliansky und Axel Eggebrecht.

 

 

Comedian Harmonists, 1930

Stubenrauchstraße Nr. 47

Comedian Harmonists

 

Am Haus Stubenrauchstraße Nr. 47 gibt es eine „Berliner Gedenktafel“: „In einer Mansarde dieses Hauses wurden zur Jahreswende 1927/28 auf Initiative von Harry Frommermann mit Robert Biberti, Erwin Bootz, Erich Collin, Roman Cycowski und ,Ari‘ Leschnikoff die ‚Comedian Harmonists‘ gegründet. Das weltberühmte Vokalensemble wurde 1935 durch die erzwungene Emigration der drei jüdischen Mitglieder getrennt.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Korrekt ist auch dieser Text nicht formuliert. Das erfuhren die Berliner am 6. September 1977 im Renaissance-Theater. Während der 27. Berliner Festwochen hatte Walther Schmieding (1928-1980), der Vater des Kulturmagazins „aspekte“, zum Gespräch über die Zwanziger Jahre gebeten. Im Zeugenstand auf der Bühne fanden sich ein: Intendant Wolfgang Stresemann, Journalistin Gabriele Tergit, Liedtexter Max Colpet, Tänzerin Valeska Gert, Schauspielerin Alexa von Boremski, Musikkritiker. H. H. Stuckenschmidt, Kabarettist Werner Finck, Schauspielerin Käte Haack, Komponist Mischa Spoliansky, Schriftsteller Axel Eggebrecht und der Comedian Harmonists Erwin Bootz. Und unten im Zuschauerraum waren dabei Margo Lion, Blandine Ebinger, Theo Lingen, Hanne Wieder, Hanne Hiob, Marianne Hoppe, Kurt Hübner, Kurt Raeck, Friedrich Luft, Hans Mayer und viele andere. Sie alle sind nicht mehr.

 

Bootz erzählte vom Zustandekommen der Comedian Harmonists. Auf Grund der im Berliner Lokal-Anzeiger erschienenen Annonce, „Achtung. Selten. Tenor, Bass (Berufssänger, nicht über 25), sehr musikalisch, schönklingenden Stimmen, für einzig dastehendes Ensemble unter Angabe der täglich verfügbaren Zeit gesucht“, hatten sich über 70 Bewerber am 29. Dezember 1927 zu einem Vorsingen in der V. Etage der Stubenrauchstraße Nr. 47 in Berlin-Friedenau bei Harry Frommermann eingefunden.

 

Übrig blieb – außer Frommermann – einzig Robert Biberti, der wenig später Roman Cycowski und Ari Leschnikoff heranschleppte. Anfang März wurde Erwin Bootz „von Ari Leschnikoff gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mitzumachen bei einem merkwürdigen Musik-Ensemble. Irgendwann an einem Mittag, ich habe noch geschlafen, kam er dann an und schleppte mich mit in eine Wohnung, und dort traf ich sie, Frommermann, Cycowski und Biberti“. Die erste Probe dieser Formation fand am 16. Januar statt. Am 1.April 1928 gründeten sie eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts unter dem Namen Melody Makers. Dann entdeckte der Regisseur Erik Charell das Vokal-Ensemble. Am 1. September 1928 hatten sie unter dem Namen Comedian Harmonists ihr Debüt im Großen Schauspielhaus. Obwohl sie in der Revue Casanova nur in den Zwischenakten auftraten, wurden sie über Nacht weltberühmt. Zwischen 1928 und 1935 entstanden bei Electrola 69 Platten, darunter 1930 die Schlager Ein Freund, ein guter Freund, Veronika, der Lenz ist da, Wochenend und Sonnenschein, Ich hab’ für Dich ‚nen Blumentopf bestellt. 1932 folgten die Schöne Isabella aus Kastilien und 1934 Mein kleiner grüner Kaktus und In der Bar zum Krokodil.

 

Dann kamen die Briefe vom 22. Februar 1935 an die Arier Biberti, Bootz und Leschnikoff: „Sie werden hiermit auf Ihren Antrag als Mitglied der Reichsmusikerschaft in die Reichsmusikkammer aufgenommen. Die Aufnahme der drei nichtarischen Angehörigen der ‚Comedian Harmonists’ habe ich abgelehnt. Diese haben dadurch das Recht auf Berufsausübung verloren. Damit ist ihnen die Möglichkeit genommen, noch weiterhin mit diesen Nichtariern zu musizieren. Jedoch bleibt es Ihnen unbenommen, mit anderen arischen Musikern nach Zulegung eines deutschen Namens anstelle der Bezeichnung ‚Comedian Harmonists’ Ihre musikalische Tätigkeit auszuüben.“

 

Die Nichtarier Collin, Cycowski und Frommermann erhielten auch ihre amtlichen Schreiben: „Ihr Antrag auf Aufnahme in die Reichsmusikkammer wird abgelehnt. Gründe: Gemäß § 10 der Durchführungsverordnung zum Reichskulturkammergesetz vom 1.11.1933 kann die Aufnahme in die Reichskulturkamme abgelehnt werden, wenn Tatsachen vorliegen, aus denen sich ergibt, daß der Antragsteller die für die Ausübung seines Berufes erforderliche Zuverlässigkeit und Eignung nicht besitzt. Nach den getroffenen Feststellungen kann nicht angenommen werden, daß Sie die erforderliche Zuverlässigkeit im Sinne dieser Vorschrift besitzen. Mit dieser Entscheidung verlieren Sie das Recht zur Berufsausübung.“

 

Das letzte gemeinsame Konzert des Vokalsextetts fand im Februar 1935 im norwegischen Fredriksstadt statt – mit dabei: Ari Leschnikoff (1897-1978) 1. Tenor, Erich A. Collin (1899-1961) 2. Tenor, Harry Frommermann (1906-1975) 3. Tenor, Roman Cycowski (1901-1998) Bariton, Robert Biberti (1902-1985) Bass und Erwin Bootz (1907-1982) Pianist. Die Nichtarier gingen, die Arier blieben, und gründeten das „Meistersextett“ mit dem Zusatz „früher Comedian Harmonists“. Der Niedergang des Sextetts war dennoch nicht mehr aufzuhalten. Spannungen innerhalb der Gruppe, vor allem mit Robert Biberti, die noch 1977 während der Vorbereitungen für die Berliner Festwochen spürbar waren, führten zum Ausscheiden von Erwin Bootz und Ari Leschnikow.

 

1941 wurde das Meistersextett verboten, weil „die Darbietungen des Ensembles nicht geeignet sind, den Wehrgedanken im deutschen Volk zu stützen”. Das endgültige Ende der Comedian Harmonists.

 

Erwin Bootz blieb der Mann am Klavier, am Schauspielhaus Bochum zum Beispiel, wo er für Peter Zadek so kongenial die Musik für die Revue „Kleiner Mann, was nun?“ von Tankred Dorst nach dem Roman von Hans Fallada arrangierte – ein Stück Theatergeschichte.

 

 

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